Lesebefehl vom 03.08.17

Das Blöde ist aber: Man wird sowieso vielen Menschen kĂŒndigen mĂŒssen. Darauf zu hoffen, dass hinsichtlich der Automobilindustrie alles bleibt, wie es ist, ist ein großer Irrtum und damit geschĂ€ftsschĂ€digend. Wer jetzt kein Modell aus der Tasche ziehen kann, wie er in den kommenden paar Jahren seinen Automobilkonzern komplett umbauen will und wie er dabei das Bestmögliche fĂŒr aktuelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tun kann, der sorgt fĂŒr das Verschwinden des Konzerns und damit fĂŒr noch viel grĂ¶ĂŸeres Jobsterben.

Spreeblick: Autokorrektur

(![]+[])[+[]]+(![]+[])[+!+[]]+([![]]+[][[]])[+!+[]+[+[]]]+(![]+[])[!+[]+!+[]] // -> 'fail'

What the f*ck JavaScript?

My Ulysses Setup: All the things
 When it comes to writing and being productive, I’ve learned a few tricks over the years.

The Sweet Setup: Shawn Blanc’s Ulysses Setup

Morgenlese XXXI

Dear Product Managers, liebe Produktmanager, so direkt wendet sich der Hackernoon-Text an die Kollegen, aus Sicht der Techies und UXler.

We are curious. Is any of our hard work really paying off for our customers and business? Is it moving the needle? It might not seem like it, but we care. When we know we’re delivering results, it is a little easier to stomach releasing mediocre work, just shipping it, accumulating debt, and jumping to the next project. Without some evidence that we’re making decent decisions, those things add up. Frankly, we stop trusting you and stop caring.

Es folgen harte Worte aus der Welt der Velocity, der Sprintpunkte und der Reviewmeetings.

Keeping us busy is not the goal. Delivering outcomes is the goal.

Haben sie schon mal einen Kaffee im ICE getrunken. Die viel gescholtene braune Suppe ist eigentlich keinen weiteren Artikel wert, außer er hat das zutreffendste Zitat zum Thema Bahnkaffee ĂŒberhaupt, dann linke ich noch Mit verbranntem Kaffee ins Internet:

Haben Sie schon einmal eine Portion Sahne in den Kaffee geschĂŒttet? Er fĂ€rbt sich von Schwarz nach Schwarz!

Auch das hat einiges mit meiner Arbeits- und Lebenssituation zu tun. So wie: mein Tischnachbar betreibt die Webseite: Bundestwitter, ich nenne ihn darum auch den Bundestwitterer. Neu und farbenfroh sind sein datengetriebenen Essays, wie Wen verlinken die Bundestagsabgeordneten auf Twitter?.

SPIEGEL-Artikel werden von den MdB am hÀufigsten geteilt. Es folgen die Welt und der Tagesspiegel. Die taz liegt vor der Bild.

Bild: Parker Byrd auf Unsplash

Morgenlese XXX

Zur Feier der 30. Morgenlese schalten wir ein weiteres live an den sprichwörtlichen Rand des Höllenschlundes, in die USA, wo die bereits dahin siechenden Reste der amerikanischen Demokratie gerade vor unserer aller Augen Suizid begeht. Man mag ja schon morgens nicht mehr in die Twitter-Timeline schauen, wo es vor resignierten oder sarkastischen oder resigniert-sarkastischen Tweets amerikanischer Kollegen nur so wimmelt. Wer der traurigen RealitÀt des Trumpamerica entgehen möchte, der sollte wohl alsbald ein paar Leute entfolgen und niemals dieser Morgenlese lesen.

Was ist das aber gerade aktuell fĂŒr ein Skandal, der die amerikanischen Medien erfasst hat und bei dem es, auch wenn man zunĂ€chst einen anderen Eindruck davon hat, wohl nicht ausschließlich darum geht, das Donald Trump ein Kenner und Liebhaber des Natursekts ist. GlĂŒcklicherweise hat sich die New York Times die MĂŒhe gemacht, mal aufzuschreiben, worum es eigentlich geht. Und
 naja:

Mr. Trump denounced the unproven claims Wednesday as a fabrication, a Nazi-style smear concocted by “sick people.” It has further undermined his relationship with the intelligence agencies and cast a shadow over the new administration.

