Unsere Gesichter sind sicher

Das amerikanische Startup Clearview AI bietet Polizei- und Justizbehörderden in den USA und Kanada laut einem Bericht in der New York Times eine Software an, die Gesichtserkennung auf Basis von rund 3 Milliarden aus Social-Media-Profilen gescrapten Fotos anbietet.

Ich höre schon alle, „die es schon immer gesagt haben“ und die ja auch Recht haben, aber trotzdem ist damit eine weitere BĂŒchse der Pandora geöffnet, die Unvorsichtigkeit, nein die Freude der Menschen an der Selbstdarstellung auszunutzen und in einen Prozess einzuspeisen, an dessen Ende die komplette Überwachung aller unserer Bewegungen im öffentlichen Raum steht.

““It’s creepy what they’re doing, but there will be many more of these companies. There is no monopoly on math,” said Al Gidari, a privacy professor at Stanford Law School. “Absent a very strong federal privacy law, we’re all screwed.”” (New York Times, The Secretive Company That Might End Privacy as We Know It)

Gleichermaßen wenig ĂŒberrascht stehen wir da, wundern uns, dass das nicht alles lĂ€ngst RealitĂ€t ist. TatsĂ€chlich gibt es noch Probleme, Überwachungskameras hĂ€ngen einfach zu hoch, stellt Clearview GrĂŒnder Ton-That fest. DafĂŒr hat eine who-is-who des amerikanischen Politestablishment sich von der Firma anstellen lassen, um das Produkt bei Justizbehörden zu bewerben. Die zunĂ€chst eine 30-Tage-Testversion betreiben und erstaunliche Erfolge damit erzielen.

NatĂŒrlich. Das das scrapen der Bilder vielleicht nicht erlaubt ist (Twitter bspw. verbietet das ausdrĂŒcklich) geschenkt. Der Zweck hat ja schon immer die Mittel geheiligt. Jetzt noch alles schnell auf privat stellen, zu spĂ€t.

“But if your profile has already been scraped, it is too late. The company keeps all the images it has scraped even if they are later deleted or taken down, though Mr. Ton-That said the company was working on a tool that would let people request that images be removed if they had been taken down from the website of origin.” (New York Times, The Secretive Company That Might End Privacy as We Know It)

Zur gleichen Zeit arbeitet die europĂ€ische Union an einem zumindest zeitweisen Verbot von Gesichtserkennung, auch, weil unsere Regierung nach zweifelhaften Versuchen am SĂŒdkreuz in Berlin, drauf und dran ist, VideoĂŒberwachung mit Gesichtserkennung flĂ€chendeckend einzufĂŒhren. Und natĂŒrlich schrĂ€nkt die DSGVO eine solche Datenverarbeitung durch KI auch unbedingt ein. Aber ob das etwas bringt, nun, wo das Tabu gebrochen wurde:

“Even if Clearview doesn’t make its app publicly available, a copycat company might, now that the taboo is broken. Searching someone by face could become as easy as Googling a name.” (New York Times, The Secretive Company That Might End Privacy as We Know It)

Update (Leseliste):

Beitragsbild: Henry & Co. on Unsplash

Neue HTML-Tags und Attribute fĂŒr das Urheberrecht

PĂŒnktlich zum Ende des 1. Quartals 2019 hat die Web Hypertext Application Technology Working Group (WHATWG) ihre VorschlĂ€ge fĂŒr neue HTML-Tags vorgelegt. Dabei will die WHATWG, die sich schon lange um das Copyright ihrer eigenen Standards bangt, die kĂŒrzlich im EU-Parlament beschlossene Reform des Urheberrechts unterstĂŒtzen und die nun angeblich nötige weltweite EinfĂŒhrung von Uploadfiltern vereinfachen bestenfalls sogar ĂŒberflĂŒssig machen und so „letztlich das Internet retten“, wie die WHATWG Steering Group bekannt gab.

