Wie mich ein Lumia rettete

Während eines Umzugs kommt einem Mobiltelefon, ob nun smart oder nicht, eine sehr ursprüngliche Bedeutung bei, als die letzte Möglichkeit zwischen Abmelden an einem und Aufschalten an einem anderen Ort, Kontakt zur Außenwelt zu halten, sei es telefonisch oder eben per Netz. Offline sein kommt mir per se schon suspekt vor, in so einer wichtigen Situation eher lebensbedrohlich.

Mein Nexus 5, rund zwei Jahre hat es klaglos seinen tagtäglichen Dienst versehen, fiel nun genau in diesem verletzlichen Moment zwischen zwei Wohnungen aus. Erst fiel das Mikrofon aus und man konnte mich bei Telefonaten nicht mehr hören (das ist auch eine selten dämliche Situation). Irgendwann weiteten sich die Probleme auf das Display aus und irgendwann ging es einfach aus. Ende.

Das freundliche Internetkaufhaus von nebenan hatte mir vor Monaten mal ein Microsoft Lumia 532 zum Testen geschickt. Seinerzeit hatten mir eigentlich nur der Kampfpreis und die Dual-Sim-Fähigkeit zugesagt, alles andere fand ich grauenvoll, allen voran der (dem Preis geschuldeten) katastrophale Bildschirm. Aber in der Not nimmt man ja bekanntlich alles.

lumia

So rund einen Monat habe ich also ein superbilliges Microsoft Handy genutzt und irgendwie haben wir uns doch angefreundet. Zunächst Mal ist das Bedienkonzept wirklich nicht das schlechteste. Die Tiles, vor allem jene, die echte Informationen anzeigen, bspw. Wetter o.ä., sind wirklich praktisch. Und man kann sie so schön immer wieder neu anordnen. Das habe ich recht exzessiv betrieben. Und die Appsituation hat sich für mich entschieden geändert: die Twitter-App wurde erträglich, ich fand die Netflix-App, es gibt eine Slack-Beta und was wirklich wirklich wichtig war in der Telefon-geht-plötzlich-kaputt-Situation (the Bonnie situation part 2), es gibt von M$ selbst eine TOTP-App (Time-Based One Time Passwort) mit der ich meine Zwei-Faktor-Authentifizierungen durchführen kann.

Und mal ehrlich: das Teil kostet 79 Euronen und kann zwei SIMs bedienen. Warum kann das Apple nicht? Warum?

Da ist es ja fast schade, das völlig überraschenderweise das Windows Phone tot ist. Weltweit hat Microsoft im letzten Quartal  nämlich bloss viereinhalb Millionen Lumias verkauft und es geht seit Dezember 14 nur noch bergab. Und ich verstehe das sehr gut, denn wer schon einmal ein Nexus hatte und vorher iPhones… der kriegt wirklich die Krise, vor allem wegen des echt langweiligen Ökosystems um die Microsoft-Telefone. Aber: oben ist eine Nutzungssituation beschrieben, diese Nische hätte M$ ohne weiteres besetzen können. Man kann mit den Dingern (und hier nochmal der Preis) für 79 EURO echt prima Telefonieren, SMSen, WhatsAppen, Spotify hören und Netflix schauen, Mails schreiben (ein Hoch auf die Microsoft Softtastatur, die es bald auch für iOS geben wird) und eben sich damit auch authentifizieren. Das ist sozusagen die unter Linie der Mindestanforderungen an ein Smartphone, auch wenn M$ den Preis etwas erhöht, also die unglaubliche Subvention etwas zurücknimmt.

Für mich ist das Lumia nun nur noch Zweitphone, ich habe wieder ein Firmenhandy von Apple (mit Nexus bin ich nun offiziell durch), weil ich eben wesentlich höhere Anforderungen an ein Telefon habe und es eben auch mit meinen restlichen IT-Ökosystem verbinden will und muss. Aber für meine Eltern bspw. die sich mit ihren Androidgeräten wirklich herumschlagen, wäre Lumias wirklich wirklich die bessere Wahl gewesen.

[Ich dachte ich schreib mal auf, dass mich etwas aus dem Hause Microsoft irgendwie begeistert hat.]