Derweil hielt König Trump gestern zum ersten Mal seit Monaten Hof, nein Pressekonferenz, wie man bei Politico nachlesen kann, vor einem Saal von Wohlgesonnener und Claqueure:

“It’s very familiar territory, news conferences,” said Trump, who has been more visible on Twitter than in person since Election Day, as he took the podium. His long absence was the media’s fault, he said, not his. “We stopped giving them because we’re getting quite a bit of inaccurate news,” he said, before calling Buzzfeed, the website that published the full 35-page unverified dossier of allegations against Trump, a “failing pile of garbage.”

Den Vogel schiesst allerdings die Washington Post ab, mit einem Kommentar ĂŒber die Pressekonferenz, der alles in LĂ€cherliche zieht.

He shouted down a CNN reporter (maybe mistaking him for a BuzzFeed reporter) and said he would not take his question because he was “fake news.” He also took the time to call BuzzFeed a “failing pile of garbage,” which, I guess, is better than a successful pile of garbage and could in fact mean that BuzzFeed is an excellent news source.

Trump also said that he had a terrific, great, wonderful plan to repeal Obamacare and replace it with another plan, Repeal and Replace, which would repeal Obamacare and replace it with another plan, Repeal and Replace, which would repeal Obamacare and replace it with another — well, look, the plan is going to be great, and it will repeal Obamacare but one piece at a time and will replace those pieces with other pieces. (If you could make heads or tails of this answer, please, leave me a voicemail.)

Allein, wenn man das Video sieht, ist es leider gar nicht mehr lustig. Denn was Trump auch sagt ist: they will be facing the consequences, und auch sonst verhÀlt er sich mehr wie lateinamerikanischer Diktator. Unglaublich. Unglaublich.

Bild: Parker Byrd auf Unsplash

Morgenlese XXIX

Ich habe schon viel zu lange keine technischen Artikel gelesen und empfohlen. Dann aber jetzt.

Sven Wolfermann zeigt, was man in alles mit dem Sass Parent Selector – ‚&‘ (ampersand) anfangen kann. Sollte sich ja eigentlich inzwischen herumgesprochen haben, Sven liefert aber gleich ein sehr schönes BEM-Template als Beispielcode mit. Also understand, copy and paste it!

Ebenso fĂŒr den interessierten Webdev-Neuling empfohlen sei das Tutorial Get Started with Debugging JavaScript in Chrome DevTools, das die Jagd nach einem Scriptfehler mithilfe von Entwicklerkonsole und Debugger Schritt fĂŒr Schritt vortanzt. Bitte nachmachen.

Chris Heilmann zeigt 7 tricks to have very successful conference calls, auf die aber IMHO jeder von selbst kommen könnte, der schonmal in rund hundert Telefon-/Videokonferenzen seine Lebens- und Arbeitszeit verbrannt hat. Dass Videocalls niemals, niemals, niemals auf Anhieb funktionieren erwÀhnt Christian nur am Rande.

Und schließlich: Web Performance Stats are Overrated:

We discuss web performance statistics as if the web were a monolith, as if all web applications were uniform, like performance improvement effects are linear. They may not be represented by a simple exponential equation, but performance isn’t a simple science, and metric interpretation shouldn’t be assumed to be linear, or even accurate.

Happy coding!

Bild: Parker Byrd auf Unsplash

Die Big Data Bombe (Sonntagslese XXVI)

Heute empfehle ich nur einen einzigen Artikel und ich sage gleich, er hat das Potential einem den Tag zu versauen.

Die Headline Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt ist ebenso reißerisch, wie deren Unterzeile:

Der Psychologe Michal Kosinski hat eine Methode entwickelt, um Menschen anhand ihres Verhaltens auf Facebook minutiös zu analysieren. Und verhalf so Donald Trump mit zum Sieg.


und klingt auch ein ganz bisschen nach Reader’s Digest, aber der Artikel hat es leider in sich.

