Die Polizei zeigte sich zufrieden

Liebe Leserin, liebe Leser,
viele Norddeutsche haben das gute Wetter gestern zu einem Spaziergang im Freien genutzt. Die allermeisten hielten sie sich dabei an das Abstandsgebot, die Polizei zeigte sich zufrieden.

Gerald Goetsch, Chefredakteur der Lübecker Nachrichten im Newsletter

Als wenn es darum ginge. Wenn ich mit so einem Satz den Tag beginnen muss, auch noch den Ostersonntag, dann läuft es mir kalt den Rücken runter.

Was ist das nun, was da vor uns liegt? Die allgemein um sich greifende Obrigkeitsgläubigkeit, die coronaindiziert wie aus Kaisers Zeiten zu uns zurück kehrt? Oder die offen zu Tage tretende Krise des Lokaljournalismus in der selbst der Chefredakteur einer einst großen Großstadtzeitung als wichtigste Quelle—neben der Zentralredaktion—nur noch den Polizeibericht kennt?

Was will uns dieses Geschreibsel sagen? Papa Staat passt auf uns auf, ist mit unserem Betragen zufrieden, wir haben brav nicht auf Parkbänken in der Sonne gesessen und in unserer zersetzenden Literatur geschmökert? Aber wartet nur, wenn Vati böse wird und den Stock rausholt… und Vater Staat sieht alles!

Ich halte die staatsverordnete Isolation wirklich für den richtigen Schritt im Moment, das Gebaren der ausführenden und der berichtenden Organe jedoch lässt an einigen Stellen schwer zu wünschen übrig. Speziell die Polizei schießt wie kaum anders zu erwarten war über das Ziel hinaus.

Die Unzuverlässigkeit unserer Bluetooth-Kopfhörer hat nichts mit den Corona-Apps zu tun

Ich lese derzeit viel über Corona-Tracing-Software, also jene Apps, die ano- oder mindestens pseudonymisiert Kontakte zu anderen Smartphones sammeln sollen und dann mit Nachrichten über positive Tests auf Sars-CoV-2 deren Träger:innen abgleichen sollen. Gerade haben Apple und Google eine (bis dato einmaligen) Zusammenarbeit angekündigt, um diese Funktionalität zu ächst als API und dann auf Betriebssystemebene in iOS und Android zur Verfügung zu stellen, aber auch in Deutschland wird bereits länger an Apps nach dem sogenannten Pepp-PT-Prinzip gearbeitet. Wer wissen will, wie derlei Apps funktionieren können, kann das hier bei netzpolitk.org nachlesen, oder hier im Logbuch Netzpolitik auch nachhören. Vereinfacht gesagt informieren sich Smartphones mit der App untereinander, wenn sie sich bspw. für 15min. näher als 1,5m kommen. Nutzer der App, bei denen ein positiver Test auf Corona vorliegt, geben diese Infomation in die App ein und alle zutreffenden Kontakte bspw. der letzten zwei Wochen (Inkubationszeit) werden automatisch informiert, dass sie einen Kontakt hatten und sich in Isolation begeben sollen. So soll es mögoch werden, dass sich Leute isolieren, die noch keine Symthome haben, die Infektionsketten können durchbrochen werden, ohne das wir alle in Isolation leben müssen.

Tatsächlich reden und schreiben darüber allerdings viele Menschen, die davon nur wenig oder keine Ahnung haben. Ich will nun gar nicht Teil dieser selbsternannten Experten sein, aber… eine Sache ist mir doch aufgefallen, die ich mal loswerden möchte und zwar wird als Gegenargument gegen solche Apps Bluetooth genannt. Also Erfahrungen, die man als Nutzer von Bluetooth-Kopfhörern und ähnlichen Gerätschaften gemacht hat, wenn sie sich mal wieder nicht mit dem daneben liegenden Smartphone koppeln lassen, ein Gerät das andere nicht findet oder auch Übertragungen einfach abbrechen. Das hat aber mit der Technik, die diese Apps verwenden sollen nichts zu tun. Der Bluetooth-Standard ist offenbar breiter gefächerter, als sich der durchschnittliche Airpod-Nutzer sich das vorstellen kann, hier geht es zunächst mal um Bluetooth LE (low energy) und der Nutzung dessen Broadcastfähigkeiten und der sogenannten iBeacons, die ein regelmäßiges Broadcastssignal senden, ein kleines „Hallo hier bin ich“, mit einem kleinen Satz Daten. Geräte müssen zur Sicherstellung der Funktion der App nicht miteinander gekoppelt werden und schlechte Erfahrungen damit sind damit für diese Apps belanglos und kein Argument.

