15. Die Weihnachtsfeier

Heute ist Weihnachtsfeier. Na schön. Für einige unserer neuen Mitarbeiter ist es das erste Mal und sie freuen sich bestimmt darauf, und ich will es ihnen auch gar nicht kaputt machen. Ja, oder eben doch.

Ich weiß, alle meine Leser sind in supergeilen jungen Startups angestellt, wo statt traditionellen Weihnachtsfeiern eher Saufgelage babylonischen Ausmaßes abgehalten werden. Und weil die Fluktuation so hoch ist, oder man selbst jährlich den Job wechselt, kennt dort auch niemand niemanden und alle können so richtig aus sich raus gehen. Was kostet die Welt, noch ’nen Schampus, wo ist hier der Darkroom?

Da kann ich kaum mithalten. Ich alter Sack gehe in diesem Jahr auf meine 11. Weihnachtsfeier beim gleichen Betrieb und ich schwöre diese wird genauso wie die davor und die davor und so weiter. Zwei-, vielleicht dreimal wurde die Location in den Jahren gewechselt, die Feier ist aber eigentlich immer dieselbe. Und ich glaube nicht mal, dass das an der Organisation liegt, die machen das prima. Es ist immer gleich wegen der Gäste. Wir wollen es nicht anders.

Dabei wird es von Jahr zu Jahr größer, und es kommen immer neue Leute dazu. Aber es gibt da so eine Mischung aus Location, festen Programmpunkten und Erwartungshaltung der Leute, offenbar entsteht so immer die gleiche Party. So gleich, dass ich keineswegs überrascht wäre, wenn plötzlich Bill Murray mit einem fröhlich grüßenden Murmeltier unter dem Arm vor mir stünde um zu verkünden, dass der Winter dieses Jahr lange gehen würde, weil Punxsutawney Phil seinen Schatten gesehen hätte. Oder anders, der allseits beliebte Ablauf ist immer gleich: gemeinsames Anstehen vor der Location bei einem ersten, im Plastikbecher blitzeschnell erkaltenden Glühwein. Klamotten an der Garderobe abgeben, hoffen, dass sich nicht das Garderoben-Disaster von 2007 wiederholt. Dann ein Gruppenfoto am Eingang, in witziger Verkleidung, was wird es wohl diesmal? Bau, Piraten, rechtschaffene Seeleute, Mafia, alles schon gehabt. Dann warten auf die Reden und das Essen natürlich. Hier entscheidet sich der Verlauf des Abends: wer kann am längsten Trinken ohne zu Essen und ohne dann Chefs und deren Chefs ins Wort zu fallen, wenn sie gleichzeitig für die tolle Arbeit dieses Jahres loben, aber auch eine düstere Zukunft für das nächste Jahr an die Wand malen. Schnell noch ein Seitenhieb, dann ist das Buffet eröffnet und die Meute ist glücklich. Und dann kommt der immer gleiche Deejay, da fällt mir auf, dieses Jahr wurden keine Musikwünsche eingesammelt, das lässt hoffen.

Hernach versacken alle im Kreise der Kollegen, d. h. ich muss mich immer irre beeilen, denn ich muss ja den letzten Zug nach Nirgendwo kriegen, des Pendlers eingebauter Notausgang, bevor die peinlichen Szenen beginnen, die ich nur vom Hörensagen kenne. Kleinen Moment, ein Weinchen nehme ich noch.

Ach, eigentlich ist es doch ganz schön, dass man weiß, was einen erwartet, ich freue mich schon auf heute Abend.

Bild: Ales Krivec

14. Ach, ich kann es schon nicht mehr hören: »Fake News«

Mit unserer Politik ist es aber auch ein solches Trauerspiel, man weiß wirklich nicht mehr, wo man noch hinschauen soll, wenn die großen Parteien beginnen, sich mit Netzthemen zu beschäftigen. Das wird wieder ein mehraktiges Ränkespiel, an dessen Ende wahlweise die Ergebnislosigkeit wartet, oder die Situation ist danach noch schlimmer als vorher. Aktuelles Thema: die sogenannten »Fake News«.

