2017: UX verbessern!

Das Jahr ist noch jung, Zeit für die guten Vorsätze. Ich persönlich habe mich da zurück gehalten, ich habe mit mir genug Erfahrung, ich brauche andere Anlässe als einen Jahreswechsel, um an mir zu arbeiten. Aber für uns alle habe ich uns etwas vorgenommen, ist das nicht nett?

Hiermit rufe ich 2017 als das Jahr der UX-Verbesserung aus und der Abschaffung jener dark patterns, die uns nun schon seit Jahren auf den Zeiger gehen.

Keiner mag sie, aber alle haben sie.

Ich rede hier von den dark ux patterns, needy design patterns und einfachen Tricks, die auf Webseiten angewendet werden, um den Nutzer zu bestimmten Aktionen zu bewegen oder ihn davon abzuhalten. Und ab und an lenken wir den Nutzer auch einfach nur vom eigentlichen Inhalt der Seite ab. Was wir damit machen? Die Verweildauer erhöhen, bestimmte Seiten im Angebot promoten, das Wiederanzeigen von Werbung triggern, Statistiken schönen, uns in die eigene Tasche lügen. In Ausnahmefällen erfüllen wir damit auch EU-Normen. Der Wahnsinn kennt keine Grenzen.

Was sind die Folgen?

Keine Frage, schlechte User Experience funktioniert immer wieder. Das zeigen wahrscheinlich auch die Zahlen. Aber das ist leider nur scheinbar so: denn miese Tricks führen letztlich dazu, dass die Glaubwürdigkeit insgesamt leidet, bis der Nutzer eben nicht mehr wieder kommt. Und irgendwann dreht sich der Wind auch, so gesehen bei Adobe Flash. Das war auch mal sehr hip und hat super funktioniert…

Was ist zu tun

Ich weiß, ihr könnt das jetzt nicht alles von hier auf jetzt abschalten. Aber das Jahr ist ja lang. Da kann man schon einiges tun:

  1. Aufklären: dark UX patterns identifizieren und bekannt machen. Sprecht Eure Produktentwickler, Projektmanager oder Chefs an und zeigt ihnen wo die Probleme liegen.
  2. Alternativen aufzeigen: es gibt immer eine bessere Lösung als einen Modaldialog, also zeigt diese Wege auf und bietet sie an. Zeigt auf, dass gutes UX die Glaubwürdigkeit erhöht, vor allem in einer Zeit, in der die Mitbewerber noch miese Tricks benutzen.
  3. Strategien entwickeln: Lasst uns absprechen und uns gegenseitig Hilfen an die Hand geben. Schreibt Artikel mit guten Lösungen. Verlinkt gute Artikel. Fragen klären: wo können verlorene Ad-Impressions wieder hereingeholt werden? Wie beweist man, dass wir Recht haben?

Jetzt wisst ihr Bescheid…

… los geht’s. 😉

Nachbereitung: 24 Rants…

Heimlich, still und leise ist meine erste Aktion im Couchblog NG am Heiligabend zu Ende gegangen, mit einem zugegeben recht holprigen musikalischen Rückblick auf 2016. Ich glaube es war eine ganz gute Idee, das Jahr mit einer Blogaktion zu beenden, einige der 24 Artikel haben doch für einiges Aufsehen gesorgt, was der Sache das neue Couchblog bekannter zu machen sicherlich dienlich war. Die Idee an sich, ein Adventskalender mit 24 Rants zu unterschiedlichen Themen allerdings, hat sich als die Schnapsidee entpuppt, über die ich mich ja im ersten Artikel schon echauffierte. Als ich hörte, dass der Webkrauts-Adventskalender 2016 ausfallen würde und mein Artikel dazu zum allgemeinen Rant über Adventskalender gewachsen war, hatte ich die Idee des Rantventskalender und schnell zwei weitere Artikel fertig, sowie 21 Themen gesammelt, über die noch zu ranten wäre. Diese Shortlist löste sich aber während des Dezembers in Ungefallen auf, vielleicht bin ich nicht jeden Tag schlecht gelaunt genug gewesen? Und dann passierten ja auch immer wieder aktuelle Ereignisse, oder Kollegen wünschten sich Themen. Dazu stellten sie sich in meiner Nähe auf, schauten entrückt in die Luft und sagten sowas wie: „Hach… darüber würde ich gerne mal einen Rant lesen.“ So, oder so ähnlich. Die aktuell aufpoppenden Themen sorgten für den Rest, jedenfalls saß ich so manchen Morgen noch beim Frühstück am Schreiben des in einer Stunde erscheinenden Artikel.

