Morgenlese XX

Schon die zwanzigste Morgenlese, kaum bloggt man wieder regelmäßig, vergehen die Artikel wie im Fluge. So, oder so ähnlich. Ich war am Sonntag auf dem ersten Weihnachtsmarkt in diesem Jahr, das hat aber nun nichts mit dem Inhalt zu tun, ich wollte es nur mal erwähnen.

Am 5. November gab es etwas ganz anderes zu feiern, nämlich das es nun schon 30 Jahre her ist, dass die erste .de-Domain vergeben wurde. Man hatte ja nichts damals, da war DNS schon eine tolle Sache. Und hatte doch Gegner:

Die ordentlichen Informatiker anderer deutscher Universitäten hielten das „Gebastel“ für nicht satisfaktionsfähig und standardisierten lieber den umfangreichen OSI-Verzeichnisdienst X.500 in zahlreichen Gremiensitzungen. Es sollte im Verbundsystem der International X.25 Infrastructure (IXI) eingesetzt werden, wurde aber nie fertig gestellt.

In den USA wird wohl am Dienstag gewählt, wie ich aus gut informierten Kreisen erfahre habe, wenn nichts mehr dazwischen kommt, vielleicht fällt uns ja rechtzeitig der Himmel auf den Kopf. Das ist ungefähr so wahrscheinlich, wie das auf Seiten wie der Achse des Guten etwas ernstzunehmendes oder gut recherchiertes erscheint. Trotzdem hat sich Stefan Niggemeier die Mühe gemacht und etwas fact checking für sie betrieben: Rechte erfinden Linke für Trump. Niggemeier zeigt ein weiteres Mal, mit welchen billigen Mitteln Desinformation betrieben wird. Ich erwarte selbst von einer Vera Lengsfeld mehr. Will sagen: ja, wenn’s wenigstens ordentlich hingelogen wäre! Aber nein, das ist alles so lächerlich.

Ich habe weder die Absicht noch die Kapazitäten, Seiten wie die „Achse des Guten“ zu factchecken. Aber der Gedanke, dass sie besonders Leute anzieht, die den etablierten Medien nicht mehr trauen, ist nicht nur angesichts Vera Lengsfelds Rechercheleistung ein bisschen lustig.

Passend zu meinem aktuellen Arbeitsort (ich sitze gerade in der Bahn) noch die letzte Geschichte. Die Bahnstrecke zwischen Berlin und München ist fertig, 8 Millionen Euro hat ein Kilometer der Strecke gekostet. Und für viele ist es zweifelhaft, ob sie den Segen bringt, den sie bei Planung 1991 als „Verkehrsprojekt Deutsche Einheit“ noch versprach. Vielmehr…

[…] werden etwa die thüringischen Städte Weimar und Jena vom Fernverkehr abgeknapst. Keine schrumpfenden Käffer, sondern wichtige Zentren des Ostens, in denen Bevölkerung und Wirtschaft wachsen. Sie gehören demnächst zu jenen mittelgroßen Städten, in denen fast nur Bummelzüge halten. So wie Chemnitz (250.000 Einwohner), Krefeld (220.000 Einwohner) oder Zwickau (100.000). Auf lange Sicht will die Bahn zwar alle größeren Städte an den Fernverkehr anbinden, aber das könnte bis 2030 dauern.

Das klingt eher nach Projekt deutsche Teilung, aber nun ist es erst mal zu spät, der Zug ist abgefahren.

Bild: Parker Byrd

Morgenlese XIX

Heute geht es mal ums Aussteigen.

Apples neuen MacBook Pro schlagen in meiner kleinen Internetwelt immer noch Wellen, inzwischen haben sich jedermann und seine Mutter dazu berufen gefühlt, zu posten, warum er oder sie nun gerade kein MacBook Pro kauft, oder wie es nun mit Apple bergab geht. Ich habe mal zwei bemerkenswerte Beispiele herausgesucht.

Dirk Beckmann, u.a. Autor des Buches »Was würde Apple tun« hat es offenbar die Lebenseinstellung komplett verhagelt, er kriecht gewissermaßen zu Kreuze, geht nach Canossa und verkündet: Ich habe mich geirrt – Apple liegt am Boden:

Apple liegt siechend am Boden, weil die einst innovativste Firma der Welt keine Innovation mehr hervorbringt. Sie melken das iPhone Jahr für Jahr auf die gleiche Weise und selbst jetzt, wo schon die Aktie unter Druck ist, passiert nichts. Außer Gerüchten, die dann aber mehr als nicht erfüllt werden. Nix los in Cupertino.