Warum mich das aufregt? Die Corona-Tracking-Apps werden nur auf freiwilliger Basis funktionieren. Aus diesem Grund müssen sie einerseits datenschutzmäßig Vertrauen schaffen und andererseits müssen die zukünftige Nutzer der App Vertrauen in deren Funktionsweise haben, damit genug Menschen bereit sind, sich eine solche App zu installieren. Und das widerum ist nötig, damit das Konzept der Apps funktioniert. Auf Unwissenheit basierende Argumentationen nach dem Prinzip „das kennen wir doch alle, das funktioniert doch wieder nicht“ führen da unnötig in die Irre und zerstören das Vertrauen, noch bevor es aufgebaut werden kann. Dabei gibt es durchaus noch genug Probleme zu lösen, bevor wir Software haben werden, die hilft, uns gegenseitig vor Corona zu schützen.

Ich wäre jedenfalls bereit, der Technologie hier eine Chance einzuräumen und das hat für mich mit magischem Denken, deus ex machina gar nichts zu tun. Tatsächlich weiss ich aus Erfahrung, dass es noch etwas dauern wird, bis die Technik ausgereift genug ist, bis genug Bugs beseitigt sind, bis alles funktioniert, leider funktioniert Softwareentwicklung so und das ist schon schlimm genug. Kollege Ben hat an dieser Stelle immer lachend gesagt: „Zum Glück bauen wir keine Herzschrittmacher!“, aber in diesem Fall kommt man dem schon ziemlich nahe…

Artikelbild: Foto gemeinfreiähnlich freigegeben von Gian Cescon auf Unsplash

Gelesen am Wochenende

Eine gewichtige Rolle bei der Verteilung des neuartigen Coronavirus in Europa haben die Skigebiete in Österreich eingenommen, beim Aprés-Ski wurde sich offenbar gegenseitig fröhlich infiziert. Der Standard: Après-Ski mit bösem Erwachen in den Tiroler Bergen.

Die Welt nach Corona. Die Corona-Rückwärts-Prognose: Wie wir uns wundern werden, wenn die Krise „vorbei” ist. Der Publizist Matthias Horx bezeichnet sich selbst als Trend- und Zukunftsforscher und Visionär, na gut. Seine Rückschau auf die Coronakrise aus der Zukunft ist allerdings ganz hervorragend gelungen und macht ausgesprochen Mut.

[S]o wenig in Zeiten schwerer Krisen das Widerwort geschätzt wird und sich alles um die Staatsspitze versammelt, so essenziell wird die kritische Beobachtung der Macht. Sagen wir es so: Kritik ist systemrelevant.

Gero von Randow

Gleich zwei wichtige Texte bei ZEIT ONLINE: Corona und der Staat, Gero von Randow diskutiert im Angesicht drohender Ausgangssperren, wie weit der Staat in Richtung der historisch gefürchteten Notstandsgesetzgebung schon jetzt gehen kann und geht. Christian Bangel weist dann, nachdem das Kontaktverbot verkündet ist, darauf hin, dass sich es zwar niemand leicht macht mit den Einschränkungen der persönlichen Freiheiten, aber auch, dass dies nicht so bleiben muss: Die andere Gefahr, neben dem Virus. Vorsicht ist also angesagt.

Umzug während der Coronakrise

Der Umzug war lange geplant. Der Plan war, das alte Haus und die neue Wohnung länger parallel zu mieten, um den Stress niedrig zu halten. Außerdem haben wir uns ein professionelles Umzugsunternehmen geleistet, dass einen Teil unserer Sachen (maßgeblich die Küche) statt uns packen sollte.

