Unsere Gesichter sind sicher

Das amerikanische Startup Clearview AI bietet Polizei- und Justizbehörderden in den USA und Kanada laut einem Bericht in der New York Times eine Software an, die Gesichtserkennung auf Basis von rund 3 Milliarden aus Social-Media-Profilen gescrapten Fotos anbietet.

Ich höre schon alle, „die es schon immer gesagt haben“ und die ja auch Recht haben, aber trotzdem ist damit eine weitere BĂŒchse der Pandora geöffnet, die Unvorsichtigkeit, nein die Freude der Menschen an der Selbstdarstellung auszunutzen und in einen Prozess einzuspeisen, an dessen Ende die komplette Überwachung aller unserer Bewegungen im öffentlichen Raum steht.

““It’s creepy what they’re doing, but there will be many more of these companies. There is no monopoly on math,” said Al Gidari, a privacy professor at Stanford Law School. “Absent a very strong federal privacy law, we’re all screwed.”” (New York Times, The Secretive Company That Might End Privacy as We Know It)

Gleichermaßen wenig ĂŒberrascht stehen wir da, wundern uns, dass das nicht alles lĂ€ngst RealitĂ€t ist. TatsĂ€chlich gibt es noch Probleme, Überwachungskameras hĂ€ngen einfach zu hoch, stellt Clearview GrĂŒnder Ton-That fest. DafĂŒr hat eine who-is-who des amerikanischen Politestablishment sich von der Firma anstellen lassen, um das Produkt bei Justizbehörden zu bewerben. Die zunĂ€chst eine 30-Tage-Testversion betreiben und erstaunliche Erfolge damit erzielen.

NatĂŒrlich. Das das scrapen der Bilder vielleicht nicht erlaubt ist (Twitter bspw. verbietet das ausdrĂŒcklich) geschenkt. Der Zweck hat ja schon immer die Mittel geheiligt. Jetzt noch alles schnell auf privat stellen, zu spĂ€t.

“But if your profile has already been scraped, it is too late. The company keeps all the images it has scraped even if they are later deleted or taken down, though Mr. Ton-That said the company was working on a tool that would let people request that images be removed if they had been taken down from the website of origin.” (New York Times, The Secretive Company That Might End Privacy as We Know It)

Zur gleichen Zeit arbeitet die europĂ€ische Union an einem zumindest zeitweisen Verbot von Gesichtserkennung, auch, weil unsere Regierung nach zweifelhaften Versuchen am SĂŒdkreuz in Berlin, drauf und dran ist, VideoĂŒberwachung mit Gesichtserkennung flĂ€chendeckend einzufĂŒhren. Und natĂŒrlich schrĂ€nkt die DSGVO eine solche Datenverarbeitung durch KI auch unbedingt ein. Aber ob das etwas bringt, nun, wo das Tabu gebrochen wurde:

“Even if Clearview doesn’t make its app publicly available, a copycat company might, now that the taboo is broken. Searching someone by face could become as easy as Googling a name.” (New York Times, The Secretive Company That Might End Privacy as We Know It)

Update (Leseliste):

Beitragsbild: Henry & Co. on Unsplash

Klarnamenpflicht oder die chinesische Wassertropfenfolter

Die chinesische Wassertropfenfolter ist wohl mehr eine Legende, zumindest ist ihre Wirkung nicht nachgewiesen. In der Politik hingegen ist sie—nicht nur, aber auch in Deutschland—eine der beliebtesten Taktiken etwas durchzusetzen. Ein Argument, eine Idee, ein Gesetzesvorhaben wird immer und immer und immer wieder neu aufgebracht, immer wieder eingegeben, und bis zur Unendlichkeit wiederholt, bis es endlich irgendwo verfĂ€ngt, die Gegner entnervt aufgeben oder gerade nicht aufpassen oder sich eben die MehrheitsverhĂ€ltnisse geĂ€ndert haben.

Eines der Themen, die immer und immer und immer wieder diskutiert werden, ist die Klarnamenpflicht. Obwohl schon hunderte Male durchdiskutiert, taucht diese Idee in regelmĂ€ĂŸiger Form immer wieder auf.

