A tasty kill

Der frühere irakische Präsident Saddam Hussein sollte nach Angaben aus ranghohen irakischen Kreisen am Samstag vor vier Uhr mitteleuropäischer Zeit hingerichtet werden.

Tagesspiegel/Zeit News

Was zumindest das amerikanische Fernsehen denn auch wohl zeigen wird, wenn auch nicht live:

„We have very, very strict guidelines with how to deal with that,“ said Bob Murphy, senior vp at ABC News. „If there were pictures made available of the execution, they would have to be viewed by senior management before we would put them on the air, and we would make a judgment of taste and propriety of what we would show.“

Reuters/Yahoo News

Hervorhebung von mir, Link von hier.

Angesichts des aktuellen Hype um die Hinrichtung (»Haben Saddam Husseins letzte Stunden geschlagen?«), muss man sich doch die Frage stellen, was wir aus der Sache lernen, und welche Schlüsse das irakische Volk aus der Angelegenheit ziehen soll: Auge um Auge, Zahn um Zahn?

Hauptsache Neo

Zum neoliberalen Wirtschaften gehören gesenkte Steuern, eingesparte Sozialausgaben und ein dereguliertes Arbeitsrecht. Neokonservatives Wirtschaften hingegen bedeutet eine aktive Umschichtung von Steuergeldern und Entwicklungschancen, die mit Wert- und Moralvorstellungen begründet wird – daher die skurrilen unionsinternen Debatten der letzten Tage.

schreibt Ulrike Winkelmann in der taz und trifft damit den Hammer auf den Kopf (oder so). Mir ersönlich ist es zwar eigentlich sch***egal ob sich die Union als neoliberal und/oder -konservativ entlarvt, unwählbar bleibt unwählbar, für den politsichen Diskurs der Zukunft wird diese Positionierung jedoch nicht unerheblich bleiben.

20 Jahre

tagesschau20 Jahre ist das nun her. Zunächst vage und dann immer hysterischer prasselten die Nachrichten damals auf uns ein: in der Sowjetunion hat es einen Reaktorunfall, einen Super-GAU gegeben. Es folgten immer weitere Schreckensmeldungen über die radioaktive Wolke, die sich ausbreitete, die mutmaßliche Verseuchung von Lebensmitteln, radiokativer Regen und so fort. Neue Worte gerieten in den Sprachgebrauch, Bequerel, Sievent, Rad, Gray, die Maßeinheiten von Radioaktivität bzw. Aufnahme radioaktiver Teilchen. Einige besorgten sich Jodtabletten.

Ich war damals 17 und habe fleißig an Mahnwachen und Demonstrationen teilgenommen.

Der Reaktorunfall in Tschernobyl (heute Tschonobyl) war die größte atomare Katastrophe, die die Welt bis heute heimgesucht hat. Sie ist der Beweis der Fehlbarkeit und damit der relativen Unsicherheit von Kernkraftwerken, der Beleg dafür, dass Wahrscheinlichkeiten eben doch eintreten können. Geschätzte 10.000 bis 100.000 Menschen hat dieser Beweis das Leben gekostet, hinzu kommen späte Strahlenerkrankungen, Mißbildungen bei Neugeborenen, Krebserkrankungen. Es werden immer noch mehr Tote. Und am Block IV des Tschernobyl-KKW wird immer noch am Sarkophag umd den Reaktor gebaut, in dem sich noch schätzungsweise 150-180 Tonnen Reaktorkernmasse befinden – und strahlen und stahlen und strahlen… Eine neue Ummantelung kostet 800 Mio. $ und kann nicht ohne interantionale Hilfe finanziert werden.

20 Jahre nach Tschernobyl wird in Deutschland tatsächlich noch über den Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomenergie geredet, Zulassungsverlängerungen beantragt und von der Sicherheit der Kernenergie gefaselt. Interessant, wie vergesslich die Menschen doch sind.

Update:
siehe auch: Powerbook_Blog, oder Netzbuch und ganz besonders Paul Fuscos interakties Essay »Chernobyl Legacy« [via Antipixel].

Update II:
Bei meinem Arbeitgeber ist man unentschieden: Pro und Contra Atomkraft.