Mal sind er wahlweise durch Hacks erlangte Informationen oder gezielt lancierte auch Fehlinformationen des russischen Geheimdienstes, mal sind es Verschwörungstheorien, mal sind es Falschinformationen die rechte Gruppierungen meist in ihren eigenen Reihen/Filterblasen teilen. Schon der Begriff »Fake News« ist mal wieder hochgradig unscharf definiert. Eine wunderbare Gelegenheit, ein paar Elefanten in die Porzellanladen zu schicken.

Recht einmütig haben CDU und SPD gestern verkündet, man wolle, den aufziehenden Wahlkampf vor Augen, mit allen Mitteln gegen »Fake News« vorgehen. Man ist sich aber schon kaum einig, worum es geht. Thomas Oppermann beispielsweise will…

[i]m Kampf gegen „erfundene Nachrichten, Verschwörungstheorien, Hass und Hetze“ […] den rechtlichen Rahmen „konsequent ausschöpfen und bei Defiziten nachschärfen“. (Heise)

Patrick Sensburg von der CDU hingegen fordert:

 „Gezielte Desinformation zur Destabilisierung eines Staates sollte unter Strafe gestellt werden.“ (ebenda)

Die einen fordern ja gewöhnlich strengere Gesetze, die anderen wollen den vorhandenen Gesetzesrahmen voll ausschöpfen. Die alte Leier. Wobei man sich erstmal fragen muss, um welchen Gesetzesrahmen es hier gehen könne. Renate Kühnast hat volle drei Tage gebraucht, inkl. zweier Strafanzeigen, offener Briefe und Postings, um ein offensichtliches Falschzitat bei Facebook gelöscht zu bekommen. Inwieweit wurde jetzt da der gesetzliche Rahmen nicht ausgeschöpft. Welche Handhabe hat man da gegen ein Facebook, das es einfach nicht hinbekommt oder auch hinbekommen will. Um es offen zu sagen, die Politik erscheint mir hier ziemlich machtlos. Man kann natürlich versuchen Themen wie üble Nachrede, Beleidigung usw. gegenüber Grundrechten wie freie Meinungsäußerung, Pressefreiheit und am Ende auch noch Kunstfreiheit schwerer zu gewichten. Wie immer hantiert man hier mit Pandoras Büchse, d. h. am Ende trifft es dann nicht nur die sogenannten »Fake News«, sondern das gesamte Ökosystem Netz. Das ganze ist nur eine Neuauflage von »das Netz darf kein rechtsfreier Raum sein« (und steht wie immer am Scheideweg).

Ebenfalls wird aber auch ein Schulterschluss aller Parteien gegen Fake News gefordert, man will sie gemeinsam enttarnen und, bei ungeklärter Quellenlage sie nicht für Angriffe auf den politischen Gegner nutzen. Was wie eine Selbstverpflichtung klingt, sollte eigentlich schon immer gelten: wenn man nicht weiß, wovon man spricht sollte man besser das Maul halten. Alle Parteien haben allerdings ihre Spezialisten, die selbst diese einfache Regel nicht zu befolgen wissen. Was nach gemeinsamer Aktion gegen »Fake News« aussieht, ist eher ein Selbstschutz, die eigenen Schreihälse und Internet-Nicht-Versteher im Zaum zu halten.

Hier steckt am Ende mehr richtiger Ansatz drin, als der übliche Angriff auf die Meinungsfreiheit (nicht nur) im Internet: denn Propaganda, Falschnachrichten und Verschwörungstheorien wären ja nicht so groß, wenn sie nicht gelesen und weiterverbreitet würden. Und wenn es nicht irgendein Idiot glauben würde. Vielleicht müsste denen mal jemand helfen…

Bild: Ales Krivec

13. Videos aus der Hölle

Ich habe eine zeit lang wirklich gedacht, Videokonferenzen wären ein probates Mittel zur Kommunikation in Teams. Eigentlich ziemlich genau bis zu dem Zeitpunkt, als ich gezwungen war, sie zu nutzen. Skype, das von mir mit Abstand meist gehasste Programm aller Zeiten, bildet dabei nur die Spitze des Eisbergs, aber eine ziemlich gemeine. Frustration kann man allerdings in jedem beliebigen Videochat-Programm erleben.

