Leitkultur und Leidkultur

Ha lustig, eben noch erinnere ich mich an die Schmierlappen von der Jungen Union in den 80ern, da ruft CDU-Innenexperte Philipp Amthor aus seiner Zeitmaschine zur√ľck und fordert eine neue Diskussion um Leitkultur. Er definiert dabei die sogenannte L. direkt mal als ‚Äěunsere Hausordnung‚Äú und nun wei√ü ich auch nicht, Amthor sieht sich darum m√∂glicherweise als der Block‚Ķ sorry Hauswart.

Das M√§nnchen sagt, was man dazu erwarten w√ľrde: das Grundgesetz reiche nicht aus, Multikulti, Clankriminalit√§t, dunkle Nebenstra√üen. All die Dinge vor denen sich ein Pegidademonstrant so f√ľrchtet, Amthor hat den universellen Rettungsschuss daf√ľr: die Leitkultur.

Nicht fehlende Leitkultur ist schuld an „dunklen Nebenstra√üen“, sondern fehlende Laternen. #Amthor

David Hugendick

Wenn er sich das wenigstens selbst ausgedacht hätte. Stattdessen stammt die sogenannte Leitkulturdebatte von Friedrich Merz und ist schon gut 20 Jahre alt. Amthor biedert sich also an, an Merz einerseits, an die Wähler:innen der AfD andererseits. Ob das so leitkulturell in Ordnung ist?

Die Sekundärtugenden

Wenn Amthor von Hausordnung spricht, kann es ja nur um die guten alten deutschen Sekund√§rtugenden gehen: Flei√ü, Treue, Gehorsam, Disziplin, Pflicht¬≠bewusstsein, P√ľnktlichkeit, Zuverl√§ssigkeit, Ordnungsliebe, H√∂flichkeit, Sauberkeit und so weiter. Denn gibt es eine Hausordnung in diesem Lande, die nicht versucht, die Ruhe und den Frieden des Hausflurs und Hinterhofes gegen die Anarchie spielender Kinder, fahrender H√§ndler und das Abstellen von Fahrr√§dern im Gang, mithilfe der genannten Mittel zu verzeidigen?

Nicht erst seit Oskar Lafontaine wissen wir, dass man mit eben diesen Sekund√§rtugenden ein Konzentrationslager f√ľhren kann. Oder mit den Worten von Carl Amery:

Ich kann p√ľnktlich zum Dienst im Pfarramt oder im Gestapokeller erscheinen; ich kann in Schriftsachen ‚ÄěJudenendl√∂sung‚Äú oder Sozialhilfe penibel sein; ich kann mir die H√§nde nach einem rechtschaffenen Arbeitstag im Kornfeld oder im KZ-Krematorium waschen.

Carl Amery, Die Kapitulation oder Deutscher Katholizismus heute

Dabei betrieb schon Merz in den 2000ern eine Verengung des Begriff ‚Äěeurop√§ische Leitkultur‚Äú auf die spezifisch deutsche. Was einst vielleicht f√ľr Demokratie, Laizismus, Aufkl√§rung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft stand, wurde in den Jahren immer und immer wieder (Lammert, Pofalla, Blume, Singhammer, Kretschmer) von der CDU/CSU besetzt und umgem√ľnzt zu dem Gebrauch der deutschen Sprache, bew√§hrten Umgangsformen, der geistigen Tradition der Aufkl√§rung sowie Deutschlands Nationalsymbole wie die Fahne und die Hymne.

All das ist nur zum Fischen am rechten Rand gedacht. Das ist die Strategie der CDU gegen die AfD: Rote-Socken-Kampagne und Leitkulturdebatte. Und während die CDU in Dresden gegen Höcke demonstriert, biedern Amthor, Merz und ihre Freunde von der Werteunion am rechten Rand weiter an. Mit sowas möchte ich mich nicht auf der Straße sehen lassen!

Hufeisen am Arsch!

Vor noch nicht so lange wurde auf Twitter viel der Hashtag #nieMehrCDU verwendet und ich habe damals chon geschrieben, dass es #nochNieCDU heissen m√ľsste. Nun hat sich die sogenannte christlich demokratische Union vor unseren Augen zerst√∂rt‚ÄĒwer h√§tte gedacht, dass sie das aelbst besser konnte als Rezo‚ÄĒund wir sind etwas verunsichert, denn bei allem was war, war die CDU doch wenigstens demokratisch, oder nicht?!

Etwas wehm√ľtig erinnere ich mich an meine jungen Jahre, zur√ľck an den Westen also, in denen f√ľr mich jedenfalls die Fronten immer klar geregelt waren. CDU ging gar nicht! Als junger Mensch war man altert√ľmlichen Einrichtungen wie Parteien oder Kirchen ja grunds√§tzlich feindlich eingestellt, aber die CDU war die Partei, die beides miteinander kombinierte, ekelhaft! Noch dazu hatte sie Helmut ‚ÄěBirne‚Äú Kohl hervorgebracht. Schlimmer w√§re wohl nur die verr√§terische FDP gewesen, ich habe aber nie einen Menschen meines Alters getroffen, der mit der sympathisiert h√§tte. Pomadierte Gesichts√§lteste und geistig Gleichgeschaltete, die sich Junge Union nannten gab es allerdings doch ein paar. Solche die am Gymnasium mit Anzug und Lederkoffer herumliefen. Die CDU aber stand damals f√ľr das Alte, das Verkn√∂cherte, Opas und Omas, die einen ankeiften, man solle doch in den Osten gehen, wenn es einem hier nicht gefalle. Stadtr√§te und Lokalpolitiker, die man mit alternativen Aktionen und etwas ungehorsam so in Rage bringen konnte, dass sie gleich alle Masken fallen und den inneren Nazi, der in vielen immer noch schlummerte, ins Freie lie√üen. Wenn es nicht so traurig gewesen w√§re, es h√§tte Spa√ü gemacht. Nein, es hat Spa√ü gemacht.

Und ist das heute anders eigentlich? Man spricht von der Sozialdemokratisierung der CDU, aber das ist ein Framing, das von Friedrich Merz kommt, einem der Nutznießer der aktuellen Situation. Der Mann ist so Werteunion, dabei gehört er ihr nicht mal an.

Merz ist der Mann, der nen Laptop voll sensibler Informationen verloren hat, den ein Obdachloser zur√ľckgab. Zum Dank lie√ü der Million√§r dem Finder eine Ausgabe seines Buches zusenden. Titel: „Nur wer sich √§ndert, wird bestehen. Vom Ende der Wohlstandsillusion“
So einer is das. [Lower Class Magazine]

Wenn man nur einmal die banale Starrsinnigkeit von AKK und Ziemack bei der in Dauerschleife wiederholten Hufeisentheorie anschaut, wei√ü man: nichts hat sich ge√§ndert! Immer noch wird links und rechts gleich gesetzt, als wenn man es nicht besser w√ľsste. Und immer konnte man unterstellen: in Wahrheit meinen sie aber vor allem links.

Erfurt hat aber bewiesen: wenn es drauf ankommt, entscheiden sich CDU und FDP f√ľr die Rechten. Hufeisen am Arsch!