Diese langgestreckte Planung wurde von „Corona“ ganz schön durcheinander gewirbelt. Zunächst mal hatten wir davon unabhängig den konkreten Umzugstermin schon vorgezogen, also in das vordere Drittel der Übergangsfrist gelegt. Wir wollte keine Fahrten zur neuen Wohnung unternehmen, ohne Dinge mitzunehmen und so entstand sehr schnell Ungemütlichkeit an beiden Orten. Auch haben wir früh angefangen alles zu verpacken, was dann aber doch wieder fehlte oder im Weg rum stand, kurz gesagt: so funktionierte das nicht.

Die beiden Umzugstage am 16. und 17. März waren dann schon sehr von der Coronakrise geprägt, in den Tagen vorher verdichtete sich das Geschehen immer mehr. Im Verlag stellten wir zum 16.03. auf freiwilliges Homeoffice um, wofür ich als Langstreckenpendler mehr als dankbar bin, es war aber ein mieses Gefühl, selbst direkt Leute zu beschäftigen, die ihre Arbeit leider nicht zu Hause erledigen können. Zudem entsprach ein zweitägiges Rein und Raus von bis zu acht Personen an zwei Standorten natürlich überhaupt nicht dem, was sich beispielsweise Angela Merkel unter social distancing vorstellte. Die ganze Aktion war also von einer gewissen Ansteckungsangst einerseits und schlechtem Gewissen andererseits geprägt. Allein, der Termin abzublasen und in eine mehr als ungewisse Zukunft zu verschieben, wäre wohl auch keine gute Idee gewesen.

Nun geht das Problem aber ja noch weiter. Falls morgen die Maßnahmen weiter verschärft werden, mit Ausgangssperren beispielsweise, dann weiß ich noch nicht, wie wir mit dem Haus weiter verfahren sollen. Es müssen noch Dinge entsorgt werden, aber es ist unklar ob der vereinbarte Sperrmüll-Termin überhaupt stattfindet oder der örtliche Recyclinghof noch öffnet oder ob ich dann überhaupt noch von A nach B fahren darf um diese Dinge zu erledigen. Ums leicht zu machen, sind wir in der neuen Wohnung auch noch nicht gemeldet, das örtliche Einwohnermeldeamt bietet mir gerade online einen Termin dafür an: frühestens am 25. Mai. Wohnungsbesichtigungen führt unsere—vom Virus scheinbar völlig unbeeindruckte—Vermieterin selbst durch, weil wir uns mehr oder weniger geweigert haben, Horden von Familien durch das Haus zu führen.

Es bleibt also spannend…

Ein feuchter Händedruck

Ich hadere mit Frau Merkels Krisenbotschaft, die ja allseits (auch bei uns in der Familie) sehr positiv aufgenommen wurde. Ich bin ja maximal weit davon entfernt, Merkels Partei oder sie selbst irgendwie als erträglich zu empfinden, nur halte ich mich in der Regel mit direkter Kritik an ihr aus zwei Gründen zurück. Ich bin einerseits überzeugt, dass ihre Entscheidung 2015 die Grenzen für Flüchtlinge nicht zu schließen eine korrekte und vor allem richtige Entscheidung war. Ich traue der Kanzlerin also zu, im kritischen Moment, gegen den Widerstand auch ihrer eigenen Partei, das moralisch und rechtlich Richtige zu tun. Andererseits halte ich das Merkel-Bashing vom rechten Rand der CDU bis zu den ganz harten Rechtsextremen für unerträglich.

Trotzdem. So sehr ich den Ton, die Intention und weite Strecken des Inhalts der Rede akzeptabel im Wortsinne und zudem gut formuliert und im Rahmen ihrer Möglichkeiten für gut vorgetragen halte, so sehr hat mich im gleichen Maße die Bigotterie zum Thema Gesundheitssystem maximal abgestoßen. Es ist schon sehr dreist, sich bei den Ärztinnen und Ärzten, Krankenpfleger:innen und Helfer:innen erst mit nahezu unerträglichen Pathos zu bedanken und dann quasi keine Verbesserung der Situation in Aussicht zu stellen, sondern eher ein „weiter so“ zu fordern, in dem Wissen, dass die Situation noch viel schlimmer werden wird.