Unklar war auch, ob Big Data eine grosse Gefahr oder ein grosser Gewinn fĂŒr die Menschheit ist. Seit dem 9. November kennen wir die Antwort. Denn hinter Trumps Onlinewahlkampf und auch hinter der Brexit-Kampagne steckt ein und dieselbe Big-Data-Firma: Cambridge Analytica mit ihrem CEO Alexander Nix.

Um es kurz zu machen: alle Zweifler und Angsthasen hatten Recht, der ganze Kram von der Paybackkarte bis zum Facebook-Like ist dazu geeignet, uns so zu beeinflussen, dass es die Welt erschĂŒttert und es ist schon passiert. Und wie zufĂ€llig (ha!) unterstĂŒtzen die, die die Mittel dazu haben Rechte, Faschisten und Menschenfeinde. Wir sind die Schafe, die sich ihren Schlachter selbst wĂ€hlen.

Bald kann sein Modell anhand von zehn Facebooks-Likes eine Person besser einschĂ€tzen als ein durchschnittlicher Arbeitskollege. 70 Likes reichen, um die Menschenkenntnis eines Freundes zu ĂŒberbieten, 150 um die der Eltern, mit 300 Likes kann die Maschine das Verhalten einer Person eindeutiger vorhersagen als deren Partner. Und mit noch mehr Likes lĂ€sst sich sogar ĂŒbertreffen, was Menschen von sich selber zu wissen glauben.

Dieses Wissen, umgedreht in eine Art »Menschensuchmaschine«, wurde gezielt eingesetzt, um die WÀhlermeinung, auf Basis von Kleinstgruppen bis hin zur Einzelperson, zu verÀndern.

Psychologisches Targeting, wie Cambridge Analytica es verwendete, steigert die Clickraten von Facebook-Anzeigen um ĂŒber 60Prozent. Die sogenannte Conversion-Rate, also wie stark Leute – nachdem sie die persönlich zugeschnittene Werbung gesehen haben – auch danach handeln, also einen Kauf tĂ€tigen oder eben wĂ€hlen gehen, steigerte sich um unfassbare 1400 Prozent.

Man kann eigentlich nur noch hoffen, dass das jetzt Fake-News sind.

Morgenlese XXIV

Bildet Banden!, den etwas angestaubten Arnacho-Sponti-Aufruf schreit Paul Mason im Freitag hinaus. Banden gegen Trump natĂŒrlich.

[D]er Neoliberalismus funktioniert nicht mehr. Er ist kaputt. Sollte er ĂŒberleben, wĂŒrde er im besten Fall durch Zentralbank-Geld befeuertes Zombie-Wachstum und im schlechtesten Fall Stagnation produzieren. Aber er wird nicht ĂŒberleben. Im letzten Sommer habe ich vorausgesagt, dass, wenn wir nicht endlich mit der Ökonomie der hohen Ungleichheit, der hohen Verschuldung und der niedrigen ProduktivitĂ€t brechen, die Bevölkerungen weltweit fĂŒr ein Ende der aktuellen globalen Ordnung votieren werden. Aufgrund des Brexit und Trump ist dieser Prozess nun unaufhaltsam.

Wichtig auch: der nĂ€chste PrĂŒfstein ist nicht die Bundestagswahl in Deutschland, sondern die BundesprĂ€sidentenwahl in Österreich.

WĂ€hrend aber die einen immer noch wie die Irrsinnigen das Wahlergebnis interpretieren, ist es ja vielleicht auch gar nicht echt, es gibt genug Zweifel, dass immer wieder von NeuauszĂ€hlung die Rede ist. Bei den AluhĂŒten ist man sich bereits sicher: die Russen haben nicht nur die Demokraten gehackt, sondern auch die Wahlcomputer.

