Die Polizei zeigte sich zufrieden

Liebe Leserin, liebe Leser,
viele Norddeutsche haben das gute Wetter gestern zu einem Spaziergang im Freien genutzt. Die allermeisten hielten sie sich dabei an das Abstandsgebot, die Polizei zeigte sich zufrieden.

Gerald Goetsch, Chefredakteur der L√ľbecker Nachrichten im Newsletter

Als wenn es darum ginge. Wenn ich mit so einem Satz den Tag beginnen muss, auch noch den Ostersonntag, dann l√§uft es mir kalt den R√ľcken runter.

Was ist das nun, was da vor uns liegt? Die allgemein um sich greifende Obrigkeitsgl√§ubigkeit, die coronaindiziert wie aus Kaisers Zeiten zu uns zur√ľck kehrt? Oder die offen zu Tage tretende Krise des Lokaljournalismus in der selbst der Chefredakteur einer einst gro√üen Gro√üstadtzeitung als wichtigste Quelle‚ÄĒneben der Zentralredaktion‚ÄĒnur noch den Polizeibericht kennt?

Was will uns dieses Geschreibsel sagen? Papa Staat passt auf uns auf, ist mit unserem Betragen zufrieden, wir haben brav nicht auf Parkbänken in der Sonne gesessen und in unserer zersetzenden Literatur geschmökert? Aber wartet nur, wenn Vati böse wird und den Stock rausholt… und Vater Staat sieht alles!

Ich halte die staatsverordnete Isolation wirklich f√ľr den richtigen Schritt im Moment, das Gebaren der ausf√ľhrenden und der berichtenden Organe jedoch l√§sst an einigen Stellen schwer zu w√ľnschen √ľbrig. Speziell die Polizei schie√üt wie kaum anders zu erwarten war √ľber das Ziel hinaus.

Die Unzuverlässigkeit unserer Bluetooth-Kopfhörer hat nichts mit den Corona-Apps zu tun

Ich lese derzeit viel √ľber Corona-Tracing-Software, also jene Apps, die ano- oder mindestens pseudonymisiert Kontakte zu anderen Smartphones sammeln sollen und dann mit Nachrichten √ľber positive Tests auf Sars-CoV-2 deren Tr√§ger:innen abgleichen sollen. Gerade haben Apple und Google eine (bis dato einmaligen) Zusammenarbeit angek√ľndigt, um diese Funktionalit√§t zu √§chst als API und dann auf Betriebssystemebene in iOS und Android zur Verf√ľgung zu stellen, aber auch in Deutschland wird bereits l√§nger an Apps nach dem sogenannten Pepp-PT-Prinzip gearbeitet. Wer wissen will, wie derlei Apps funktionieren k√∂nnen, kann das hier bei netzpolitk.org nachlesen, oder hier im Logbuch Netzpolitik auch nachh√∂ren. Vereinfacht gesagt informieren sich Smartphones mit der App untereinander, wenn sie sich bspw. f√ľr 15min. n√§her als 1,5m kommen. Nutzer der App, bei denen ein positiver Test auf Corona vorliegt, geben diese Infomation in die App ein und alle zutreffenden Kontakte bspw. der letzten zwei Wochen (Inkubationszeit) werden automatisch informiert, dass sie einen Kontakt hatten und sich in Isolation begeben sollen. So soll es m√∂goch werden, dass sich Leute isolieren, die noch keine Symthome haben, die Infektionsketten k√∂nnen durchbrochen werden, ohne das wir alle in Isolation leben m√ľssen.