Ich schaue zu Hause Fernsehen nur noch und ausschließlich über das Internet. Das meint sowohl Streamingdienste wie Amazon Prime oder Netflix, als auch ganz selten mal das lineare TV. Das klappt regelmäßig ausgezeichnet. In Farbe. Und HD (sort of). Zur prime time. Während der Fußball-Weltmeisterschaft. Oder es draußen stürmt und schneit. Wenn es sein muss, auch per WLAN.

Versucht man dagegen eine Skype-Konferenz mit mehr als einem Gesprächspartner zu initiieren, bricht scheinbar das Netz der gesamten westlichen Hemisphäre zusammen. Das Bild gleicht den verwackelten Aufnahmen von der Mondlandung 1969 und der Ton, also falls Ton zur Verfügung steht neben rosa Rauschen, Rückkopplungspfeiffen und atmosphärischer Piepserei, der Ton klingt wie aus einem verdammten Mittelwellenradio.

Das hat einerseits offensichtlich technische Gründe. Skype gehört ja schon lange zu Microsoft, da gehört es ja praktisch zum Feature, zu alternieren statt zu funktionieren. Und wie gesagt, das Netz und seine Infrastruktur sind dazu geeignet HD-Filme um den Globus zu streamen, nicht aber niedrig aufgelöste Videokonferenzbilder mit Ton.

Aber das allein ist es natürlich nicht. Oft sitzt das Problem auch zwischen Bildschirm und Stuhl. Und je mehr Leute an einer Videoschalte teilnehmen, um so höher ist die Fehlerwahrscheinlichkeit, sowohl technisch, als auch konfigurationsmäßig, also auf menschlicher Ebene. Denn um an einer Videokonferenz teilzunehmen, muss man ein paar Dinge sicherstellen:

  • es muss zwangsweise und ohne Ausnahme eine kabelgebundene Verbindung genutzt werden, WLAN und Skype gehen nicht zusammen (dieses kabellose Internet wird sich eh‘ nicht durchsetzen);
  • es muss peinlichst darauf geachtet werden, dass die LAN-Verbindung auch genutzt wird und nicht ein ggf. zusätzlich vorhandene WLAN-Verbindung;
  • ist mehr als eine Person im Raum, wird ein externes Mikrofon mit den richtigen Eigenschaften benötigt. Niemals das interne Mikrofon am Laptop nutzen. Das gilt im Grunde auch für Einzelpersonen, die benutzen am besten ein Headset, als Einzelner kann man sich aber durch eine gewisse Funkdisziplin („Over“, „Roger“) mit dem Einbaumikrofon kurzzeitig behelfen.

Da sind also, die Technik eingeschlossen, mindesten vier Dinge pro Nutzer, die eine Skype-Konferenz (und jedes anderes Videokonferenzprogramm am Einzelarbeitsplatz) zu Nichte machen können. Nach Murphy’s Law ist es damit eigentlich schon gelaufen. Die Rente ist eher nicht sicher, wohl aber, dass bei einem Videochat irgendetwas schief läuft. Über die Jahre schleifen sich bei regelmäßigen Videokonferenzlern deswegen gewisse Verhaltensweisen ein, an denen man sie leicht erkennen kann:

  • Sie beginnen jegliche Unterhaltung, ob per Telefon oder beim Mittagesssen in der Kantine mit den Worten: »Hallo kannst Du mich verstehen?« oder »Ist das Mikro an?« oder »Ich sehe dich, kannst Du mich sehen?«.
  • Am Ende einer Unterhaltung bewerten sie die Übertragungsqualität: »Danke, dieses Tischgespräch war gut zu verstehen und das Bild war gut.«
  • Kommt tatsächlich einmal ein funktionierender Videochat zustande, legen sie sofort auf und rufen wieder an, wenn man auch nur für eine Sekunde schweigt und sich dabei nicht bewegt (have you tried turning it off and on again?).
  • Sie können über das folgende Video überhaupt nicht mehr lachen…

Bild: Ales Krivec

12. Mobilfunkverträge

Vor kurzem wollte ich mich mal nach einem neuen Mobilfunkvertrag umsehen. Mein aktueller Provider hat es geschafft, den Support komplett abzuschaffen. Es gibt auf der gesamten Website keine Supportnummer mehr zu finden. Wenn man etwas will, muss man in einen Laden gehen. Eine derartige Frechheit und das Gefühl, dass es vor allem um Neu- aber wenig um Bestandskunden geht, brachten mich auf die Idee zum nächstmöglichen Termin etwas Neues zu suchen.

