5. Scrum

Der Täufer taucht den Kopf eines Kindes in die brackigen Fluten und murmelt dabei einige heilige Worte, danach wendet er sich, noch bis zu den Knien im Wasser stehend, an die herumstehenden Gaffer und brüllt sie lauthals an: »Dieser Mann ist nun geheilt, da er von nun an alles richtig macht in seinem Arbeitsleben! Ihr jedoch, ihr seid Ketzer, die der falschen Lehre anhängt, der Lehre vom Wasserfall. Und der Wasserfall wird es sein, der euch hinweg waschen wird, vom Erdenrand des Projektmanagements!«

So wurde mir Scrum nahe gebracht, bei einer Konferenz. Täufer war ein Scrum-Master und er beschimpfte unablässig sein Publikum, das er zuvor per Handaufzeigen sich selbst in Wissende und Ketzer geteilt hatte, damit, dass sie eine Schande für die gesamte IT seien, auf dem falschen Pfad, und alle Projekte die sie bis heute gemacht hatten, wären der letzte Müll gewesen, ein riesiger Wasserfall aus Scheiße!

Geschickt umging er es dabei zu erklären, was sein „Scrum“ denn nun eigentlich sei, sondern hackte vor allem auf anderen Ansätzen, Frameworks, oder auch jenen die gar keiner speziellen Ideologie an hingen herum, sie alle würden Wasserfall machen. »Alles außer Scrum ist Wasserfall!«, schrie er uns förmlich entgegen, und wir alle waren kleine, nutzloses Kröten, die ihre Arbeitszeit bis dahin nur verplempert hatten ohne zählbares Ergebnis.

Wikipedia nennt es ein »Vorgehensmodell zur agilen Softwareentwicklung«. Einige denken, Scrum wäre der Name der Piratenspelunke in Monkey Island I, in Wahrheit ist es aber eine Religion, die auf Konferenzen, Messen und in luftarmen Konferenzräumen rund um diesen Globus verkündet wird. Und das Versprechen ist einfach nicht so zu sein, wie alles was man vorher gemacht hat, was ja so schlecht lief. Wenn ein Haufen Idioten keine ordentliche Website zusammen gebaut bekommt, liegt es nicht daran, dass es Idioten sind, sondern dass sie kein Scrum benutzen! Und auch wenn es gut läuft, es könnte doch viel besser laufen, dort im Land Scrum, wo Milch und Honig fließen. Wie das genau geht? Das weiß keiner so genau, denn nicht alle machen das gleiche Scrum. Vielmehr kocht jeder sein eigenes Süppchen. Weil jeder nach einem kurzen Einführungsseminar der Ansicht ist, er wisse, was er da tue. Ich ja auch.

Treffen sich zwei Scrum Master. Sagt der eine: »Und wie ist dein Scrum heute so?«, antwortet der andere giftig: »Jedenfalls anders als deins!«

Für irgendein Scrum also teilt man die Mitarbeiter in Stakeholder, Product Owner, Scrum Master und Teams. Es gibt ein paar regelmäßige Meetings, man arbeitet, nein ~~iritiert~~ iteriert in Sprints und man zählt Punkte. Ganz ähnlich also wie ein Mitgliedschaft bei Weight Watchers—auch so eine Sekte. Die Punkte jedenfalls schreibt man an User-Stories, so sind die Aufgaben formuliert. Ein Feature ist dort immer aus der Sicht eines Nutzers beschrieben und auch, wozu es ihm nützt. Das geht so lange gut, bis zum ersten Mal die Firma als User auftaucht »Als Website AG möchte ich mehr Werbeplätze einbinden, damit wir mehr Geld verdienen«. Die Userstories werden im Backlog zusammengefasst und pro Sprint werden welche ausgesucht, die in diesem Sprint zur Releasereife entwickelt werden, dem MVP, dem minimal viable product. Ja, Scrum hat ein Wort für alles und für alles einen eigenen scrummy way. Um all das umzusetzen braucht man nur die folgenden Meetings abzuhalten und irgendwann zwischendurch such mal Code zu schreiben, zu testen, zu releasen, zu verbessern.