Airmail

Ich weiss gar nicht so genau, was an inbox zero eigentlich so magisch sein soll, muss irgendwas psychologisches sein, denn ich hätte es immer so gerne mal erreicht, hab’s aber nie hinbekommen. Das hat sich gerade geändert, dank Airmail.

Seit ich wieder mit einem iPhone rumlaufe (dazu mehr in einem anderen Artikel), bin ich auf der Suche nach einer Mailanwendung, die nicht saugt, sondern mich unterstützt beim Mails abarbeiten, wenigstens mit aber keine Steine in den Weg legt. Das kann man von mail.app irgendwie nicht behaupten, jedenfalls funktionierte die Zusammenarbeit mit dem Firmenexchange nur unwillig, ich schrob dauernd Mails von meiner me.com-Adresse ohne es zu wollen und es tut halt nichts gegen den nicht abreißen wollende Flut von Müll, der auf einen täglich einprasselt. Hinzu kommt, dass ich meine privaten Mails getrennt in inbox hielt, was zur Vernachlässigung derselben führte. Dort widerum hatte ich immer das Gefühl irgendwas zu verpassen, was sich im Nachhinein als wahr herausstellte, aber egal.

Airmail auf dem iPhone nun möchte helfen bei der Mission inbox zero. Das macht es auf vielerlei Arten, u.a. dadurch, dass man schon in der Übersicht alle Mails per Wischgesten auf verschiedene Arten bearbeiten, löschen, weiterverteilen usw. kann. Und ums Weiterverteilen geht’s ja eigentlich schon hauptsächlich. Inbox zero erreicht man ja nicht, indem man alle Mails die so anfallen, sofort abarbeitet. Das Wort Abarbeiten klingt in diesem Zusammenhang nicht aus Versehen als Drohung. Für mich persönlich jedenfalls ist das eine mission impossible, weil Mails hat später beantwortet werden müssen, Tasks enthalten, die erst gemacht werden müssen, zu einem Zeitpunkt nochmal vorgelegt werden müssen und so fort. Das kann Airmail.

Eine Mail kann im Moment des Aufschlagens in unterschiedliche Richtungen verteilt werden, beispielsweise in die Sektion „Zu erledigen“, oder in eine To-Do-List bei Wunderlist, nach Evernote, oder man snoozed die Mail für einen bestimmten Zeitraum, bis heute Abend, bis Morgen, bis nächste Woche etc. Letztere Werte sind dabei einstellbar. Und das ist dann für mich auch schon das ganze Geheimnis. Eine Funktion Wiedervorlage wünsche ich mir schon seit ich noch in Anwaltskanzleien arbeitete, das ist mit der Snooze-Funktion erfüllt. Ebenso schätze ich den Export von Taskmails in meine ToDo-List (bei Wunderlist). Das löst schon mein Problem: Mails liegen ewig im Posteingang herum, weil sie aufbewahrt werden sollten, und wurden dann nicht gelöscht, vergessen etc. pp. Mit Airmail kann ich das nun alles kanalisieren. Das ist natürlich alles nicht neu, aber so zusammengefasst in einer App hatte ich das bisher noch nicht. Noch dazu ohne das Gefühl, die App wolle mich bevormunden oder ich müsse meine Arbeitsabläufe an die App anpassen.

Und kommunikativ in alle Richtungen ist Airmail auch noch: es kann Accounts von Google, iCloud, Exchange, Yahoo!, Outlook, sowie einfaches imap und pop3 verwalten und alles in einem gemeinsamen Posteingang organisieren. Als externe Dienste können Google Drive, Dropbox, OneDrive, Droplr und Box für’s Datensharing genutzt werden. Weiter wird praktisch jede To-Do-App auf dem Planeten zum Anlegen von Aufgaben angesprochen. Den Inhalt einer Mail kann man in externe Editoren (bspw. Editorial, iA Writer) exportieren.

Das Ganze hat dann allerdings nach kurzer Zeit schon einen gewissen Lock-In-Effekt. Denn das was man auf dem Telefon macht, will man natürlich auch auf dem Desktop. Um dauerhaft inbox zero zu halten, muss man schon auf allen Kanälen airmailen, völlig klar. Die Desktop-Version hält dann nochmal ein paar weitere Schmakerl bereit. So kann man seine Mails in Markdown schreiben, inklusive Side-by-Side-Preview. Ebenso stehen die Gmail-Tastenkombinationen zur Verfügung. Und über ein Plugin kann man die GPGSuite zum Ver-/Entschlüsseln und Signieren von Mails nutzen, was hervorragend funktioniert.

