Paterson

Jim Jarmush über die Poesie, die Liebe und die Langsamkeit.

Paterson ist nicht nur eine Stadt in New Jersey aus der scheinbar viele bekannte Leute stammen, sondern auch der Name des Protagonisten, einem Busfahrer, der Gedichte schreibt. Der Film zeigt sieben Tage aus dem Leben jenes Busfahrers, der jeden morgen wie automatisch um zehn nach sechs erwacht, seine Cheriohs frühstückt und dann zur Arbeit läuft. Und so weiter.

Zwischendrin schreibt Paterson (gespielt von Adam Driver aka. Kylo Ren) also seine Gedichte. Eines Tages allerdings… nein, ich will jetzt nicht spoilern. Und ganz ehrlich gesagt, das hört sich dann auch schon nach mehr Action an, als es ist. Denn Paterson ist ein sehr langsamer und ruhiger Film. Ein wunderbar langsamer und ruhiger Film, ohne dabei selbst konservativ zu sein oder etwa langweilig.

Was Paterson zeigt, sind die kleinen Unwegbarkeiten des Lebens, die Rückschläge die jeden Tag passieren, nach denen man sich aber keinesfalls aufhalten lässt, sondern weiter geht auf seinem Weg, unterstützt vom Ehepartner, von Freunden und manchmal auch von Fremden. Im Gegenzug hilft man all diesen Leuten wieder über deren kleine Rückschläge. Und dann ist ja auch schon wieder ein Tag vorbei. Dieses Gefühl, das man schnell bekommt, wenn man einem regelmäßigen Job nach geht: man steht auf, geht zur Arbeit, es passieren ein, vielleicht zwei Dinge, man kehrt zurück von der Arbeit, noch kurz in die Kneipe und dann ins Bett und alles wieder von vorne, diese Gleichförmigkeit formt auch Jarmushs Film.

Ein Film für einen Sonntagabend.

The Lava Field

Island. Dort im dunklen, dunklen Island, werden die bösen ungeliebten Verwandten des skandinavischen Krimis produziert. Ein isländischer Krimi ist grundsätzlich von folgenden Eigenschaften geprägt:

  • es ist immer kalt, arschkalt sogar, es regnet oder schneit zu 99,9% und das Licht ist immer wie an einem diesigem Februartag
  • dafür kennen isländische Film- und TV-Produktionen keinerlei Beleuchtung
  • der Ermittler kennt alle an der Handlung teilnehmenden Figuren persönlich (ja Island ist klein)
  • alles ist getränkt von einer ungreifbaren Hoffnungslosigkeit, am Ende sterben alle, oder der Ermittler wird verhaftet

Dieses Setting verleiht dem isländischen Krimi an sich und The Lava Field (so heisst die Miniserie bei Netflix, bei Arte lief sie einfach unter „Lava”) im Besonderen dieses düstere und gleichzeitig familiäre Ambiente.

Helgi Runarssonan, unser Ermittler, vielleicht wird er am Ende verhaftet? Helgi also hat sowieso schon schwerwiegende psychische Probleme, leidet unter traumatischen Kindheitserfahrungen ebenso, wie unter dem Tod seines Sohnes. Und dann soll er auch noch dort einen Mord aufklären, wo er selbst als Kind gefoltert wurde. Alles andere ist voll und ganz isländischer Krimi. Man muss die Helligkeitswerte seines TV hochdrehen, um überhaupt mitzubekommen, wer gerade wen verprügelt oder ermordet. Im Zeitlupentempo schleppt sich Helgi mit Kollegen Gréta durch die Ermittlung, die isländische Gletscherlandschaft und durch Helgis Therapiestunden. Aber Helgi kreist seine Gegner immer weiter ein und lockt sie schließlich aus der Reserve. Ja und dann sterben alle…

Das hört sich negativ an? Ist es nicht. Ich weiss die meisten Mensche lieben es eher, wenn links und rechts des permanent rennenden Protagonisten die Autos in die Luft fliegen, ich kann mich vor Spannung aber kaum noch auf der Couch (sic!) halten, wenn es eben nicht so ist. Helgi Runarssonan ist genau mein Mann. Und dieser unendliche Pessimismus der dem isländischen Krimi inne wohnt, ist mein Freund. Und sowas kann ich nur wärmstens weiterempfehlen.