Da ist einmal das Daily (Scrum), wo alle maximal eine Viertelstunde zusammenstehen und sich gegenseitig erzählen, was sie gestern gemacht haben, was ihnen im Weg steht und was sie heute vorhaben. Das kann interessant sein, anfangs. Mit der Zeit entwickelt man aber eine gewisse Abstumpfung, zumal das Daily das erste Meeting am Tag ist und die meisten gerade erst aufgestanden sind. Da ist man oft mit der eigenen Tagesplanung mehr beschäftigt, als man den anderen zu hören kann. Ich schwöre einer meiner Kollegen hat aus reiner Bosheit fünf Tage am Stück den immer gleichen Text beim Daily heruntergebetet und keiner hat es gemerkt. Wie so ein Daily läuft kann man schnell überprüfen, indem man danach in die Runde fragt, wer noch weiß, was man gerade erzählt hat.

Dann gibt es das Planning. Hier wird geplant, was in einem Sprint umgesetzt werden kann und wie. Es soll pro Sprintwoche maximal zwei Stunden dauern, bei vierwöchigen Sprints also mal gleich einen schlappen Arbeitstag. Zur Vorbereitung des Plannings, gibt es meist noch ein weiteres Meeting, das Grooming. »Der Product Owner stellt dem Entwicklungsteam die im Product Backlog festgehaltenen Produkteigenschaften in der zuvor priorisierten Reihenfolge vor.« Gemeinsam entwickelt man ein Verständnis dafür, was im kommenden Sprint zu erledigen ist. In der Webentwicklung heißt das im wesentlichen, man schaut auf Screenshots und Designs und füllt gemeinsam den Wissensteil, den man in Screenshots nicht sehen kann, also so an die 99 Prozent. Hinterher einigt man sich irgendwie, wieviel Arbeit man wohl schaffen kann. Dazu kann man das so genannte Planning-Poker nutzen, das nicht zufällig etwas mit Spielen zu tun hat. Geschätzt wird auch nicht Zeit, sondern Komplexität, obwohl alle im Kopf andauernd in Zeit zurückrechnen, der Sprint selbst ist ja auch eine zeitliche Dimension. So schätzen die einen die Zeit für die Aufgabe, die anderen wieviel Zeit sie mehr haben, wenn sie jetzt ohne weitere Diskussion schnell eine Zahl an den Task schreiben und das Meeting eher vorbei ist.

Und als letztes kann man noch regelmäßig am Ende eines Sprints eine Retrospektive abhalten. Dort wird, kanalisiert durch lustige Spielchen, erarbeitet, wie das Team mit Problemen umgeht, oder am liebsten, wie es noch besser werden kann. Hat man ein paar Retrospektiven abgehalten, stellt man aber auch schon mal fest, dass man immer wieder auf dieselben Probleme stößt, bspw. das die Retrospektiven nicht laufen. Weil eine derartige Metadiskussion kontraproduktiv ist, wird die Retro schnell dran gegeben, vergessen oder dem aktuellen Erfolgsdruck geopfert. Was Schade ist, denn während eines Sprints ist ~~nicht viel~~ keine Zeit Dinge zu kritisieren oder zu ändern. »Das ist jetzt ein Thema für die Retro« ist das Totschlagargument für alle anderen Meetings, falls unerwünschte, weil längliche Diskussionen aufkommen. Leider auch, wenn gar keine Retros mehr abgehalten werden.

Ich wische mir das Wasser aus den Augen und trockne die nassen Haare. Schön, nun bin auch in zu Scrum getauft. In Zukunft will ich nur noch Storypoints schaffen und Iterationen bauen. Das große Ganze wird mir dabei immer mehr egal sein, das beruhigt mich. Diese Zeilen dort oben? Die hat ein anderer geschrieben. Das wäre mal ein Thema für eine Retro.