Das ist nicht nur lästig, obwohl die aufkommende schlechte Laune natürlich hilfreich sein sollte beim Ranten, sondern führt eben auch dazu, dass man Dinge veröffentlichen muss, die man eigentlich sonst nicht live gestellt hätte. Das muss nicht immer schlecht sein, aber manchmal eben doch. Hinzu kommt eine gewisse Müdigkeit auch bei den Lesern, nicht jeder hat jeden Tag Bock auf das Gemotze, zumal es ja auch nicht immer klappt mit der Meckerei. So ist der Erfolg der Artikel doch recht unterschiedlich ausgefallen. Am Erscheinungstag am erfolgreichsten waren 21. Kein SEO für Brandstifter, 1. Adventskalender (gleichzeitig über den ganzen Monat der erfolgreichste Rant) und 5. Scrum. Ein echter Flop dagegen war 19. Montage, was aber nur ein Video war, der wenigst erfolgreiche Text war 20. Popmusik, um den 20. herum war der Kalender also schon ziemlich am Boden, weshalb ich am 21. mal richtig auf die Kacke gehauen habe, wie man sieht, mit Erfolg. So hatte der Kalender mitunter seine ganz eigene Dynamik.

Ich weiß nicht, ob ich das nochmal machen will. Die Eigendynamik ist super, aber man wollte sowas doch besser vorbereiten, was selbige wieder einschränkt. Ein Teufelskreis mithin. Mal sehen, wie ich mich kenne, denke ich das nächste Mal am 29.11.2017 darüber nach und mache es dann trotzdem. 😉

Happy new year?

2017 ist gerade ein paar Stunden alt und es hängt mir schon jetzt zum Halse raus. Silvesterparty, wenn ich das schon höre. Wettsaufen bis 0.00 Uhr und dann erweitertes Überlebenstraining unter Böllerbeschuss in klirrender Kälte irgendwo in der Dunkelheit eines Garagenplatzes. Oder die andere Version: Diner for One, Ohnsorg-Theater, nochmal Diner for One, Stössken und ab in die Heia. Und irgendwer…, also irgendwer muss ja auch diese ganzen Sketch- und Witzshows anschauen, die rund ums neue Jahr laufen. Oder Phil Collins, live in concert, auf 3Sat. Ja, oder nicht? Und nicht den Silvesterstadl vergessen, nein nein.

Au ja und immer schön „Prost Neujahr“ und „Guten Rutsch“ und vor allem „happy new year“ trällern, yikes! Da bleibt einem doch der Käseigel im Hals stecken. Zu keinem Moment scheint sich das Volk in einer Quasiwelle von gestelztem Konservatismus so einig zu sein, wie an Silvester. Und am Brandenburger Tor finden sich die Massen ein. Und die Kanzlerin spricht aufbauende und konservative Worte, und Kiwi zählt den Countdown, würg würg. Und dann pusten wir Millionen in die Luft, werfen sprichwörtlich das Geld zum Fenster hinaus auf die Straße, oder sprengen uns damit die Hände und Trommelfelle weg. Ein so intellektuelles Völkchen da draußen.

