Stadtlinden

Vor unserem Haus stehen Linden. MĂ€chtige große und alte BĂ€ume, die das Straßenbild prĂ€gen und im Sommer die darunter parkenden Autos mit Lindenhonig verschmieren. Jetzt im Sommer herrscht dort das pralle Leben, Vögel und Insekten hauptsĂ€chlich, mutmaßlich auch Eichhörnchen. Alles was in der Insektenwelt FlĂŒgel hat kommt vorbei, um sich den sĂŒĂŸen Lindensaft zu holen. Ganze SchwĂ€rme von Kleinstfliegern tauchen dort auf, wo die Sonne durch die BlĂ€tter scheint, um sofort wieder im Schatten zu verschwinden. Der Baum produziert sprichwörtlich frische Luft und scheint durch seine schiere GrĂ¶ĂŸe eine eigene Klimablase zu produzieren, frisch und luftig, windgeschĂŒtzt und trocken. Das Klima ĂŒbertrĂ€gt sich in die Wohnung und bei Sonnenschein ist alles in ein helles grĂŒnliches Licht getaucht.

MĂŒsli machen

Ich esse nun schon seit geraumer Zeit nur noch wenig bis gar kein Brot zum FrĂŒhstĂŒck, sondern MĂŒsli mit (quasi zucker- und geschmacksfreier) Mandelmilch oder (zuckerfreier) Hafermilch. Das Ziel ist, bei kontrollierter Zufuhr von Kohlenhydraten, mit möglichst vielen Ballaststoffen ein anhaltendes SĂ€ttigungsgefĂŒhl zu erreichen. Das ist natĂŒrlich je nachdem, wie man sein MĂŒsli ausstattet vor allen hinsichtlich der kontrollierten Zufuhr von Zucker oft Augenwischerei, im Vergleich zum morgendlichen Brotessen (plus Aufstrich), trotzdem immer noch effektiv.

Mit der Zeit hat sich so etwas wie mein MĂŒslirezept heraus kristallisiert, kein Hexenwerk natĂŒrlich, aber ich poste es mal trotzdem, so als Anregung.

Zutaten

  • 4 EL Haferflocken (fein)
  • 4 EL Haferflocken (grob) oder Dinkelflocken
  • 1 EL Leinsaat
  • 1 EL Chiasamen
  • 1 EL KĂŒrbiskerne
  • 1 Apfel
  • 1 Hand voll Blaubeeren
  • kleingeschnittenes frisches Obst, bspw. Birne, Pfirsich, Aprikosen nach Belieben

Zubereitung

Das Pferde- und Vogelfutter vermischen, dann mit Nuss- oder Getreidemilch so auffĂŒllen, dass die Flocken eben so bedeckt sind. Schale beiseite stellen und wĂ€hrend alles schön eindickt, die FrĂŒchte zubereiten. Zuerst den Apfel klein schneiden und unter die Pampe rĂŒhren. Gegebenenfalls nochmal Milch zugeben. Die restlichen FrĂŒchte am besten zu einem kleinen Mosaik verteilt auf das MĂŒsli legen.

Die Auswahl der FrĂŒchte sollte eigentlich nach Jahreszeit und Region erfolgen, was aber auch nicht so einfach ist. Es gibt ja wirklich Monate, da mĂŒsste man dann Weißkohl aufs MĂŒsli schnibbeln. Ich versuche also so regional wie es schmeckt und nichts aus Übersee oder SĂŒdafrika importiertes auszuwĂ€hlen. Der Zuckergehalt kann auch je nach Frucht und Menge etwas hoch geraten, aber das Risiko ist es Wert. 😅

Und nach dem Essen ein großes Glas Wasser trinken, damit das Vogelfutter nicht alles verstopft
 ihr wisst schon.

Bleibtgesund!

Normaaaal!

WĂ€hrend die Welt um mich herum jeden Tag nach mehr NormalitĂ€t dĂŒrstet und das Rennen um das einschrĂ€nkungsĂ€rmste Bundesland in vollem Gange ist, zelebrieren wir hier weiterhin erweiterte QuarantĂ€ne, dank Vorerkrankung. Es fĂŒhlt sich ein wenig an, als ziehe sich die Schlinge mit jeder Wiederherstellung von „Freiheiten“ fĂŒr die Masse um uns ein wenig enger zusammen. Hinzu kommen immer öfter irritierte Nachfragen, warum man denn noch nicht beim Friseur war, warum man die Schwiegermutter nicht treffen will, warum man die TĂŒr nicht auf macht, wo doch der Amazonbote inzwischen wieder ins Haus rennt, als hĂ€tte es Corona nie gegeben.