„In ihrem Schutz machen Menschen Dinge, die sie nicht machen wĂŒrden, wenn sie wĂŒssten, dass sie jemand dabei sieht. Dann wĂŒrden sie sich nĂ€mlich schĂ€men. AnonymitĂ€t ist immer die Versuchung zur Hemmungslosigkeit.“ (Wolfgang SchĂ€uble)

Ist das nun eigentlich fortgesetzte Dummheit im Amt oder Altersstarrsinn? Herr SchÀuble, Frau Kramp-Karnelvalsverein, zur Klarnamenpflicht im Internet ist in den letzten Jahren alles gesagt worden. Nicht mal Ihre eigene Fraktion steht dahinter:

Die Diensteanbieter sollen Anreize zur Nutzung von Klarnamen durch die User setzen. Eine Klarnamenpflicht soll es nicht geben. (Positionspapier der Unionsbundestagsfraktion – PDF)

Wir haben ein Problem mit Leuten, die Hass und Hetze im Internet verbreiten. Und in den Medien. Und auf der Straße. Und das alles tun sie nicht unter dem Deckmantel der AnonymitĂ€t, nein, die verstecken sich nicht mal. KĂŒmmern Sie sich lieber darum.

Neue HTML-Tags und Attribute fĂŒr das Urheberrecht

PĂŒnktlich zum Ende des 1. Quartals 2019 hat die Web Hypertext Application Technology Working Group (WHATWG) ihre VorschlĂ€ge fĂŒr neue HTML-Tags vorgelegt. Dabei will die WHATWG, die sich schon lange um das Copyright ihrer eigenen Standards bangt, die kĂŒrzlich im EU-Parlament beschlossene Reform des Urheberrechts unterstĂŒtzen und die nun angeblich nötige weltweite EinfĂŒhrung von Uploadfiltern vereinfachen bestenfalls sogar ĂŒberflĂŒssig machen und so „letztlich das Internet retten“, wie die WHATWG Steering Group bekannt gab.

Neue Auszeichnung kennzeichnet erlaubte Inhalte

Helfen sollen dabei die EinfĂŒhrung eines gĂ€nzlich neuen Tags, das zur Markierung satirischer Äußerungen genutzt werden kann. Mit <satire> ausgezeichnete Texte sollten sich leicht von jedem Uploadfilter erfassen lassen und dann dort entsprechende BerĂŒcksichtigung finden, also ignoriert werden. Kritiker hatten immer wieder ausgesagt, Uploadfilter könnten unmöglich den kĂŒnstlerisch inhaltlich korrekten Gebrauch von urheberrechtlich geschĂŒtzten Werken automatisch erkennen. Das neue Tag hilft hierbei nun. „Immer mehr Autos wĂŒrden an ihren vier Kanten mit kleinen Funkfeuern ausgestattet, um den kĂŒnstlichen Intelligenzen in selbstfahrenden Autos das RĂŒckwĂ€rtseinparken zu erleichtern.“, so die WHATWG in ihrer PresseerklĂ€rung. „Wir helfen nun beim Einparken im Internet.“, heisst es dort weiter.

<p>Ich halte es dabei mit Isaac Newton, der ja <satire>schon 2001 gesagt hat, man solle nicht alles glauben, was im Internet steht</satire></p>

Mit Browserherstellern wurde abgesprochen, fĂŒr mit dem <satire> ausgezeichneten Text, standardmĂ€ĂŸig kursive Schrift einzusetzen. Durch setzen des optionalen type-Attributs sollen dann alternative Schriftbilder genutzt werden können, beispielsweise


  • Frakturschrift fĂŒr <satire type='old'>
  • spiegelverkehrte Schrift fĂŒr <satire type='political'>
  • weiße Schrift auf weißem Grund bei <satire type='real'>
  • und die völlige Unlesbarmachung durch Buchstabenvertauschung bei <satire type='brexit'> bzw. <satire lang='en-GB'>.