Tats√§chlich reden und schreiben dar√ľber allerdings viele Menschen, die davon nur wenig oder keine Ahnung haben. Ich will nun gar nicht Teil dieser selbsternannten Experten sein, aber‚Ķ eine Sache ist mir doch aufgefallen, die ich mal loswerden m√∂chte und zwar wird als Gegenargument gegen solche Apps Bluetooth genannt. Also Erfahrungen, die man als Nutzer von Bluetooth-Kopfh√∂rern und √§hnlichen Ger√§tschaften gemacht hat, wenn sie sich mal wieder nicht mit dem daneben liegenden Smartphone koppeln lassen, ein Ger√§t das andere nicht findet oder auch √úbertragungen einfach abbrechen. Das hat aber mit der Technik, die diese Apps verwenden sollen nichts zu tun. Der Bluetooth-Standard ist offenbar breiter gef√§cherter, als sich der durchschnittliche Airpod-Nutzer sich das vorstellen kann, hier geht es zun√§chst mal um Bluetooth LE (low energy) und der Nutzung dessen Broadcastf√§higkeiten und der sogenannten iBeacons, die ein regelm√§√üiges Broadcastssignal senden, ein kleines ‚ÄěHallo hier bin ich‚Äú, mit einem kleinen Satz Daten. Ger√§te m√ľssen zur Sicherstellung der Funktion der App nicht miteinander gekoppelt werden und schlechte Erfahrungen damit sind damit f√ľr diese Apps belanglos und kein Argument.

Warum mich das aufregt? Die Corona-Tracking-Apps werden nur auf freiwilliger Basis funktionieren. Aus diesem Grund m√ľssen sie einerseits datenschutzm√§√üig Vertrauen schaffen und andererseits m√ľssen die zuk√ľnftige Nutzer der App Vertrauen in deren Funktionsweise haben, damit genug Menschen bereit sind, sich eine solche App zu installieren. Und das widerum ist n√∂tig, damit das Konzept der Apps funktioniert. Auf Unwissenheit basierende Argumentationen nach dem Prinzip ‚Äědas kennen wir doch alle, das funktioniert doch wieder nicht‚Äú f√ľhren da unn√∂tig in die Irre und zerst√∂ren das Vertrauen, noch bevor es aufgebaut werden kann. Dabei gibt es durchaus noch genug Probleme zu l√∂sen, bevor wir Software haben werden, die hilft, uns gegenseitig vor Corona zu sch√ľtzen.

Ich w√§re jedenfalls bereit, der Technologie hier eine Chance einzur√§umen und das hat f√ľr mich mit magischem Denken, deus ex machina gar nichts zu tun. Tats√§chlich weiss ich aus Erfahrung, dass es noch etwas dauern wird, bis die Technik ausgereift genug ist, bis genug Bugs beseitigt sind, bis alles funktioniert, leider funktioniert Softwareentwicklung so und das ist schon schlimm genug. Kollege Ben hat an dieser Stelle immer lachend gesagt: ‚ÄěZum Gl√ľck bauen wir keine Herzschrittmacher!‚Äú, aber in diesem Fall kommt man dem schon ziemlich nahe‚Ķ

Artikelbild: Foto gemeinfrei√§hnlich freigegeben von Gian Cescon auf Unsplash

Ein feuchter Händedruck

Ich hadere mit Frau Merkels Krisenbotschaft, die ja allseits (auch bei uns in der Familie) sehr positiv aufgenommen wurde. Ich bin ja maximal weit davon entfernt, Merkels Partei oder sie selbst irgendwie als ertr√§glich zu empfinden, nur halte ich mich in der Regel mit direkter Kritik an ihr aus zwei Gr√ľnden zur√ľck. Ich bin einerseits √ľberzeugt, dass ihre Entscheidung 2015 die Grenzen f√ľr Fl√ľchtlinge nicht zu schlie√üen eine korrekte und vor allem richtige Entscheidung war. Ich traue der Kanzlerin also zu, im kritischen Moment, gegen den Widerstand auch ihrer eigenen Partei, das moralisch und rechtlich Richtige zu tun. Andererseits halte ich das Merkel-Bashing vom rechten Rand der CDU bis zu den ganz harten Rechtsextremen f√ľr unertr√§glich.