Also, los schreibt mir Mails! Mich könnt’ ihr nicht mehr schocken. Oder von der wirklichen Arbeit abhalten. Die gewonnene Zeit stecke ich ins Bloggen…

Nö.

Nö, Felix.

Es ist ja nachgerade höchsterstaunlich, wie man jemanden in (zumindest gespielte) Aufregung versetzen kann, in dem man ihm mit aller gebotenen Knappheit vor Augen führt, dass er Quark redet. In diesem Fall entsprang die Knappheit der Aussage zwar eher den äußeren Umständen: Zugfahrt, Edge, keine Zeit gleich per Artikel zu antworten, keinen Bock auf Disques-Kommentare (und mobil funktionieren die auch nur bei LTE glaube ich), also Twitter, aber auf 140 Zeichen kann ich das auch nicht erklären, Ende. Ich hätte auch schreiben können: „Ey Felix alter Bartträger, ich hab gerade keine Zeit zu antworten, schau doch nochmal genau nach.“ Und Felix hätte mich fragen können: „Hey Nico, ich schätze Deine Arbeit und ZEIT ONLINE, ich hab hier aber etwas entdeckt, und bevor ich das jetzt in die Welt hinausposaune und es am Ende gar nicht stimmt…“, aber hey, wir sind Blogger, oder nicht?!

So, und nun nochmal für alle zum mitschreiben: obwohl das Gerücht geht, dass wir Verlagsleute total bekloppt und degenerierte Volldeppen sind, sind wir doch nicht so blöd, so etwas wie einen nativen Adblocker in unsere Seite zu bauen. Überraschung. Stattdessen haben wir uns sehr lange und ausgiebig Gedanken machen und viele viele viele Zeilen Code schreiben müssen, um zwei komplett konträre Systeme: eine moderne responsive Website und völlig antike pixelgebundene Bannerwerbung so miteinander zu verbinden, dass es für Werbekunden und Nutzer gleichermaßen funktioniert.

Was also in Wahrheit passiert ist, dass auf ZEIT ONLINE je nach Gerät, Browser- oder Bildschirmgröße die passenden Ads geladen werden und zwar zum Zeitpunkt des Ladens. Verändert man die Fenstergröße, werden diese geladenen Ads mitunter ausgeblendet, damit sie nicht das sich an die Umgebung anpassende Design zerstören. Damit sind sie natürlich keinesfalls geblockt. Inzwischen könnten wir an diesen Stellen passende Ads on the fly nachladen, aber darauf haben wir erstmal verzichtet, weil wir es tatsächlich nicht für den häufigsten Anwendungsfall halten, das Leute ihr Fenster auf und zu machen.

Das alles sind natürlich nur Kompromisse. Leider gibt es noch so gut wie keine responsiven Ads auf dem deutschen Markt, eher nur zwei Formen, desktop und mobile. Und ebenso schlimm ist, dass es so viel aussen liegende Werbung gibt (Walppaper, Fireplace), die die Maximalbreite einer Seite plump einschränken. Und dann ist das alles natürlich auch noch fehleranfällig, es konnten nicht alle Werbeplätze eins zu eins übernommen werden und und und. Allerdings sind uns die Kollegen von der werbeschaltenden Zunft auch schon ein paar Schritte entgegen gekommen, bspw. durch endlich nicht mehr blockende Ads: es kommt also erst der Content, dann die Werbung. Das schon angesprochene Nachladen von Ads ermöglicht uns endlich wieder bedienbare Bildergalerien.

TL;DR: Wer also Werbung auf ZEIT ONLINE nicht sehen will, der kann nach jedem Seitenload schnell die Größe seines Browserfensters ändern und währenddessen solange wonaders hinschauen. Blocken tut er damit aber nichts, ausser vielleicht den eigenen Lesegenuss…

Wer killt hier eigentlich wen?