Bild: Paul Itkin

4. Mein Bewerbungsschreiben ist voller Aale

Ich habe in den Jahren nun ein paar Bewerbungen gesehen und ich frage mich ernsthaft: gibt es eine mafiöse kriminelle Vereinigung von arbeitslosen Lehrern und Sozialpädagogen, die die Welt mit schlechten Kursen, Workshops und Tipps zum Thema „Wie bewerbe ich mich richtig“ überschwemmen? So wie in dem Sketch von Monty Python, wo ein Mann ein englisch-ungarisches Wörterbuch herausgibt, dessen Übersetzungen der blanke Unsinn sind, mein Lieblingssatz: »Mein Luftkissenfahrzeug ist voller Aale!«.

Anders kann ich mir nicht erklären, was so in der Welt an An- und Motivationsschreiben und Lebensläufen unterwegs ist. Und damit meine ich gar nicht die vor Unlust strotzenden Zwangsbewerbungen von Leuten, die den Job gar nicht wollen, oder jene, die auf die schnelle am Abend vorher bei Bier und Fritten zusammen geschrieben worden und voller Rechtschreib- bzw. Tippfehler sind. Klar, seine Bewerbung von niemandem gegenlesen zu lassen zeugt von Selbstvertrauen, aber möglicherweise an der falschen Stelle. Mir geht es aber vielmehr um die ausgefallenen Ideen, die Versuche aus der Masse heraus zu ragen, durch Konfetti und Knalleffekt Eindruck zu machen.

Hürde Nummer eins einer jeden Bewerbung scheint der Briefkopf zu sein. Gesegnet sind jene, die noch Schreibmaschinen kennen. Da hat man einfach seinen Namen und seine Adresse auf ein Blatt Papier hingeschrieben, ganz oben. Ebenfalls gesegnet sind die, die Wordart und Corel Draw kennengelernt haben und erkennen, dass dies unprofessioneller Quatsch ist. Arm dran sind jene, die das für Kunst halten. Oder jene die glauben, das Webdesign sich ganz leicht in Print umsetzen ließe.

Auch ein großes Problem sind Lebensläufe mit großem kreativen Anteil. Ja Tabellen sind langweilig und offenbaren schnell etwaige Lücken in der zeitlichen Abfolge, aber zu viel Icons, Unterpunkte und Themensortierung lassen womöglich Lücken entstehen beim Leser, wo vielleicht gar keine sind.

Und dann die sogenannte Skillmatrix. Wer hat denn bitte die erfunden? Die soll die Kenntnisse des Bewerbers als Selbsteinschätzung plakativ darstellen, und gleichzeitig sich in eine angenommene Skillmatrix des zukünftigen Teams einfügen. Nur, einerseits scheinen alle die gleichen Skills zu haben, und andererseits scheint man besondere Skills zum Erstellen einer solchen Grafik zu benötigen. Die grafisch dargestellten exzellenten Kenntnisse in der Nutzung von Officeprodukten interessieren vielleicht nur bei Verwaltungsangestellten. Und anderseits, die hilflose Kopie eines Bewertungsbalkens aus einer Spielezeitschrift oder Karriereportal bringt wenig, wenn sie dann 100% (von was?) Webdesign darstellen sollen. Nicht machen.

Als Antithese hier noch ein paar Tipps, bewirbt man sich in der Webbranche versuche man es einmal so:

  • Sauber, cleanes und nicht überkandideltes, rechtschreibfehlerfreies Anschreiben und konservativer tabellarischer Lebenslauf (rückwärts von heute an)
  • dazu als Extension eine Website die beides nochmal zur Verfügung stellt (auch als Download) und beispielsweise den ganzen Skillmatrixkram in Form von interaktiven Grafiken o.ä. darstellt, um zu zeigen. was man wirklich kann
  • und dort auch eine verlinkte Liste von Referenzen
  • Bonuspunkte: Githubaccount mit eigenen Projekten verlinken

Disclaimer: alles frei erfunden, ich freue mich über jede Bewerbung. Die Tipps gelten allenfalls für einen kleinen Branchenbereich, für alle anderen sind sie wahrscheinlich so viel Wert, wie ein Wörterbuch, das »Wo bitte geht’s hier zum Bahnhof« mit »Würden sie bitte heftig meinen Popo streicheln« übersetzt.