Also mal ehrlich liebes Volk, hier ist meine Neujahrsansprache: wenn ich mir so anschaue, wie ihr euch an Silvester benehmt, da bin ich mir sicher: das wird hier nichts mehr, da hilft nur noch auswandern! Na dann: happy new year, Miss Sophie!

Bild: Annie Spratt

24. We didn’t start the fire (2016 Rmx)

Niederlande, Germany, Istanbul, David Bowie,
Nimr-al-Nimr, Kerber, Alan Rickman

Glenn Frey, Saudi-Arabien und Iran
Ende des Atomprogramm, Johann Schneider-Amman

Zika-Virus, Zugünglück, Asylgestze, Lustig
Syrien, Eco und Leonardo di Caprio

Ankarra, Fidschi Zyklon, zum 50. Mal Super Bowl
Graviationswellen und Gianni Infantino

Zwei-Null-Sechzehn, was fürn Scheißjahr
voller schlechter Nachrichten
wer will denn das berichten
Zwei-Null-Sechzehn, was fürn Scheißjahr
das Jahr der langen Messer
vielleicht wird’s nächste besser

Lee Seedol, AlphaGo, Verbotsverfahren und Cicero,
Super Tuesday, Westerwelle, Jan Böhmermann

Karadzic, NPD, Lahore und auch AFD,
Genscher, Spät, Anschlag in Brüssels U-Bahn

Kein Frieden in der Ukraine, Japan wieder eine Ruine
Prince gibt den Löffel ab

ESC, Christian Kern, Platini, Bayern DFB-Pokal
Ise-Shima G7, Van der Bellen erste Wahl

Zwei-Null-Sechzehn, was fürn Scheißjahr
voller schlechter Nachrichten
wer will denn das berichten
Zwei-Null-Sechzehn, was fürn Scheißjahr
das Jahr der langen Messer
vielleicht wird’s nächste besser

Götz George, Spanien, Brexit und Armenien
Gotthard-Tunnel, Plattfuß und Ali

Portugal gewinnt EM, Regen, Überschwemmungen,
und dann auch noch Lewandowski

NATO in Warschau, Cameron und Theresa May
Donald Trump, Orlando, LKW in Nizza

Tel Aviv, Dallas, München, Ansbach all das
schon wieder Bagdad, Erdogan und Geiseln in Dhaka

Zwei-Null-Sechzehn, was fürn Scheißjahr
voller schlechter Nachrichten
wer will denn das berichten
Zwei-Null-Sechzehn, was fürn Scheißjahr
das Jahr der langen Messer
vielleicht wird’s nächste besser

FARC, Aden, Parkistan, Erdbeben in Italien
Gaziantep, Quetta, Wilder, Olympia in Rio

Niedersachsen, Meckpomm raus, Berlin wählt Abgeordnetenhaus
Horrorclowns, Manfred Krug, G20 tagt in Hangzou

Klimawandel, Hurricane, Nobelpreis für Byb Dylan
Van der Bellen schafft’s zum zweiten Mal, Trump gewinnt die US-Wahl

Zwei-Null-Sechzehn, was fürn Scheißjahr
voller schlechter Nachrichten
wer will denn das berichten
Zwei-Null-Sechzehn, was fürn Scheißjahr
das Jahr der langen Messer
vielleicht wird’s nächste besser

Castro tot, Cohen auch, Renzi landet auf dem Bauch,
Terror auf dem Weihnachtsmarkt, Deutschland hat nen Angst-Infakt
AFD hetzt sich auf fünfzehn zwei, hoffentlich ist es bald vorbei

We didn’t start the fire
It was always burning
Since the world’s been turning
We didn’t start the fire
No we didn’t light it
But we tried to fight it

Bild: Jonatan Pie

23. Die Bild-Zeitung

Ja, sich über die sogenannte Bildzeitung zu ereifern ist ein leichtes, natürlich. Aber, das ist nun einmal der Sinn dieser Serie: ich steige mit Freude auf mein hohes Ross und ereifere mich.