Was mich zu der Annahme verleitet, dass für einige Menschen Steve Jobs tatsächlich so etwas war, wie Jesus für das Christentum ist. Und nun wird der große Stein vor der Höhle 1 Infinite Loop, Cupertino langsam weggerollt und die Enttäuschten müssen feststellen, dass es keine Auferstehung und keine Jobsche Himmelfahrt gibt.

Aus gänzlich anderen 5 Gründen will Freund Marc Tönsing dieses Jahr kein MacBook Pro kaufen:

  • Kein USB, kein HDMI
  • Kein MagSafe
  • Kein SD-Kartenslot
  • Kein Apple Logo
  • Kein Startup Sound

Keine Kekse. Ach nee. Hier beschwert sich derselbe Mensch, der sich zwei Playstation VR gekauft hat, um sicher zu gehen, dass eine ankommt, darüber, dass er Adapter für seine alten Geräte kaufen muss, um sie an das neue MBP anzuschließen, das nur noch Anschlüsse der neuesten Generation hat. Ein Problem, das sich für 16,99 EURO lösen lässt. Der HDMI-Adapter hingegen kostet tatsächlich 79 EURO. Wen den 2000 EURO für den Rechner nicht stören, der sollte sich doch über 100 EURO für Zubehör nicht beschweren. 😉 Zustimmen muss ich allerdings bei der Kritik am fehlenden MagSafe, das ist wirklich ein Verlust. Natürlich gibt es auch hier schon Ersatz.

Aber genug von Apple. Aussteigen kann man auch anderenorts, beispielsweise bei Google. Wenn ich aber so Mike Kuketz‘ Tschüss Datenkrake: Ein Leben ohne Google lese, scheint es mir zwar wesentlich leichter, sich innerlich von Google zu trennen, der praktische Akt ist aber ungleich schwieriger. Den ersten Schritt ziehe ich ja seit vielen Jahren, in dem ich Duck Duck Go nutze.

Und wer sich immer noch nicht von Javascript verabschiedet hat, hier ein Study Plan To Cure JavaScript Fatigue. Nur zur Sicherheit.

Bild: Parker Byrd

Wot?!

Wie Heise zu berichten weiß, hat der NDR bei Recherchen Einblick in »detaillierte Daten zum Surfverhalten von Millionen Deutschen« bekommen, die wohl aus der sehr beliebten Browsererweiterung »WOT (Web of Trust)« stammen.

Die Browsererweiterung, die eigentlich vor nicht vertrauenswürdigen Webseiten warnen soll, spioniert demnach selbst ihre Nutzer aus und verkauft die Daten, nicht oder nur unzureichend anonymisiert an Dritte.

Soviel zum Thema trust.

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Morgenlese XVIII

Wer in der legendären Schlange vor dem Berghain steht, hat gewöhnlich viel Zeit. Etwas verkürzen kann man diese Zeit mit diesem umfassenden Geschichtsartikel über das Berliner Technoturbinenhaus und -wallfahrtsort: The Berghain Backstory: Building Berlin’s Most Legendary Nightclub.

Zum Oettinger-Pflichthomoehe-Skandal äußert sich Journelle, die auf der Veranstaltung anwesend war (und auch schon Oettingers Erntgleisungen live getwittert hatte): Politische Korrektheit ist nicht das Problem.

Der Abend mit Oettinger hat mir gezeigt, dass wir kein Problem mit zu viel politischer Korrektheit, sondern mit zu wenig politischer Korrektheit haben. Wir können nicht die AfD und ihre Freunde als politische Brandstifter bezeichnen und dann die gleiche Sprache benutzen. Nicht die politisch korrekte Sprache ist das Problem. Das Problem sind diejenigen, die nicht in der Lage sind, eine unterhaltsame Rede zu halten, die ohne Beleidigung und Degradierung auskommt.

Und noch etwas, was ich gerade am eigenen Leib, in Form immer schlechter werdender Augen, erfahre: die Netzpiloten fragen Macht die Arbeit am Computer krank? Ob es sinnvoll ist, diese Frage auf einer nicht gerade augenschonenden weiß-auf-schwarz-Website zu fragen lasse ich mal dahingestellt sein, ich mag es ja auch immer noch. Ansonsten kann ich nur warnen: werdet nicht Webentwickler, sondern Grubenarbeiter oder Testpilot, das sind wirklich sicherer Berufe…

Bild: Parker Byrd

Das fahrende Büro

Wenn mir mittags im Büro der Hipsterbart juckt, setze ich meinen Hipsterhut auf und ziehe meine Hipsterjacke an, springe auf mein Hipsterklapprad und fahre schnell zum zwanzig Kilometer entfernten Park&Ride-Parkplatz, wo mein mobiles Elektrovan-Büro auf mich wartet.