Trotzdem. So sehr ich den Ton, die Intention und weite Strecken des Inhalts der Rede akzeptabel im Wortsinne und zudem gut formuliert und im Rahmen ihrer M√∂glichkeiten f√ľr gut vorgetragen halte, so sehr hat mich im gleichen Ma√üe die Bigotterie zum Thema Gesundheitssystem maximal abgesto√üen. Es ist schon sehr dreist, sich bei den √Ąrztinnen und √Ąrzten, Krankenpfleger:innen und Helfer:innen erst mit nahezu unertr√§glichen Pathos zu bedanken und dann quasi keine Verbesserung der Situation in Aussicht zu stellen, sondern eher ein ‚Äěweiter so‚Äú zu fordern, in dem Wissen, dass die Situation noch viel schlimmer werden wird.

Es ist (auch) der neoliberalen Gesundheitspolitik unter Kanzlerin Merkel zu verdanken, dass es massiv zu wenig Intensivbetten, Beatmungsger√§te und medizinisches Personal, zu wenig Krankenh√§user und zu wenig Ausstattung wie Masken, Schutzkleidung oder gar Desinfektionsmittel gibt. Das Gesundheitssystem wurde in den letzten Jahrzehnten konsequent privatisiert, auf Rendite ausgerichtet und kaputtgespart. Dies war nur m√∂glich, indem man den Eintritt eines wie auch immer gearteten Krisenfall konsequent ausgespart und stattdessen in die reine Planung ausgelagert hat, in der Hoffnung dann noch genug Reaktionszeit zu bekommen, das System entsprechend wieder hoch zu fahren. Ich h√§tte zumindest erwartet, in einer solch staatstragenden Rede, dass hier Fehler eingestanden werden und Abhilfema√ünahmen zumindest in Aussicht gestellt werden. Stattdessen bleibt ein feuchter H√§ndedruck allen jenen, denen nun nichts anderes √ľbrig bleibt, als ihre eigene (psychische und physische) Gesundheit zu opfern, um die Todesrate so klein wie m√∂glich zu halten.

Zu fr√ľh gefreut

Oh ja, der Jubel war gro√ü am Sonntagabend, als alle noch glaubten, man habe die AfD aus der B√ľrgerschaft gew√§hlt. Ein sch√∂nes Zeichen w√§re das gewesen, wenn auch nur mit viel Augenwischerei. Es reichte aber, dass sich eine Zeitung wie die Taz versch√§tzte und am Montag mit falschem Titel erschien.

Screenshot: Aufmacher der taz 24.02.2020 (Ausschnitt)

Leider haben sich alle zu fr√ľh gefreut und am Ende des Abends war klar, dass H√∂ckes Hamburger Parteikollegen mit sieben Sitzen in der B√ľrgerschaft vertreten sind, nur einem weniger, als sie seit 2015 dort schon besetzen. Tats√§chlich hat die AfD auch nur rund 10.000 Stimmen weniger bekommen, als bei der letzten Wahl.

Dass es trotzdem knapp aussah, lag vor allem daran, dass es diesmal mehr Stimmen brauchte, um mehr als die n√∂tigen f√ľnf Prozent zu erreichen, die eine Partei mindestens braucht, um √ľberhaupt ins Parlament zu kommen. Und das war so, weil im Vergleich zu den Wahlen 2011 und 2015 deutlich mehr Leute einfach mal hingegangen sind und gew√§hlt haben. Das sind n√§mlich nicht nur hohle Phrasen, wenn man sagt: geht w√§hlen, w√§hlt nicht AfD, dann habt ihr etwas gegen die AfD getan.

Aber wie gesagt, da hat man sich zu fr√ľh gefreut. Die Hochrechnungen, die ma√ügeblich auf den Blitzumfragen nach Verlassen des Wahlb√ľros beruhen, zeigten weniger rechte W√§hler an, als es am Ende waren, wohl einfach weil ein Teil der Leute zwar AfD w√§hlt, dies aber in Umfragen nicht zugeben mag. Und ein paar Briefw√§hler:innen m√∂gen auch noch dabei gewesen sein, die ebenfalls in den Hochrechnungen nicht ber√ľcksichtigt werden konnten. Tats√§chlich reichte es f√ľr die Parteifreunde des Faschisten H√∂cke aber doch.