Performance, performance, performance. Als Webentwickler mit Verantwortungsbewusstsein reisst man sich ja seit Jahren den Arsch auf, um hier und da noch ein paar Bytes einzusparen, die Requests zu reduzieren, die Downloads zu beschleunigen und wenn alles nichts hilft, das Rendering so zu optimieren, dass wenigstens die gefühlte Geschwindigkeit stimmt. Ich habe kiloweise Artikel dazu gelesen, Vorträge gesehen, verlinkt, selbst gehalten, wie alle meine Kollegen. Und das alles stecken wir in die tägliche Entwicklung, reviewen uns gegenseitig und treten gegenüber Designern, PO und Stakeholdern permanent als die Warner und Mahner auf, Bedenkenträger by profession, alles um am Ende ein paar Millisekunden Speed herauszuholen.

Eigentlich können wir uns das aber auch schenken. Vergessen. Unsere Lebenszeit besser einsetzen. Denn es bringt alles nichts. Ist nutzlos, vergebene Liebesmüh. Auf die Idee könnte man zumindest kommen.

Denn wenn die möglicherweise hochperformante Website dann live ist, wird sie zugeballert von eine ganzen Phalanx von Trackingskripten, Werbeeinbindungen und Bannerwerbungen, die alle das Erstladerecht für sich beanspruchen und gefühlt von Leuten programmiert werden, die wahlweise keine Ahnung haben oder auf Performance täglich ihre Notdurft verrichten, einfach nur so, weil sie es können. Lese ich auch beim Guardian, Ad tech is killing the online experience, dessen Website natürlich ebenso mit Werbung zugekleistert ist:

[R]eally it’s not the website’s fault, since to a very large degree the owner of the website you’re visiting doesn’t actually control what you see, when you see it, how you see it, or even whether you see it. Instead, there are dozens of links in the advertising-technology chain, and every single one of them is optimising for financial value, rather than low-bandwidth user experience.

Da ist viel dran: denn neben dem Betreiber weiss natürlich auch der Techniker einer Website nicht, was werbemäßig passiert. Ist eine Website erstmal vermarktet, gibt es dort Bereiche, auf die deren Betreiber nur in sehr kleinem Maße noch Einfluss hat. So ist die Technik. Aber auch der Betreiber des Adservers von dem die Werbung eingespielt wird, zuckt regelmäßig mit den Schultern. Denn dort sind schon lange keine echten Ads mehr eingebucht, sondern wieder nur Links und Weiterleitungen zu anderen Adservern, Agenturservern, irgendwelchen Servern, die zumeist auch selbst wieder irgendwohin weiterleiten. Und jeder bringt noch schnell seinen eigenen Tracker mit. Deswegen kann man beispielsweise gar nicht sagen: wir haben drei/vier/fünf Tracker auf der Seite, da man nicht wissen kann, was noch dazu kommt, je nach ausgespielter Werbung. Nochmal der Guardian:

Web-based articles, these days, are increasingly an exercise in pain and frustration. In many ways, the experience of reading such things is worse today than it was in the early days of dial-up internet. Because at least back then web pages were designed with dial-up users in mind. […] Today, by contrast, everything is built for a world where everybody has a high-bandwidth supercomputer in their pocket.

Obwohl wir natürlich alle tatsächlich einen Supercomputer in Hosentasche mit uns herum tragen. Ein iPhone6 beispielsweise ist heute genauso leistungsstark, wie ein 11 Zoll MacBook Air von vor ein paar Jahren. Nur, warum funktionieren Webseiten dann darauf nicht besser? Bei The Verge hat man dafür die Hersteller von mobilen Browsern als Schuldigen ausgemacht, The mobile web sucks:

But man, the web browsers on phones are terrible. They are an abomination of bad user experience, poor performance, and overall disdain for the open web that kicked off the modern tech revolution.

Wobei lustig ist, dass die Website von The Verge nicht gerade eine Performance aus dem Bilderbuch abliefert. Auf der Seite meldet Ghostery 26 (!) Tracker, sie zu laden hat bei mir eben lange acht Sekunden gedauert. Am Desktoprechner wohlgemerkt. Wie alle werbefinanzierten Seiten eben.

And yes, most commercial web pages are overstuffed with extremely complex ad tech, but it’s a two-sided argument: we should expect browser vendors to look at the state of the web and push their browsers to perform better, just as we should expect web developers to look at browser performance and trim the fat. But right now, the conversation appears to be going in just one direction.

Hervorhebung von mir. Naja. Ob das so stimmt? Also zumindest im Falle Apple muss man sich schon fragen, warum es mit der Entwicklung des Safaris nicht so richtig voran geht, ob vielleicht sogar die Aussagen zutirfft Safari is the new IE.