Zunächst allerdings möchte ich an alle jene arme Seelen erinnern, die es nicht besser wissen und seit vielen, vielen Jahren jeden Tag ihre »Bild« kaufen, um sich in der Mittagspause, zusammen mit den anderen Eisenbindern, Gerüstbauern oder Lokalpolitikern über die Schlechtigkeit der Welt auszutauschen. Die glauben, sich damit ihre Meinung zu bilden. Dabei haben das Blatt ja nur wegen des Sportteils gekauft. Und der Titten natürlich.

Ach, in Wahrheit haben wir Springers Groschenblatt viel zu verdanken. Sie prägte etliche Begriffe, sprachliche Verkürzungen oder einfach falsche Formulierungen, die in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind: Groschenblatt (Bild kostete einst 10 Pfennig) bspw. oder Blitzeis oder Brutalo-Schläger oder eben, dass wir Papst sind äh… gewesen wären. Hurra. Die besondere Art des Journalismus der Bild führte in der Vergangenheit zu bemerkenswerten Fehlern, bspw. wenn Springers Hetzblatt Leute namentlich nannte und als Terroristen, Mörder oder Vergewaltiger diffamierte, die sich aber hinten raus als unschuldig erwiesen. Die etlichen Rügen durch den Presserat wurden lange Zeit ignoriert. Und in den Jahrzehnten ihres bestehen, immer den Antikommunismus dick vor sich hertragend, hat sich es geschafft, ein Nährboden zu sein für Misstrauen, Denunziantentum und Hetze.

Den Gipfel erreicht Springers Revolverblatt nun jedoch im Angesicht des tragischen Ereignisses auf dem Breitscheidplatz in Berlin. Wie schon die üblichen Verdächtigen von Rechtsaußen, setzt die Bild darauf, ihre Leser in Angst zu versetzen. Ich verletze folgend meine Regel, nicht aus Bild zu zitieren oder gar abzubilden, aber das ist wirklich sehens- und bemerkenswert:

Gleichzeitig wird einerseits Panik verbreitet, andererseits aber auch die Sensationslust der Leser angesprochen. Das ist schon ein wenig eklig. Richtig eklig dagegen sind natürlich auch die Leute, die Springers Kampforgan kaufen und damit finanzieren. Und das sind einige, allein rund 1,9 Millionen Exemplare verkaufen sich jede Woche. Das sind zwar rund 58% weniger Auflage, als noch 1998, aber immer noch zu viel. Zumal ja auch noch fleißigst der Onlineableger genutzt wird. Und, das stellt man auch immer wieder fest, es unterhalten sich sogar Leute über die Bild-Zeitung, die sie gar nicht kaufen, allein, weil man überall (siehe oben) die Titelseite unter die Nase gerieben bekommt. In diesem Fall fehlt einem dann allerdings die in der Regenbogenpresse übliche Relativierung der Überschrift. Im Falle des obigen Berlin-Aufmachers allerdings, ging es um Panikmacherei und schlechte Stimmung, und das geht dann auch im Blatt so weiter, seit Montag:

Und hier haben wir die Message für den Bild-Leser verständlich: der Grinch ist ein Tunesier und hat Weihnachten gestohlen, unsere christlichen Werte, wie Glühweinsaufen auf dem Weihnachtsmarkt, zerstört und läuft nun frei herum. Dagegen hilft nur, was Bild schon immer predigt: starker Staat und so rechts wie möglich wählen. Bild wünscht ein ängstliches Weihnachtsfest!