Wenn alle wieder normal sein wollen, klingt das in meinem Ohren immer nach Tom Gerhardt. Und das ist nicht witzig.

Bei der Arbeit bin ich zum ersten Mal zu einer zukĂŒnftigen Review wieder hier im Verlag fĂŒr alle die sich trauen eingeladen worden. In meinem Arbeitsbereich sieht man das noch andes, zudem habe ich noch die Position und das Standing, das zunĂ€chst noch zu ignorieren. Aber es zeigt schon, wohin der Weg geht, das Problem wird auf eine Ebene herunter gespielt, bei der man am Ende als der Versager, der Feigling da steht. Es zeigt auch schön, dass mobiles Arbeiten post corona erstmal nicht gleichwertig neben der Arbeit im BĂŒro stehen wird. Vielmehr wird es ein Karrierehindernis sein.

Kapitalismus, Wirtschaft, Essen gehen, Grillen im Park, all das scheint am Ende wichtiger zu sein, als das Leben meiner Frau. Wenn mich diese Gesellschaft nicht schon lÀngst verloren hÀtte, jetzt wÀre de Zeitpunkt gekommen.

40 Jahre Pac-Man

Sch
 wie die Zeit vergeht. Heute wird ein alter Freund 40 Jahre alt: Pac-Man. Am 22. Mai 1980 hatte Namco パックマン das erste Mal als „Puck Man“ fĂŒr Arcade-Automaten veröffentlicht. Ich kam mit der kleinen gelben fĂŒnfsechstel Pizza sicherlich erst etwas spĂ€ter auf meinem Atari 2600 in Kontakt, und ich möchte behaupten, es ist mit großem Abstand das von mir meistgespielte „Videospiel“ (so nannte man das frĂŒherâ„ąïž. Ich habe mir aber nicht nur am Ataristummeljoystick dafĂŒr die HĂ€nde verkrampft, sondern es auch viel zu oft an einem Coctail-Arcade in einem Delmenhorster Imbiss gespielt
 jedes Spiel kostete eine DM, gut spielen schonte also das Taschengeld. Andererseits musste man sich auch jedesmal etwas zu Essen kaufen, damit man nicht nach spĂ€testens einer Stunde achtkantig aus dem Laden geworfen wurde. Insofern war langes Spielen widerum auch sehr teuer


Das kann man sich heute vielleicht gar nicht mehr vorstellen, aber es gab wirklich eine Zeit, in der man nicht zu Hause spielen konnte, sondern sich dafĂŒr nach (Achtung!) draußen begeben musste. Da es in D. in jenen Tagen keine Spielhallen gab in die man als UnterachtzehnjĂ€hriger durfte, musste man dazu noch an höchst zwielichtige Orte begeben, wo man mit seiner Spielsucht allenfalls gedeuldet, niemals aber gern gesehen war. In meinem Fall waren das:

  • die Diele des alten Dorfkrugs an dem ich auf dem Weg zur Schule immer vorbei kam, dort spielten wir hauptsĂ€chlich Donkey Kong
  • das Bowling Center unter dem City Center, dort gab es einige GerĂ€te, ich habe dort Phoenix, Asteroids, Space Invaders, Centipede und am liebsten Galaga gespielt
  • das CafĂ© an der Eislauf-/Rollschuhbahn (ggĂŒ. dem Autokino, mein Gott mehr Retro geht ja gar nicht), hier stand ein Scramble
  • besagter Imbiss mit dem Pac-Man, spĂ€ter Ms. Pac-Man, jeweils als Coctail-Tisch.

Viele von den oben genannten haben die Popkultur der 80er mitgeprÀgt und mein Leben in vielerlei Hinsicht beeinflusst. Es war halt alles so, wie man es sich vorstellt: wie Stranger Things, nur halt ohne Monster.