Heilige Rabattrechnung, was für eine Scheißidee! Man ist gewillt, sich die Bundespost zurück zu wünschen, das Angebot erschlägt einen förmlich. Und damit meine ich erstmal nicht unterschiedliche Tarife, die einem angeboten werden, sondern schon die Masse an Anbietern. Jeder Supermarkt, Discounter, Versandhändler und Kaffeeröster bietet ein eigenes Mobilfunklabel an, jeder Marktführer leistet sich ein bis zwei Günstigmarken, und alle kaufen sich permanent gegenseitig auf. Jede Farbe ist brandmäßig im Mobilfunkmarkt vertreten, kein Akronym ist zu blöd um nicht als Werbeslogan herangezogen zu werden. Kurz gesagt: der Markt ist ein wenig unübersichtlich.

Allerdings, wenn man genauer hinschaut, merkt man ja auch schnell, das hauptsächlich Reselling betrieben wird. Bekanntlich gibt es ja auch nur vier Netze, das der Telekom, das Vodaphone-Netz und O2/E-Plus aka. Telefonica. So kommt es, dass man immer und immer wieder den alten Wein in andersfarbigen Schläuchen angeboten bekommt. In vielen Fällen steht dabei nicht mal mehr dran, für welches Netz man einen Vertrag abschließt, wobei heute wohl alle Netze gleich schlecht sind, also egal.

Das macht alles keinen Spaß und macht auch meist keinen sehr professionellen Eindruck. Ich meine wie geil bitte sind Mogelpackungen wie „unendlich surfen mit 1Mbit/s“? Darunter steht dann, dass man 1 GB im Monat mit der 200 fachen Geschwindigkeit surfen darf. Beides ist also total endlich. Über Kostenairbag oder -automatik schweige ich einfach mal. Das beste ist, man behält den Vertrag den man schon hat, das ist einfacher. Das geht auch ohne Support: einfach vergessen zu kündigen.

Bild: Cameron Kirby

11. Früher war alles besser

Früher war alles besser. Die Achtziger zum Beispiel, da war die Welt noch in Ordnung. Na gut, NDW, AIDS, Tschernobyl, Pershing II, NATO-Doppelbeschluss, Nancy Reagan, man tanzte auch ziemlich am Abgrund in jenen Tagen, das aber wenigstens zur Musik von David Bowie, Prince und ein paar Softies auch zu Leonard Cohen.

Die Welt war noch ordentlich eingeteilt in Ost und West, und DDR und BRD. Margot Honecker saß noch in Berlin-Ost und Hans-Dietrich Genscher in Bonn-West. Guido Westerwelle war noch ein junger Liberalala. Damals haben auch alle in Ost und West immer Tatort gekuckt, nur Kommissar Zufall wurde seinerzeit von Götz George oder Manfred Krug gespielt. Letzterer trat auch in der Sesamstraße auf, so wie Uwe Friedrichsen vor ihm. Im Nachmittagsprogramm lief Pusteblume mit Peter Lustig. Im Abendprogramm gab Erika Berger Tipps für das Liebesleben, das war wohl etwas verklemmter als heute, aber sicher besser. Das Kino war natürlich auch viel besser, Stirb langsam beispielsweise, mit dem bösen Alan Rickman. Oder »Der Name der Rose«, nach dem Roman von Umberto Eco. Filme mit Bud Spencer dagegen waren damals schon Müll. So wie auch Beverly Hills Cop, der allerdings hatte Glenn Frey im Soundtrack.