Bild: Jonatan Pie

22. ARD und ZDF im Internet

Mir ist kürzlich klar geworden, dass ich kein TV mehr schaue. Nicht mehr. Kein bisschen Überhaupt nicht. Wir nutzen zu Hause kein lineares Fernsehen. Ich hatte ein Zattoo-Abo, das ist aber unbemerkt ausgelaufen. Ich habe viel Onlinetvrecorder genutzt, aber auch dort bin ich seit ewig nicht mehr aufgeschlagen. Wenn demnächst DVB-T2 eingeführt wird, besitzen wir kein Gerät mehr, mit dem man Fernsehen empfangen kann. 2016 war vollgestopft mit nachrichtlichen Schreckensereignissen und ich bin bei keinem auf die Idee gekommen, die Tagesschau anzusehen, oder den Brennpunkt1. Und ich bin bei solchen Dingen eher konservativ, wer meine Schallplattensammlung kennt, der weiß, wovon ich rede.

Man kann aber wohl festhalten: lineares TV wird noch lange Zeit eine Nischendaseinsberechtigung haben, aber grundsätzlich schafft es sich gerade selbst ab, auf lange Sicht. Vom Internet als Zukunft zu sprechen wäre ein wenig, also so um rund 10 Jahre verspätet, es ist einfach Fakt: was eins im TV stattfand, das findet nun im Netz statt. Da ist es nur logisch, dass die öffentlich-rechtlichen Sender, mit dem gleichen Auftrag wie immer2. Und da das Internet nicht lineares Fernsehen ist, ist es total schwachsinnig zu behaupten, bspw. eine Tagesschau-App dürfe nur Videos zeigen und eine Homepage nur zu einem Drittel aus Text. Das ist ehrlich gesagt ähnlich kurzsichtig, wie keine Rundfunkgebühren zahlen zu wollen3.

Wenn es auch nur ein Verleger geschafft hätte, eine erfolgreiche Videoplattform aufzubauen, anstatt das Feld Google aka. Youtube zu überlassen, dann würde Herr Döpfner heute fordern, das eine Tagesschau-App allein aus Text bestehen solle. Was der Einfluss der Verleger mit den öffentlich-rechtlichen Angeboten im Netz gemacht hat ist ein Trauerspiel. Und das alles nur, um die Konkurrenz aus dem Weg zu schaffen. Dafür hat man sich sogar das Adjektiv presseähnlich ausgedacht, was nicht zum öffentlich rechtlichen Auftrag gehöre. Und dann noch Richter gefunden, die diese Ansicht auch noch teilen. Wir leben in wirklich harten Zeiten.

Die öffentlich-rechtlichen Sender sollen auch Apps und Webseiten machen. Statt es ihnen zu verbieten, sollte man es ihnen vorschreiben. Und statt Mediatheken vergesslich zu machen, sollen sie ewig zur Verfügung stehen, permanent, kostenlos und zitierfähig. Was die Sender produzieren gehört den Gebührenzahlern, sie müssen dazu Zugang erhalten. Und Nachrichten sollen sie auch machen dürfen im Netz, denn Nachrichtenapps- und Webseiten sind die Zukunft des Journalismus, und freien, unbeeinflussten und unabhängigen Journalismus sollen die öffentlich-rechtlichen Sender garantieren. Sie werden dabei Themen behandeln, die andere nicht machen, weil sie kein Geld einbringen. Und sie werden Techniken nutzen, bspw. komplett zugänglich sein, die bei anderen immer zu kurz kommen und sie werden dort verlässlich sein, wo man anderen nicht trauen kann. Dem BDZV beispielsweise.

Bild: Jonatan Pie


  1. Den gibt es doch noch, oder?! 
  2. Neben einem Grundversorgungsauftrag und einem gesetzlich Programmauftrag ist eine der weiteren wesentlichen Aufgaben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks daher die Wahrung der politischen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit. 
  3. Aber das machen ja nur Reichsbürger. 

21. Kein SEO für die Brandstifter

Ich hatte gestern schon in der Morgenlese George Laoffs Text How to Help Trump verlinkt und auf Twitter auch nochmal darauf verwiesen, dass es falsch ist, die Propagandatweets der Nazis zu retweeten oder auch wörtlich zu zitieren. Trotzdem ist das den ganzen Tag über natürlich weiter so passiert bei von Privatleuten genauso wie von Medien. Die FAZ hat bspw. einen ganzen Artikel aus zusammengeschnittenen Rechtsaußentweets gebracht und auch ZEIT ONLINE verbreitete kostenlos einen Demoaufruf einer neurechten Gruppierung, inklusive Termin und Logo.