Neue Auszeichnung kennzeichnet erlaubte Inhalte

Helfen sollen dabei die EinfĂŒhrung eines gĂ€nzlich neuen Tags, das zur Markierung satirischer Äußerungen genutzt werden kann. Mit <satire> ausgezeichnete Texte sollten sich leicht von jedem Uploadfilter erfassen lassen und dann dort entsprechende BerĂŒcksichtigung finden, also ignoriert werden. Kritiker hatten immer wieder ausgesagt, Uploadfilter könnten unmöglich den kĂŒnstlerisch inhaltlich korrekten Gebrauch von urheberrechtlich geschĂŒtzten Werken automatisch erkennen. Das neue Tag hilft hierbei nun. „Immer mehr Autos wĂŒrden an ihren vier Kanten mit kleinen Funkfeuern ausgestattet, um den kĂŒnstlichen Intelligenzen in selbstfahrenden Autos das RĂŒckwĂ€rtseinparken zu erleichtern.“, so die WHATWG in ihrer PresseerklĂ€rung. „Wir helfen nun beim Einparken im Internet.“, heisst es dort weiter.

<p>Ich halte es dabei mit Isaac Newton, der ja <satire>schon 2001 gesagt hat, man solle nicht alles glauben, was im Internet steht</satire></p>

Mit Browserherstellern wurde abgesprochen, fĂŒr mit dem <satire> ausgezeichneten Text, standardmĂ€ĂŸig kursive Schrift einzusetzen. Durch setzen des optionalen type-Attributs sollen dann alternative Schriftbilder genutzt werden können, beispielsweise


  • Frakturschrift fĂŒr <satire type='old'>
  • spiegelverkehrte Schrift fĂŒr <satire type='political'>
  • weiße Schrift auf weißem Grund bei <satire type='real'>
  • und die völlige Unlesbarmachung durch Buchstabenvertauschung bei <satire type='brexit'> bzw. <satire lang='en-GB'>.

Attribute fĂŒr Bilder und Videos machen Uploadfilter womöglich ĂŒberflĂŒssig

Noch mehr Durchschlagskraft verspricht sich die Gruppe der Standardautoren allerdings von neuen Attributen, die an Medienauszeichnungnen wie <img>, <audio> und <video> notiert werden können. Mithilfe von satire="[(start/stop),]"und remix="[(start/stop),]" soll auf legale Nutzungen von Fremdwerken innerhalb bspw. von Videos hingewiesen werden können. ZusĂ€tzlich sollen mit euillegal="[(start/stop),] kopierten Inhalte in ansonsten im Sinne der Richtlinie sauberen Daten ausgezeichnet werden können, was dann Webseiten in der EU direkt herausfiltern können, wĂ€hrend das Werk in anderen LĂ€ndern, beispielsweise im Rahmen des sogenannten fair use unangetatstet bleiben kann. Hier baut die WHATWG auf die guten Erfahrungen, die man in den USA mit dem Atrribut parentaladvisory gemacht hat, mit dem schon seit Jahren Audios und Tonspuren von Youtube-Videos ĂŒberpiept werden.

„Die Welt ist bereit“

„Wir brauchen Standards, um die Entwicklung eines free open source software world wide web (fosswww) vorantreiben zu können“, sagt jemand von der WHATWG dazu. Das mit den neuen Tags und Attributen Schindluder getrieben werden könne glaubt er hingegen nicht. Vielmehr ist man der Ansicht, „dass die faire und entspannte Debatte bei der Entstehung der europĂ€ischen Urheberrechtsrichtlinie schon gezeigt hat, dass die Welt nun fĂŒr kĂŒnstlich-intelligente und alternativfaktische Lösungen bereit ist.“

DSGVO im Supermarkt

„Hallo, darf ich sie nach ihrer Postleitzahl fragen?“

Die Kassiererin fragt freundlich, meiner vor allem von mir hochgeschÀtzten Meinung nach aber ein wenig zu bestimmt.

„Das ist ja an sich schon eine Frage.“

Ha!

„Da muss ich mal gleich zurĂŒck fragen, speichern sie dieses Datum personenbezogen?“

Ich antworte in leicht aggressivem Tonfall. Es tritt eine kurze Pause ein.

