app.net

Ha! Wer nicht gerade in der hinteren Mongolei unter einem Stein lebt, der sollte inzwischen schon einmal etwas app.net oder kurz adn gehört haben. Nun denken natürlich viele immer noch, das wäre ein Twitter für Reiche, aber das ist natürlich Blödsinn. Und dann wäre ich da ja auch gar nicht. Bin ich aber. Und weil ich so gern erkläre wieso, mache ich das jetzt einfach mal.

Zunächst mal ist natürlich eine Annahme richtig: adn kostet Geld. Im wesentlichen gibt es zwei Tarife, einen für Nutzer ($5/Monat oder $36/Jahr) und einen für Entwickler ($100/Jagr). Seit einigen Wochen gibt es zusätzlich einen kostenlosen Freemium-Account der ein paar Einschränkungen unterliegt. So einen Account bekommt man nur per Einladung (wer eine Einladung möchte, kann sich bei mir melden).

Jetzt fragt sich der Standardtwitternutzer natürlich sogleich: „Ey, was soll ich denn bezahlen, wenn ich das hier bei Twitter umsonst bekomme?“ Tja, warum?! Ich will gar nicht die alte Leier vom bist Du nicht Kunde, dann bist Du die Ware herausholen (obwohl sie auf Twitter so was von zutrifft). Wir sind ja alle Facebooknutzer, ich denke wir wissen, was mit unseren Daten geschieht, bzw. wir alle wissen, dass wir es nicht wissen. Ich nehme aber mal mich als Beispiel, weil ich mich so gut kenne: als Twitter begann steil zu gehen, vor hundert Internetjahren, da war ich schnell begeistert davon und habe seitdem Twitter viel genutzt. Und das war auch prima in der Anfangszeit. Aber irgendwie war schnell klar, dass Twitter Geld verdienen musste. Und ich so: „Prima, ihr sollt ja auch nicht leben wie die Hunde, sagt mal wo ich Geld einwerfen kann, ich zahl‘ gerne für euer prima Produkt!” Aber wollten die nicht. Stattdessen lieber gesponsorte Tweets, Werbung und irgendwelchen Promiaccounts zwangsfollowen. Das hätte ich vielleicht ja sogar noch hingenommen, aber als Twitter dann anfing, die Mauer um den Garten höher zu ziehen und das Entwickler-Ecosystem um Twitter herum auszutrocknen, habe ich angefangen nach einer anderen Lösung zu suchen.

Und diese Lösung ist adn. Denn eben dadurch, dass ich meinen Account bezahle, bin ich vor Werbepostings sicher, und adn garantiert, dass meine Nutzerdaten niemals verkauft oder weitergegeben werden. Allen Content den ich auf app.net veröffentliche kann ich jederzeit in vollem Umfang backuppen, editieren und wenn ich will auch wieder komplett löschen, er gehört mir. Die Weiterentwicklung von app.net geschieht im Sinne der zahlenden Nutzer und der zahlenden Entwickler, und es wird am Produkt gearbeitet, anstatt Werbekunden zu bedienen.

Zu alledem kommt hinzu, dass adn schon jetzt besser ist als Twitter. Man kann pro Post 256 Zeichen verwenden und per Post kann man jeweils das Gespräch vor und nach dem Post nachverfolgen. In den annotations zu einem Post können jede Menge Metadaten mitgeliefert werden. Darüber kann man so adn hat auch schon jetzt die sichere 2-factor-authentication, das für Twitter fast schon typische Accounthacking entfällt. Direkte Nachrichten werden zudem über verschiedene Rechner und Clients als gelesen markiert (etwas was Twitter überhaupt nicht hinbekommt).

Das größte Mißverständnis aber überhaupt ist, dass adn nur eine Kopie von Twitter wäre. Dabei ist der Microbloggingdienst nur ein kleiner Teil von app.net. adn ist vielmehr ein soziales Netzwerk und eine Plattform für Anwendungen, die dieses Netz nutzen. Das ist und kann viel mehr sein, als nur Microblogging.

Auf Basis der API (und der private messages) gibt es bespielsweise patter, eine Art Chatsystem. In Chaträumen können so innerhalb app.net Nachrichten ausgetauscht werden. Kleiner Ausschnitt gefällig? Patter ist ein Chatdienst mit Chat-Räumen auf Basis des private messaging systems. Blimbshot ist eine visual bookmark App, mit der man Links mit Screenshots zusammen posten kann. Auf die 10GB Cloudspace, die man als zahlender Nutzer bekommt, kann man u.a. mit Orbit zugreifen, außerdem kann man dort Fotos ablegen die in app.net Posts verlinkt sind. Bei Sprinter ist man gerade dabei, eine Fotosharing-App à la Instagram zu bauen. Das app directory ist voll mit Apps. Und es geht ja erst los.