ZurĂŒck zu Pac-Man: zum Dreißigsten hatte Google ja seinerzeit ein spielbares Doodle veröffentlicht, das man auch heute noch spielen kann (alle 255 + 1 Level). Zum Vierzigtsen gibt’s aber richtig Rummel (vor allem natĂŒrlich in Japan), dazu gehört sogar ein Geburtslied von niemand geringerem als Ken Ishii, ist aber eher so naja


Amazon hingegen bringt gleich das Spiel neu heraus, in einem Coopmodus, den man auf Twitch spielen kann?

In diesen Zusammenhang gehört natĂŒrlich auch die Sonderausstellung „Die digitale KĂŒche – Mit Essen spielt man (nicht)“ im Berliner Computerspielemuseeum, das zufĂ€llig ab morgen wieder geöffnet hat


Artikelbild gemeinfreiÀhnlich freigegeben von Kirill Sharkovski auf Unsplash.

Umzug wÀhrend der Coronakrise

Der Umzug war lange geplant. Der Plan war, das alte Haus und die neue Wohnung lĂ€nger parallel zu mieten, um den Stress niedrig zu halten. Außerdem haben wir uns ein professionelles Umzugsunternehmen geleistet, dass einen Teil unserer Sachen (maßgeblich die KĂŒche) statt uns packen sollte.

Diese langgestreckte Planung wurde von „Corona“ ganz schön durcheinander gewirbelt. ZunĂ€chst mal hatten wir davon unabhĂ€ngig den konkreten Umzugstermin schon vorgezogen, also in das vordere Drittel der Übergangsfrist gelegt. Wir wollte keine Fahrten zur neuen Wohnung unternehmen, ohne Dinge mitzunehmen und so entstand sehr schnell UngemĂŒtlichkeit an beiden Orten. Auch haben wir frĂŒh angefangen alles zu verpacken, was dann aber doch wieder fehlte oder im Weg rum stand, kurz gesagt: so funktionierte das nicht.

Die beiden Umzugstage am 16. und 17. MĂ€rz waren dann schon sehr von der Coronakrise geprĂ€gt, in den Tagen vorher verdichtete sich das Geschehen immer mehr. Im Verlag stellten wir zum 16.03. auf freiwilliges Homeoffice um, wofĂŒr ich als Langstreckenpendler mehr als dankbar bin, es war aber ein mieses GefĂŒhl, selbst direkt Leute zu beschĂ€ftigen, die ihre Arbeit leider nicht zu Hause erledigen können. Zudem entsprach ein zweitĂ€giges Rein und Raus von bis zu acht Personen an zwei Standorten natĂŒrlich ĂŒberhaupt nicht dem, was sich beispielsweise Angela Merkel unter social distancing vorstellte. Die ganze Aktion war also von einer gewissen Ansteckungsangst einerseits und schlechtem Gewissen andererseits geprĂ€gt. Allein, der Termin abzublasen und in eine mehr als ungewisse Zukunft zu verschieben, wĂ€re wohl auch keine gute Idee gewesen.

Nun geht das Problem aber ja noch weiter. Falls morgen die Maßnahmen weiter verschĂ€rft werden, mit Ausgangssperren beispielsweise, dann weiß ich noch nicht, wie wir mit dem Haus weiter verfahren sollen. Es mĂŒssen noch Dinge entsorgt werden, aber es ist unklar ob der vereinbarte SperrmĂŒll-Termin ĂŒberhaupt stattfindet oder der örtliche Recyclinghof noch öffnet oder ob ich dann ĂŒberhaupt noch von A nach B fahren darf um diese Dinge zu erledigen. Ums leicht zu machen, sind wir in der neuen Wohnung auch noch nicht gemeldet, das örtliche Einwohnermeldeamt bietet mir gerade online einen Termin dafĂŒr an: frĂŒhestens am 25. Mai. Wohnungsbesichtigungen fĂŒhrt unsere—vom Virus scheinbar völlig unbeeindruckte—Vermieterin selbst durch, weil wir uns mehr oder weniger geweigert haben, Horden von Familien durch das Haus zu fĂŒhren.

Es bleibt also spannend


Keine Seife

Ich stehe der aktuellen, ich empfinde das so, Corona-Hysterie, immer ratloser gegenĂŒber. Ich habe mich in meinem stochastischen Paradies eingeigelt in der Vorstellung, dass mir a) schon nichts passieren wird und wenn dasnn b) alles glimpflich ablaufen wird. Zur Aufrwchterhaltung meiner inneren Sicherheit reicht fĂŒr mich Einhaltung der Niesetikette und ein vermehrtes HĂ€ndewaachen.