„Hier auf der Kasse steht nur, dass ich sie nach der PLZ fragen soll, ansonsten habe ich keine Ahnung.“

Die Kassiererin ist bereits in der Defensive.

„Wenn sie mir die Zahl nicht sagen wollen, sagen sie doch einfach 12345, das machen viele Leute.“

Na, das ist ja super. Erst fragt die Tante nach der PLZ, jetzt will sie mein Passwort.

„Auch noch falsche Daten erheben wollen? Ich will eigentlich nur sehen, wie und wo sie meine Postleitzahl speichern, und ob sie die Daten mit anderen persönlichen Daten, bspw. meiner Kontonummer korrellieren. Wer ist denn bei ihnen hier der Datenachutzbeauftragte?“

Sichtlich verunsichert drĂŒckt die Kassiererin einen Knopf an ihrem Pult. An der Nachbarkasse leuchtet das Nummerschild grĂŒn auf und die Stimme, die schon den Selbstzerstörungsmechanismus in Spaceballs gesprochen hat, verkĂŒndet laut: „Wir öffnen Kasse Zwei fĂŒr Sie!“. Meine Kassiererin greift das Mikro neben der Kasse und brĂŒllt hysterisch hinterher: „Probleeeemfall an Kasse Eins, Sabiiiiiiine kommen Sie mal?“ Die Datenschutzbeauftragte scheint eine ehemalige sowjetische Speerwerferin zu sein.

„Wie kann ich helfen?!“

„Sie wollen meine Postleitzahl speichern und bevor ich dazu meine Zusage erteile, wĂŒrde ich gerne die nötigen Informationen haben, um eine informierte Entscheidung treffen zu können, ob mir das alles so gefĂ€llt.“

Wie aus dem nichts zieht die Datenschutzbeauftrage eine beidseitig bedruckte Kassenbonrolle unter dem Tresen hervor, bestimmt vom Durchmesser einer Klorolle. „DatenschutzerklĂ€rung“ steht ganz oben an.

„Sie können sich so lange zum Lesen in mein BĂŒro setzen, Kaffee gibt‘s am Automaten.“

„Ach, ist schon gut, ich unterschreib das schnell, kennt man ja, was da drin steht.“

Ich rolle schnell die ersten Meter der Rolle ab und ĂŒberfliege den Text in 8pt.

„So so, sie nutzen hier auch Youtube-Videos, ach die Speicherung meiner Kontonummer ist zur Abwicklung von Kartenzahlungen ein berechtigtst Interesse, soso, alles klar, Autokennzeichen wird auf dem Parkplatz erfasst, Angabe meiner Adresse, Sozialversicherungsnummer, ich kaufe einen Sechs-Gang-Ralley-Toaster
 das sieht ja alles ganz ok aus. Wo soll ich unterschreiben?“

„Da unten wo ‚erstellt mit dem DatenschutzerklĂ€rungsgenerator‘ steht.“

Ich unterschreibe und mache mich schnell auf den Weg zum Ausgang, da ruft die Speerwerferin hinter mir her:

„Und ihre Postleitzahl?“

„1234 fĂŒĂŒĂŒĂŒĂŒĂŒhĂŒĂŒĂŒĂŒĂŒĂŒnpf!“

Twitter, ich bin es so leid



 seit Jahren gehst Du mir nun auf den Sack und alles Bitten und Betteln und Ranten bringt nichts, du kannst es nicht lassen. Nun hast Du mal wieder die Third-Party-App-Entwickler aufs Korn genommen und ziehst ihnen den Boden unter den FĂŒĂŸen weg. Namentlich machst Du es ihnen unmöglich, Twitterfeature weiter zu nutzen, die Apps sinnvoll machen:

After June 19th, 2018, “streaming services” at Twitter will be removed. This means two things for third-party apps:

  1. Push notifications will no longer arrive
  2. Timelines won’t refresh automatically

If you use an app like Talon, Tweetbot, Tweetings, or Twitterrific, there is no way for its developer to fix these issues.