Das zeigt: zur Wahl gehen hilft

Nur bl√∂derweise h√§tten noch mehr Leute zur Wahl gehen m√ľssen (ohne AfD zu w√§hlen nat√ľrlich), als es am Sonntag getan haben. Immerhin schafften es 63,3% der wahlberechtigten Hamburger:innen an die Wahlurne, eine deutliche Steigerung gegen√ľber den 56,5% im Jahr 2015. Aber das ist nat√ľrlich immer noch vergleichsweise wenig. Eindeutiges Fazit: es h√§tte geklappt, die AfD w√§re bei gleicher Anzahl Stimmen nicht in dir B√ľrgerschaft gekommen, wenn nur ein paar tausend Leute mehr zur Wahl gegangen w√§ren, statt zu Hause rumzuh√§ngen. Aber nicht vergessen: an der Anzahl der Leute, die auch nach #Hanau bereit waren, eine Partei mit H√∂cke, Meuthen, Gauland und Weidel zu w√§hlen, hat sich gar nicht so viel ge√§ndert. Und trotzdem heult die AfD jetzt rum, sie w√ľrden ausgegrenzt.

Eine kleine Freude zum Schluss

Einen guten Effekt hatte die B√ľrgerschaftswahl dann aber doch: die Partei, die in der zur√ľckliegenden Legislatur am meisten mit der AfD stimmte, die FPD, erreichte die n√∂tigen f√ľnf Prozent letztlich doch nicht, und sitzt nun mit nur einem Direktmandat in der neuen B√ľrgerschaft. Und niemand anderes als DIE PARTEI r√ľhmt sich, die FDP verhindert zu haben. Scheiter heiter!

No(t)tizen zu Hanau

Wer Menschen erschießt muss wohl ganz grundsätzlich nicht alle seine Sinne beisammen haben.

Warum k√∂nnen psychisch Gest√∂rte eine Waffenbesitzkarte bekommen, regelm√§√üig im Sch√ľtzenverein t√∂ten √ľben, dass sie so eiffziente Killer sind?

Es ist trotzdem der immer st√§rker werdende Rechtsextremismus, der den sogenannten Gest√∂rten die Richtung vorgibt und das Ziel. Ich wei√ü, dass Angst zu einem menschenfeindlichem Weltbild f√ľhren kann, zu Mord und Amoklauf geh√∂rt aber mehr.

Eine Gleichzeitigkeit von Rechtsextremismus und Wahnvorstellungen ist nicht nur denkbar, sondern die Regel.

Politiker haben kein Problem mit der Schizophrenie, einen Attent√§ter zum irren Einzelt√§ter zu erkl√§ren und im n√§chsten Atemzug bspw. den Zugriff auf verschl√ľsselte Kommunikation zu fordern, angeblich um solche Attentate verhindern zu k√∂nnen. In D sind 40 Beh√∂rden f√ľr die Terrorismusabwehr zust√§ndig (die alle mehr Befugnisse fordern, sich aber ansonsten mehr behindern als helfen), kurzfritig psychotherapeutische Hilfe zu bekommen ist hingegen nahezu unm√∂glich. Es gibt mehr Psychologen, Gewaltforscher und erfahrene Journalisten, die in k√ľrzester Zeit aus der Entfernung, ohne Kontakt zum Patienten und mit einem Bruchteil der Fakten psychologische Profile erstellen k√∂nnen, als es Psychologen gibt, die solchen angeblich Kranken rechtzeitig helfen k√∂nnten.

Mitschuld an der regelm√§√üigen Einzelt√§terlegende ist die alarmistische Liveblogberichterstattung der Newswebseiten, die in fr√ľhen Phasen jede Polizeimeldung (meist einzige erste Quelle) zur Eilmeldung macht. Die Polizei will in der Phase aber nur kl√§ren, ob weitere Mitt√§ter ggf. anderenorts aktiv sind, hier meint Einzelt√§ter nicht das gleiche, was sp√§ter politisch diskutiert und relativiert wird.