All die vorgenannten mehr oder minder prominenten Menschen sind 2016 gestorben. Viele sagen, 2016 wäre das Jahr der toten Promis. Diese sind aber natürlich nur ein Fliegenschiss gegen die hunderttausenden Opfer im Bürgerkrieg in Syrien oder den 14 anderen größeren Kriegen, die zur Zeit überall außer in Australien und der Antarktis stattfinden. Oder gegen die Opfer der vielen Anschläge (zum Beispiel in Istanbul, Ankara, Brüssel oder Nizza) oder Amokläufe, die uns dieses Jahr erschüttert haben.

Bild: Cameron Kirby

9. Der Wecker

Ich wache um 4.30 Uhr auf. Nicht das ich eine Ahnung hätte, wie spät es ist. Ein Wecker auf dem man die Uhrzeit erkennen könnte wäre jetzt sicherlich hilfreich. Das war mal einmal ein gutes Gerät, mit Anschluss für ein iPhone, aber als dann das Lightningkabel kam, sie kennen das. Zeit seiner Existenz war das Display immer viel zu hell, es gibt eine Taste es dunkler zu stellen, die funktionierte aber nie. Heutzutage kann man nicht mal einen Wecker kaufen, der Hard- und/oder Softwarefehler hat und gleich nutzlos wird, wenn Apple seine Anschlüsse mal wieder ändert.

Inzwischen allerdings ist das Display dunkel. Von hier auf jetzt, und für immer. Die Einstelltaste funktioniert immer noch nicht. Aber, selbst wenn ich das Display erkennen könnte, ich würde ja sowieso nicht draufschauen. Ich bin nämlich mit der Gewissheit erwacht, dass ich gleich aufstehen muss. Froh das Ding endlich loszuwerden, nehme ich die Schlafmaske ab. Ohne hinzusehen drücke ich auf die Aus-Taste des Beatmungsgerät. Irgendwann einmal in jungen Jahren, mit zwölf oder so, entdeckte ich beim Nase bohren, dass ich den kleinen Finger von einem Nasenloch in das andere stecken kann, also das da keine Wand dazwischen war. Fand ich immer lustig. Gerne habe ich später Publikum damit unterhalten, mir Bleistifte durch die Nase zu stecken. Oder ein Taschentuch hindurch zu ziehen. Oder das kleine Koffervorhängeschloss, damit habe ich immer gewettet, ich könne meine Nase damit abschließen. Die Leute haben es nicht geglaubt und dann gerne bezahlt, wenn sie ein wenig daran ziehen durften, schon damit ich es wieder aus der Nase nahm. Keine Nasenscheidewand. Nie gehabt. Wohl erblich. Heute schnarche ich ohne das Beatmungsgerät allerdings wie eine Fußballmannschaft, die ihren Weltmeisterschaftsfeierrausch ausschläft. Ich bekomme mit dem Gerät mehr Luft, meine Frau und die Nachbarn zwei Straßen weiter ihren Schlaf. Wenn ich das Ding morgens abnehmen sabbere ich immer ein wenig wie Hanibal Lector. Quit pro quo, aber es nervt wie die Sau, verdammt.

Also runter damit, der Wecker klingelt gleich. Warum klingelt das verdammte Ding nicht? Wahrscheinlich habe ich ihn gar nicht eingeschaltet. Passiert mir manchmal. Jetzt nur nicht wieder einschlafen. Ich bin so etwas wie der Mario Barth des Weckerstellens. Kennste? Kennste? Nä, klingel mal um 6 Uhr, weeste?! Aber der klingelt nicht. Wie lange liege ich schon hier rum? Woher soll man das wissen, ohne Uhr. Vielleicht bin ich doch eingeschlafen? Kann ja sein. Och Mensch Du Idiot, dann nimmste halt das Handy… vier Uhr dreißig. Herrjeh, senile Bettflucht, oder was soll das werden? »Glaub mal nicht, dass Du jetzt wieder einschlafen kannst«, mischt sich mein Gehirn mit der Stimme von Mario Barth in die Diskussion ein. Das klingt so echt, ich glaube nicht, dass ich wieder einschlafen kann. Und tatsächlich, es klappt prompt nicht.