Apps of a Feather 
Stick Together

Ganz ehrlich Twitter! Du weißt aber auch genau, dass ich jetzt nicht so einfach mit Dir Schluß machen kann. Und darum fĂŒhrst Du Dich so auf. Ein Bully. Ich sag es auch gern in Deiner Sprache: you fuckin‘ moron. Geh sterben.

Kollektives Trauma

NatĂŒrlich habe ich aus dem Urlaub heraus die Ereignisse um den G20-Gipfel verfolgt und bei jeder neuen Meldung die Entscheidung in den Urlaub zu fahren ausgiebig bejubelt. Nun da ich seit Sonntag zurĂŒck bin, muss ich feststellen, dass es kein anderes Thema zu geben scheint in Hamburg. 

Meine Eltern, die Nachbarn, die Leute im Zug, die Obdachlosen im Eingang von P&C, die Barista im Starbucks, die Kollegen, alle reden von den KrawallnĂ€chten, ob sie nun betroffen waren oder nicht. Auf Twitter, auf Facebook, in dem Kommentarspalten wird heiß diskutiert. Leute sehen sich genötigt, Twitterthreads zu schreiben, lĂ€ngliche Facebook-EintrĂ€ge.

Und da hört und liest man wenig Gutes. Menschen, die ich fĂŒr alternativ oder wenigstens vernĂŒnftig gehalten habe, fordern plötzlich die WiedereinfĂŒhrung der PrĂŒgel-, wenn nicht gleich der Todesstrafe. Schnellgerichte sollen her. Leute werden als Sympathisanten beschimpft, mal wieder. Und natĂŒrlich die Flora rĂ€umen.

Das ist ja mal nicht so gut gelaufen.

Foto: Michael Bridgen unter Creative Commons.

Ach Twitter!

»Das ich das noch erleben darf!«, war meine erste Reaktion auf diese Nachricht bei Heise. Aber wie immer zu frĂŒh gefreut, denn auch hier geht es wieder in die eindeutig falsche Richtung:

Demnach könnten Abo-Kunden in der Twitter-App Tweetdeck zusÀtzlich unter anderem Benachrichtigungen bei aktuellen News sowie neue Werkzeuge zum Erstellen ihrer Tweets und Analyse ihres Erfolgs bekommen.

Meine Fresse, so langsam verliere ich aber die Geduld. Neue Werkzeuge zum Erstellen ihrer Tweets und Analyse ihres Erfolges my ass! Klar, Tools fĂŒr die Reichen, Schönen, und anderweitig von irgendwelchen Socialmediafritzen betriebenen Accounts, damit lĂ€sst sich bestimmt Kasse machen. Immer schön weg teilen vom plebiszitĂ€ren Fußvolk, denen man nicht mal einen funktionierenden Nachrichtenfilter spendieren kann. Gott im Himmel, warum???!

Und weil in Firmenzentrale von Twitter offenbar immer noch keiner weiß, was ich von einem Twitter-Abo erwarte, das ich schon seit Jahren haben will und bereit wĂ€re zu bezahlen, meiner wegen bis zum 10Euro/Monat (ja das ist nicht die Welt, aber wir sind Millionen!), schreibe ich es hier nochmal sicherheitshalber auf. Wenn Twitter dann eines Tages pleite gemacht hat, drucke ich es aus und werfe es ins offene Grab!

Ich will ein Twitter-Abo, dass


  • 
diesen ganzen Werbescheiß, vulgo sponsored Tweets von mir konsequent fernhĂ€lt!
  • 
mir ermöglicht ein Badge an meinen Namen zu kriegen, der mich als real person ausweist
  • 
mir vernĂŒnftige Tools zur VerfĂŒgung stellt, zum Filtern (content blocking) und Verwalten meiner Timeline (findability)
  • 
sich diesen ganzen URL-VerkĂŒrzungszwang-Tracking-Scheiß spart!
  • 
mir erlaubt die Software fĂŒr Twitter zu nutzen die ich will! (also irgendwelche API-Limits fĂŒr mich aushebelt)
  • 
mir uneingeschrĂ€nkten Zugang zur API gewĂ€hrt
  • 
mir Weblinks als AMP liefert (falls vorhanden)
  • 
mir Applinks in der entsprechenden App öffnet (wenn vorhanden).