Kein Problem mit dem Selbstbewußtsein…

… hat offenbar Gerhard Schröder, der süffisant verkündet, nun Kanzler bleiben zu wollen, Angela Merkel möchte er zur Juniorpartnerin machen, nette Geste, immerhin. Und das bei einem Verlust von über 4%, von einer Legitimation seiner Politik durch den in den letzten Tagen so viel zitierten Souverän (also das Volk) mag man da kaum sprechen und auch nicht, dass der Schröder-Münte-Coup „Neuwahlen” nun eine stabilere Situation herbeigeführt habe. Es kommt eben immer auf die Interpretation an.

… hat noch weniger Angela Merkel, die sich lächelnd dem Souverän präsentiert, zwar von der Siegerpose weit entfernt, aber doch siegessicher, die Behauptung auf den Lippen, das Wahlziel „Rot-Grün abzuwählen” sei erreicht worden. Dabei lag das Wahlziel der CDU doch bei 42% und nicht bei 35. Dabei wollte Merkel doch Chefin einer schwarz-gelben Koalition sein, die wird es aber nicht geben. Und was hat der Stoiber daneben eigentlich zu lachen, selbst seine bayrische Eiheitspartei hat furiose Verluste im Stammland der Bezn und Weisswurscht erlitten. Sehr interessant.

… hat bekanntermaßen auch Joscka Fischer, dessen Grüne zwar wenig Prozente einbüssten, aber wohl auch die Regierungsverantwortung verloren hat. Joschka freut sich auf die Opposition. So scheint’s.

… hat Guido Westerwelle, dessen neoliberale Fähnchenschwenker zwar heftig Stimmer gewonnen, haben, von ihrem Wahlziel schwarz-gelb jedoch weiter entfernt sind, als je zuvor. Aber das ist Guido auch egal, Koalitionen sind für ihn eh‘ indiskutabel, sagt er, egal in welche Richtung.

… haben mit Recht Gregor Gysi und Oskar Lafontaine, die ein grandioses Ergebnis einfuhren, im Osten (25%) mehr als im Westen und nicht müde werden zu betonen, dass es nun endlich eine linke Kraft neben der SPD gibt und diese auch gewollt ist, vom Wähler. Nicht jedoch von den anderen Parteien, die nun alle miteinander sprechen um den Wahsalat aufzudröseln „ausser mit den Linken”, der häufigste Ausspruch an diesem Abend. Womit das Votum eines Viertels der Ostdeutschen Bevölkerung ignoriert wird. Das finden Gregor und Oskar aber auch gar nicht so schlimm, denn gleich Regierungsverantwortung wäre auch wirklich etwas zuviel Stress für das junge Pflänzchen Linke.

Zusammengefasst ist festzuhalten: es gab heute abend keinen rechnerischen Sieger, weshalb sich alle selbst zum Sieger erklären mussten. Am wahrscheinlichsten erscheint mir eine große Koalition (das hatte ich ja schon lange vor den gut informierten Medien vorhergesagt), es ist anders gekommen, als es einiger versucht haben herbeizuschreiben und vielmehrGreibares ist nicht herausgekommen. Mal so hinorakelt: wir werden relativ kurzfristig nochmal wählen gehen.

Ach eins noch: hier in Lübeck wurde SPD-Kandidat Bernd Saxe mit 62% als Bürgermeister bestätigt.

Ein Lehrstück der Globalisierung

Heute schon getankt?

Tut mir leid.

Das schlägt doch dem Ölfass den Boden aus, was da vom Benzinhöker an der Ecke von uns verlangt wird. Was hören wir, der Ölpreis schiesst durch die Decke, der Benzinpreis folgt ihm auf dem Fuße. Ja, „Katrina” ist Schuld: die Bohrplattformen im Golf von TexaMexico wurden stillgelegt, ebenso die Raffinerien an der dortigen Küste. „Ölknappheit!” brüllen die Spekulanten und schon geht es los. Da müssen wir zahlen. Alle. Und irgendwo im Garten eines Börsenmultis wird ein Swimming-Pool mit Goldmünzen gefüllt.