Die Nazis gehen in ihren Filterblasen sowieso schon komplett steil mit Verschwörungstheorien und Propaganda zum Breitscheidplatz, das muss man aufdecken und benennen, ohne Frage. Aber man muss es weder zitieren, und schon gar nicht den Tweet abbilden oder gar retweeten (oder reposten). Ich weiß natürlich, dass man die Nazis nicht weg ignorieren darf und kann, aber hört doch endlich auf, Euch deren Standpunkte zu eigen zu machen und so die Propaganda noch millionenfach weiter zu verbreiten. Die Rechten nutzen das als Taktik und es wird im Wahljahr 2017 noch viel schlimmer werden!

Im Moment ist es ja noch relativ ruhig, bis auf die CSU, natürlich die CSU, die nun mal wieder den Einsatz der Bundeswehr im Innern fordert, wie nach jedem Anschlag und dem saarländischen CDU-Minister Bouillon, der gleich das Trennungsgebot zwischen Geheimdienst und Polizei aufheben will. Das sind die üblichen konservativen Reflexe. Die Nazis hingegen fahren seit der ersten Nachricht vom Breitscheidplatz einen an tausenden Stammtischen vorbereiteten Propagandakrieg, nun ihrer wirren Thesen von den terroristischen Einwanderern endlich beweisen zu können. Und ich schreib es nochmal hin: wer diesen Scheiß retweetet, macht gratis Werbung für deren Sache, wer die Tweets einbettet noch mehr. Holt deren Themen nicht ungefiltert aus deren Filterblasen an die Öffentlichkeit!

Stattdessen sollten wir endlich deren Themen in der Diskussion positiv besetzen, das Netz muss Lösungen anbieten, wo die Nazis nur Panik verbreiten. Und wir müssen SEO, denn sie setzen es als Waffe ein, um Google als eine Art politischen Raum zu besetzen. Endlich könnte SEO mal einen Sinn ergeben!

Macht kein SEO für Nazis, sondern gegen sie.

Zitat Jens Stoltenberg

Bild: Ales Krivec

Morgenlese XXVII

Was immer die Hintergründe des Vorfalls Breitscheidplatz in Berlin auch sind, in diesem Jahr spätestens habe sich die Reaktionen auf derlei Ereignisse eingespielt, auf allen Seiten. Die einen versuchen die Ruhe zu bewahren, die anderen politisches Kapital daraus zu schlagen. In den sozialen Medien bricht derweil ein flamewar zwischen diesen Positionen aus. Aber es gilt nun, nicht in redaktionelle Panik zu verfallen…

Stephan Detjen, Chefkorrespondent des Deutschlandradio, fasst die Reaktionen der Nacht in einem lesens-/hörenswerten Kommentar zusammen:

Andere bis hin zu Donald Trump in den USA waren schneller dabei, ihre politisches Geschäft mit dem Anschlag von Berlin zu betreiben. Auch das folgt einem Muster, das von Tätern und Krisenprofiteuren des Terrorismus Hand in Hand gezeichnet wird. Den einen wie den anderen geht es darum, friedliche und liberale Gesellschaften auseinanderzutreiben. Die einen schlagen den Spaltkeil blutig ins Fleisch der Gesellschaft, die Trumps, LePens und ihre deutschen Nachahmungstäter treiben ihn politisch weiter bis ins Mark.

Beim Tagesspiegel stellt man die berechtigte Frage: Wie gehen wir um mit der Angst:

Es kann noch Minuten dauern bis zur nächsten sicheren Erkenntnis, oder auch Stunden, vielleicht Tage. All das aber ändert nichts an der Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss: Wie gehen wir um mit der Angst?