Das ist es dann eigentlich schon. Nein, eins noch, mein Foto soll zusammen mit denen der anderen Abonnenten auf eine Twitterwall im Eingangsbereich des Twitterzentrale in Dauerrotation gezeigt werden, mit dem Hinweis »@[username] saves your fucking job, stupid!«.

Der Sprachlosigkeit ein Wort

Leider ist es hier gerade wieder sehr ruhig geworden. Um es frei heraus hin zu schreiben: ich komme gerade mit der politischen Großwetterlage nur sehr schwer klar. Ich habe vor und nach der Wahl meine Meinung zum Thema Trump gesagt, und normalerweise nehme ich kein Blatt vor den Mund, was aber seit Trumps Amtsantritt um mich herum passiert ist, nimmt mir aktuell die Schreiblust, beinahe die Luft zum Atmen, um ehrlich zu sein.

Seit spĂ€testens dieser grausamen Vereidigung wissen wir scheinbar alle, was das StĂŒndlein geschlagen hat und allerorts sieht und liest man Kompensationsversuche in Form von Spott, Hohn, Sarkasmus, GeĂ€tze, Wut, Irrsinn. Ich lese natĂŒrlich auch gute Texte zum Thema Trump, gegen Trump und ich sehe auch einige mutige und gute Aktionen, aber alles geht irgendwie unter in einer Flut aus Spaß-, Hass- und resignierten Tweets, Karikaturen und Scheindiskussionen, deren Themen und Ausrichtung komplett vom weißen Haus gesetzt und gesteuert ist.

Thorsten Kleinz liegt IMHO ziemlich richtig und erklÀrt, warum hier seit Wochen nichts mehr zu Trump zu lesen ist: mir passt einfach nicht, wie die Diskussion (haben wir denn eine) lÀuft und in welche Richtung.

Und ich sehe nicht, wie wir aus dieser Situation raus kommen. Shitstorm scheint mir keine Lösung zu sein. Ich sagte ja schon die Wahrheit allein wird nicht reichen, aber das was jetzt lÀuft (oder ist es wieder nur das was bei mir ankommt) wird es auch nicht tun.

Die Big Data Bombe (Sonntagslese XXVI)

Heute empfehle ich nur einen einzigen Artikel und ich sage gleich, er hat das Potential einem den Tag zu versauen.

Die Headline Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt ist ebenso reißerisch, wie deren Unterzeile:

Der Psychologe Michal Kosinski hat eine Methode entwickelt, um Menschen anhand ihres Verhaltens auf Facebook minutiös zu analysieren. Und verhalf so Donald Trump mit zum Sieg.


und klingt auch ein ganz bisschen nach Reader’s Digest, aber der Artikel hat es leider in sich.

Unklar war auch, ob Big Data eine grosse Gefahr oder ein grosser Gewinn fĂŒr die Menschheit ist. Seit dem 9. November kennen wir die Antwort. Denn hinter Trumps Onlinewahlkampf und auch hinter der Brexit-Kampagne steckt ein und dieselbe Big-Data-Firma: Cambridge Analytica mit ihrem CEO Alexander Nix.

Um es kurz zu machen: alle Zweifler und Angsthasen hatten Recht, der ganze Kram von der Paybackkarte bis zum Facebook-Like ist dazu geeignet, uns so zu beeinflussen, dass es die Welt erschĂŒttert und es ist schon passiert. Und wie zufĂ€llig (ha!) unterstĂŒtzen die, die die Mittel dazu haben Rechte, Faschisten und Menschenfeinde. Wir sind die Schafe, die sich ihren Schlachter selbst wĂ€hlen.

Bald kann sein Modell anhand von zehn Facebooks-Likes eine Person besser einschĂ€tzen als ein durchschnittlicher Arbeitskollege. 70 Likes reichen, um die Menschenkenntnis eines Freundes zu ĂŒberbieten, 150 um die der Eltern, mit 300 Likes kann die Maschine das Verhalten einer Person eindeutiger vorhersagen als deren Partner. Und mit noch mehr Likes lĂ€sst sich sogar ĂŒbertreffen, was Menschen von sich selber zu wissen glauben.