»Solche Tage, kennste ne?« Na super, jetzt ist die Sicherung ganz durchgebrannt. Ich hab immer gesagt, Beatmungsgerät ist schön und gut, was aber wenn da ein Knoten im Schlauch ist, dann gehe ich langsam und qualvoll an Sauerstoffmangel ein. Und denke dabei ich wäre Mario Barth. Wiese eigentlich? Ich wär viel lieber Tim Bisley. Also Simon Pegg. Kein Knoten im Schlauch. Was wunderst du dich auch, wenn du hier so früh wach wirst. Was soll denn da noch für ein Tag kommen, wenn man so aufwacht? Ich prangere das an.

Bild: Cameron Kirby

8. Rants

Ok, jetzt wird es meta. Ich will es gar nicht abstreiten, ich mag Rants. Es erfüllt mich bisweilen mit diebischer Freude, wenn sich jemand so richtig in Rage schreibt. Der Rant ist das uneheliche Kind von offener Brief und Leserbrief, wobei der Vater immer betrunken und die Mutter drogensüchtig war und das Kind deswegen zur Adoption freigegeben wurde.

Aber natürlich können Rants auch böse sein. Eine dumme Angewohnheit, vor allem, wenn es sich gegen Menschen persönlich richtet, oder eben auch gegen deren Projekt. Beißende Kritik tut in der Regel weh und wir machen uns offenbar viel zu oft keine Gedanken darüber, wie sie bei wem ankommt. James Kyle hat einen länglichen Text dazu geschrieben, in dem er sich über die Rantgepflogenheiten der Javascript-Community nicht aufregt, sondern sie eher konstruktiv kritisiert. Er stellt gut dar, wie es freiwillig Arbeitende treffen kann, wenn ihr Projekt in der Luft zerrissen wird.

Da habe ich selbst bisweilen Glück gehabt, die Technik hinter ZEIT ONLINE gibt zwar auch immer wieder Anlass zu Kritik, aber gewöhnlich werden wir freundlich auf Fehler und Verbesserungsmöglichkeiten hingewiesen. Angeranted fühle ich mich eher selten. Ab und an kommt mal eine Supportanfrage die nahelegt, dass unsere Webentwickler das (sic!) App nicht im Griff haben, oder der Webdesigner zu viel gesoffen hätte. Aber das ist ja zum Glück meist nicht öffentlich.

Da muss man sich als Maintainer eines Open-Source-Projektes wohl ein dickeres Fell zulegen. Ich rante ja gewöhnlich niemanden persönlich an, und auch in der Javascript-Community kommt das wohl nicht so oft vor. Aber es kann natürlich gut sein, dass bei einer Aussage wie »Angular ist der letzte Scheiß«, sich trotzdem jemand in seiner Arbeit beleidigt fühlt, auch wenn er namentlich nicht genannt ist. Andererseits, ich persönlich wäre wahrscheinlich mit meinem Projekt ganz zufrieden, wenn andere darüber reden und sei es in Rants. Ich bin aber auch nicht so weinerlich unterwegs. Und Angular…

Bei meinen Rants mag das Equivalent sein, dass sich wahrscheinlich alle Bahnmitarbeiter von mir auf alle Zeiten beleidigt fühlen könnten. (Aber hey, die arbeiten bei der Bahn, die sollten das gewohnt sein!) Auch hier mache ich Unterscheidungen: der Masse der Bahnangestellten stehe ich noch recht positiv gegenüber.

Also Leute, macht das zu Hause in euren Blogs nicht nach. Rantet nicht gegen Personen, außer Marc Zuckerberg, und haltet Euch mit Aussagen zurück wie »Wer in Java programmiert, frisst auch kleine Kinder!«, »Linux-Nutzer haben einen kleinen Penis!« oder eben »Angular-, React- und Babel-Programmierer sind alles Pussies!«. Ach lassen wir das.

Bild: Cameron Kirby

6. Und nochmal: die Bahn

Aus gegebenen Anlass gleich nochmal das Thema Bahn. Die Bahn kommt zu spät und zwar im Fernverkehr schon ziemlich regelmäßig. Gerade sitze ich wieder in einem ICE, dessen Ankunftszeit in Hamburg von 18.27h auf 19.1025h geändert wurde, und das ist nur eine Prognose, bitte niemanden darauf festnageln. Wegen einer Oberleitungsstörung wird über Uelzen umgeleitet.