Attribute fĂŒr Bilder und Videos machen Uploadfilter womöglich ĂŒberflĂŒssig

Noch mehr Durchschlagskraft verspricht sich die Gruppe der Standardautoren allerdings von neuen Attributen, die an Medienauszeichnungnen wie <img>, <audio> und <video> notiert werden können. Mithilfe von satire="[(start/stop),]"und remix="[(start/stop),]" soll auf legale Nutzungen von Fremdwerken innerhalb bspw. von Videos hingewiesen werden können. ZusĂ€tzlich sollen mit euillegal="[(start/stop),] kopierten Inhalte in ansonsten im Sinne der Richtlinie sauberen Daten ausgezeichnet werden können, was dann Webseiten in der EU direkt herausfiltern können, wĂ€hrend das Werk in anderen LĂ€ndern, beispielsweise im Rahmen des sogenannten fair use unangetatstet bleiben kann. Hier baut die WHATWG auf die guten Erfahrungen, die man in den USA mit dem Atrribut parentaladvisory gemacht hat, mit dem schon seit Jahren Audios und Tonspuren von Youtube-Videos ĂŒberpiept werden.

„Die Welt ist bereit“

„Wir brauchen Standards, um die Entwicklung eines free open source software world wide web (fosswww) vorantreiben zu können“, sagt jemand von der WHATWG dazu. Das mit den neuen Tags und Attributen Schindluder getrieben werden könne glaubt er hingegen nicht. Vielmehr ist man der Ansicht, „dass die faire und entspannte Debatte bei der Entstehung der europĂ€ischen Urheberrechtsrichtlinie schon gezeigt hat, dass die Welt nun fĂŒr kĂŒnstlich-intelligente und alternativfaktische Lösungen bereit ist.“

DSGVO im Supermarkt

„Hallo, darf ich sie nach ihrer Postleitzahl fragen?“

Die Kassiererin fragt freundlich, meiner vor allem von mir hochgeschÀtzten Meinung nach aber ein wenig zu bestimmt.

„Das ist ja an sich schon eine Frage.“

Ha!

„Da muss ich mal gleich zurĂŒck fragen, speichern sie dieses Datum personenbezogen?“

Ich antworte in leicht aggressivem Tonfall. Es tritt eine kurze Pause ein.

„Hier auf der Kasse steht nur, dass ich sie nach der PLZ fragen soll, ansonsten habe ich keine Ahnung.“

Die Kassiererin ist bereits in der Defensive.

„Wenn sie mir die Zahl nicht sagen wollen, sagen sie doch einfach 12345, das machen viele Leute.“

Na, das ist ja super. Erst fragt die Tante nach der PLZ, jetzt will sie mein Passwort.

„Auch noch falsche Daten erheben wollen? Ich will eigentlich nur sehen, wie und wo sie meine Postleitzahl speichern, und ob sie die Daten mit anderen persönlichen Daten, bspw. meiner Kontonummer korrellieren. Wer ist denn bei ihnen hier der Datenachutzbeauftragte?“

Sichtlich verunsichert drĂŒckt die Kassiererin einen Knopf an ihrem Pult. An der Nachbarkasse leuchtet das Nummerschild grĂŒn auf und die Stimme, die schon den Selbstzerstörungsmechanismus in Spaceballs gesprochen hat, verkĂŒndet laut: „Wir öffnen Kasse Zwei fĂŒr Sie!“. Meine Kassiererin greift das Mikro neben der Kasse und brĂŒllt hysterisch hinterher: „Probleeeemfall an Kasse Eins, Sabiiiiiiine kommen Sie mal?“ Die Datenschutzbeauftragte scheint eine ehemalige sowjetische Speerwerferin zu sein.

„Wie kann ich helfen?!“

„Sie wollen meine Postleitzahl speichern und bevor ich dazu meine Zusage erteile, wĂŒrde ich gerne die nötigen Informationen haben, um eine informierte Entscheidung treffen zu können, ob mir das alles so gefĂ€llt.“

Wie aus dem nichts zieht die Datenschutzbeauftrage eine beidseitig bedruckte Kassenbonrolle unter dem Tresen hervor, bestimmt vom Durchmesser einer Klorolle. „DatenschutzerklĂ€rung“ steht ganz oben an.

„Sie können sich so lange zum Lesen in mein BĂŒro setzen, Kaffee gibt‘s am Automaten.“

„Ach, ist schon gut, ich unterschreib das schnell, kennt man ja, was da drin steht.“

Ich rolle schnell die ersten Meter der Rolle ab und ĂŒberfliege den Text in 8pt.