Dieses Wissen, umgedreht in eine Art »Menschensuchmaschine«, wurde gezielt eingesetzt, um die WÀhlermeinung, auf Basis von Kleinstgruppen bis hin zur Einzelperson, zu verÀndern.

Psychologisches Targeting, wie Cambridge Analytica es verwendete, steigert die Clickraten von Facebook-Anzeigen um ĂŒber 60Prozent. Die sogenannte Conversion-Rate, also wie stark Leute – nachdem sie die persönlich zugeschnittene Werbung gesehen haben – auch danach handeln, also einen Kauf tĂ€tigen oder eben wĂ€hlen gehen, steigerte sich um unfassbare 1400 Prozent.

Man kann eigentlich nur noch hoffen, dass das jetzt Fake-News sind.

Augen auf beim Nachrichten-Teilen auf Facebook

Immer mal wieder werden in meiner Facebooktimeline1 seltsame Dinge geteilt, die zu Webseiten von rechten Organisationen, seltsamen Verschwörungstheoretikern oder sonstwie (meist politischen) Esoterikern fĂŒhren. Und geteilt werden diese Dinge oft von Menschen, von denen ich weiß, dass sie nicht gerade ĂŒber Nacht zum ReichsbĂŒrger, AluhuttrĂ€ger oder Impfgegner mutiert sind. Mein Eindruck: auf Facebook wird einfach viel zu schnell und ohne ÜberprĂŒfung der Quelle geteilt. Das nutzt vor allem jenen KrĂ€ften, die das soziale Netzwerk gezielt zur Werbung fĂŒr die eigene zweifelhafte Sache oder auch zur Desinformation nutzen.

Aktuelles Beispiel: GEZ-Urteil TĂŒbingen

In TĂŒbingen hat aktuell ein Richter ein bemerkenswertes Urteil zu den Praktiken der ehemaligen GEZ gesprochen. Man muss dazu sagen: die GEZ an sich gibt es nicht mehr, der Richter ist ein Einzelrichter, es geht vor allem um die RechtmĂ€ĂŸigkeit einer einzelnen Maßnahme und nicht der GebĂŒhr an sich und der Richter weist selbst im Urteil daraufhin, dass selbiges eher nicht der herrschenden Meinung un Rechtsprechung entspricht2, also in der nĂ€chsten Instanz gleich wieder einkassiert werden wird. Nachrichten zu diesem Urteil wuden mir gestern gleich mehrmals in Facebook geteilt und zwar in Form eines Artikel des Blogs Die freie Welt. Ich verlinke das hier jetzt mal ausdrĂŒcklich nicht.

Jetzt muss man nicht groß googlen, oder Juristerei studiert haben, um stutzig zu werden, wenn eine Quelle die man verlinkt sich selbst Die freie Welt nennt. Oder wenn neben dem Artikel ein Foto von Beatrix von Storch klebt, oder eine Petition gegen die angeblichen RechtsbrĂŒche von Angela Merkel beworben wird. Klingt alles sehr nach AfD, oder? Und ein Blick ins Impressum zeigt, das Blog wird herausgegeben vom Zivile Koalition eV., vertreten durch Sven von Storch, der vorgenannten AfD-Vorsitzenden Ehemann. Eben sich also noch ĂŒber den Gerichtsbeschluss gegen die GEZ gefreut, und schon ein paar Freunde in die Arme der AfD getrieben. Absicht?

Nun passt doch mal auf

Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Freunde meist nicht absichtlich Werbung fĂŒr die AfD verbreiten. Aber wieso teilt man dann Inhalte aus dem Spektrum dieser Partei? Ich nehme an: aus Versehen. Überschrift gelesen, kurz diebisch gefreut, hey die GEZ nervt uns doch alle, und auf Teilen geklickt, raus damit, ist doch lustig.