Bild: Ivars Krutainis

Lifjord, Staffel 1

Neben dänischen und schwedischen TV-Produktionen, mag ich natürlich auch norwegisches TV. Zumeist ein wenig rauer als die Erstgenannten, nicht nur vom Wetter her (Varg Veeum anyone), lohnt es sich immer einen norwegischen Krimi anzutesten. Lifjord – der Freispruch zum Beispiel.

Der norwegische Originaltitel ist übrigens nur »Frikjent«, also der Freispruch, in Norwegen spielt der Ort der Handlung eher eine untergeordnete Rolle. Obwohl die norwegischen Produzenten natürlich auch wissen, dass sich Bilder der heimischen Natur dem internationalen Erfolg zumindest nicht schaden. Die zunächst krimiesk angeteaserte Story, stellt sich doch ziemlich schnell als die Fortsetzung des Denver Clans mit skandinavischen Mitteln heraus. Der freigesprochene, also ehemalige Mordverdächtige Axel, inzwischen geschäftliche sehr erfolgreich in Malaysia, kehrt in seine Heimatstadt in Norwegen zurück, mutmaßlich um die dortige Solarzellenproduktion zu retten, wohl aber ehr um mit der Vergangenheit klar zu kommen. Denn, obwohl freigesprochen, scheint er selbst gar nicht zu wissen, ob er einst den Mord begangen hat, der ihm von den Dorfbewohnern auch heute noch zur Last gelegt wird.

Da geht einiges. Man versucht praktisch von Minute vier an (nach einem ausgiebigen Flug über den Fjord), zu erraten, ob nun Axel den Mord seinerzeit begangen hat oder eben jemand anders. Und mit jedem Brocken, der einem hingeworfen wird, wähnt man jemand anderes als Mörder. Und dabei ist das ganze eben eher wie eine Familiengeschichte aufgebaut, will sagen, es gibt jetzt niemanden, der konkret irgendetwas ermittelt oder so. Eine Stärke des skandinavischen Krimis finde ich ja, dass neben der Ermittlung auch immer das Leben der Ermittelnden gezeigt wird. Das ist hier im Grunde umgekehrt, denn die Ermittlung findet praktisch nur noch im Kopf des Zuschauers statt. Zusammengefasst: lohnt sich, vor allem für Skandinavienfans, dort aber richtig.

Bild: Jeff Sheldon

Jordskott

Polizistin Eva Thörnblad kehrt in ihr Heimatdorf Silverhöjd zurück, in dem ihre Tochter vor sieben Jahren auf ungeklärte Art verschwand, um den Nachlass ihres Vaters zu regeln. Gerade ist wieder ein Kind unter misteriösen Umständen verschwunden und schnell stellt sich heraus, dass Mächte im Spiel sind, die nicht unbedingt menschlicher Natur sind.

Skandinavische Krimis sind meiner Meinung nach dem deutschen Tatort-Grauen schon seit der Olsenbande überlegen, aber Jordskott ist nochmal eine ganz eigene Qualität. Fröhlich vermischen sich Krimi, Fantasyroman und traditionelle Märchen und heraus kommt eine extrem spannende Mischung, die vor der Kulisse schwedischer Wald- und Seenlandschaft völlig logisch und einsehbar daher kommt. Im Grunde erfindet sich mit Jordskott der skandinavische Krimi selbst neu. Und es ist wirklich, wirklich gut: spannend, grausam, witzig, mitreissend. Aber das Rezept jetzt bitte nicht für den nächsten Tatort übernehmen: »Ring der Nibelungen gestohlen«…

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