Wir denken mehr √ľber den T√§ter als Opfer seiner Wahnvorstellungen nach, als √ľber die Opfer. Ich auch.

Leitkultur und Leidkultur

Ha lustig, eben noch erinnere ich mich an die Schmierlappen von der Jungen Union in den 80ern, da ruft CDU-Innenexperte Philipp Amthor aus seiner Zeitmaschine zur√ľck und fordert eine neue Diskussion um Leitkultur. Er definiert dabei die sogenannte L. direkt mal als ‚Äěunsere Hausordnung‚Äú und nun wei√ü ich auch nicht, Amthor sieht sich darum m√∂glicherweise als der Block‚Ķ sorry Hauswart.

Das M√§nnchen sagt, was man dazu erwarten w√ľrde: das Grundgesetz reiche nicht aus, Multikulti, Clankriminalit√§t, dunkle Nebenstra√üen. All die Dinge vor denen sich ein Pegidademonstrant so f√ľrchtet, Amthor hat den universellen Rettungsschuss daf√ľr: die Leitkultur.

Nicht fehlende Leitkultur ist schuld an „dunklen Nebenstra√üen“, sondern fehlende Laternen. #Amthor

David Hugendick

Wenn er sich das wenigstens selbst ausgedacht hätte. Stattdessen stammt die sogenannte Leitkulturdebatte von Friedrich Merz und ist schon gut 20 Jahre alt. Amthor biedert sich also an, an Merz einerseits, an die Wähler:innen der AfD andererseits. Ob das so leitkulturell in Ordnung ist?

Die Sekundärtugenden

Wenn Amthor von Hausordnung spricht, kann es ja nur um die guten alten deutschen Sekund√§rtugenden gehen: Flei√ü, Treue, Gehorsam, Disziplin, Pflicht¬≠bewusstsein, P√ľnktlichkeit, Zuverl√§ssigkeit, Ordnungsliebe, H√∂flichkeit, Sauberkeit und so weiter. Denn gibt es eine Hausordnung in diesem Lande, die nicht versucht, die Ruhe und den Frieden des Hausflurs und Hinterhofes gegen die Anarchie spielender Kinder, fahrender H√§ndler und das Abstellen von Fahrr√§dern im Gang, mithilfe der genannten Mittel zu verzeidigen?

Nicht erst seit Oskar Lafontaine wissen wir, dass man mit eben diesen Sekund√§rtugenden ein Konzentrationslager f√ľhren kann. Oder mit den Worten von Carl Amery:

Ich kann p√ľnktlich zum Dienst im Pfarramt oder im Gestapokeller erscheinen; ich kann in Schriftsachen ‚ÄěJudenendl√∂sung‚Äú oder Sozialhilfe penibel sein; ich kann mir die H√§nde nach einem rechtschaffenen Arbeitstag im Kornfeld oder im KZ-Krematorium waschen.

Carl Amery, Die Kapitulation oder Deutscher Katholizismus heute

Dabei betrieb schon Merz in den 2000ern eine Verengung des Begriff ‚Äěeurop√§ische Leitkultur‚Äú auf die spezifisch deutsche. Was einst vielleicht f√ľr Demokratie, Laizismus, Aufkl√§rung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft stand, wurde in den Jahren immer und immer wieder (Lammert, Pofalla, Blume, Singhammer, Kretschmer) von der CDU/CSU besetzt und umgem√ľnzt zu dem Gebrauch der deutschen Sprache, bew√§hrten Umgangsformen, der geistigen Tradition der Aufkl√§rung sowie Deutschlands Nationalsymbole wie die Fahne und die Hymne.