They never send anyone to web conferences, their Surfin’ Safari blog is a shadow of its former self, and nobody knows what the next version of Safari will contain until that year’s WWDC. In a sense, Apple is like Santa Claus, descending yearly to give us some much-anticipated presents, with no forewarning about which of our wishes he’ll grant this year. And frankly, the presents have been getting smaller and smaller lately.

Auffällig allerdings, dass Apple zuletzt sowohl ein Adblocking für iOS9 ankündigte, als auch den Start einer eigenen Newsapp. Für letztere stellen sie sogar Journalisten ein. In die gleiche Kerbe schlägt Facebook mit seinen Instant Articles, auch wenn diese immer noch nicht in ernstzunehmender Zahl stattgefunden haben. Fakt ist: Apple und Facebook wollen in Zukunft immer mehr Newskonsumenten in ihre walled gardens locken.

Ich will ja nicht schon wieder The End Of The World As We Know It verkünden, mache mir aber doch Sorgen, ob es nun mit dem Umbruch weg von adfinanzierten Modellen zu noch in den Sternen stehenden Finanzierungsmöglichkeiten nicht etwas schnell geht. Zumal da doch noch einiges drin wäre, würde sich nur mal jemand bewegen. Die Webwerbebranche müsste sich gehörig ändern, um Strukturen zu entwickeln, die in dieser Gemengelage konkurrenzfähig wären. Ist ja nicht so, dass man an den völlig veralteten Bannereinbindungen nicht noch viel an Performance raus zu holen ist. An responsive webdesign will ich dabei noch gar nicht denken, obwohl das natürlich auch Pflicht wäre. Ein kleines Beispiel gefällig?

Gleichzeitig muss man natürlich immer und immer wieder die Frage nach den Alternativen stellen. Denn, angenommen, man will seine werbefinanzierte Website weiterbetreiben, was sollten man denn verkaufen, wenn es mit Werbung nicht geht und mit Bezahlschranken nicht klappt? Ja, was?

Von der App zur Webversion direkt in die Grütze

Die Webversion von Flipboard hat es nicht nur geschafft, mit einer beworbenen Animationsgeschwindigkeit von durchgängig mindestens 60 fps Aufsehen zu erregen, sie sorgt auch sonst für Diskussionsstoff, wegen ihrer kompletten Unzugänglichkeit. Die Macher von Flipboard haben den DOM in <canvas> nachgebaut, weil er zu langsam ist. Klingt für mich nicht nach einer Idee, die man feiern sollte.

Ich kenne das selbst nur zu gut, Accessibility einzubauen, kann je nach Struktur des eigenen Codes sehr schwierig sein. Die gewählte Struktur ist, naja, sehr schwierig. Und vielleicht liefert Flipboard eines Tages ein Update, bei dem dann der Accessibility mehr Wert beigemessen wird, gänzlich unmöglich ist es ja nicht. Allerdings:

60 frames per second is not “would be nice”. It’s “must have”. And the DOM doesn’t have it. It’s not surprising that Flipboard’s workaround — the <canvas> element — was invented by Apple, as the basis for Dashboard widgets and potentially as the backdrop for the iPhone. But it’s damning that something Apple decided was too slow to serve as the basis for native iPhone apps is the best-performing backdrop for the mobile web.

John Gruber meint also, jetzt 60fps-Animationen an den Start zu bringen, sei wichtiger als Accessibility umzusetzen. Die kann man ja beizeiten nachliefern. Ja, ja, der DOM ist lang und weilig, kennen wir alle. Bisher gabss aber immer wichtigere Dinge, die entwickelt werden mussten. Aber nun kommt es darauf an, dass wir endlich endlich endlich flüssig scrollen können? Und bis das umgesetzt ist, lassen wir mal jene, die auf Zugänglichkeit angewiesen sind, im Regen stehen. Und Schuld ist auch noch das W3C!

Blinded by ideology, oblivious to the practical concerns of 60-FPS-or-bust-minded developers and designers, the W3C has allowed standard DOM development to fall into seemingly permanent second-class status.

