Ein feuchter Händedruck

Ich hadere mit Frau Merkels Krisenbotschaft, die ja allseits (auch bei uns in der Familie) sehr positiv aufgenommen wurde. Ich bin ja maximal weit davon entfernt, Merkels Partei oder sie selbst irgendwie als ertr√§glich zu empfinden, nur halte ich mich in der Regel mit direkter Kritik an ihr aus zwei Gr√ľnden zur√ľck. Ich bin einerseits √ľberzeugt, dass ihre Entscheidung 2015 die Grenzen f√ľr Fl√ľchtlinge nicht zu schlie√üen eine korrekte und vor allem richtige Entscheidung war. Ich traue der Kanzlerin also zu, im kritischen Moment, gegen den Widerstand auch ihrer eigenen Partei, das moralisch und rechtlich Richtige zu tun. Andererseits halte ich das Merkel-Bashing vom rechten Rand der CDU bis zu den ganz harten Rechtsextremen f√ľr unertr√§glich.

Trotzdem. So sehr ich den Ton, die Intention und weite Strecken des Inhalts der Rede akzeptabel im Wortsinne und zudem gut formuliert und im Rahmen ihrer M√∂glichkeiten f√ľr gut vorgetragen halte, so sehr hat mich im gleichen Ma√üe die Bigotterie zum Thema Gesundheitssystem maximal abgesto√üen. Es ist schon sehr dreist, sich bei den √Ąrztinnen und √Ąrzten, Krankenpfleger:innen und Helfer:innen erst mit nahezu unertr√§glichen Pathos zu bedanken und dann quasi keine Verbesserung der Situation in Aussicht zu stellen, sondern eher ein ‚Äěweiter so‚Äú zu fordern, in dem Wissen, dass die Situation noch viel schlimmer werden wird.

Es ist (auch) der neoliberalen Gesundheitspolitik unter Kanzlerin Merkel zu verdanken, dass es massiv zu wenig Intensivbetten, Beatmungsger√§te und medizinisches Personal, zu wenig Krankenh√§user und zu wenig Ausstattung wie Masken, Schutzkleidung oder gar Desinfektionsmittel gibt. Das Gesundheitssystem wurde in den letzten Jahrzehnten konsequent privatisiert, auf Rendite ausgerichtet und kaputtgespart. Dies war nur m√∂glich, indem man den Eintritt eines wie auch immer gearteten Krisenfall konsequent ausgespart und stattdessen in die reine Planung ausgelagert hat, in der Hoffnung dann noch genug Reaktionszeit zu bekommen, das System entsprechend wieder hoch zu fahren. Ich h√§tte zumindest erwartet, in einer solch staatstragenden Rede, dass hier Fehler eingestanden werden und Abhilfema√ünahmen zumindest in Aussicht gestellt werden. Stattdessen bleibt ein feuchter H√§ndedruck allen jenen, denen nun nichts anderes √ľbrig bleibt, als ihre eigene (psychische und physische) Gesundheit zu opfern, um die Todesrate so klein wie m√∂glich zu halten.