Das scheint aber nicht allen so zu gehen. Ich glaube ĂŒber HamsterkĂ€ufe sind alle Witze gerissen, trotzdem muss ich mich mal kurz ĂŒber dieses PhĂ€nomen wundern. Ich meine, dass sich Menschen auf das Ende der Welt vorbereiten hat es ja immer gegeben, und das massenhafte Einkaufen von Dosenfutter und TĂŒtensuppen dĂŒrfte hier die richtige Wahl sein, ob da nun der Coronavirus oder die Zombieapokalyse auf uns zu kommt. Das in diesen Tagen chronisch ausverkaufte Klopapier macht mir da schon mehr Kopfzerbrechen. Was ich aber gar nicht mehr verstehen kann, ist, dass man keine Seife mehr bekommt.

Ich stehe also im Drogeriemarkt vor dem Regal wo eigentlich die Seifen stehen. Da sind aber nur vier Etagen leeres Regal anzutreffen. In der Mitte des Regals packt ein einzelner Mitarbeiter TĂŒten mit FlĂŒssigseife der Hausmarke aus einem Karton ins Regal. Jedesmal, wenn er in den Karton nach einer neuen Packung greift, hat sich schon jemand die letzte Packung geschnappt, die er ins Regal gestellt hat. Schon ist der Kasten leer und er seufzt: „Das war‘s, mehr gibt‘s erst wieder morgen.“

Woher kommt diese Nachfrage? Ich meine, die HĂ€nde haben wir uns doch vorher hoffentlich auch schon gewaschen. Ja, oder nicht? Das ist aber natĂŒrlich nichts gegen Handdesinfektionsmittel. Das scheint ja inzwischen in Gold aufgewogen zu werden. Grund genug, um es aus KrankenhĂ€usern oder den Toiletten bei der Arbeit zu entwenden. Gibt es bereits an irgendwelchen dunklen Ecken der Stadt einen Schwarzmarkt fĂŒr Hygienealkohol? Wo dann angebrochene und/oder mit Wasser gepanschte Flaschen Sterilium vertickt werden? „Ey Alter, hier 100% reines Zeug
“

Delmenhorst

Meine Kindheit und Jugend versus Element of Crime.

„Ich bin jetzt immer da, wo du nicht bist, und das ist immer Delmenhorst“

„In der NĂ€he [meiner zweiten Heimatstadt] gibt es ein kleines Örtchen „Immer“ und eine meiner Grundschullehrerinnen erzĂ€hlte gerne den Witz von dem Bahnkunden, der Immer hin und zurĂŒck buchen wollte. Das sagt viel ĂŒber Delmenhorst und meine Schulzeit dort aus.“ Ich selbst einst.

„Es ist schön, wenn’s nicht mehr weh tut, und wo zu sein, wo du nie warst“

Es gab eine Zeit, da hat jeder dem man erzĂ€hlte, dass man in Delmenhorst lebe, gesagt: „Kenn‘ ich, aus den Verkehrsnachrichten!“ Mehr hatte die kleine Stadt vor den Toren Bremens eigentlich seinerzeit auch nicht zu bieten, als einen Stauschwerpunkt an der A1. Heute werde ich in immer nur gefragt, ob ich Sahra Connor persönlich kenne. Weil die Stadt ja so klein ist, dass dort jeder jeden kennt. Nicht.

„Hinter Huchting ist ein Graben, der ist weder breit noch tief“

Als Kind fand ich die BĂ€ke eigentlich ziemlich breit, aber Kindern kommt ja alles unglaublich groß vor. Jedenfalls gibt/gab es einen teiweise verwachsenen Wanderweg entlang der BĂ€ke, dort haben wir viel gespielt, zu, Beispiel ein Baumhaus gebaut. Mit Werkzeug das wir im nahegelegenen Baumarkt ge
 ach egal, den Baumarkt gibt‘s ja auch schon lange nicht mehr, da ist heute ein Sonnenstudio, das Sven Regener sicherlich erwĂ€hnt hĂ€tte, wenn es scon dagewesen wĂ€re, als er den Song schrieb, denn es gibt wohl nichts deprimierenderes, als Sonnenstudios. Vieleicht noch Ein-Euro-Shops.

