Copycat

Zuckerberg

Ich bin ja immer noch der Überzeugung, dass sich Facebook sowas von auf dem absteigenden Ast befindet. Nachdem es jahrelang nur bergauf ging, jedenfalls wenn man dem Pressejubel und den Mitgliederzahlen glauben darf, ist nun irgendwie Stagnation eingetreten. Zunächst verlief der Versuch im Sande, mit Facebook Home den androiden Startbildschirm zu übernehmen, gleichzeitig floppte das Facebook Phone, ein HTC mit vorinstalliertem Home. Zuletzt dann Gerüchte, dass Samsung eine Neuauflage eben jenes Home Phone dankend abgelehnt habe. Zumindest dieser Bereich läuft nicht so richtig rund im Hause Zuckerberg.

Trotzdem kann man natürlich nicht aufhören, weitere Versuche zu starten, im mobilen Web Fuß zu fassen, etwas was Facebook seit Jahren nicht gelingen will. Schob man die Schuld zunächst auf HTML5, als Grund, warum die Facebook Apps nicht richtig durchstarteten, kann man doch nun langsam abschätzen, dass es doch schlechte Managemententscheidungen sein könnten, die Schuld sind. Da ist der nächste Schritt nur logisch: andere, erfolgreiche Produkte und Projekte kopieren.

Mit dem üblichen Tamtam präsentierte man am Donnerstag: Video für Instagram. Yeah! Jubel! Beifall! Moment mal, gibt es das nicht schon irgendwo? Stimmt, Twitter ist mit seinem Vine erstaunlich erfolgreich gewesen. Einziger Unterschied: bei Instagram kann man 15 Sekunden Video veröffentlichen, und Filter gibt es auch: ist ja Instagram. Fernab der Frage, ob die Welt nun 15 oder sechs Sekunden Kurzvideos braucht oder nicht, oder ob diese auch noch vorher durch einen Filter laufen sollten oder nicht, Instagram Video ist eine blosse Kopie von Vine. Man kann das natürlich als mutig empfinden, sich in eine Nische drängen zu wollen, die schon von einem anderen Dienst bewohnt wird, möglicherweise ist es aber auch nur dumm. Denn natürlich ist Facebook im Copycatgeschäft nicht neu: Poke, Facebooks Version von Snapchat war allerdings ebenfals kein Erfolg.

Dem aber nicht genug, wie es aussieht, steht schon der nächste Coup bevor: wie The Verge via WSJ berichtet, will Facebook als nächstes im mobilen Segment mit einem Reader auftrumpfen, der sich an Flipboard orientiert, die nächste Kopie steht also schon in den Startlöchern. Eher zufällig landet Facebook damit in einem relativ frischen Markt, da ja Google seinen monopolistischen Reader gerade platt macht. Facebooks Entwickler sind aber wohl schon länger dabei ein Flipboard-Copycat zu schreiben, als Googles Ausstieg aus der RSS-Welt bekannt ist. Ist das nun mutig? Flipboard hat eine Userbasis von 50 Millionen, also muss an dem Konzept ja irgendetwas dran sein… allerdings lauert im RSS-Segment auch schwergewichtige Konkurrent, wie bspw. digg oder gleich AOL, die ebenfalls kürzlich einen RSS-Reader ankündigten.

Es ist offensichtlich: Facebook drängt weiter in den mobilen Markt. Und zwar mit Kopien anderer Leute Ideen. Kann man natürlich machen, innovativ ist das jedoch nicht. Kein Stück. Und mutig nur aus finanzieller Sicht. Wäre schön, wenn diese Copycats genauso floppen, wie Facebook Home. Dann allerdings ziehen wirklich dunkle Wolken auf, über der größten freiwilligen Datensammlung, auf die die NSA derzeit zugreifen kann. Andererseits, vielleicht ist das Mark Zuckerberg auch alles egal, genug Geld zum Draufwerfen scheint ja da zu sein…

Artikelbild: Some rights reserved by deneyterrio

Veröffentlicht von

Nico

Nico Brünjes ist Digitalkreativer und Internethandwerker. Seit mehr als 15 Jahren erdenkt, baut und programmiert er moderne, standardkonforme und zugängliche Webseiten in HTML, CSS und Javascript.