All das ist nur zum Fischen am rechten Rand gedacht. Das ist die Strategie der CDU gegen die AfD: Rote-Socken-Kampagne und Leitkulturdebatte. Und während die CDU in Dresden gegen Höcke demonstriert, biedern Amthor, Merz und ihre Freunde von der Werteunion am rechten Rand weiter an. Mit sowas möchte ich mich nicht auf der Straße sehen lassen!

Hufeisen am Arsch!

Vor noch nicht so lange wurde auf Twitter viel der Hashtag #nieMehrCDU verwendet und ich habe damals chon geschrieben, dass es #nochNieCDU heissen m√ľsste. Nun hat sich die sogenannte christlich demokratische Union vor unseren Augen zerst√∂rt‚ÄĒwer h√§tte gedacht, dass sie das aelbst besser konnte als Rezo‚ÄĒund wir sind etwas verunsichert, denn bei allem was war, war die CDU doch wenigstens demokratisch, oder nicht?!

Etwas wehm√ľtig erinnere ich mich an meine jungen Jahre, zur√ľck an den Westen also, in denen f√ľr mich jedenfalls die Fronten immer klar geregelt waren. CDU ging gar nicht! Als junger Mensch war man altert√ľmlichen Einrichtungen wie Parteien oder Kirchen ja grunds√§tzlich feindlich eingestellt, aber die CDU war die Partei, die beides miteinander kombinierte, ekelhaft! Noch dazu hatte sie Helmut ‚ÄěBirne‚Äú Kohl hervorgebracht. Schlimmer w√§re wohl nur die verr√§terische FDP gewesen, ich habe aber nie einen Menschen meines Alters getroffen, der mit der sympathisiert h√§tte. Pomadierte Gesichts√§lteste und geistig Gleichgeschaltete, die sich Junge Union nannten gab es allerdings doch ein paar. Solche die am Gymnasium mit Anzug und Lederkoffer herumliefen. Die CDU aber stand damals f√ľr das Alte, das Verkn√∂cherte, Opas und Omas, die einen ankeiften, man solle doch in den Osten gehen, wenn es einem hier nicht gefalle. Stadtr√§te und Lokalpolitiker, die man mit alternativen Aktionen und etwas ungehorsam so in Rage bringen konnte, dass sie gleich alle Masken fallen und den inneren Nazi, der in vielen immer noch schlummerte, ins Freie lie√üen. Wenn es nicht so traurig gewesen w√§re, es h√§tte Spa√ü gemacht. Nein, es hat Spa√ü gemacht.

Und ist das heute anders eigentlich? Man spricht von der Sozialdemokratisierung der CDU, aber das ist ein Framing, das von Friedrich Merz kommt, einem der Nutznießer der aktuellen Situation. Der Mann ist so Werteunion, dabei gehört er ihr nicht mal an.

Merz ist der Mann, der nen Laptop voll sensibler Informationen verloren hat, den ein Obdachloser zur√ľckgab. Zum Dank lie√ü der Million√§r dem Finder eine Ausgabe seines Buches zusenden. Titel: „Nur wer sich √§ndert, wird bestehen. Vom Ende der Wohlstandsillusion“
So einer is das. [Lower Class Magazine]

Wenn man nur einmal die banale Starrsinnigkeit von AKK und Ziemack bei der in Dauerschleife wiederholten Hufeisentheorie anschaut, wei√ü man: nichts hat sich ge√§ndert! Immer noch wird links und rechts gleich gesetzt, als wenn man es nicht besser w√ľsste. Und immer konnte man unterstellen: in Wahrheit meinen sie aber vor allem links.

Erfurt hat aber bewiesen: wenn es drauf ankommt, entscheiden sich CDU und FDP f√ľr die Rechten. Hufeisen am Arsch!

Am Ende des Anfangs

CDU, FDP und AfD haben einen gemeinsamen Ministerpr√§sidenten gew√§hlt, und nichts, gar nichts, was die Vertreter von CDU und FDP dazu jetzt an Beschwichtigungen aufsagen k√∂nnen, wird glaubhaft sein. 