Da passt ein Artikel der Washington Post gut ins Bild, der den sehr vorsichtigen Titel: Russian propaganda effort helped spread ‘fake news’ during election, experts say. Was die Experten sagen: die Quelle vieler Fake-News die so wĂ€hrend der Wahlkampfs fĂŒr Aufsehen sorgten (und teilweise von Trump und seinem Team wiederholt wurden), kommen aus wenigen Quellen. Oft von russischen Medien wie Russia Today (RT).

Some of these stories originated with RT and Sputnik, state-funded Russian information services that mimic the style and tone of independent news organizations yet sometimes include false and misleading stories in their reports, the researchers say. On other occasions, RT, Sputnik and other Russian sites used social-media accounts to amplify misleading stories already circulating online, causing news algorithms to identify them as “trending” topics that sometimes prompted coverage from mainstream American news organizations.

Dagegen nochmal wirklich schmerzhaft, also wirklich schmerzhaft, sie mĂŒssen wissen, es ist eine komplizierte Sache, also wirklich schmerzhaft liest sich der komplette Interview-Mitschnitt von Donald Trump bei der New York Times. Vielleicht reicht auch eine Kostprobe:

Oh, I see. I might have brought it up. But not having to do with me, just I mean, the wind is a very deceiving thing. First of all, we don’t make the windmills in the United States. They’re made in Germany and Japan. They’re made out of massive amounts of steel, which goes into the atmosphere, whether it’s in our country or not, it goes into the atmosphere. The windmills kill birds and the windmills need massive subsidies. In other words, we’re subsidizing wind mills all over this country. I mean, for the most part they don’t work. I don’t think they work at all without subsidy, and that bothers me, and they kill all the birds.

Tja, nur nicht den Humor verlieren. So wie die Amazon-Rezensenten des Make-Amerika-Great-Again-Weihnachtsbaumschmuck.

Bild: Parker Byrd

Morgenlese XIII

Zur Abwechslung habe ich heute mal wieder ein paar technische Themen in die Pipe gelegt.

CSS Grids sind immer öfter Thema in meinem Entwickler-Umfeld, wenn sie denn endlich die ShowbĂŒhne erreichen, wird das groß. Derzeit gibt es Grid Layout in IE11 und Edge14, Firefox, Chrome und Safari (Technology Preview) verstecken die Funktion noch hinter einem Flag, status: in development. Nichtsdestotrotz kann man sich aber ja schon mal mit der Frage auseinandersetzen, Should I use Grid or Flexbox?.

Nicht so schöne Nachrichten gibt es mal wieder um das Thema Browser-Erweiterungen, wie es aussieht sind mutieren diverse Chrome-Erweiterungen zu Werbeschleudern. Schade, auch so wirklich wirklich wichtige Erweiterungen wie der W3Schools Hider sind dabei. Inzwischen gilt:

Auch wer keine der oben genannten Erweiterungen installiert hat, sollte die aktuellen Ereignisse zum Anlass nehmen, die Liste der installierten Browser-Extensions auszumisten. Browser-Erweiterungen haben weitreichende Befugnisse und dĂŒrfen zum Beispiel alle aufgerufenen Webseiten mitlesen und modifizieren.

Und jetzt nochmal richtig Wasser auf die MĂŒhlen der AluhĂŒte: Welcome to the New Era of Easy Media Manipulation. Adobe prĂ€sentierte mit Adobe Voco einen Prototypen einer Software zum einfachen Editieren von Audiodateien. Mit rund 20 Minuten gesprochener Audio-Aufnahme eines Menschen kann die Software dessen Sprache schon sehr sehr sehr gut aus Text wiedergeben. Man liest einen Audioschnipsel ein, dessen Text wird unter der Tonspur dargestellt. Man Ă€ndert den Text, und aus dem Programm fĂ€llt der nun geĂ€nderte Text gesprochen wieder heraus. PrĂ€sentiert wurde das Tool absolut albern und peinlich auf der letzten Adobe Max Konferenz:

NatĂŒrlich lassen sich nicht nur alberne Pranks mit der Software veranstalten, sondern als Photoshop fĂŒr Sound ist es gerade im Zusammenhang mit den heute so oft zitierten Fakenews ein klasse Tool. Es reicht ja schon, dass man nun in Zukunft keiner Audioquelle mehr trauen kann


Bild: Parker Byrd

Morgenlese XXII

Na, könnt ihr inzwischen wieder gut schlafen? Den ersten trumpindizierten Kater ĂŒberwunden? Ich schĂ€tze, da werden noch viele folgen.

