Like A Complete Unknown
Reenactments des Lebens großer Musiker*innen sind nach wie vor der hice shice in der Filmindustrie. Verwunderlich, dass es so lange gedauert hat[1], bis die Story von Bob Dylan verfilmt wurde, einem der einflussreichsten Musiker ever. Regie führte und das Drehbuch schrieb James Mangold, der auch schon „Walk The Line“ über Johnny Cash verantwortete.
„Like A Complete Unknown“ zeigt uns einen Ausschnitt aus dem Leben des Robert Allen Zimmermann, von dem Zeitpunkt als er in New York ankommt, zum gefeierten Folk-Sänger aufsteigt und schließlich, wie er sich samt Eklat beim Newport Folk Festival der Rockmusik zuwendet. Das ist eine Phase in Dylans sowieso schon überaus ausführlich dokumentierten Lebens, über die es bereits mehrere Dokumentarfilme und Bücher gibt. So basiert die Handlung des Films im Wesentlichen auf dem Sachbuch Dylan goes electric! Newport, Seeger, Dylan, and the night that split the Sixties von Elijah Wald. Vieles ist in dem Film also durchaus biografisch echt, aber es ist natürlich auch kein Dokumentarfilm. Und gerade, weil so viel bekannt ist über den Stoff, fragt mensch sich laufend, warum gerade an dieser oder jener Stelle, die künstlerische Freiheit zugeschlagen hat und Ereignisse in der falschen Ab- und/oder Reihenfolge[2] zeigt, oder echte Figuren durch erfundene ersetzt[3]. Mich hat das jedenfalls den ganzen Film über beschäftigt.
Keine Frage, die Geschichte Dylans ist zu vielfältig und ja auch keinesfalls beendet (derzeit tourt Dylan noch quicklebendig um die Welt, tritt im Oktober in Hamburg auf), als dass man sie komplett verfilmen könnte. Und seine Persönlichkeit ist ein großes Geheimnis, darüber kann man keinen Film machen, sagt Regisseur Mangold selbst. Warum also nicht sagen: „man kann kein Biopic über Dylan machen, also lassen wir‘s eben“? Hätte dem Film womöglich gut getan.
Stattdessen sehen wir einen Robert Zimmermann, der sich zwischen zwei Szenen in Bob Dylan verwandelt hat, von dessen Vergangenheit wir nur die Dinge erfahren, die er selbst über sich erfunden hat und der den ganzen Film über versucht aus dem Bild zu laufen. Einen Dylan, der am Krankenbett des armen Woody Guthrie Songs zum Besten gibt, die er zu dem Zeitpunkt noch gar nicht geschrieben hat. Timothée Chalamet nuschelt sich durch den Film, weil es in der Hauptsache völlig unerheblich ist, ob er etwas sagt oder nicht. Dylan wendet sich vom Folk ab und der Rockmusik zu, aber da ist die Kamera gerade nicht dabei, es gibt keine Frage nach dem Warum und so auch keine Antwort. Es geht die ganze Zeit nur um Auswirkungen. Dylan wird zur Randfigur in seinem eigenen Biopic. Nun ja, insofern hält der Titel, was er verspricht.
Fußnoten
bis 2024, aktuell läuft der Streifen bei irgendeinem Streaminganbieter, dessen Namen ich hier nicht nennen will ↩︎
ein einzelnes Gespräch zwischen Dylan und Johnny Cash beispielsweise wird in mehrere Auftritte von Johnny Cash im Film umgedeutet ↩︎
Dylans langjährige Partnerin Suze Rotolo wird in eine fiktionalisierte Figur übersetzt ↩︎