ZEIT ONLINE

Den vielzitierten Anf√§ngen brauchen wir nun nicht mehr zu wehren. Die ehemalige politische Mitte ist f√ľr immer verseucht, das System H√∂cke funktioniert und unsere Demokratie h√∂lt sich von innen aus.

Gute Nacht Deutschland.

Der historische S√ľndenfall aber ist es, sich als Kandidat der Mitte nicht nur von der AfD w√§hlen zu lassen, sondern dann das Amt tats√§chlich anzunehmen.

taz: Von Höckes Gnaden

Die CDU hatte also die Wahl, ob sie eine vern√ľnftige linke Regierung zul√§sst, mit einem lange und ruhig ausgearbeiteten Koalitionsvertrag, die noch dazu demokratisch auf die Stimmen der Union angewiesen w√§re, also durch und durch transparent und kontrollierbar regieren w√ľrde ‚Äď oder den Dammbruch wagt, und zusammen mit Holocaust-Relativierer Bj√∂rn H√∂cke einen demokratisch mehr als schwach legitimierten FDP-Politiker an die Macht bringt.

der freitag: Das ist der Dammbruch

Wenn die FDP doch, wie Lindner einst nach der geplatzten Jamaika-Koalition sagte, lieber nicht regieren will statt falsch zu regieren ‚Äď was ist dann RICHTIG daran mit einer Partei zu paktieren, an deren Spitze ein Mann steht, den man rechtssicher als Faschisten bezeichnen darf?

Katascha: Th√ľringen

Und es spricht leider vieles daf√ľr, dass der gelb-schwarz-braune Coup mit Lindner abgesprochen war, oder zumindest von ihm toleriert wurde. Jetzt steht die FDP vor dem selbstverschuldeten Scherbenhaufen ihrer Existenz. Sie wird die erste Quittung bei der Hamburger Wahl bekommen, weitere werden folgen.

Sprengsatz: FDP – Die √ľberfl√ľssige Partei

Besuch in Auschwitz und Birkenau

Ich habe Auschwitz und Birkenau vor rund 25 Jahren als Leiter einer Jugendgruppe besucht. Vor 15 Jahren habe ich diesen Artikel dar√ľber geschrieben, den ich hier heute zum Anlass des 75. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz wiederhole.

√úber dem Tor schwingt sich das schmiedeeiserne „Arbeit macht frei“, direkt am Eingang die grausame Manifestation faschistischen Zynismus, f√ľr uns heute liegt er auf der Hand, was aber haben die Gepeinigten damals gedacht, wenn man sie durch dieses Tor f√ľhrte. Frei, das mag wie ein Versprechen geklungen haben, hinter dem Tor wartete jedoch das absolute Grauen. Besucht man das KZ Auschwitz, muss man diesen Gang gehen, und das ist nicht leicht. Viel hat man sicherlich gelesen, Filme gesehen, vielleicht in der Schule gelernt, aber just kurz vor dem Eingangstor stellt man sich eben doch die Frage „bin ich auf das ‚was gleich kommt vorbereitet?“. Man ist es nicht. Denn es kommt nichts.

Auschwitz stellt man sich als das Vernichtungslager vor, so wie wir es aus den Filmen kennen. Aber Auschwitz I selbst sieht man in Filmen eher selten. Das Hauptlager Auschwitz ist nicht so groß, wie man es sich vorstellt. Und gleicht auch eher einem Gefängnis. Keine Baracken, sondern Steinbauten, ein- und zweistöckig. Keine gigantischen Exerzierplätze, man hat sich das irgendwie anders vorgestellt.

Kofferberg
Koffer von Opfern in Auschwitz I (Foto von Jean Carlo Emer)

Die F√ľhrung hat den Charakter eines Museeumsbesuches, man sieht Gef√§ngniszellen, leere Folterkammern, eine schwarze Wand an der wohl Erschie√üungen stattfanden. Nat√ľrlich ist das schockierend, aber nicht so wie ausgemalt, irgendwie ist alles so weit weg, man konsumiert die Fakten, wundert sich vielleicht beim Anblick des Wohnhauses des Kommandanten. der tats√§hclich mitsamt seiner Familie mitten im Lager wohnte. Zum Ende hin dann wird es einem doch mulmig: die Berge von Koffern, Schuhen, ein Berg von Brillen, deuten an, wieviele Menschen das Lager einst betraten, aber nicht lebendig verlassen konnten.