Ich weiß gar nicht genau, welche dahinter steckende Denke mir mehr auf den Sack geht: ist das schon Technologiedarwinismus? Natürlich kann man wollen, dass der DOM ähnliche Leistungen vollbringt, wie auf Einzelplattform optimierte Grafikengines, aber der Kern des Web ist das nicht. Und wird es nie sein. Deswegen ist es aber keinesfalls zweitklassig. Vielmehr ist ja seine Stärke die Plattformunabhängigkeit und seine Breite. Und wer glaubt, nur weil jetzt ein paar Appentwickler im Apple Store nicht mehr genug Kohle machen, müsse man das web in eine andere Richtung entwickeln, also weniger offen, weniger zugänglich, aber mit 60fps, der beleidigt einen großen Teil seiner Nutzer und viele ernsthafte Webentwickler gleich mit. Es ist ein Fehler, Apps in HTML eins zu eins nachbauen zu wollen (weiss ich aus Erfahrung) diesen Fehler jetzt zur Ideologie zu erheben, halte ich bestenfalls für gefährlich.

Es muss einen (hust… finanziellen… hust) Grund geben, warum Apps wie Flipboard aus ihrer ach so primärtechnologischen Welt der Apps in das so lahme mobile Web wollen. Mit Menschenfreundlichkeit hat es offenbar nichts zu tun. Ich kann nur hoffen, dass, falls sich das als Trend erweisen sollte, wir stark genug sind, ein offenes und gleichberechtigtes Netz zu bewahren und nicht anfangen, langwierig Erkämpftes (was sich selbst noch deutlich ausbauen lässt) auf dem Altar der Animationsgeschwindigkeit zu opfern.

Hamburger… considered harmful

Irgendwie seltsam, aber schon der Titel dieses Artikels ist doppeldeutig und damit nur schwierig zu verstehen. Die Hamburger haben ein Problem? Ganz bestimmt haben sie das, aber darum geht es hier nicht. Es geht vielmehr um das kleine Icon auf vielen mobilen immer mehr Webseiten, das man anklicken muss, um zu einen Menü zu gelangen.

Letztes Jahr noch der hice shice, wird es heute heiss diskutiert. Oft geht die Diskussion jedoch am Thema vorbei, zeigt Paddi McDonnel in seinem Artikel How to solve the hamburger icon problem ganz hervorragend. Die Frage, ob die Nutzer das Icon verstehen, oder ob da nun besser „Menü” dranstünde, ist gar nicht so entscheidend. Es geht um etwas ganz anderes.

Die Herkunft der drei Balken ☰, das chinesische Zeichen für Himmel, ist wohl in Apps für Smartphones zu suchen. Dort verdeckt es zumeist ein Menü mit zusätzlichen Optionen, bspw. Einstellungen, Wechsel des Anzeigemodus und so fort. Im Web, oft auf mobilen Webseiten, aber auch nicht nur dort, wird es verwendet um die Navigation zu verstecken. Die Navigation! Meine Damen und Herren, was macht die Navigation auf einer Website? Richtig, sie zeigt an „wo man gerade ist” und wohin man von dort aus gehen kann, oder soll. Wie erfüllt unser kleiner Hamburger diese Aufgabe? Gar nicht!

Eine App konzentriert sich zumeist auf eine spezielle Aufgabe, die sie idealerweise auf einem Bildschirm erledigt, da braucht es selten eine Navigation. Das ist auf den meisten Webseiten auf denen der Hamburger eingesetzt wird grundsätzlich anders und deswegen schlicht ein Fehler. Eigentlich ist es schon egal, ob ein User es nun gar nicht als Menü erkennt, oder einfach intuitiv nicht klickt—don’t make me think!—, weil es der Klick zu viel ist. Man lässt den Nutzer in beiden Fällen in einer Sackgasse stehen.

Dabei löst der Hamburger natürlich auch ein Problem. Nämlich, dass die langen Listen von Links, die viele Webseiten Navigation nennen, zu viel Platz wegnehmen. Allerdings müsste hier die Lösung sein, an der Information Architektur zu arbeiten, dem mobile first Gedanken folgend für die komplette Website.

