Quartier Buntekuh: Abriss versus Modernisierung

Der Lübecker Stadtteil Buntekuh mit knapp 8.300 Einwohnerinnen und Einwohnern ist eine typische Wohnsiedlung der 1960er und 70er Jahre: Sechs neun- bis zwölfgeschossige Wohnhochhäuser, viergeschosssige Zeilenbauten und zweigeschossige Reihenhäuser prägen das Erscheinungsbild der Siedlung. Hinzu kommen umfangreiche Frei- und Grünflächen sowie großzügige Verkehrsflächen und ein Einkaufszentrum in der Mitte der Siedlung.
Buntekuh bietet viele unterschiedliche Wohnungstypen und -größen. Aber seit einigen Jahren verstärken sich die Probleme im Stadtteil: Die Bevölkerungszahlen gehen zurück, Wohnungsleerstände nehmen zu und das Image des Stadtteils in der Gesamtstadt ist schlecht. Im Rahmen des Stadtumbau-Programms werden nun Wege erarbeitet, um auf diese Entwicklungen zu reagieren und steuernd einzuwirken.
STEG Hamburg

Schaut man von meinem Balkon, sieht man in einger Entfernung das Hochaus Pinassenweg. Noch. Es zählt wohl zu den grossen Negativbeispielen verkorkster Stadtpolitik und wird im Rahmen einer “Buntekuh-soll-schöner-werden”-alike Aktion demnächst abgerissen. Die Papierausgabe der Lübecker Nachrichten berichtet darüber heute ausführlich.

Der Abriss ist tatsächlich ein offensichtlich vorzeigbares Beispiel von korrigierender Stadtentwicklung, und wird vom Forschungsprogramm Experimenteller Wohnungs- und Städtebau (ExWoSt) als Impulsprojekt Stadtumbau West gefördert. Die Trave Grundstücksgesellschaft, die das Haus von der Stadt übernehmen musste (eine politische Entscheidung, wie man dort betont), wusste sich nicht anders zu helfen.

Das Hochhaus mit seinen 171 Wohnungen gilt als sozialer Brennpunkt von gesamtstädtischer Dimension. Es besteht erheblicher Modernisierungsbedarf und ein Großteil des Gebäudes ist bereits leer gezogen. Sowohl die Wohnungs-Gesellschaft als auch die Stadt favorisieren einen Abriss des Gebäudes und eine anschließende Neuentwicklung der Grundstücksfläche.
Stadtumbau West, ebenda

Das ganze erinnert nun aber auch irgendwie an das radikale Abreissen der Plattenbauten im Osten Deutschlands, ist ja auch gar nicht so weit weg. Die Probleme erscheinen zunächst ähnlich: Leerstand auf der einen und sozialer Brennpunkt auf der anderen Seite, man könnte auch neudeutsch Verslummung titeln. In den 60er und 70er Jahren, als Buntekuh hochgezogen wurde, musste offenbar schnell billiger Wohnraum her, insofern erfüllte der Stadtteil durchaus seinen Zweck. Hernach allerdings entwickelte sich erst der soziale Brennpunkt, als diejenigen, die sich inzwischen ein Reihenhäuschen im Grünen leisten konnte, längst weggezogen waren. Im Pinassenhochhaus landete so, laut Lübecker Nachrichten, jeder, der anderswo keine Wohnung fand, oder anderswo nicht erwünscht war. Die Fehler sind offensichtlich, die Abschiebetaktik augenscheinlich und die Probleme folgten auf dem Fuße.

Aber der Abriss ist nur ein Teilprojekt der Umgestaltung des Stadtteils Buntekuh. Während das eine Haus dem Erdboden gleichgemacht wird, soll das andere große Wahrzeichen von Buntekuh, das 14-stöckige Hochhaus Karawellenstrasse modernisiert werden.

Was widerum die Planungen im Stadtteil Buntekuh vom Rückbau der Platte im Osten unterscheidet. Auf der einen Seite des Sadtteils wird abgerissen, vis-a-vis hingegen modernisiert, investiert. Wobei das Hochaus Karavellenstrasse schon alleine wegen der Grösse und weil es den Stadtteil überragt das erste Ziel sein muss und wird. An den Rändern des Stadtteils hingegen ist die Entwicklung schon weiter, so sind die Häuser an der Fregattenstrasse bspw. schon modernisiert, bzw. werden noch sukzessive Wohnung für Wohnung modernisiert. Der Lübecker Bauuverein scheint dabei schon einige Erfolge erzielt zu haben, ist aber auch nicht derartg mit Bauruinen belastet, wie die Trave. Und die Substanz ist da, denn ausser den Hochhäusern, Mehrfamilienhäusern und Reihenhäusern besteht Buntekuh vor allem aus einem riesigen Park zwischen den Bauten, was nicht nur den Ausblick von meinem Balkon durchaus attraktiv gestaltet.

Mit einer gezielten Aufwertung der Wohnungsbestände und des Wohnumfeldes im Stadtteil könnte es gelingen, Buntekuh bis 2020 zu einer attraktiven innenstadtnahen Gartenstadt zu entwickeln und weitere Bevölkerungsverluste zu stoppen bzw. die Schrumpfung zumindest zu verlangsamen.
STEG Hamburg, ebenda

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