„und dann kommt gleich ‚GetrĂ€nke Hoffmann‘, Sag‘ Bescheid, wenn du mich liebst“

Gab keinen GetrÀnkeladen zu meiner Zeit dort. Stattdessen ein Maisfeld, wo jetzt ein Haufen MehrfamilienhÀuser stehen und Wiesen, wo heute Netto steht. Und das alte stillgelegte BahnhofsgebÀude war das alte stillgelegte BahnhofsgebÀude und kein Beauty- und Hairsalon.

„Ich hab jetzt Sachen an, die du nicht magst, und die sind immer grĂŒn und blau“

Meine Oma hat mir viele Pullover gestrickt zu der Zeit, denn das machte sie eigentlich 24/7, stricken, es traf sich sogar regelmĂ€ĂŸig ein Strickclub in unserem Haus, dann wurde aber seltsamerweise weniger gestrickt, stattdessen viel gelacht und ich glaube auch getrunken. Jedenfalls mein Lieblingsoma-Pullover war grĂŒn und blau gesteift, weil er aus irgendwelchen Resten zusammen gemixt war, weil „grĂŒn und blau trĂ€gt die Sau“. Den habe ich so geliebt und so betragen, dass er als ich ihn wegwarf bestimmt drei bis vier Nummern grĂ¶ĂŸer geqorden war.

„Ob ich wirklich Sport betreibe, interessiert hier keine Sau“

Dabei habe ich in Delmenhorst viel Sport getrieben. Vor allem Volleyball. Da bin ich von der Kindergruppe bis zur Mixed-Liga dabei gewesen, viele Jahre. Mit Übungsleiterschein machen und allem. In der Schule hatte ich eine Sportlehrerin, die fragte am Beginn des Schuljahrs immer, wer im Verein spielt und allein dafĂŒr bekam man direkt eine eins. Oder man machte bei „Jugend trainiert fĂŒr Olympia“ mit, so hab ich mir meine eins in Basketball erspielt. Ausgerechnet ich.

„Ich mach‘ jetzt endlich alles öffentlich, und erzĂ€hle, was ich weiß“

– Scheiße, da kommen die Bullen!
– Die kriegen nichts ab!

„Auf der Straße der Verdammten, die hier Bremer Straße heißt“

Als Kind bin ich sie zu Fuß gelaufen, jeden Tag zur Schule. Im Gasthof Schierenbeck stand ein Soielautomat im Eingang, Donkey Kong, da hab ich viel Geld gelassen. Dann mit dem Fahrrad in Richtung Stadt zur Schule. Im Imbis gegenĂŒber vom Delbus gab‘s einen Pacman-Tisch! Der Kiosk, wo wir erst gemischte TĂŒten fĂŒr eine Mark und spĂ€ter einzelne Zigaretten gekauft haben. Der Grieche, der immer ausflippte, wenn wir zum Essen kamen, weil wir beide Nico hiessen. Alles Bremer Straße. Die Schlagader meiner Jugend quasi.

„Ich bin jetzt da, wo ich mich haben will, und das ist immer Delmenhorst“

Sven Regener hat mal behauptet, er wĂ€re zumindest bis er den Song geschrieben hat, nie dort gewesen und das kann ich ihm in soweit abnehmen, als dass der Song genau jene diffusen Aussagen ĂŒber Delmenhorst enthĂ€lt, die man als Bremer halt so im Kopf hat, wenn man an Delmenhorst denkt. Ging mir nicht anders.

„Erst wenn alles scheißegal ist, macht das Leben wieder Spaß“

„In Delmenhorst ist Gerd Thume ein stadtbekannter Maler.“ Danke.

Bremen

Ich bin das, was man einen Waller Butjer nennt. Walle ist ein Stadtteil von Bremen, der westlich der Innenstadt, nördlich der HÀfen, zumindest zum Zeitpunkt meiner Geburt als Arbeiterviertel geprÀgt war. Dort konnte man morgens den Geruch von Kaffee und Bier in der Luft wahrnehmen, zwei Dinge, an die ich mich allenfalls fabelhaft erinnern kann, da ich zu der Zeit weder Kaffee noch Bier jemals konsumiert hatte.