„So so, sie nutzen hier auch Youtube-Videos, ach die Speicherung meiner Kontonummer ist zur Abwicklung von Kartenzahlungen ein berechtigtst Interesse, soso, alles klar, Autokennzeichen wird auf dem Parkplatz erfasst, Angabe meiner Adresse, Sozialversicherungsnummer, ich kaufe einen Sechs-Gang-Ralley-Toaster
 das sieht ja alles ganz ok aus. Wo soll ich unterschreiben?“

„Da unten wo ‚erstellt mit dem DatenschutzerklĂ€rungsgenerator‘ steht.“

Ich unterschreibe und mache mich schnell auf den Weg zum Ausgang, da ruft die Speerwerferin hinter mir her:

„Und ihre Postleitzahl?“

„1234 fĂŒĂŒĂŒĂŒĂŒĂŒhĂŒĂŒĂŒĂŒĂŒĂŒnpf!“

Uploadfilter, die EU-Zensurmaschine

Immer wenn ich gedacht habe, aus Richtung der deutschen Politik kann in Sachen Internet nichts Schlimmeres mehr ausgedacht werden (bekannt auch als Netzwerkdurchsetzungsgesetz), dann kommt die europĂ€ische Kommission und setzt noch einen drauf. Ehrlicherweise muss man sagen, dass sie diesmal sogar in Vorleistung getreten ist, jedenfalls der Berg kreißte gewaltig und gebar 
Uploadfilter.

Die vermeintliche Wunderwaffe

Als Einstieg empfehle ich mal die aktuelle Folge Logbuch: Netzpolitik mit Julia Reda und dort speziell das Kapitel ĂŒber Uploadfilter anzuhören. Oder lest Julias Artikel zum Thema. Die bestechende Idee der EU-Kommission ist nĂ€mlich, das Netz nun endlich von allen illegalen Inhalten und Hassrede zu reinigen, durch die flĂ€chendeckende Installation von Filtern, die schon beim Upload des Inhalts löschen, noch bevor etwas online gerĂ€t. Denn, so stellte Digital-Kommissarin Marija Gabriel fest: das Löschen illegaler Inhalte dauert einfach zu lange, da muss nun der Gesetzgeber ran.

Wie solche Filter funktionieren kann man eigentlich ganz nicht so schön bei YouTube sehen, wo der eigene Filter „Content ID“ auch schonmal im Schnurren einer Katze ein geschĂŒtztes MusikstĂŒck erkennen will, Urheberrechtsverletzungen in weißem Rauschen entdeckt, oder Vorlesungsvideos löscht, weil darin, völlig legal wohlgemerkt, Musik zu hören ist, die in anderen ZusammenhĂ€ngen urheberrechtlich durchaus geschĂŒtzt wĂ€re. Kurz: funktioniert hinten und vorne nicht. Schon nicht nur fĂŒr die Identifikation von MusikstĂŒcken, von Texten, Bildern und anderen Medien mal ganz abgesehen, die die EU-Kommission mit ihren Filtern gerne kontrolliert sehen will.

Die vier Hauptprobleme

  • die Filter funktionieren nicht, da sie weder ausgereift sind, noch den Kontext erkennen können, Gefahr des Overblocking (alles von Fanfiction. is zum reaction gif)
  • die (Weiter-) Entwicklung derartige Software kann nicht von kleinen Unternehmen durchgefĂŒhrt werden, Google und Facebook haben hier auch bereits einen technologischen Vorsprung, Monopolisierung,
  • ist etwas einmal gefiltert, wird es keinen sinnvollen Weg der Wiederherstellung geben, fĂŒr den Fall, dass die Filterung nicht rechtmĂ€ĂŸig war,
  • der Entwurf der Kommission sieht zwar Pflicht zur Filterung durch alle Mitgliedsstaaten vor, was allerdings gefiltert wird, bleibt den einzelnen Staaten ĂŒberlassen; einmal eingefĂŒhrt lĂ€sst es sich so extrem schwierig zurĂŒckdrehen, bspw. im Fall einer entsprechenden Gerichtsentscheidung.

Die Idee ist also geeignet, der Meinungs- und der Kunstfreiheit endgĂŒltig den Todesstoß zu verabreichen und deren Kontrolle (sic!) in den HĂ€nden von bspw. Facebook und Google zu monopolisieren. Nebenbei auf Open Source stehen die Uploadfilter auch ĂŒberhaupt nicht!

