Schnelles mobiles, eingezäuntes Internetdings…

Kürzlich fragte ich mich wieder einmal: »Du Nico, das was wir da machen, machen wir das eigentlich richtig?«, und sah mich ein wenig säuerlich im Spiegel an. »Immerhin kann ich dich noch ansehen und wir reden noch miteinander«, habe ich meinem Spiegelbild geantwortet, aber zum Nachdenken hat es mich schon gebracht. Ich mache jetzt seit, ich weiss nicht, gefühlten hundert Jahren Webentwicklung, seit genau 10 Jahren im größeren Verlagsumfeld. In dieser Zeit hatten wir Webentwickler auf so ziemlich jede Herausforderung irgendwie immer die richtige Antwort, meine waren zumeist Webstandards gepaart mit moderner und möglichst minimalistischer Umsetzung der heiligen Dreifaltigkeit der Webentwicklung, HTML, CSS und ein wenig Javascript. Doing the right things hat eigentlich immer ausgereicht. Und das soll nun heute nicht mehr stimmen?

»Wann ist Webentwicklung eigentlich so kompliziert geworden«, hat mich ein entnervter Kollege jüngst gefragt, wahrscheinlich gerade mit einer Konfig oder schlimmer noch, Abhängigkeit unserer inziwschen gigantomanischen Entwicklungsumgebung kämpfend. Update auf El Capitan? Lieber nicht. War das nicht gerade erst gestern? Als wir die Tür aufstiessen in das gelobte Land der Präprozessoren und task runner und serverseitigem Javascript. Ich weiss ja, das damit viel Scheiss gebaut wird, aber wir kämpfen damit, all diese neuen Waffen so gewinnbringend und geschickt einzusetzen, wie es eben möglich ist, für den User und für uns. Aber es bleiben eben Waffen und da draussen™ wird damit viel Unsinn angestellt, wie im richtigen Leben.

Und dann sind da die Apps. Ist das eigentlich erst drei oder schon vier Jahre her, dass wir alle Apps machen wollten? Vielleicht half mir ein frühes Scheitern, aber um mich herum scheint sich daran noch nichts geändert zu haben. Keiner will mehr Webseiten bauen, sondern es soll appig aussehen, sich appig anfühlen und natürlich genauso funktionieren. Und man kann nicht alle Zähne ziehen, nicht alle Anforderungen zerreden und nicht alle Aufträge wegdiskutieren. Natürlich nicht. Und ich sehe auch nicht die direkte Verbindung zwischen app-a-like und imperformant, wie ich es immer wieder lese. Vielleicht bin ich da zu naiv, aber solange man Webstandards nutzt und möglichst minimalistisch… siehe oben.

Wo ich wirklich wirklich wirklich ein Problem sehe ist, dass zwar alles Aussehen soll wie eine App, sich aber finanzieren soll wie eine Website. Mit Werbung aus dem tiefsten Mittelalter des Netzes, nur noch langsamer und schwerer als jemals zuvor. Inzwischen zwar auch HTML, CSS und Javascript, nur der Minimalismus fehlt. Eine ganze Industrie, die sich konsequent in die falsche Richtung entwickelt hat, seit Anbeginn, weil kaltes Profitmaximieren sinnvollem Codeminimieren sowas von im Wege steht. Während sich die ganze Welt über responsive Webseiten freut, ist DACH fest ausgerichtet auf zwei Formate: mobile und desktop, nichts daziwschen, und letzteres bitte immer hübsch aussen rum und natürlich above the fold. Und sie kommen nicht hinterher… Und tracken, alle wollen tracken. Der Websitebetreiber nutzt zwei bis vier Tracker, der (oder die) Addienstleister bringen ein Handvoll Tracker mit, und jedes Ad, das wahnsinnigerweise von irgendeinem Pentiumrechner, der in irgendeiner Agentur unter dem Schreibtisch steht, ausgeliefert wird, bringt auch noch ein paar Tracker mit. Weil ja keiner mehr Ads sehen will.

Und da kommt nun Apple mit seiner Message: wir machen das werbefinanzierte Web platt, wie wir die Musikindustrie platt gemacht haben, um es danach zu retten, zu unseren Bedingungen versteht sich. Und sie haben Recht, denn Webseiten laden langsam, kosten Akkulaufzeit und verballern das teuer eingekaufte Kontingent an Daten im mobilen Netz. Nur die Bedingungen sind nicht so toll: Apps bauen, walled garden, Fleischfarbenfilter, Abhängigkeit. Und alle kommen mit der gleichen Erpressung: willst Du mitspielen, brauchst Du schnelle Seiten, entweder bei Facebook (für den Traffic sorgt der Algorithmus, oder eben nicht), oder bei Google (für Traffic sorgt die Suche, oder eben nicht). Gebt all euren Content für ein schnelles mobiles, aber eingezäuntes Internet. Man könnte sich direkt selbst in den Fuß schießen, oder die Chance verpassen, bei dem Versuch einen Elch zu erlegen, kann ja sein.

Aber was mich gleichzeitig freut und schmerzt ist dieses: Keiner macht dort irgendetwas, was nicht jeder Websitebetreiber selbst hätte machen können, mit Webstandards und der minimalistischen Anwendung der heiligen Dreifaltigkeit der Webentwicklung: HTML, CSS und Javascript.

2 Antworten auf „Schnelles mobiles, eingezäuntes Internetdings…“

  1. Signed. Was grundsätzliche Entwicklung angeht, mache ich mir ja vor allem Sorgen, dass die Hürden für Einsteiger immer höher werden. Schon HTML und CSS sind eigentlich absurd komplex. Ich hatte da ja vor zwei, drei vier Jahren mal ein paar Artikel zum Thema „Code-Literacy“ und mache mir seither eigentlich eher mehr Sorgen um das Thema als weniger, allein die Resignation …

    Was „das schnelle Netz“ angeht: Das gibt es ja. Mindestens die Motherfuckingwebsite und Richard Stallmans Website sind ziemlich fix, auch ganz ohne Apple, Facebook oder amphtml. Und bei WordPress stehen Responsive-Images auf der Roadmap für den Core. Das Problem ist kein Problem des Internets, sondern der Leute, die mit PIs Geld verdienen wollen.

    Ich weiss, es ist ein abgegriffenes Zitat, aber es ist immer noch richtig:

    „But the Net is different. […] It wasn’t invented by business people, and it doesn’t exist to help your company make money.“ … und so traurig das auch sein mag … Facebook, Apple und Google sind genau dafür da. Vielleicht hat Matthias Riechel doch recht, wenn er fragt, warum man eigentlich noch Webseiten baut, wenn doch 95% des Traffics, des Geschäftsmodells eh bei Facebook sind.

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