Kryptowährungs-Junkieanfänger

Angeregt durch dieses Buch für Kryptowährungsjunkieanfänger, und erster nur halb sinnvoller Versuche, habe ich mich zwischen den Jahren ein wenig mehr mit Bitcoin, Altcoins, ICOs und derlei Zeug auseinandergesetzt. Wenn man ein paar Euro aus 2017 übrig behalten hat und sich der Lottogewinn auch wieder nicht eingestellt hat, kann man das mal ausprobieren, man muss allerdings immer mit dem Schlimmsten rechnen. Und zwar in jeder Hinsicht.

Man wollte Banken loswerden…

Wer derzeit in das Thema Krytowährungen einsteigt und sich Bitcoin oder Ether oder ähnliches zulegen will, wird im deutschsprachigen Web sehr schnell auf den Tipp stoßen, das Zeug bei Coinbase zu kaufen. Die Website ist gut gemacht, funktioniert immer, der Berifizierungsprozess ist vergleichsweise unkompliziert. Seit August allerdings heißt der erste Satz des User Agreement:

The websites and the services offered by Coinbase are NOT addressed to persons who have their registered office or place of residence in Germany.

Hust. Trotzdem wird fleißig empfohlen die Seite zu nutzen. Ebenso gab es um den mißglückten Launch von Bitcoin Cash (einer Abspaltung des Original-Bitcoin) Verdächtigungen um Insidergeschäfte unter den Angestellten von Coinbase. Learning Nummer eins also: welcome, das ist das Umfeld in dem man sich bewegt, wenn auszieht mit Kryptowährungen Handel zu treiben! Am schlimmsten aber ist ja eigentlich: Coinbase ist so etwas wie eine Bank. Und benimmt sich auch so. Horrende und höchst volatile Gebühren für Käufe und Verkäufe sind die Regel, Verzögerungen im Geschäftsablauf je nach Marktlage leider auch. Banken, die wollte man doch loswerden mit Bitcoin…

Sicherheit… nö

Ein anderes Beispiel gefällig? Wenn man seinen Ether nun von Coinbase abziehen möchte, bspw. weil man Angst hat, dass die das sauer erhandelte Vermögen wegen Verstoßes gg. das obige Agreement womöglich einfrieren, kann man es zu einer eigenen Standalone-Wallet schicken und dort verwahren. In Foren und Telegram—Gruppen kann jederzeit diskutiert werden, wie vertrauenswürdig die eine oder andere App gerade ist, mit ungewissem Ausgang. Ich habe mich für eine entschieden, bei der ich nach dem Herunterladen im Appstore zunächst eine englische AGB abnicken musste, dann beim nächsten Start dasselbe (who knows) noch einmal in chinesisch. Auch nur so ein mittelguter Start. Vong wegen die Sicherheitsgefühl.

Vom Sicherheitsgefühl sollte man sich als erstes Verabschieden. Also nicht nur was das Investieren angeht, so weit ist man zu diesem Zeitpunkt ja noch gar nicht, sondern auch, was den Umgang mit Daten, den persönlichen angeht. Da muss man sich fleißig mit Ausweiskopien bei chinesischen Webseiten akkreditieren, oder Geld an Banken im Baltikum überweisen. Oder auch sein zweites Ich, das Smartphone ungeklärten Risiken aussetzen: wenn man die „Beta“-iOS-App des auch sehr viel genutzten Portals Binance herunterladen möchte, stellt sich raus: die App kommt nicht aus dem Appstore und man muss dem Anbieter „vertrauen“, damit sie auf dem iPhone installiert werden kann. Kann man machen, aber…

Das eigentlich Handeln hat dann mit Sicherheit nur noch wenig zu tun. Aber das konnte man ja vorher wissen.

Bitcoin ist sowas von 2017

Nach dem großen Boom ist der Bitcoin (BTC) zum Ende des Jahres, bevor er die 20.000$ Schallmauer durchbrechen konnte auf einen Wert um die 13.000$ zurück gefallen. Viele Leute haben zumindest einen Teil ihres BTC deswegen versilbert und in andere Coins umgewandelt, die es zu Eurocentpreisen zu kaufen gibt, und nun wartet jeder darauf, dass die ausgewählte Coin durch die Decke geht wie einst Bitcoin. Bis es soweit ist, kann man sich wieder in Foren und Gruppen gegenseitig mehr oder minder heiße Tipps zukommen lassen, welche denn nun die größten Chancen hat, alle auf einen Schlag reich zu machen. Nach heutigem Stand, natürlich schon längst wieder überholt, könnten das Verge oder (mal wieder) Ripple sein.

All diesen Altcoins gemeinsam ist, dass jemand mit der Verhökerung derselben versucht etwas zu finanzieren. Diesen jeweiligen Jemand kann man auf Webseiten mehr oder minder kennen lernen, auf denen dann auch das Etwas vorgestellt wird, oft eine lose Ansammlung von Buzzwords rund um Blockchain et al. Ripple bspw. möchte „The world’s only enterprise blockchain solution for global payments“ sein oder werden und versucht das schon seit 2012. Und „Verge ist eine sichere und anonyme Kryptowährung, entwickelt mit dem Fokus auf Privatsphäre.“ See?

Wenn man heute ein Startup gründet, kann tatsächlich die Finanzierung durch die Ausgabe eines eigenen Coin ein sinnvoller Weg sein. Die Erstausgabe eines solchen Coins nennt man „ICO“ (initial coin offering). Man verkauft also Glasperlen gegen Ether oder Bitcoin und bietet zu einem Stichtag den neuen Coin auf einer der Handelsplattformen an. Und alle hoffen, dass es dann dort durch die Decke geht. Das alles basiert auf den Versprechen und Whitepapers die man auf seiner Website präsentiert. Wenn man Coinjunkie X fragt, warum er sich für diesen oder jenen Coin entschieden hat, gibt es zwei möglich Antworten: ein Tipp von jemand anderes (hier Rekursion einsetzen) oder „die Website gefällt mir“. Man soll ja schon gehört haben, dass solche Dinge komplett gefaket wurden und die Unbekannten, die nach dem Einsammeln von reichlich Bitcoin aus dem Staub gemacht haben… aber hey, ohne Risiko kein Gewinn.

Goldrausch?

Bitcoin, Kryptowährungen, Altcoins, ICO, all das funktioniert zur Zeit irgendwie genauso wie der Goldrausch am Klondike: viele kommen zu spät, andere gehen Betrügern auf den Leim und einige wenige werden reich dabei. Da muss man einfach dabei sein, oder? Mein Fazit dazu: kann man mal machen, wenn einem alles oben Gesagte egal sein kann und man 50 bis 100 Euro übrig hat. Wenn nicht, oder wenn man mehr Geld einsetzen will, dann bitte nicht anhand dieses Artikels, da finden sich bestimmt bessere Ratgeber.

Foto von Carlos Muza.

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