Es ist (auch) der neoliberalen Gesundheitspolitik unter Kanzlerin Merkel zu verdanken, dass es massiv zu wenig Intensivbetten, Beatmungsgeräte und medizinisches Personal, zu wenig Krankenhäuser und zu wenig Ausstattung wie Masken, Schutzkleidung oder gar Desinfektionsmittel gibt. Das Gesundheitssystem wurde in den letzten Jahrzehnten konsequent privatisiert, auf Rendite ausgerichtet und kaputtgespart. Dies war nur möglich, indem man den Eintritt eines wie auch immer gearteten Krisenfall konsequent ausgespart und stattdessen in die reine Planung ausgelagert hat, in der Hoffnung dann noch genug Reaktionszeit zu bekommen, das System entsprechend wieder hoch zu fahren. Ich hätte zumindest erwartet, in einer solch staatstragenden Rede, dass hier Fehler eingestanden werden und Abhilfemaßnahmen zumindest in Aussicht gestellt werden. Stattdessen bleibt ein feuchter Händedruck allen jenen, denen nun nichts anderes übrig bleibt, als ihre eigene (psychische und physische) Gesundheit zu opfern, um die Todesrate so klein wie möglich zu halten.

Keine Seife

Ich stehe der aktuellen, ich empfinde das so, Corona-Hysterie, immer ratloser gegenüber. Ich habe mich in meinem stochastischen Paradies eingeigelt in der Vorstellung, dass mir a) schon nichts passieren wird und wenn dasnn b) alles glimpflich ablaufen wird. Zur Aufrwchterhaltung meiner inneren Sicherheit reicht für mich Einhaltung der Niesetikette und ein vermehrtes Händewaachen.

Das scheint aber nicht allen so zu gehen. Ich glaube über Hamsterkäufe sind alle Witze gerissen, trotzdem muss ich mich mal kurz über dieses Phänomen wundern. Ich meine, dass sich Menschen auf das Ende der Welt vorbereiten hat es ja immer gegeben, und das massenhafte Einkaufen von Dosenfutter und Tütensuppen dürfte hier die richtige Wahl sein, ob da nun der Coronavirus oder die Zombieapokalyse auf uns zu kommt. Das in diesen Tagen chronisch ausverkaufte Klopapier macht mir da schon mehr Kopfzerbrechen. Was ich aber gar nicht mehr verstehen kann, ist, dass man keine Seife mehr bekommt.

Ich stehe also im Drogeriemarkt vor dem Regal wo eigentlich die Seifen stehen. Da sind aber nur vier Etagen leeres Regal anzutreffen. In der Mitte des Regals packt ein einzelner Mitarbeiter Tüten mit Flüssigseife der Hausmarke aus einem Karton ins Regal. Jedesmal, wenn er in den Karton nach einer neuen Packung greift, hat sich schon jemand die letzte Packung geschnappt, die er ins Regal gestellt hat. Schon ist der Kasten leer und er seufzt: „Das war‘s, mehr gibt‘s erst wieder morgen.“

Woher kommt diese Nachfrage? Ich meine, die Hände haben wir uns doch vorher hoffentlich auch schon gewaschen. Ja, oder nicht? Das ist aber natürlich nichts gegen Handdesinfektionsmittel. Das scheint ja inzwischen in Gold aufgewogen zu werden. Grund genug, um es aus Krankenhäusern oder den Toiletten bei der Arbeit zu entwenden. Gibt es bereits an irgendwelchen dunklen Ecken der Stadt einen Schwarzmarkt für Hygienealkohol? Wo dann angebrochene und/oder mit Wasser gepanschte Flaschen Sterilium vertickt werden? „Ey Alter, hier 100% reines Zeug…“