Es gibt bestimmt tausend Gründe, sich ein in einem Van eigebautes Büro zu zulegen. Damit kann man beispielsweise prima auf dem Starbuxparkplatz arbeiten, falls die da draußen Wifi am Start haben. Genial.

Morgenlese XVII

Im Freitag macht sich Katharine Viner Gedanken über Die Wahrheit in Zeiten des Internets, was nicht nur eine lustige Referenz an die Liebe in Zeiten der Cholera ist, sondern schon im Titel das Internet (mglw. unbeabsichtigt) abermals in die Ecke der ansteckenden Krankheiten stellt. Insofern ist der Inhalt besser als der Titel ahnen lässt. Zunächst stellen wir fest, dass im Internet leider viel Fehlinformationen verbreitet werden und dann der Frage, wer uns hier noch retten kann. Ach schön war die Zeit:

Für gewöhnlich gibt es zu einem Thema mehrere Wahrheiten, die miteinander in Widerspruch stehen, aber in der Ära der Druckerpresse haben die Wörter auf einer Zeitungsseite die Dinge fixiert – ob sie sich letztlich als wahr herausstellten oder nicht. Der Information kam eine gewisse Autorität zu, zumindest bis der nächste Tag ein Update oder eine Korrektur brachte, und wir alle gingen bis zu einem bestimmten Punkt von denselben Fakten aus.

Das ist heute leider nicht mehr so. Und auch das Internet hat (am Scheideweg) die falsche Abzweigung genommen:

Von Redakteuren ausgesuchte Inhalte wurden in vielen Fällen durch einen Informationsstrom ersetzt, der von Freunden, Kontakten und Familienangehörigen mitbestimmt und von geheimen Algorithmen verarbeitet wird. Die alte Idee eines weit offenen Netzes, in dem Hyperlinks von Seite zu Seite ein nicht-hierarchisches und dezentralisiertes Netzwerk aus Informationen schaffen, wurde weitgehend durch Plattformen ersetzt, die darauf ausgerichtet sind, dass man seine Zeit innerhalb ihrer Mauern verbringt.

Überhaupt wird derzeit über das Schicksal der (Tages-)Zeitungen und Onlinemedien viel diskutiert. In Folge der Behauptung, die Presseverlage hätten statt auf Newswebsites weiter auf Print setzen sollen1, und dem Anwurf, der große Fehler der Verlage war die defensive Strategie, stellt Damon Kiesov fest: Newspapers are failing the product solution stack test. Zusammengekürzt auf den Kernsatz:

Our guide star is often an internal business need, not an external customer need.

Das schöne an dem Text: in ihm ist das Ende der Zeitungen und Onlinemedien noch nicht beschlossene Sache.

Trio (Krawinkel, Behrens, Remmler, Bild: CC BY-SA 3.0 - Privatfoto)
Trio: Krawinkel, Behrens, Remmler (Bild: CC BY-SA 3.0 – Privatfoto)

Zum Schluss noch eine Verbeugung vor dem großen Mann von Großenkneten, also vor Stephan Remmler, dem das FAZ Feuilleton ausdrücklich freundlich zum 70ten gratuliert. Da, da, da, das war eine Revolution für uns seinerzeit, das Rhythmus-Preset „Rock-1“ des Casio VL-1 hat ein Stück weit unser Leben verändert, wir hatten ja nichts damals, so sehr, dass wir sogar später Keine Sterne in Athen aushalten konnten. Also happy börsday Stephan und schöne Grüße von Sabine.


  1. Absichtliche inhaltliche Verkürzung 

Morgenlese XVI

Als Steve Jobs vor fünf Jahren starb, haben viele nicht nur um ihn, sondern auch um Apple selbst getrauert, das grauenhafte Schicksal vor Augen, was unausweichlich mit Tim Cook als neuen CEO bevorstand: der Niedergang von der Weltspitze ins Mittelfeld. Nun ist Apple auf einer Art weiterhin Weltspitze, das profiabelste Unternehmen ever, aber, genau das ist es eben, was alle befürchtet haben: Tim Cook ist Steve Ballmer.

In der Nähe von Delmenhorst gibt es ein kleines Örtchen Immer und eine meiner Grundschullehrerin erzählt gerne de Witz von dem Bahnkunden, der Immer hin und zurück buchen wollte. Das sagt viel über Delmenhorst und meine Schulzeit dort aus. Nichts hat es zu tun mit dem neuen Chat Videomessaging Fotosharing Kommunikationsdienst der Telekom zu tun, ausser eben den Namen Immmr, der eben genauso witzig ist. Das ist zu diesem Zeitpunkt eigentlich alles, was mir dazu einfällt. Thomas Knüver dagegen lässt kein gutes Haar am neuen Dienst. Alles wie immer.