Nun ist viel von der Filterblase die Rede, die angeblich den Sieg Trumps mitverursacht habe und sie ist ja auch, soviel gene ich zu, ein Teilaspekt meines ErklĂ€rungsansatzes ĂŒber die Wahl, scheint mir derzeit aber tatsĂ€chlich ĂŒberbewertet zu werden. Dies sieht man auch bei Carta so, dort enttarnt man gleich den Mythos Filterblase:

Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass politische Entwicklungen wie der Brexit allein den Filteralgorithmen zugeschrieben werden können. Zwar bedienen sich Presse und Blogs gerne der Filter Bubble als mystischem Begriff einer subtilen Machtstruktur im Internet, jedoch entbehren die Annahmen ĂŒber negative Konsequenzen der Filter Bubble jedweder Empirie. Forschungsergebnisse hinsichtlich des Einflusses von Filteralgorithmen auf den Nachrichtenkonsum deuten eher darauf hin, dass sie das ideologische Spektrum erweitern, als es einzugrenzen

Politikwissenschaft und Soziologie for the win. Eher den persönlichen Erfahrungsschatz bemĂŒht Andreas Wilkens bei heise.de, er verbrachte eine Nacht in der Filterblase, nur nicht in der gleichen ĂŒber die zur Zeit allerorten fabuliert wird:

Mag ja sein. Ob aber in der gedruckten oder virtuellen Presse oder in Fernsehdiskussionen: Die BefĂŒrworter der Filterblasen-Theorie wandten diese immer nur auf die anderen an, die imaginĂ€ren Trump-WĂ€hler. Die Trumper ließen sich ohne Wenn und Aber blenden, weitere Motive fĂŒr ihr Wahlkreuz blieben kaum erwĂ€hnt. Ja, auch ich war in Diskussionen immer gerne mit dem Einwurf zur Stelle, ohne Facebook wĂ€ren AfD und Pegida so nicht möglich. Und Trump erst recht nicht.

Ja, in der steckte ich auch, ich war nĂ€mlich auch sicher, Clinton wĂŒrde gewinnen.

Aber was tun?

Es muss aber ja auch weitergehen und, da sind wir uns glaube ich einig, aktiv zu werden, um eine Wiederholung zu vermeiden. Die Wahlerfolge von Marie LePen oder anderer europĂ€ische Neofaschisten, oder Erdrutsche wie der Brexit, haben uns ja bislang unbeeindruckt gelassen. Aber es gibt Dinge zu tun: Österreich schickt sich im Dezember an, einen Rechtspopulisten ins BundesprĂ€sidentenamt zu klagen bzw. wĂ€hlen, und 2017 ist dann Bundestagswahl in Deutschland.

Vielleicht ein neuer linker Populismus, wie ihn René Walter vorschlÀgt?

Meine VorschlĂ€ge dafĂŒr sind bekannt: Ein neuer linker Populismus, der anders als rechter Populismus weniger aus „dem Volk nach dem Maul reden“ besteht, sondern in der Vermittlung von komplexen ZusammenhĂ€ngen durch populĂ€re Medien, ein linkes Boulevard oder Popkultur (und den ich basierend auf einem Schreibfehler hier auf NC als „Popularismus“ bezeichnen wĂŒrde). Das gepaart mit einer RĂŒckbesinnung auf Ur-Linke Themen wie eben SolidaritĂ€t, Arbeiterrechte und soziale Gerechtigkeit könnte Rechten wie eben Trump den Boden unter den FĂŒĂŸen wegziehen, sofern es dafĂŒr nicht bereits zu spĂ€t ist.