Beendete man an dieser Stelle seinen Besuch in Auschwitz, w√§re es nichts mehr als ein Besuch im Museeum des Grauens. Im Grunde viel zu ertr√§glich, und dabei meine ich nicht eine Gier nach Sensation oder √§hnliches. Beinahe fragt man sich, wie abgebr√ľht man ist, einen solchen Besuch ohne tieferes Entsetzen zu √ľberstehen.

Einfahrtstor und Wachturm, Konzentrationslager Auschwitz II, Birkenau
Das Tor von Birkenau (Foto von Severinus Dewantara)

Dann setze ich mich wieder in den Bus und es geht nach Birkenau. Birkenau war ein Teillager von Auschwitz, in einigen Kilometern Abstand vom Hauptlager und Stadt. Birkenau liegt in der Einsamkeit. Der Bus h√§lt in der N√§he des Turms, den ich aus etlichen Darstellungen zu Thema Auschwitz kannte, der Turm √ľber dem Eingangstor durch das die ber√ľhmte Eisenbahntrasse f√ľhrt. Dieser Turm ist auch unsere erste Station, ich steige hinauf und gelange in einen rundum verglasten Raum, und von hier aus kann ich beinahe das ganze Lager √ľberblicken. Das ist der Augenblick in dem es laut Klick macht, es l√§uft mir kalt den R√ľcken herunter. Denn was ich vom Hauptturm des Vernichtungslagers Birkenau sehe offenbart mir auf einen Schlag die ganze Dimension des Holocausts. Von dieser Stelle gesehen kann ich, wie gesagt, beinahe das ganze Lager sehen. Beinahe, weil es gr√∂sser ist, als ich an diesem diesigen Tag schauen kann. Es scheint sich unendlich weit zum Horizont zu strecken, Birkenau so weit das Auge reicht. Ich sehe die Baracken, viele stehen nicht mehr, aber die Ruinen und die Anlage der Wege zeigen, dass dort einst hunderte, vielleicht tausende dieser gigantischen Holzbauten waren. Ich wei√ü aus den Filmen, wieviele Menschen jeweils in einer Baracke zusammengepfercht wurden, die Rechnung endet bei einer unfassbaren Zahl. Und dabei wurden die meisten gleich ermordet. Vom Turm gesehen liegt vor uns die Bahnrampe, dort, wo die Opfer ankamen und die „Selektionen“ stattfanden, die Auswahl, ob man zur Arbeit oder direkt ins Gas musste. Diese Bahnrampe reicht auch beinahe bis zum Horizont. Und obwohl es nun keine F√ľhrung mehr gibt, oder gerade deswegen, kann ich die Szenen erahnen, die sich hier abgespielt haben m√ľssen.

Weit in der Ferne sieht man die Krematorien, oder das, von von Ihnen noch √ľbrig ist. Davor die Geb√§ude, die wohl die Gaskammern beherbergten. Ich weiss das nicht genau, wie gesagt, es gibt hier keine F√ľhrung, niemand, der mich bei der Hand nimmt, ich bin meinem Wissen und meiner Phantasie ausgeliefert. Wie jeder Besucher hier. Ich laufe √ľber dieses riesige Areal und ohne Hinweistafeln, Vortrag und Anleitung, ist das Grauen realer als je zuvor. An einem T√ľmpel, einst wohl eine Grube in die Asche entsorgt wurde, untersuche ich den sandigen Rand des Gew√§ssers. Der Boden besteht aus ein Mischung von hellem Sand und klitzekleinen Knochensplittern.

Beitragsbild von Leonor Oom.