Nun, da kann die Bahn jetzt vielleicht erstmal nichts dafür, dass die Oberleitungen beim ersten Anzeichen von Frost herunterfallen oder auch dauernd geklaut werden. Also wahrscheinlich natürlich doch, das marode Schienennetz könnte halt auch mal renoviert werden, aber, das sei an dieser Stelle mal außen vor gelassen. Und trotzdem, was mich wirklich wurmt ist, wie die Bahn mit solchen Verspätungen umgeht. Ich skizziere einmal kurz den Standardablauf:

Taktik Nummer 1: Verschweigen

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wird der Kunde erst mal gar nicht informiert. Vielleicht erledigt sich das Problem ja auch von selbst, die ganzen Leute am Bahnsteig könnten sich beispielsweise einfach in Luft auflösen, kann ja sein. In solchen Momenten fühlt sich wahrscheinlich auch erstmal keiner zuständig, oder es stehen auch nicht genügend Informationen zur Verfügung. Das beobachtet man auch immer wieder: Bahnmitarbeiter ziehen es vor, nur Durchsagen zu machen, wenn sie wissen, wie es weiter geht. Schulungen werden wohl in diese Richtung gehen. Ist ja auch wahr, man glaubt gar nicht, wie rasant die Selbstmordrate in einem Regionalexpress in die Höhe schnellt, der auf freier Strecke angehalten hat und der Schaffner sagt durch: »entschuldigen Sie, ich weiß nicht warum wir angehalten haben und ich weiß nicht, wann und wie es weitergeht.« Die ganzen suizidalen Pendler will sich natürlich niemand auf die Seele laden. Und so muss der geneigte Bahnfahrer am Bahnsteig verharren, immer wieder auf die Tafel schauend, auf der steht, dass sein Zug vor eine 1/4 Stunde ankommen sollte und es mit sich alleine austragen.

Taktik Nummer 2: das 5-10-15-20-Spiel

Eine andere Taktik, vor allem bei Durchsagen auf Bahnhöfen, ist das von mir so genannte 5-10-15-20-Spiel. Das geht so: eine komplette Durchsage machen mit Zugbezeichnung, Zugnummer, Zielort, Zwischenbahnhöfen… bis hier hat der Zuhörende noch einen Funken Hoffnung (obwohl er meist genau weiß, dass eine von einem echten Menschen aufgesagte Durchsage sowieso schon bedeutet, dass sein Zug Verspätung hat)… ursprünglicher Ankunftszeit, verspätet sich (Achtung Brüller:) in der Ankunft um fünf Minuten. Dann die Durchsage in Bahnenglisch wiederholen. So können zwischen einer und drei Minuten mit einer Durchsage vergehen.

Dann etwas lauter: »Ich wiederhole!«, wieder den ganzen Sermon, mit einer kleinen Änderung: verspätet sich um 10 Minuten. Die Anwesenden reiben sich die Ohren, wieso wiederhole, das ist doch eine neue Durchsage! Also zehn Minuten, hätte er ja auch gleich sagen können, dann hätte man sich noch einen Kaffee holen können. Naja, der Zug kommt ja gleich. Sie Anfänger!

Neue Durchsage, noch etwas lauter, Stimme etwas mehr im Panikmodus… diesmal 15 Minuten Verspätung! So was machen die nicht? Doch natürlich, sowas machen die. Ab der dritten Durchsage allerdings bricht auf so einem durchschnittlichen Bahnsteig die Revolution aus. Zum Glück besteht die Revolution des deutschen Bahnfahrers nur aus lauthals verkündeten sarkastischen Bemerkungen und dem wilden herum tippen auf dem Smartphone.

Deswegen kann man noch eins drauf setzen und eine weitere Verspätung verkünden. Hier braucht man übrigens nicht mehr den ganzen Text aufzusagen, den Umstehenden reicht inzwischen ein »ICE1509 hat jetzt 20 Minuten Verspätung«. Je nachdem wie viel Zeit man zu überbrücken hat, können die Durchsagen auch mit anderen Zeitwerten gespielt werden. Immer beliebt: 20-50-90-120, auch wegen der Abwechslung. Hier leert sich der Bahnsteig auch schnell, denn nach einem kurzen Blick in die Live-Auskunft, ist man schnell in umliegenden Cafés oder der Bahn Lounge verschwunden. Wenn man nicht gerade auf dem Berliner Hauptbahnhof steht, da sind die Wege einfach zu lang.