Johnny vom Spreeblick kommt nach seinem undifferenzierten Trump-Rant mit hoffnungsvollem Ende zu einem wie ich finde ĂŒberraschenden Ergebnis:

Nicht zum ersten Mal denke ich daher seit einigen Wochen neben dem ganzen TrotzdemlĂ€cheln darĂŒber nach, in eine Partei einzutreten. Mir fĂ€llt das enorm schwer. Ich hasse Kompromisse, stundenlange Debatten, langweilige Meetings. Außerdem wird keine der bestehenden Parteien meine Haltung zum Leben auch nur achtzigprozentig widerspiegeln. Jede Partei hat mal Scheiß gebaut, in jeder Partei sind Leute, mit denen ich gar nicht so gerne am Tisch sitzen möchte.

Erstmal keine Pointe. Er schreibt gerade ausdrĂŒcklich nicht, welche Partei das sein könnte, klingt mir aber sehr nach dieser Kampagne.

Bild: Parker Byrd

Gerade noch Morgenlese XXI

Diese Ausgabe der Morgenlese steht unter dem Motto
 naja, man ahnt es schon.

Adrian Daub sieht mit der PrĂ€sidentschaftswahl »Das Ende der AufklĂ€rung« gekommen, und setzt sie damit in den Zusammenhang des Bildes, das die USA bis hierhin abgegeben haben, als Leuchtturm fĂŒr ModernitĂ€t von der UnabhĂ€ngigkeitserklĂ€rung bis zu Obamas Amtszeit und dessen Errungenschaften. Ersetzt wird dies durch
 nichts.

Diese Wahl ist kein Triumph der GegenaufklĂ€rung, des Klerikalen oder des Wertekonservativen. Trump huldigt keinen Werten, hat mit Religion nichts am Hut. Billiges Entertainment, taumelndes Wir-GefĂŒhl und eine geradezu mephistophelische Lust an der Zerstörung treibt seine AnhĂ€nger an. Alles was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht. An Wahrheit hat Trump kein Interesse, die Wahl war fĂŒr ihn eine Mauschelei, bis er wider Erwarten gewann. Das fĂ€llt seinen Fans natĂŒrlich auch auf, aber auch sie scheinen in einer postfaktischen Welt zu leben, in der einzig das GefĂŒhl noch zĂ€hlt: die Wut, das Dazugehören, die Feindschaft.

Womit ein Gedanke sehr treffend beschrieben ist, den ich heute morgen auch schon streifte, die Lust an der Zerstörung, die herumliegende Lunte anzuzĂŒnden (und der Überraschung, wenn es knallt, siehe dazu Brexit).

Christian Bangel hingegen beschĂ€ftigt sich nicht mit dem Ergebnis selbst, sondern wie es nun weiter geht und fragt: Wer kann Trump jetzt noch stoppen?. Und leider zeichnet er ein dĂŒsteres Bild davon, wie die berĂŒhmten checks and balances versagen könnten, unter dem Druck des Undemokraten, dem Einfluss der Tea Party, der außenpolitischen Macht, die ein PrĂ€sident der USA nun einmal hat.

Trump kann einen Krieg beginnen, erst nach 60 Tagen muss der Kongress ĂŒber diesen Einsatz befinden. Eine Atombombe lĂ€sst sich in weniger als einer Stunde abfeuern. Und selbst die 60-Tage-Regelung ist umstritten. Den US-Einsatz im Kosovokrieg befahl Bill Clinton ohne formale parlamentarische Billigung.

Jetzt sollte man vielleicht wirklich beginnen, VorrĂ€te fĂŒr schlechte Zeiten einzukaufen.

Vorher vielleicht nochmal die ganze Gewinner-Rede von Donald Trump nachlesen.

Thank you. Thank you very much, everybody. Sorry to keep you waiting. Complicated business. Complicated. Thank you very much.