Bild: Paul Itkin

3. Wifi On Ice

Über die Bahn kann man eigentlich gar nicht mehr ranten, da sind alle Rants geschrieben, alle Beschimpfungen geschimpft, es sind sogar schon Leute handgreiflich geworden. Oder glaubt jemand wirklich, Brandanschläge auf Bahnstrecken, angesägte Gleise und organisierter Oberleitungsklau würden von Terroristen und Kriminellen durchgeführt? Das machen alles enttäuschte und geprellte Bahnpendler nach einer Störung im Betriebsablauf zu viel, da bin ich mir sicher.

Nützen hingegen tut das alles nichts, die Bahn, ihr Vorstand und dessen Vorsitz haben mehr Sitzfleisch, als alle Politbüros von KPdSU und SED gemeinsam. Und Personalwechsel, kommen sie denn einmal vor, ändern daran auch nichts, um im Bild zu bleiben. Denen ist alles egal, Realität, Fakten und Kritik sowieso.

Was nicht heißt, dass nicht auch mal etwas Neues passiert. Ende 2016 bspw. sollen alle ICEs mit kostenlosem WLAN auch in der zweiten Klasse ausgestattet sein. Verkehrskasper Dobrindt (CSU) feierte das schon als »digitale Mobilitätsrevolution«, was aber möglicherweise genauso wie der andere Müll den der Typ so übers Jahr absondert wahrscheinlich stark vereinfacht und maßlos übertrieben ist. Denn WLAN allein tut es ja erstmal nicht, gehört ja auch noch Mobilfunk und Internet dazu, hier sieht Dobrindt die Mobilfunkanbieter in der Pflicht, die Bahnstrecken und liegen sie noch so ländlich, mit LTE auszustatten.

Nun fahre ich ja beinahe wöchentlich mit dem ICE nach Berlin und habe das sogenannte Wifi on Ice—hört sich an wie eine Disney-Eislaufshow, oder nicht—schon ziemlich von Anfang an mitbekommen. Erste Feststellung: es wird ein Kapazitätsproblem geben. Auf den ersten Fahrten war das Netz noch erstaunlich schnell, aber seitdem es sich rumgesprochen hat, dass man das Netz frei nutzen kann, wird der Zugang von Fahrt zu Fahrt immer langsamer. Am Ende wird man dastehen mit einem Netz, das zwar gratis ist, aber eben auch umsonst. Zudem war der Start ja auch datenmäßig sehr holprig, auch wenn erste Lücken schnell behoben waren. Und dann soll es ja auch nur 200 MB kostenfreien Download geben, was aber eher unwichtig sein wird, da eh niemand derartige Datenmengen aus dem Schleichnetz herauspressen können wird.

Nur ein gutes könnte die Sache vielleicht haben: sollte wirklich flächendeckend entlang der Strecke LTE zur Verfügung stehen, dann braucht man das blöde neue WLAN der Bahn ja vielleicht gar nicht mehr, sondern kann am eigenen Handy tethern. Das scheint mir auch die sicherste Lösung zu sein. Und Netflix soll man ja jetzt herunterladen können.