Das ist ja schon eine heftige Nummer: Sturm in Amerika und bei uns steigt der Benzinpreis. Der war aber natürlich auch vorher schon schmerzhaft hoch. Die Nachfrage – die ja bekanntlich den Preis bestimmt – ist hoch wie nie. Hauptverbraucher sind aber keinesfalls wir (mit unserer kränkelnden Industrie und ob der hohen Steuern eh‘ schon auf sparen eingestellten Autofahrern), sondern die USA und China. OK, von den USA kennen wir’s nicht anders, weiss man ja, dass die sich wenig um den Tankinhalt scheren und dort Autofahren statt besteuert zu werden, eher subventioniert wird, wie einst in der DDR das Graubrot. Überraschungssieger ist aber China. Deren Wirtschaft explodiert gerade, 9% Wachstum sind schon ein Hammer und auch die scheren sich weniger um die Umwelt, als den Weg nach vorn. Was mir den Witz meines Erdkundelehrers in den Sinn bringt: „Würden alle Chinesen ein Auto haben und es eines morgens alle gleichzeitig anlassen, dann wäre Stunden später die Sonne verdunkelt!”. Ja, so ähnlich. Öffnung der Wirtschaft, das war ja auch irgendwie das, was wir von den Chinesen wollten, nicht?! Gut gelaufen.

Der Schläge noch nicht genug: es ist mehr als eine Mutmaßung, dass die Erwärmung der Meere – der Golf von Mexico ist in den letzten Jahren 2° Fahrenheit wärmer geworden – die Stürme in der Region fördern bzw. ihre Stärke für uns negativ beeinflussen. Ein Hurricane bildet sich dort über dem Meer, wo sehr viel verdunstetes Wasser in die Athmosphäre aufsteigt, wo es also besonders heiss ist. Wärmeres Wasser = mehr Verdunstung = stärkerer Sturm. Einfache Rechnung. Nun fällt mir da das Abkommen ein, dass weltweit den Ausstoss von die Athmosphäre erwärmenden Gasen beschränken sollte ein. Dieses sog. Klimaschutzabkommen haben ja beinahe alle Staaten unterschrieben. Ausser, ja ausser die USA. Schon dreist.

Zusammengefasst: die Stürme an Amerikas Küsten, die so grausig sind, weil die Amis sich weigerten, die Umwelt zu schützen, behindern die weltweite Ölversorgung, die eh schon wegen des gigantischen Ölverbrauchs von (wieder) Amerika und China am Boden liegt, was den Ölpreis ins Unendliche steigen lässt, was wir solange bezahlen, wie wir können. Ergebnis: die Amis ertrinken, wir verarmen und die Chinesen… ja die Chinesen sind die lachende dritte Milliarde und sacken den Skat ein.

Ein Treppenwitz der Globalisierung sozusagen.

Befremdlich

Nun zeigt sie Wirkung, die Medienhysterie und stete Propaganda der letzten Jahre. Wenn man es nur lange genug immer wieder herunterbetet, dann wird es irgendwann geglaubt.

Laut einer Studie der Universität Leipzig nehmen rechtsextremes Gedankgut und ausländefeindliche Meinungen in Ost und West erschreckende Ausmaße an.

Den Teilnehmern der Studie wurden Sätze vorgelesen, zu denen sie ihre Meinung äußern sollten. Besonders hohe Zustimmung verzeichnete man bei der Aussage: „Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maße überfremdet.“ 38 Prozent der Befragten konnten sich mit dieser Aussage identifizieren. Ebenfalls hohe Akzeptanz fand der Satz: „Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige, starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert.“ – hier stimmte fast ein Viertel der Befragten (23 Prozent der Ost- und 24 Prozent der Westdeutschen) zu. Auch chauvinistische Äußerungen wurden oft bestätigt. 36 Prozent der Befragten aus Ost- und sogar 41 Prozent aus Westdeutschland meinten: „Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben.“ Insgesamt stimmten 26 Prozent der Befragten verschiedenen ausländerfeindlichen Aussagen zu.

Na, herzlichen Glückwunsch.

Mehr dazu: Netzeitung: Viele Deutsche beklagen «Überfremdung»

Tu mal lieber die Neuwahl

Wenn man mal die Startseite von Google-News anschaut stellt man gerade folgendes fest: statt der Wahlschlappe der SPD in Nordrhein-Wandalen steht der gestrige Kanzler-Coup in den Schlagzeilen, also Schröder und Müntefering statt Rüttgers. Insofern hat die gestern doch recht überraschende Ankündigung schon erste Früchte getragen, die SPD ist in aller Munde, aber nicht mit der Wahlschlappe.