Was kann man tun

Richtig, „tuwat!“ ist ja das Motto


man kann Abgeordnete des EU-Parlaments anrufen und sie zu den Uploadfiltern befragen (oder zumindest deren Sachbearbeiter), wie das (gebĂŒhrenfrei) geht steht bei changecopyright.org. Alle MEP haben eine öffentliche Telefonnummer, die man leicht finden kann.

Save the meme!

The web is missing

Zum Anfang des Jahres gibt es ja auch mal etwas gutes zu vermelden: Oliver Reichenstein bloggt wieder. Und gleichzeitig ist das etwas erschreckend fĂŒr mich, weil mir war gar nicht so richtig klar, dass er das eine Zeit lang nicht getan hĂ€tte. Sei es drum, die Stimmung ist eh gerade nicht so gut drĂŒben in Japan.

Ich habe heute keine Web Trend Map 2018 fĂŒr Euch.

Don’t get too excited. We don’t have it. We tried. We really tried. Many times. The most important ingredient for a Web Trend Map is missing: The Web.”

Die Litanei ist so richtig wie sie grausam ist, das Netz ist keines mehr. Ich habe an allen Ecken und Kanten das GefĂŒhl, dass wir verloren haben. Verhökert haben wir das Netz, fĂŒr ein paar Glasperlen an Zuckerbergs wilde Horde und Amazon (von dem ich so selbst so verdammt abhĂ€ngig bin).

Ist bloggt mehr die Lösung? Und verlinken? Wir werden sehen.

KryptowÀhrungs-JunkieanfÀnger

Angeregt durch dieses Buch fĂŒr KryptowĂ€hrungsjunkieanfĂ€nger, und erster nur halb sinnvoller Versuche, habe ich mich zwischen den Jahren ein wenig mehr mit Bitcoin, Altcoins, ICOs und derlei Zeug auseinandergesetzt. Wenn man ein paar Euro aus 2017 ĂŒbrig behalten hat und sich der Lottogewinn auch wieder nicht eingestellt hat, kann man das mal ausprobieren, man muss allerdings immer mit dem Schlimmsten rechnen. Und zwar in jeder Hinsicht.

Man wollte Banken loswerden


Wer derzeit in das Thema KrytowĂ€hrungen einsteigt und sich Bitcoin oder Ether oder Ă€hnliches zulegen will, wird im deutschsprachigen Web sehr schnell auf den Tipp stoßen, das Zeug bei Coinbase zu kaufen. Die Website ist gut gemacht, funktioniert immer, der Berifizierungsprozess ist vergleichsweise unkompliziert. Seit August allerdings heißt der erste Satz des User Agreement:

The websites and the services offered by Coinbase are NOT addressed to persons who have their registered office or place of residence in Germany.

Hust. Trotzdem wird fleißig empfohlen die Seite zu nutzen. Ebenso gab es um den mißglĂŒckten Launch von Bitcoin Cash (einer Abspaltung des Original-Bitcoin) VerdĂ€chtigungen um InsidergeschĂ€fte unter den Angestellten von Coinbase. Learning Nummer eins also: welcome, das ist das Umfeld in dem man sich bewegt, wenn auszieht mit KryptowĂ€hrungen Handel zu treiben! Am schlimmsten aber ist ja eigentlich: Coinbase ist so etwas wie eine Bank. Und benimmt sich auch so. Horrende und höchst volatile GebĂŒhren fĂŒr KĂ€ufe und VerkĂ€ufe sind die Regel, Verzögerungen im GeschĂ€ftsablauf je nach Marktlage leider auch. Banken, die wollte man doch loswerden mit Bitcoin


Sicherheit
 nö

Ein anderes Beispiel gefĂ€llig? Wenn man seinen Ether nun von Coinbase abziehen möchte, bspw. weil man Angst hat, dass die das sauer erhandelte Vermögen wegen Verstoßes gg. das obige Agreement womöglich einfrieren, kann man es zu einer eigenen Standalone-Wallet schicken und dort verwahren. In Foren und Telegram—Gruppen kann jederzeit diskutiert werden, wie vertrauenswĂŒrdig die eine oder andere App gerade ist, mit ungewissem Ausgang. Ich habe mich fĂŒr eine entschieden, bei der ich nach dem Herunterladen im Appstore zunĂ€chst eine englische AGB abnicken musste, dann beim nĂ€chsten Start dasselbe (who knows) noch einmal in chinesisch. Auch nur so ein mittelguter Start. Vong wegen die SicherheitsgefĂŒhl.