Auf Island besteht die reale Chance, dass die Piratenpartei die Regierung übernimmt. Was ja in sich schon eine schöne Geschichte ist, noch dazu schön anzusehen.1 Hier kann man dafür nachlesen, wie Boaty McBoatface bei der US-Wahl abstimmt. Ich bette es auch mal ein (zum Zeitpunkt als ich das tue steht es in Deutschland 66% pro Trump und 34% pro Clinton).

Artikelbild: Parker Byrd


  1. Ich bin immer ein wenig beglückt, wenn ich sehe, dass unser Tour-de-France-Layout praktisch immer noch in Benutzung ist. 

Morgenlese XV

Noch in Morgenlese XI wurde vor Botnet-Attacken durch fehlkonfigurierte IoT-Geräte gewarnt, schon ist wird die Sache ernst: Hacked Cameras, DVRs Powered Today’s Massive Internet Outage. Speziell eine IP-Kamera eines chinesischen Herstellers wird wohl mit offenem SSH- und Telnetzugang ausgeliefert, geschützt durch ein Standardpasswort. Well done.

Einer der Teamwitze während des Relaunches von ZEIT ONLINE war ein Zitat des Lego-Batman: „I only work in black. And sometimes very very dark grey.“ Was an unterschiedlichen Grautönen an Schrift- und Hintergrundfarben aus dem Design kam, regte oft zum Lachen an, musste leider oft korrigiert werden. Unsere Ansicht: Designer wollen möglichst helle Grautöne. Leider ist das ein Designtrend, der das Web schlechter lesbar macht.

Und zuletzt eine schöne Sonntagsmorgenlesegeschichte, die mir Freund Arne extra für diese Linksammlung weitergeleitet hat: wie man in Whats-App-Accounts einbricht, in dem man eine wirklich dämliche Sicherheitslücke ausnutzt, mit ein wenig (social) phishing. Hrrmmmpf.

Morgenlese XIV

Wer sich gefragt hat, in welcher Größeneinheit media-queries erstellt werden sollten, lest den Text, oder die Quintessenz: the only unit that performed consistently across all four browsers is em..

Wer einen Performancemonitor für seine Website bauen will, kann warten, bis unser Devblog-Eintrag dazu fertig ist, oder schonmal hier schauer: Building a Website Performance Monitor.

Ire Aderinokun leitet einen mehrteiligen Walkthrough Building a PWA, beginnend mit “Offline First” with Service Worker und dem zweiten Teil: „Instant Loading“ with IndexedDB.

Bild: Parker Byrd

Morgenlese XIII

Heute noch mit PHP entwickeln? Das machen nur noch ein paar sehr erfolgreiche Großprojekte, bspw. Facebook. Welches gerade kräftig in Rubrikenmärkte macht. Google dagegen säubert das Netz von document.write.

Lesenswert

Slacks Entwicklerblog heisst »Several People Coding«, was an sich schon mal super witzig ist, für eingefleischte Slack-Nutzer. Dort eröffnet man nun gerade, ohne Not sozusagen, eine neue Diskussion über PHP als Sprache für große Projekte. Und es ist nicht uninteressant:

Most programmers who have only casually used PHP know two things about it: that it is a bad language, which they would never use if given the choice; and that some of the most extraordinarily successful projects in history use it. This is not quite a contradiction, but it should make us curious. Did Facebook, Wikipedia, WordPress, Etsy, Baidu, Box, and more recently Slack all succeed in spite of using PHP? Would they all have been better off expressing their application in Ruby? Erlang? Haskell?

Viele die ich kenne würden jetzt einfach ja sagen. Vielleicht will ja jemand an der Stelle weiterlesen.

Bemerkenswert

Johannes sieht Facebook dabei, die sog. Rubrikenmärkte auf seiner Plattform einzugliedern und halt wohl Recht.
Eine der wenigen Facebookgruppen die ich wirklich regelmäßig lese, ist eine lokale Flohmarktgruppe. Da bin ich scheinbar kein Einzelfall. Bei den Netzpiloten machten man sich schon letzten Monat größere Sorgen um Ebay.

Facebook wird immer mehr das, was Tageszeitungen für Generationen vor uns waren. D.h. nein, Facebook macht sich dazu, das passiert nicht so aus heiterem Himmel.

Überlegenswert

Eigentlich halte ich es für eine gute Idee, dass Google Chrome in Zukunft bei langsamen Internetverbindungen document.write unterdrückt. Die Googler pushen immer mehr alte Techniken, die das Netz wirklich wirklich aufhalten, zur Tür raus. So, jetzt alle schnell document.write aus den Adcodes ausbauen.