Nö, find ich gar nicht lustig. Zum Beitragsservice (ehemals GEZ) kann man stehen wie man will, die Konstruktion des Ganzen ist durchaus diskutabel, fĂŒr mich eher in die Richtung, wie öffentliches-rechtliche Medien finanziert werden, nicht dass sie finanziert werden, aber das ist ja noch lange kein Grund fĂŒr AfD-Positionen Werbung zu machen. Die hier die Position der ihr befreundeten ReichsbĂŒrger-Bewegung mittrĂ€gt, und das sind auch die Leute, die gegen den Beitragsservice vor Gericht ziehen.

Auf die Webseiten von diesen Leuten sollte man nicht verlinken und so ihre Sichtbarkeit bei Facebook noch erhöhen. Auch wenn die eigentliche Nachricht erstmal wahr ist, sollte man sich nicht deren Analyse zu eigen machen und sich letztlich als Werber fĂŒr die AfD missbrauchen lassen.

Ähnliches kommt ĂŒbrigens immer wieder vor: es gibt Institute, Vereine, Verlage, Stiftungen oder Webseiten die einfach nur Aussehen wie echte Nachrichtenseiten, die meinunsgefĂ€rbte oder komplett gefĂ€lschte Nachrichten zu allem möglichen Verteilen, vom Klimawandel bis zum Ukrainekrieg. Die Welt ist so schlecht. Also muss man beim Teilen schon mal kurz aufpassen, was man da in die Welt entlĂ€sst. Nicht immer wird man schon im Impressum fĂŒndig, sondern man muss mal kurz googlen, aber meist findet man schnell heraus, was echt und was Propaganda ist.

Bild: olga.palma unter CC BY-SA


  1. Ich versuche den Facebookalgorithmus zu vermeiden und lasse mir immer die nach Zeit sortierten „neuesten Meldungen“ anzeigen 
  2. »Das Gericht weicht in einzelnen Positionen von der vorherrschenden Meinung und Rechtsprechung ab. Die ist strukturbedingt „konstitutionell uneinheitlich“ (BVerfG vom 03.11.1992 – 1 BvR 1243/88), einem stĂ€ndigen Entwicklungsprozess unterworfen.« LG TĂŒbingen Beschluß vom 16.9.2016, 5 T 232/16 

Spotify kauft Soundcloud?

Nachdem Apple mit seinem seltsamen Apple Music in den Markt drĂ€ngt, zusammen mit Amazon, das in all unseren Wohnzimmern Echo-Lautsprecher aufstellen will, gerĂ€t der Streamingmusikmarkt offenbar in Bewegung. Das könnte auf jeden Fall ein Grund dafĂŒr sein, dass Spotify wohl Soundcloud aufkaufen möchte. Auf dem Papier passen die beiden gut zusammen, meint John Gruber, aber eben nur da.

Spotify hat sich in den letzten Jahren so schnell vom netten Startup zur Major-Label-sorry-Hure entwickelt, dass man sein Abo eigentlich gar nicht schnell genug loswerden konnte. Oder es eben aus Mangel an Alternativen behielt. Soundcloud dagegen ist der coole Independent- und DJ-Musikdienst, mit Sitz in Berlin btw., der es geschafft hat, die Musikproduzenten auf seine Plattform zu bringen. Ohne bis heute natĂŒrlich, von etlichen Finanzierungsrunden mal abgesehen, auch nur einen Cent zu verdienen. Daran haben auch Gehversuche als reiner Streamingsdienst (Soundcloud Go) wohl nichts geĂ€ndert.

Spotify sieht darin aber eine Konkurrenz und droht nun nicht das erste Mal mit Kauf. Was den Soundcloud-Investoren, unter denen wahrscheinlich nur wenige DJs sind, wohl aber Twitter, natĂŒrlich sehr gefallen wird. Dem Streamingnutzer dagegen wohl eher nicht. Was Spotify haben will, sind die 135 Millionen Titel Repertoire, die Soundcloud gesammelt hat, meist DJ-Mixe oder Remixes. Verhandlungsmasse bei der Sache sind also die kreativen Leistungen der Uploader. Zusammen mit der Aussicht, dass Spotify nach Einverleibung den Laden wahrscheinlich einfach zu machen könnte, gefĂ€llt mir das alles gar nicht.