Vom SicherheitsgefĂŒhl sollte man sich als erstes Verabschieden. Also nicht nur was das Investieren angeht, so weit ist man zu diesem Zeitpunkt ja noch gar nicht, sondern auch, was den Umgang mit Daten, den persönlichen angeht. Da muss man sich fleißig mit Ausweiskopien bei chinesischen Webseiten akkreditieren, oder Geld an Banken im Baltikum ĂŒberweisen. Oder auch sein zweites Ich, das Smartphone ungeklĂ€rten Risiken aussetzen: wenn man die „Beta“-iOS-App des auch sehr viel genutzten Portals Binance herunterladen möchte, stellt sich raus: die App kommt nicht aus dem Appstore und man muss dem Anbieter „vertrauen“, damit sie auf dem iPhone installiert werden kann. Kann man machen, aber


Das eigentlich Handeln hat dann mit Sicherheit nur noch wenig zu tun. Aber das konnte man ja vorher wissen.

Bitcoin ist sowas von 2017

Nach dem großen Boom ist der Bitcoin (BTC) zum Ende des Jahres, bevor er die 20.000$ Schallmauer durchbrechen konnte auf einen Wert um die 13.000$ zurĂŒck gefallen. Viele Leute haben zumindest einen Teil ihres BTC deswegen versilbert und in andere Coins umgewandelt, die es zu Eurocentpreisen zu kaufen gibt, und nun wartet jeder darauf, dass die ausgewĂ€hlte Coin durch die Decke geht wie einst Bitcoin. Bis es soweit ist, kann man sich wieder in Foren und Gruppen gegenseitig mehr oder minder heiße Tipps zukommen lassen, welche denn nun die grĂ¶ĂŸten Chancen hat, alle auf einen Schlag reich zu machen. Nach heutigem Stand, natĂŒrlich schon lĂ€ngst wieder ĂŒberholt, könnten das Verge oder (mal wieder) Ripple sein.

All diesen Altcoins gemeinsam ist, dass jemand mit der Verhökerung derselben versucht etwas zu finanzieren. Diesen jeweiligen Jemand kann man auf Webseiten mehr oder minder kennen lernen, auf denen dann auch das Etwas vorgestellt wird, oft eine lose Ansammlung von Buzzwords rund um Blockchain et al. Ripple bspw. möchte „The world’s only enterprise blockchain solution for global payments“ sein oder werden und versucht das schon seit 2012. Und „Verge ist eine sichere und anonyme KryptowĂ€hrung, entwickelt mit dem Fokus auf PrivatsphĂ€re.“ See?

Wenn man heute ein Startup grĂŒndet, kann tatsĂ€chlich die Finanzierung durch die Ausgabe eines eigenen Coin ein sinnvoller Weg sein. Die Erstausgabe eines solchen Coins nennt man „ICO“ (initial coin offering). Man verkauft also Glasperlen gegen Ether oder Bitcoin und bietet zu einem Stichtag den neuen Coin auf einer der Handelsplattformen an. Und alle hoffen, dass es dann dort durch die Decke geht. Das alles basiert auf den Versprechen und Whitepapers die man auf seiner Website prĂ€sentiert. Wenn man Coinjunkie X fragt, warum er sich fĂŒr diesen oder jenen Coin entschieden hat, gibt es zwei möglich Antworten: ein Tipp von jemand anderes (hier Rekursion einsetzen) oder „die Website gefĂ€llt mir“. Man soll ja schon gehört haben, dass solche Dinge komplett gefaket wurden und die Unbekannten, die nach dem Einsammeln von reichlich Bitcoin aus dem Staub gemacht haben
 aber hey, ohne Risiko kein Gewinn.

Goldrausch?

