Wir hatten ja nichts!

Möglicherweise werden wir alle älter. Ein Phänomen, das bisher an mir gänzlich vorbeigegangen ist. Allerdings poppen um mich herum immer wieder Artikel über die guten alten Zeiten hoch, an die ich wundersamer Weise gar nicht so gute Erinnerungen hege, sondern mir graue Haare in nicht geringer Menge eingebracht haben. Evelyn Woods herzerreißende Komplettgeschichte der Webentwicklung seit 1999 bis heute, welche ich dringends zur Lektüre empfehle, fasst nun quasi alles zusammen, was man als Webentwickler:in in den genannten Jahren erleben durfte und musste. Und das war nicht immer schön, wie die mitgelieferten Codebeispiele eindrucksvoll beweisen. Nehmt euch einfach ein halbe Stunde Zeit, eine feine Tasse Early Grey und lest den Text einmal in Ruhe durch.

Was bei allem Meckern über die sogenannten guten alten Zeiten oft vergessen wird ist allerdings, wie hemdsärmelig das alles war einerseits, dabei aber von einer beeindruckenden Direktheit, die einen unglaublichen Spaß brachte. Man hat halt an einem Codeschnipsel immer und immer wieder herumgeschraubt, über Nacht, per FTP direkt auf dem Server. Ich will gar nicht behaupten, man hätte damals Nerven aus Stahl gehabt, es war halt nur einfach egal. Bis weit in mein aus dem Blog erwachsenen Arbeitsleben hinein habe ich es noch mit Downtimes zu tun gehabt, die jemand beim Hantieren auf dem Server verursacht hatte. Kein Netz, kein doppelter Boden. Vielleicht mal ein Backup (you know index.html.bak?). Dafür war immer alles sofort verfügbar, wir operierten an offenen Herzen und in 98% der Fälle überlebten die Patient:inn:en und sahen danach besser aus als vorher. Noch heute sitzt mir diese direkte Arbeitsweise im muscle memory, was sich durch hunderte Reloads oder Wechsel von der IDE zum Browser, reloaden passiert ja inzwischen von selbst, zeigt. Coden, schauen, coden, schauen, rinse, repeat. Es hat sich auch gezeigt in einem starken Unwillen, diese Macht aus der Hand zu geben. Was liebte ich CSS-Präprozessoren, aber lehnte sie zunächst doch ab, weil ich ihnen mißtraute, die sollen mein CSS schreiben? Never! Und erst webpack 😱

Naja, glücklicherweise habe ich immer junge Kolleg:inn:en gefunden, die mich auch noch heute in meinem Rollstuhl durch die Codebasis fahren und mit mir die Wunder der modernen Webentwicklung ergründen.

Veröffentlicht von

Nico

Nico Brünjes ist Digitalkreativer und Internethandwerker. Seit mehr als 15 Jahren erdenkt, baut und programmiert er moderne, standardkonforme und zugängliche Webseiten in HTML, CSS und Javascript.

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