Dabei sind Schröders Worte mehr als dreist, denn das gibt es in Deutschland gar nicht, die SPD kann nicht entscheiden, ob der Bundestags aufgelöst wird, das kann nicht mal der Bundestag selbst (fürchterlich plakativ dargestellt hier und hier). Sowas kann eben nur der Bundesprädident und das auch nur nach eigentlich recht strengen Regeln (die aber schon einmal in Sachen Helmut Kohl von Präsident und Bundesverfassungsgericht gedehnt wurden).

So ist nun alles in Aufruhr und von der SPD-Bundestagsfraktion (hat man die nicht gefragt?) über die Grünen bis zur CDU (die ja noch nicht einmal einen Kandidaten für eine so plötzlich anstehende Wahl hat). Das ist natürlich spannend, aber ist das auch sinnvoll?

Lustig ist auch, dass eine Neuwahl des Bundestages (mal angenommen es würde wieder die SPD gewählt) an der Situation gar nichts ändern würde, der Bundesrat bliebe in CDU-Hand.

Aber, da ist man sich ja eigentlich sicher: die CDU würde die Mehrheit bei einer Bundestagswahl erlangen, denn der Wähler an sich scheint nicht zu raffen, dass er damit seinen eigenen Schlachter selbst wählt, dass alles, was man heute an der SPD kritisiert, mit der CDU noch viel schlimmer wird.

Was soll das nun alles? Möglicherweise spekuliert man in Kanzlerkreisen auf eine grosse Koalition, die gibt es ja schon in etlichen Bundesländern. Diese liesse sich übrigens auch ohne Neuwahl erreichen. Oder man hat tatsächlich einfach die Schnauze voll, und will sich zurückziehen, alles hinschmeissen und sagen: „wenn ihr es denn soviel besser könnt, dann mach et Angie!“ Alle diese Alternativen sind besser, als sich jetzt noch über ein Jahr von der CDU gängeln zu lassen, die alles blockieren würde (mit der Bundesratsmehrheit), und dabei ununterbrochen auf die Regierungsunfähig von rot-grün hinweisen würde. Und so steht der Kanzler auch igendwie zu seiner „Agenda 2010“, lieber Neuwahl als Umkehr ist das Motto.

Es wird also spannend bis zum Herbst und ich (ganz persönlich) sehe hier schlimme Zeiten auf uns zu kommen, denn der oben schon erwähnte dumme Wähler, schert sich nicht um Programme, sondern um das, was das Fernsehen sagt, wird CDU wählen. Viel zu viele haben längst vergessen, wohin uns etliche Jahre CDU-Regierung (hallo? kennt noch jemand den Namen Kohl?) geführt haben. Eins ist ärgerlich: die SPD macht zumindest nicht den Eindruck, als hätte sie es besser gemacht.

Besuch in Auschwitz und Birkenau

Über dem Tor schwingt sich das schmiedeeiserne „Arbeit macht frei“, direkt am Eingang die grausame Manifestation faschistisches Zynismus, für uns heute liegt er auf der Hand, was aber haben die Gepeinigten damals gedacht, wenn man sie durch das Tor führte. Frei, das mag wie ein Versprechen geklungen haben, hinter dem Tor wartete jedoch das absolute Grauen. Besucht man das sog. KZ Auschwitz, muss man diesen Gang gehen, und das ist nicht leicht. Viel hat man sicherlich gelesen, Filme gesehen, vielleicht in der Schule gelernt, aber just kurz vor dem Eingangstor stellt man sich eben doch die Frage „bin ich auf das ‚was gleich kommt vorbereitet?“. Man ist es nicht. Denn es kommt nichts.

Auschwitz stellt man sich als das Vernichtungslager vor, so wie wir es aus den Filmen kennen. Aber Auschwitz I selbst sieht man in Filmen eher selten. Das Hauptlager Auschwitz ist nicht so groß, wie man es sich vorstellt. Und gleicht auch eher einem Gefängnis. Keine Baracken, sondern Steinbauten, ein- und zweistöckig. Keine gigantischen Exerzierplätze, man hat sich das irgendwie anders vorgestellt.