Bild: Paul Itkin

2. E-Mail Disclaimer

Ich habe lange nachgedacht, ob ich über E-Mail überhaupt noch ranten soll, denn die E-Mail grundsätzlich ist so tot wie Fidel Castro. Allerdings auch genauso schwer tot zu kriegen, und gerade wieder lag in meinem Posteingang eines dieser Machwerke, denen folgendes angehängt war:

Diese E-Mail kann vertrauliche und/oder rechtlich geschützte Informationen enthalten. Wenn Sie nicht der beabsichtigte Adressat sind oder diese E-Mail irrtümlich erhalten haben, informieren Sie bitte sofort den Absender und löschen Sie diese E-Mail aus Ihrem System. Das unerlaubte Kopieren sowie die unbefugte Weitergabe dieser Mail ist nicht gestattet.

Und das geht so nun seit gefühlten fünfhundert Jahren. Menschen, die auch versuchen, den Mailversand über ihr Programm wieder rückgängig zu machen, die „123456“ als Passwort benutzen, die sich die Hose mit der Kneifzange zu machen, die auch kleine Kinder fressen, solche Leute benutzen solche Disclaimer in ihren E-Mails.

Ich will gar nichts über die mangelnde Rechtsverbindlichkeit sagen, nur soviel: wenn ich Dir jetzt eine Mail schicke in der steht: »Du zahlst mir jetzt sofort 10.000 Euro«, dann hat ungefähr das gleiche Rechtsgewicht. Keins. Null. Nüscht. Ausser vielleicht ich bin ein Nigerianischer Prinzenneffe, dann bist natürlich zur Zahlung verpflichtet.

Aber auch sonst beweist ein solcher Disclaimer nur die völlige Abwesenheit von Ahnung über das Internet im Allgemeinen und die eigene Unfähigkeit im Besonderen. Wie soll denn bitte jemand eine E-Mail bekommen, ohne der Adressat zu sein? Mag ja sein, dass es Vollhonks wie Telekom schon gelungen ist, massenweise Emails an die falschen Adressen zu schicken, dies ist aber die seltenste aller Ausnahmen. In der Regel werden E-Mails an die Adressen verschickt, die in einem der Adressfelder angegeben sind und sei es eine Mailingliste. So bleiben nur noch zwei Fälle: jemand hat eine falsche Adresse eingetragene (mausgerutscht?) oder hat zwischen Frühstückskaffee und dem ersten Schluck aus der Wodkaflasche mal wieder im tranigen Kopf an „Allen antworten“ geklickt, ohne es zu merken. Was nun mal niemals eine gute Idee ist, vor allem nicht, wenn man gerade vertrauliche Informationen verschickt.

In Wahrheit müsste der Disclaimer also lauten:

Das vertrauliche Informationen bei mir schlecht aufgehoben sind, wissen Sie ja bereits. Sollte ich mal wieder zu blöd gewesen sein, die richtige Mail-Adresse in dieses kleine Feld da oben auf meinem Monitor einzutragen, beenden Sie sofort jeder Geschäftsverbindung, die Sie mit mir haben, veröffentlichen den Inhalt auf Facebook und leiten Sie meine Entmündigung ein, ich habe es nicht anders verdient.

Bild: Paul Itkin

1. Adventskalender

Ich hasse Adventskalender. Die realen an der Wand ebenso wie die virtuellen hier im Netz. Adventskalender sind der letzte Scheiss, um es einmal auf den Punkt zu bringen.

Früher. Früher war alles besser. Wir hatten ja nichts damals, gar nichts. Der Krieg war gerade vorbei meine Arbeitskollegen noch nicht geboren oder in der Zone eingekerkert, da hatten wir Adventskalender, da fand man als Kind hinter jedem Türchen einfach ein (in der Regel erbauliches) Bildchen. Ein Engelchen, ein Kuscheltier, die Krippe, sowas. Und am 24., so als main feature waren Türchen und Bild doppelt so groß und besonders erbaulich. Was für ein Scheiss.

