Breaking News

Fahndungsfoto der beiden Boston-Attentäter
Fahndungsbild des FBI

Der Anschlag in Boston und vor allem die darauf folgende Jagd auf die mutmaßlichen Täter sind ein ebenso hervorragendes, wie abschreckendes Beispiel, wie news heutzutage funktionieren. Echtzeitnachrichten in Zeiten der Pest sozusagen.

Gerade dann, wenn die Nachrichtenlage verworren, oder von Nachrichtensperre durch bspw. die Polizei geprägt ist, steigen die Echtzeitquellen zu Bedeutung auf, die sie im normalen Newsgeschäft eigentlich nicht hätten. Aber die im Polizeifunk aufgeschnappten Wortfetzen entwickeln plötzlich Nachrichtenkraft, wenn sie erst auf Twitter als news gehandelt und verbreitet werden. Dabei befeuern sich die Kanäle gegenseitig noch und schnell entsteht ein Mix aus Falsch- oder Teilfalschnachrichten. Das US-Magazin Slate schreibt dazu:

CNN and the AP incorrectly reported on Wednesday that a Boston Marathon suspect had been arrested. People on Reddit and editors at the New York Post wrongly fingered innocent kids as bombing suspects. Redditors also pushed the theory that a Brown University student who has been missing for more than a month was one of the bombers—a story that gained steam on Twitter Thursday when people listening to police scanners heard the cops repeat the student’s name.

Es entsteht eine nachrichtliche Gemengelage, in der Fakten nicht mehr ausreichend überprüft werden, oder eben verbreitet werden, ohne überprüft worden zu sein. Wobei in diesem speziellen Fall zunächst die Agentur und CNN mit der Falschmeldung dastanden, woraufhin sie von vielen Twitternutzern stark kritisiert wurden. Am nächsten Tag war die Lage dann umgekehrt: auf Twitter wurde ungefilterte Gerüchte verbreitet. Statt aber diese nun zu überprüfen und zu verifizieren, wurden sie von den scheinbar in die Enge getriebenen professionellen Journalisten nur ungefiltert übernommen, zitiert, retweetet. Dazu nochmal der Slate-Artikel:

On both Twitter and cable, people are mostly just collecting little factoids and thinking aloud about various possibilities. They’re just shooting the shit, and the excrement ends up flying everywhere and hitting innocent targets.

Wie gesgat, die extreme Lage in Boston während der Suche nach den Verdächtigen hat die Sache entssprechend befeuert. Aber es sind ja eben solche Lagen in denen die Echtzeitnews so gefragt sind. Was aber fehlt ist der professionelle Filter, den Redakteure nutzen, wenn sie Meldungen verschiedener Nachrichtenagenturen verarbeiten. Thorsten Kleinz beschreibt das in seinem Blog:

Denn ich konnte die Muster erkennen: Die eine Agentur war bei Opferzahlen immer daneben, die andere schickte ihre Nachricht ein paar Minuten später mit teils unmöglicher Sprache. Also bastelte ich “meine” Nachrichten aus zwei bis drei Quellen zusammen und — man möge mir die nostalgische Arroganz verzeihen — immer hatte ich recht in meiner Auswahl. Denn ich sah nicht nur Meldungen, ich sah die Matrix, das Muster, dass alles verband. Ich erkannte die kleinen sprachlichen Anzeichen, wann sich ein Agentur-Redakteur nicht sicher war und viel wichtiger: Ich wusste wie die Welt tickt.

Die angesprochene Matrix fehlt in den Real Time News meist komplett. Und wenn die Agenturen die Tweets nachmelden, dann gibt es auch keine Unterschiede mehr zwischen denen ein Newsredakteur abwägen könnte. Der Newsdirektverbraucher ist dem zudem noch ungefiltert ausgeliefert. Ich will nicht ausschließen, dass auch die Konsumenten wissen, “wie die Welt tickt”, aber das Gesamtbild bleibt doch während der angesprochenen Gemengelage schwierig im Auge zu behalten. Wobei ja die eine oder andere Falschmeldung noch verkradtbar wäre, Veröffentlichung von Namen und Fotos falscher Verdächtiger hingegen kann schlimme Folgen für die Verdächtigten haben, bis hin zum Tod.

Artikelbilder: fbi.gov

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