Die eindeutige Antwort: »mehr Demokratie und mehr Offenheit«.

Im Wirrwarr der Informationen und Gerüchte sticht wie immer und inzwischen leider auch schon routiniert, der Was wir wissen über… Artikel meiner Berliner Kollegen heraus. Das aktuelle Geschehen wird derzeit noch in einem Liveblog verfolgt.

Irgendwie passt auch George Lakoffs Artikel darüber, wie man nicht mit den Aussagen von Donald Trump umgehen sollte, man kann das eins zu eins auf die AFD und ihre dreckige Propaganda kurz nach dem Ereignis in Berlin anwenden:

This illustrates one of the most important principles of framing a debate: When arguing against the other side, don’t use their language because it evokes their frame and not the frame you seek to establish. Never repeat their charges! Instead, use your own words and values to reframe the conversation.

20. Popmusik

Bei den Netzpiloten habe ich einen länglichen Artikel gefunden Warum irgendwann alle Popsongs gleich klingen werden. Grund genug, sich mal ordentlich aufzuregen.

Im Moment lenkt mich aber gerade ein Neandertaler neben mir im Zug ab, der sich in aller Seelenruhe ein Leberkäsebrötchen unter Maximallautstärke reinzieht. Dolbywars in der Bundesbahn sozusagen. Ja, Popmusik muss in den letzten Jahren vor allem eins sein: laut. Ob das ein Grund ist, das eines Tages alles gleich klingt, mag sein, zumindest wenn man es auf den unterdimensionierten Türboxen in unserem Peugeot abspielt. Knarz, knarz, knarz. Zu geil, dass sich auch im 21. Jahrhundert noch wieder sogenannte Wissenschaftler finden, die sich nicht entblöden, vor den gesundheitlichen Risiken der nun immer lauteren Musik zu warnen. Die hätten mal auf ein Motörhead-Konzert gehen sollen, anstatt in der Dorfdisko zu Rihanna mit dem Arsch zu wackeln seinerzeit.

Ein anderer Grund soll Autotune sein. Dass Kids von heute meinen, nicht geautotunete Songs seien ein Zeichen für mangelndes Talent des Künstlers, gehört wohl eher in das Reich der Anekdoten. Fakt ist, dass man heute kaum Cher von Madonna unterscheiden kann, was aber daran liegen mag, dass sie den gleiche Schönheitschirurgen haben, der ihnen die Gesichtshaut am Hinterkopf zusammen knotet. Da kriegt man das Maul nicht mehr weit genug auf, da muss man quasi Autotune nutzen. Allerdings, eine Sache stimmt: die Industrie setzt den Einsatz von Autotune quasi voraus, weil ja auch kein Popsternchen von heute noch ernsthaft singen kann. Außer sie kommen aus Schweden, wo es eine ordentlich Popmusikausbilding gibt und die Nachwuchssuche nicht von Dieter „Taub im Endstadium“ Bohlen erledigt wird.

Und dann gibt es natürlich auch ganz wichtige Studien, die beweisen, je erfolgreicher der Popsong, um so gleicher klingt es. Nun könnte man meinen, die schreiben alle voneinander ab, oder alle bei den gleichen. Ja, richtig. Und es könnte sein, dass die erfolgreichsten Songs immer von denselben Leuten produziert werden, bspw. von Daft Punk. Oder von David „mein Synthi hat genauso viele Tasten wie ich Gehirnzellen: eine“ Guetta. Auch richtig. Das beweist am Ende nur, wie einfältig der Geschmack der Popmusikhörer ist. Und an der Stelle würde ich sagen: da haben sich ja die richtigen gefunden! Einfältige Musik für einfältige Leute. Super.

Das erklärt jetzt allerdings in keiner Weise die Existenz und den Erfolg von Helene Fischer, Andrea Berg oder die komplette Volksmusiksparte. Da sollte man mal jemand eine Studie dazu machen…

Bild: Ales Krivec