Butjer spricht man wohl ein bisschen wie den englischen Schlachter aus, bezeichnet laut Wikipedia „energiegeladene kleine Kinder, die einen Riesenspaß daran haben, ausgelassen und fröhlich draußen zu spielen und zu toben“, hĂ€tte ich besser nicht beschreiben können. Mein Revier war das Waller Westend: ein Spielplatz an der Seydlitzstraße, sowie die weitere Umgebung der Vegesacker Straße zwischen Waller GrĂŒn und Ritterraschenstraße, manchmal bis zum Waller Park.

Ich war ein Stadtkind und unser Revier war die Straße. Ich nehme an, das ist dort heute noch so, denn obwohl es natĂŒrlich einen irren Zuwachs an Autoverkehr gegeben hat, und die umliegenden SUV-Autobahnen wie die Nordstraße oder die Waller Heerstraße fĂŒr Kinder heute wahrscheinlich tödliche Barrieren sind, hat man doch mit viel Verkehrsberuhigung und einem undurchschaubaren Einbahnstraßensystem fĂŒr den Verkehrsfluss etwas verlangsamt. Das alte Arbeiterviertel ist heute sicherlich in und voll durchgentrifiziert, vielleicht ist auch diese Zeit schon wieder vorbei. Ist lange her, dass ich mich dort mal umgesehen habe. Die vom Krieg geschlagenen BaulĂŒcken, die es in meiner Kindheit 25-30 Jahre nach dem Krieg, noch gab, sind jedenfalls verschwunden.

Beim Schreiben fĂ€llt mir erst so richtig auf, wie sehr das eine andere Zeit war damals. GlĂŒckliche Kindheit auf der Straße. Das ging immer, auch wenn es mindestens einmal knapp war und ich dem frĂŒhen Verkehrstod von der Motorhaube gesprungen bin. Wenn ich zu Hause war, habe ich mit Playmobil (Ritterburg) gespielt oder sonstwas, einen Fernseher hatten wir, aber der schien nur abends zu funktionieren. Und war zunĂ€chst auch schwarz-weiß. Computer? Sehr witzig! Aber jede Woche ein Yps-Heft, so war das!

Ob ich unter der dauernden Abwesenheit meines Vaters gelitten habe, der als technischer Schiffsoffizier die Familie von großer Fahrt zu ernĂ€hren suchte, kann ich aus der RĂŒckschau wirklich nur schwer sagen. Ich habe die Zeit vielmehr als glĂŒcklich abgespeichert, vor allem wohl auch, weil ich im Alter von knappen Sieben aus allem herausgerissen wurde, um aufs Land zu ziehen. Die Idee meiner Eltern, dass es dort fĂŒr Kinder einfach besser und schöner wĂ€re, habe ich erst viele Jahre spĂ€ter verstanden. Selbstmitleidig betrachte ich diesen Umzug immer noch als mein Kindheitstrauma, obwohl ich inzwischen weiß, dass das eben eine kindische Betrachtungsweise ist, aber das war ich ja seinerzeit noch.

Also verlor ich meine Heimat und zog nach Delmenhorst, ein Ort den Menschen als abstĂ¶ĂŸig empfinden. An der Straße der Verdammten auch noch


Artikelbild gemeinfreiĂ€hnlich freigegeben von Jana Sabeth auf Unsplash.

Umziehen

Wir packen gerade unsere sieben Sachen und ziehen vom Dorf zurĂŒck in die Stadt. Marc ist gerade endgĂŒltig (und superspießig) aufs Dorf gezogen und hat u.a. seine 10 Wohnorte aufgelistet. Da kann ich ĂŒber!

  1. Bremen
  2. Delmenhorst
  3. Wardenburg/Benthullen
  4. Oldenburg (Oldenb.) (Haarentor)
  5. Oldenburg (BĂŒrgerfelde)
  6. Oldenburg (Donnerschwee, beschte WG ever)
  7. Oldenburg (Innenstadt)
  8. Oldeburg (Innenstadt)
  9. LĂŒbeck (Buntekuh)
  10. LĂŒbeck (St. Lorenz Nord)
  11. LĂŒbeck (St. JĂŒrgen)
  12. Reinfeld (Holstein)

Und nun kommt also Umzug Nummer 12, zurĂŒck nach LĂŒbeck. ZurĂŒck nach St. JĂŒrgen. ZurĂŒck an die Wakenitz. Und da bin ich mit Marc sowas von einer Meinung: reicht dann auch mal, mit der Umzieherei.