Facebook’s app famously swapped their hamburger icon for a tab bar, and as a result saw improved conversions. But Facebook have done something far more significant than swap menu designs. Recently they’ve released their Messenger app, and the big deal about that is that they already had a perfectly functional and popular app that they could have integrated the messaging with. Facebook have compartmentalized their functions, by focusing each app’s role they’ve arrived at two simple apps, instead of one complex one. (Paddi McDonnel)

Was hier bei einer App funktioniert hat, gilt wohl auch für jede Website: unser Navigationsproblem im mobile Web lösen wir nicht mit dem Hamburger, sondern in dem wir bereit sind, unsere Inhalte zu fokussieren. Nun aber nicht gleich für jede Sektion eine eigene App planen, sondern einfach mal das Menü entschlacken.

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Copycat

Zuckerberg

Ich bin ja immer noch der Überzeugung, dass sich Facebook sowas von auf dem absteigenden Ast befindet. Nachdem es jahrelang nur bergauf ging, jedenfalls wenn man dem Pressejubel und den Mitgliederzahlen glauben darf, ist nun irgendwie Stagnation eingetreten. Zunächst verlief der Versuch im Sande, mit Facebook Home den androiden Startbildschirm zu übernehmen, gleichzeitig floppte das Facebook Phone, ein HTC mit vorinstalliertem Home. Zuletzt dann Gerüchte, dass Samsung eine Neuauflage eben jenes Home Phone dankend abgelehnt habe. Zumindest dieser Bereich läuft nicht so richtig rund im Hause Zuckerberg.

Trotzdem kann man natürlich nicht aufhören, weitere Versuche zu starten, im mobilen Web Fuß zu fassen, etwas was Facebook seit Jahren nicht gelingen will. Schob man die Schuld zunächst auf HTML5, als Grund, warum die Facebook Apps nicht richtig durchstarteten, kann man doch nun langsam abschätzen, dass es doch schlechte Managemententscheidungen sein könnten, die Schuld sind. Da ist der nächste Schritt nur logisch: andere, erfolgreiche Produkte und Projekte kopieren.

Mit dem üblichen Tamtam präsentierte man am Donnerstag: Video für Instagram. Yeah! Jubel! Beifall! Moment mal, gibt es das nicht schon irgendwo? Stimmt, Twitter ist mit seinem Vine erstaunlich erfolgreich gewesen. Einziger Unterschied: bei Instagram kann man 15 Sekunden Video veröffentlichen, und Filter gibt es auch: ist ja Instagram. Fernab der Frage, ob die Welt nun 15 oder sechs Sekunden Kurzvideos braucht oder nicht, oder ob diese auch noch vorher durch einen Filter laufen sollten oder nicht, Instagram Video ist eine blosse Kopie von Vine. Man kann das natürlich als mutig empfinden, sich in eine Nische drängen zu wollen, die schon von einem anderen Dienst bewohnt wird, möglicherweise ist es aber auch nur dumm. Denn natürlich ist Facebook im Copycatgeschäft nicht neu: Poke, Facebooks Version von Snapchat war allerdings ebenfals kein Erfolg.

Dem aber nicht genug, wie es aussieht, steht schon der nächste Coup bevor: wie The Verge via WSJ berichtet, will Facebook als nächstes im mobilen Segment mit einem Reader auftrumpfen, der sich an Flipboard orientiert, die nächste Kopie steht also schon in den Startlöchern. Eher zufällig landet Facebook damit in einem relativ frischen Markt, da ja Google seinen monopolistischen Reader gerade platt macht. Facebooks Entwickler sind aber wohl schon länger dabei ein Flipboard-Copycat zu schreiben, als Googles Ausstieg aus der RSS-Welt bekannt ist. Ist das nun mutig? Flipboard hat eine Userbasis von 50 Millionen, also muss an dem Konzept ja irgendetwas dran sein… allerdings lauert im RSS-Segment auch schwergewichtige Konkurrent, wie bspw. digg oder gleich AOL, die ebenfalls kürzlich einen RSS-Reader ankündigten.

Es ist offensichtlich: Facebook drängt weiter in den mobilen Markt. Und zwar mit Kopien anderer Leute Ideen. Kann man natürlich machen, innovativ ist das jedoch nicht. Kein Stück. Und mutig nur aus finanzieller Sicht. Wäre schön, wenn diese Copycats genauso floppen, wie Facebook Home. Dann allerdings ziehen wirklich dunkle Wolken auf, über der größten freiwilligen Datensammlung, auf die die NSA derzeit zugreifen kann. Andererseits, vielleicht ist das Mark Zuckerberg auch alles egal, genug Geld zum Draufwerfen scheint ja da zu sein…

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