Die Führung hat den Charakter eines Museeumsbesuches, man sieht Gefängniszellen, leere Folterkammern, eine schwarze Wand an der wohl Erschießungen stattfanden. Natürlich ist das schockierend, aber nicht so wie ausgemalt, irgendwie ist alles so weit weg, man konsumiert die Fakten, lacht vielleicht sogar beim Anblick des Wohnhauses des Kommandanten (der tatsähclich mitsamt seiner Familie mitten im Lager wohnte). Zum Ende hin dann wirds mulmig, die Berge von Koffern, Schuhen, ein Berg von Brillen, deuten an, wieviele Menschen das Lager einst betraten, aber nicht lebendig verlassen konnten. Das war’s.

Beendete man an dieser Stelle seinen Besuch in Auschwitz, wäre es nichts mehr als ein Besuch im Museeum des Grauens. Im Grunde viel zu erträglich, und dabei meine ich nicht eine Gier nach Sensation oder ähnliches. Beinahe fragt man sich, wie abgebrüht man ist, einen solchen Besuch ohne tieferes Entsetzen zu überstehen.

Dann setze ich mich wieder in den Bus und es geht nach Birkenau. Birkenau war ein Teillager von Auschwitz, in einigen Kilometern Abstand vom Hauptlager und Stadt. Birkenau liegt in der Einsamkeit. Der Bus hält in der Nähe des Turms, den ich aus etlichen Darstellungen zu Thema Auschwitz kannte, der Turm über dem Eingangstor durch das die berühmte Eisenbahntrasse führt. Dieser Turm ist auch unsere erste Station, ich steige hinauf und gelange in einen rundum verglasten Raum, und von hier aus kann ich beinahe das ganze Lager überblicken. Das ist der Augenblick in dem es laut Klick macht, es läuft mir kalt den Rücken herunter. Denn was ich vom Hauptturm des Vernichtungslagers Birkenau sehe offenbart mir auf einen Schlag die ganze Dimension des Holocausts. Von dieser Stelle gesehen kann ich, wie gesagt, beinahe das ganze Lager sehen. Beinahe, weil es grösser ist, als ich an diesem diesigen Tag schauen kann. Es scheint sich unendlich weit zum Horizont zu strecken, Birkenau so weit das Auge reicht. Ich sehe die Baracken, viele stehen nicht mehr, aber die Ruinen und die Anlage der Wege zeigen, dass dort einst hunderte, vielleicht tausende dieser gigantischen Holzbauten waren. Ich weiss aus den Filmen, wieviele Menschen jeweils in einer Baracke zusammengepfercht wurden, die Rechnung endet bei einer unfassbaren Zahl. Und dabei wurden die meisten gleich ermordet. Vom Turm gesehen liegt vor uns die Bahnrampe, dort, wo die Opfer ankamen und die „Selektionen“ stattfanden, die Auswahl, ob man zur Arbeit oder direkt ins Gas musste. Diese Bahnrampe reicht auch beinahe bis zum Horizont. Und obwohl es nun keine Führung mehr gibt, oder gerade deswegen, kann ich die Szenen erahnen, die sich hier abgespielt haben müssen.

Weit in der Ferne sieht man die Krematorien, oder das, von von Ihnen noch übrig ist. Davor die Gebäude, die wohl die Gaskammern beherbergten. Ich weiss das nicht genau, wie gesagt, es gibt hier keine Führung, niemand, der mich bei der Hand nimmt, ich bin meinem Wissen und meiner Phantasie ausgeliefert. Wie jeder Besucher hier. Ich laufe über dieses riesige Areal und ohne Hinweistafeln, Vortrag und Anleitung, ist das Grauen realer als je zuvor. An einem Tümpel, einst wohl eine Grube in die Asche entsorgt wurde, untersuche ich den sandigen Rand des Gewässers. Der Boden besteht aus ein Mischung von hellem Sand und klitzekleinen Knochensplittern.

Ich habe Auschwitz und Birkenau vor rund 10 Jahren als Leiter einer Jugendgruppe besucht. Ich muss oft daran denken, nicht nur am Jahrestag der Befreiung und die Bilder habe ich dabei klar vor Augen. Wer meint, den Holocaust anzweifeln zu müssen, der soll nur einmal dorthin fahren und es sich ansehen.