Bitcoin, KryptowĂ€hrungen, Altcoins, ICO, all das funktioniert zur Zeit irgendwie genauso wie der Goldrausch am Klondike: viele kommen zu spĂ€t, andere gehen BetrĂŒgern auf den Leim und einige wenige werden reich dabei. Da muss man einfach dabei sein, oder? Mein Fazit dazu: kann man mal machen, wenn einem alles oben Gesagte egal sein kann und man 50 bis 100 Euro ĂŒbrig hat. Wenn nicht, oder wenn man mehr Geld einsetzen will, dann bitte nicht anhand dieses Artikels, da finden sich bestimmt bessere Ratgeber.

Foto von Carlos Muza.

Die Abschaffung der URL

„Cool URIs don’t change“, ein Ausspruch von Tim Berners Lee, der heute das Papier nicht mehr Wert ist, auf dem er natĂŒrlich nie gedruckt wurde. Die eindeutige Adresse zu (Hypertext-) Dokumenten im Web ist ein Auslaufmodell. Das liegt einerseits daran, das es im allgegenwĂ€rtigen Konzept App kaum ansteuerbare Dokumente gibt, sondern eher ZustĂ€nde. Viel einschneidender aber sind die BemĂŒhungen der großen walled garden-Betreiber, die versuchen den Nutzer auf ihren Plattformen einzusperren und dabei ist die URL, als ein StĂŒck Selbstbestimmung des Nutzers, sowas von im Weg.

Wer einen bestimmten Post aus der Facebook-App in die Außenwelt (wer kennt sie noch) exportieren möchte, also verlinken, muss nicht nur hinter kleinen Pfeilchen und Winkeln nach der FunktionalitĂ€t suchen, sondern im Ă€ußersten Fall das Posting in Safari öffnen, um Zugriff auf die Adresse zu bekommen. Safari selbst hat natĂŒrlich auch beschlossen, keine URLs mehr in der Adresszeile mehr anzuzeigen, was angeblich dem Nutzererlebnis jener Nutzer dient, die mit dem Konzept URI nichts anzufangen wissen. Was ungefĂ€hr so ist, als wenn ich zu Hause die Hausnummer abbauen wĂŒrde, weil Kleinkinder im Kindergartenalter noch keine Zahlen und Buchstaben lesen können. Hier kann man allerdings per MenĂŒ endlich die Adresse kopieren.

Ach ja, wo wir gerade unfreiwillig den mobilen Safari geöffnet haben: ich nenne ihn inzwischen gerne den Dead-End-Browser, weil er die navigatorische Sackgasse von Apple News auf dem iPhone bildet. Apple News ist in Deutschland bisher nur als Widget verfĂŒgbar, das die Originalseite im Safari öffnet. Dort endet derzeit das Nutzererlebnis. Aber auch das wird sich Ă€ndern, in den USA gibt es Apple News lĂ€ngst, ohne diese lĂ€stigen URLs ĂŒberall, die stören ja nur. ZurĂŒck zu Facebook: dort heißt die News-Lock-In-Lösung instant articles, die schnelles Laden versprechen, gleichzeitig aber keine URL mehr haben, total ĂŒberraschend. „In Safari öffnen“ um an die Adresse des Originalartikels zu kommen, findet man unter „Teilen“. Immerhin.

Noch etwas rabiater geht Google vor. Ihre als Rettung der Seitengeschwindigkeit verkaufte MohrrĂŒbe am Stab fĂŒr die Betreiber von Webseiten, abgekĂŒrzt AMP, versteckt zwar nicht die URL an sich, zeigt jedoch nicht die canonical URL eines Artikels, sondern eine eigene mit https://wwww.google.com/amp/ beginnende, danach erst die Originaladresse. AMPs werden derzeit auf Googles Suchseite als Karussell angezeigt und man verlĂ€sst diese Seite beim Aufruf nicht (siehe Adresse), stattdessen macht sich Google den Inhalt zu eigen. Es wird sogar noch eine eigene Navi angezeigt.

Das alles entwickelt sich ĂŒberhaupt nicht in die Richtung, die ich mir vorgestellt habe. John Gruber fragte sich jĂŒngst dazu


Why would I want to cede control over my pages to Google? AMP pages do load fast, but if publishers want their web pages to load fast, they can just engineer them to load fast.

Ja, warum?

Ich schalte meine AMP-UnterstĂŒtzung und vor allem die Facebook IA bei nĂ€chster Gelegenheit wieder ab. Experiment zu Ende. Content gibt es bei mir in Zukunft nur noch gegen URL.

Photo by Volkan Olmez