Taktik Nummer 3: das Begründungspoker

Natürlich muss den Wartenden die Wartezeit auch irgendwie verkürzt werden, da sieht sich die Bahn durchaus in der Pflicht. Hierzu werden lustige Dinge durchgesagt, die sogenannten Begründungen für endlose Verspätungen und/oder Zugausfälle. Nichts ist dabei so flüchtig wie eine Erklärung, soll heißen, wenn es drei Durchsagen gibt, gibt es in der Regel auch drei unterschiedliche Begründungen. Die häufigsten Begründungen und was sie wirklich bedeuten:

  • »Störung im Betriebsablauf«, diese Begründung bedeutet nichts und alles und im Grunde nur, dass der Durchsagende keinen blassen Schimmer davon hat, was vor sich geht.
  • »Bahnübergangsstörung«, soll es wirklich geben, ist jedoch meiner Erfahrung nach eine ähnliche Ausrede wie die Störung im Betriebsablauf, unüberprüfbar und deswegen inflationär eingesetzt.
  • »Personalmangel«, einer der Lokführer hat verpennt und ist nicht zum Dienst erschienen.
  • »Person(en) im Gleis«, einer der Pendler aus Abschnitt 1 hat aufgegeben und sich hinter den Zug geworfen, dort liegt er nun und weigert sich wieder einzusteigen und hält den ganzen Verkehr auf.
  • »Spielende Kinder«, ein Rudel 14-jähriger Halbstarker wirft Waschbetonplatten von einer Brücke auf die Gleise.
  • »Oberleitungsstörung«, das wertvolle Kupfer wurde mal wieder entwendet. Hierzu verursachen findige Kriminelle einen Kurzschluss um einen ganzen Streckenbereich stromfrei zu machen und rücken mit professionellem Werkzeug der Oberleitung zu Leibe: abschneiden, einrollen, mitnehmen. So in der Art.

Ich habe aber auch schon Verspätungen aus anderen Gründen gehabt, da war schon alles dabei von entflohenen Pferden bis zu einer Kollision an einem Bahnübergang. Ja, es gibt leider genug Gründe, warum sich so ein Zug verspäten kann.

Taktik Nummer 4: der Gleiswechsel

Bei den ganzen Verspätungen bleibt es natürlich nicht aus, dass Züge nicht am vorgesehenen Gleis halten können. Um sich nun inzwischen lauthals meckernder Bahnkunden zu entledigen, wartet man eine günstige Gelegenheit ab, einen Gleiswechsel anzukündigen. Dann bricht unter den Kunden direkt Panik aus, das ist lustig. Und wenn man sieht, das gerade alle mit Kindern, Gepäck und Kegel am neuen Gleis angekommen sind, wechselt man einfach wieder zum Originalgleis zurück! Doch, sowas passiert. Aus Sicherheitsgründen sollten sich aber nach dem zweiten Gleiswechsel keine Bahnangestellten mehr auf dem Zielgleis aufhalten, ihr Leben wäre gefährdet.

Taktik Nummer 5: immer schön grantig

Man weiß nicht warum, aber in den allermeisten Fällen führen die Taktiken eins bis drei nicht zu zufriedenen Bahnkunden, sondern meist zu relativ aufgeregten Meckereien. Hier reagiert der geneigte Bahnmitarbeiter mit kontrollierter Grantigkeit. Was die Deppen Bahnkunden nämlich scheinbar beim besten Willen nicht begreifen wollen ist, dass es ein verdammtes Glück für sie ist, dass sie überhaupt mitgenommen werden! Man hätte sie ja auch in der Kälte stehen lassen können, das undankbare Volk…

… aber diese teilweise recht verbreitete Ansicht ist ja fast schon wieder ein Thema für einen neuen Rant. Happy Nikcolaus.

Bild: Cameron Kirby