Aber dann erfand jemand, es werden wohl die geldgeilen Schokokonditoren aus der Schweiz gewesen sein, den Schokoladen-Adventskalender. Den kann man heute noch für einen Euro beim Aldi kaufen und traditionell richtig ist er nur, wenn ganz billige und eklige Schokolade drinsteckt. Deswegen nennt man auch das ganze Jahr über billige und eklige NoName-Schokolade „Adventskalenderschokolade“. Und deswegen sind auch diese Kalender Mist. Obwohl man damit schon Spass haben konnte: z.B. indem man aus dem Adventskalender der kleinen Schwester die Schokolade durch Herausziehen und Entleeren des Inneren noch vor dem ersten Dezember ausräumte. Das Gesicht einer Fünfjährigen, wenn sie erwartungsvoll ein Türchen öffnet und dahinter ist nichts; unbezahlbar. Aber von der ganzen erbeuteten Scheissschokolade bekam man eh‘ nur Karies und Bauchweh. Also trotzdem Mist.

Heute ist man nicht mehr so auf Schokolade festgelegt. Und auch nicht auf Kinder. Adventskalender enthalten heutzutage Bier inklusive Glas, Pfand und einer Smartphone-App, Kartoffel-Chips, und manchmal will man vielleicht gar nicht so genau wissen, was da wirklich drin ist. Das ist ja alles schon ganz witzig, aber immer noch völlig blöd, denn für einen gelungenen vorweihnachtlichen Abend, braucht man dann ja fünf Bier- und zwei Chips-Kalender. Ich hingegen habe schon als Kind meinen Adventskalender immer schon morgens geöffnet („Oh toll, der Stern von Bethlehem, den hat ein armloses Kind mit dem linken Fuß gemalt“), was bei Bier-, Whiskey– oder Gin-Adventskalender zwar lustig aber eher kontraproduktiv wäre. Und Whiskey in Adventskalenderschokoladequalität, das will ja auch keiner.

Zusammengefasst kann man aber feststellen: in einem Adventskalender kann jeder sonst in der Einzahl verkauftes Ding stecken, meist in minderer Qualität, im doppelten Dutzend gebündelt in oft zweifelhafter Verpackung, zum dreifachen des eigentlichen Verkaufspreises. Einzige Ausnahme: selbstgebastelte Kalender. Oder doch nicht.

Die Kür der sinnentleerten Adventskalender allerdings sind Webadventskalender. Webseiten und Blogs veröffentlichen sie immer und immer und immer wieder und das zu Hunderten. Und die schlimmste Unterkategorie davon: die Webentwickler-Adventskalender. Zumeist das Jahr über verschlafene Blogs und Webseiten wachen am 1. Dezember plötzlich auf und hauen 24 (in den USA sogar 25) Tage lang Tutorials und Freebies raus, als hätte es das restliche Jahr nie gegeben. Die Inhalte sind dabei entweder komplett veraltet („Hey cool, das bewahre ich mir für den Adventskalender auf! Was soll das heissen, es ist März?!“), oder gab es schon überall anderswo zu lesen („Oh shit, ich brauch noch schnell was für den Kalendereintrag morgen! Ach, ich nehm‘ nochmal den Artikel vom letzten Jahr“).

Mit christlichem Brauchtum hat das nun ebenso viel zu tun, wie der Bier-Adventskalender, und verkürzt auch nicht die Wartezeit auf das blöde Christkind oder den verdienten Weihnachtsurlaub. Vielmehr macht das Lesen, Einsammeln und Umsetzen der ganzen Tipps in der eh schon knappen vorweihnachtlichen Zeit den Stress nur noch größer. Zumal sich mir das Konzept Web-Adventskalender ebenso wenig erschliesst wie die Serien auf Netflix oder Amazon, wo wöchentlich nur eine Folge gezeigt wird.

Wenn ich die Power habe, 24 supergeile Performancetipps, Tutorials, UX-Zeug, pull requests (sic!) oder Technikartikel zusammen zu dengeln, dann kann man damit doch das ganze Jahr über eine supergeile Website betreiben, anstatt nur 24/25 Tage im Dezember—webmäßig also quasi von Zwölf bis Mittag.

Bild: Paul Itkin