Die Verschwörungstheoretiker unter uns können ja auch mal auf die Wikipedia-Seite der 9. November schauen, scheinbar traditionell ein Tag fĂŒr UmbrĂŒche jeglicher Art. Die Wahl Donald Trumps steht allerdings noch nicht drauf.

Morgenlese XX

Schon die zwanzigste Morgenlese, kaum bloggt man wieder regelmĂ€ĂŸig, vergehen die Artikel wie im Fluge. So, oder so Ă€hnlich. Ich war am Sonntag auf dem ersten Weihnachtsmarkt in diesem Jahr, das hat aber nun nichts mit dem Inhalt zu tun, ich wollte es nur mal erwĂ€hnen.

Am 5. November gab es etwas ganz anderes zu feiern, nÀmlich das es nun schon 30 Jahre her ist, dass die erste .de-Domain vergeben wurde. Man hatte ja nichts damals, da war DNS schon eine tolle Sache. Und hatte doch Gegner:

Die ordentlichen Informatiker anderer deutscher UniversitĂ€ten hielten das „Gebastel“ fĂŒr nicht satisfaktionsfĂ€hig und standardisierten lieber den umfangreichen OSI-Verzeichnisdienst X.500 in zahlreichen Gremiensitzungen. Es sollte im Verbundsystem der International X.25 Infrastructure (IXI) eingesetzt werden, wurde aber nie fertig gestellt.

In den USA wird wohl am Dienstag gewĂ€hlt, wie ich aus gut informierten Kreisen erfahre habe, wenn nichts mehr dazwischen kommt, vielleicht fĂ€llt uns ja rechtzeitig der Himmel auf den Kopf. Das ist ungefĂ€hr so wahrscheinlich, wie das auf Seiten wie der Achse des Guten etwas ernstzunehmendes oder gut recherchiertes erscheint. Trotzdem hat sich Stefan Niggemeier die MĂŒhe gemacht und etwas fact checking fĂŒr sie betrieben: Rechte erfinden Linke fĂŒr Trump. Niggemeier zeigt ein weiteres Mal, mit welchen billigen Mitteln Desinformation betrieben wird. Ich erwarte selbst von einer Vera Lengsfeld mehr. Will sagen: ja, wenn’s wenigstens ordentlich hingelogen wĂ€re! Aber nein, das ist alles so lĂ€cherlich.

Ich habe weder die Absicht noch die KapazitĂ€ten, Seiten wie die „Achse des Guten“ zu factchecken. Aber der Gedanke, dass sie besonders Leute anzieht, die den etablierten Medien nicht mehr trauen, ist nicht nur angesichts Vera Lengsfelds Rechercheleistung ein bisschen lustig.

Passend zu meinem aktuellen Arbeitsort (ich sitze gerade in der Bahn) noch die letzte Geschichte. Die Bahnstrecke zwischen Berlin und MĂŒnchen ist fertig, 8 Millionen Euro hat ein Kilometer der Strecke gekostet. Und fĂŒr viele ist es zweifelhaft, ob sie den Segen bringt, den sie bei Planung 1991 als „Verkehrsprojekt Deutsche Einheit“ noch versprach. Vielmehr


[
] werden etwa die thĂŒringischen StĂ€dte Weimar und Jena vom Fernverkehr abgeknapst. Keine schrumpfenden KĂ€ffer, sondern wichtige Zentren des Ostens, in denen Bevölkerung und Wirtschaft wachsen. Sie gehören demnĂ€chst zu jenen mittelgroßen StĂ€dten, in denen fast nur BummelzĂŒge halten. So wie Chemnitz (250.000 Einwohner), Krefeld (220.000 Einwohner) oder Zwickau (100.000). Auf lange Sicht will die Bahn zwar alle grĂ¶ĂŸeren StĂ€dte an den Fernverkehr anbinden, aber das könnte bis 2030 dauern.

Das klingt eher nach Projekt deutsche Teilung, aber nun ist es erst mal zu spÀt, der Zug ist abgefahren.

Bild: Parker Byrd