Sollte man vielleicht einmal ausprobieren, oder nicht? Da baut sich nämlich gerade etwas wirklich interessantes auf, und so als early adopter sollte man schon dabei sein. Nun mal los… ich bin schon da: @nicobruenjes

9 Gedanken zu „app.net“

  1. Ich als oller westfälischer Meckerpott antworte auf die Frage Was will ein Unternehmen, wenn es Geld verdient (und wozu ist es auch verpflichtet)? immer: Noch mehr Geld verdienen. Daran ist ja erstmal überhaupt nix verwerflich, aber ich befürchte, damit geht einher, daß man über app.net (als hinter der Mongolei unter einem Stein Lebender lese ich adn übrigens erstmalig) irgendwann so redet wie über Twitter. Aber man hatte ein paar Jahre Spaß mit Twitter und nun möglicherweise ein paar Jahre mit adn – ist ja völlig ok.

    1. app.net ist was das angeht, erstaunlich deutlich https://app.net/about/:

      » app.net’s financial incentives are entirely tied to successfully delivering a service you can depend on and that you would pay for.

      Muss man jetzt natürlich nicht direkt alles glauben, aber die Richtung ist eben doch anders als bei Twitter. Denn Twitter **muss** seine Nutzer weiter monetarisieren, wenn sie mehr Geld verdienen wollen. app.net muss für mehr Nutzer sorgen, wenn sie mehr Geld verdienen wollen. Und wenn sie sich dafür von ihren Grundsätzen abwenden, passiert eben das Gegenteil: Nutzer und Entwickler… alle weg.

      Eine Anmerkung noch: ich verstehe nicht wirklich, warum dauernd ‚gebetsmühlenartig‘ betont wird (bspw. auch in der Telekomdiskussion anderenorts), dass es nicht verwerflich wäre für ein Unternehmen, Geld verdienen zu wollen. Müssen wir unseren Schrottkapitalismus hier immer wieder vor uns selbst rechtfertigen? Ich geh‘ übrigens auch arbeiten, um Geld zu verdienen.

  2. Ich versuche mich da seit „Don’t be evil“ in gesundem Zweckpessimismus 😉

    zu „nicht verwerflich“: Für manche Leutchen in solchen Diskussionen ist halt das allein schon das Problem: Daß jemand Geld verdienen (oder die Weltherrschaft) will. Um nicht so verstanden zu werden, betone ich es lieber einmal mehr statt weniger.

    1. Ja, Googles „don’t be evil“, da sitzt uns allen tief in den Knochen. Aller Nerds Sündenfall. Aaahhaaber: das ist eben genau das Twitterbeispiel: Google macht’s für umsonst und ist das Mutterbeispiel für „bist du nicht Kunde, bist du das Produkt“. Just sayin‘.

  3. Wie gesagt, ich bin da Zweckpessimist: Wenn für eine Webbude eines Tages der einzige Hinderungsgrund am Nochmehrgeldverdienen irgendein oller Grundsatz ist, dann wird ihr dieser egal sein. Auch die Early-Adopter, die dann „Ja, aber ihr habt doch…“ einwenden, sind ihr dann notfalls egal. Aber wie ebenfalls gesagt: Ist ja letztlich auch egal: Entweder das pessimistische Szenario tritt gar nciht ein oder doch man hate ein paar Jahre mit app.net Spaß 🙂

  4. Hast du noch einen Invite über? Ich schleiche schon seit einiger Zeit um app.net rum, aber gleich Geld zu bezahlen schreckt mich schon etwas ab, da ich nicht weiss, ob ich genug folgenswerte Leute finde, deswegen würde ich das gerne erstmal testen.

  5. Da muss ich lachen. Ich muss wirklich lachen. ADN ist besser als Twitter weil es 256 Zeichen lange Nachrichten erlaubt? Ich hab das mit den 140 Zeichen bei Twitter nie verstanden, hab mich bei jedem zweiten Tweet darüber geärgert und bin nicht zuletzt deshalb da wech. Ich weiß nicht … followen … ist irgendwie nicht mein Ding.

    Been there, done that, didn’t work for me.

    Bloggen hingegen: Super! Schön, wieder mehr von Dir als 256 Zeichen zu lesen, mein Lieber!

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