Vor Rechten wird gewarnt

Autokorso

Die Stimmung dreht sich doch sehr regelmäßig in Berlin, manch Politiker muss inzwischen aufpassen, dass ihm nicht schwindelig wird. So warnt beispielsweise Bundesinnenminister Thomas de Maizère inzwischen vor Pegida, obwohl er noch vor wenigen Monaten der Ansicht war, man müsse die Sorgen der Pegida-Anhänger ernst nehmen. Ist ja schön, dass nun auch der Innenminister die Rechtsextremisten dort erkennt, wo sie öffentlich und dreist auftreten, schade nur, dass das wieder so lange gedauert hat.

Das Fass zum Überlaufen gebracht hat dabei nicht die inzwischen regelmäßigen Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und Angriffe gegen Flüchtlinge, mithin die deutliche Zunahme rechter Gewalttaten, sondern das Messerattentat auf die inzwischen zur Bürgermeisterin gewählte Henriette Reker. Hier war der rechtsextremistische Hintergrund des Täters relativ schnell klar, auch wenn er von Augenzeugen als verwirrt beschrieben wurde. Die Frage die ich mir schon seit ein paar Wochen stelle, was eigentlich passieren muss, damit das Land in Bewegung gerät, ist damit irgendwie beantwortet.

Währenddessen entzündet die SPD wieder die Kerzen, nachdem sie kurz vorher noch der Asylrechtsverschärfung zugestimmt hat. Da hilft auch eine schwere grammatikalische Beugung nichts (Flüchtlinge willkommen) um den Widerspruch zu übertünchen.

Mit sowas gibt sich die Müncher Polizei erst gar keine Mühe. Merke: wenn dein Auto in München mit Hakenkreuzen beschmiert, liegen zwar keine Anhaltspunkte für eine politisch rechts motivierte Tat vor, wohl aber wird man dir raten, nicht lange mit dem beschmierten Auto herum zu fahren, weil man sonst gegen das Verbot zum Führen von Symbolen verfassungsfeindlicher Organisationen verstossen könnte.

Schnelles mobiles, eingezäuntes Internetdings…

Kürzlich fragte ich mich wieder einmal: »Du Nico, das was wir da machen, machen wir das eigentlich richtig?«, und sah mich ein wenig säuerlich im Spiegel an. »Immerhin kann ich dich noch ansehen und wir reden noch miteinander«, habe ich meinem Spiegelbild geantwortet, aber zum Nachdenken hat es mich schon gebracht. Ich mache jetzt seit, ich weiss nicht, gefühlten hundert Jahren Webentwicklung, seit genau 10 Jahren im größeren Verlagsumfeld. In dieser Zeit hatten wir Webentwickler auf so ziemlich jede Herausforderung irgendwie immer die richtige Antwort, meine waren zumeist Webstandards gepaart mit moderner und möglichst minimalistischer Umsetzung der heiligen Dreifaltigkeit der Webentwicklung, HTML, CSS und ein wenig Javascript. Doing the right things hat eigentlich immer ausgereicht. Und das soll nun heute nicht mehr stimmen?

»Wann ist Webentwicklung eigentlich so kompliziert geworden«, hat mich ein entnervter Kollege jüngst gefragt, wahrscheinlich gerade mit einer Konfig oder schlimmer noch, Abhängigkeit unserer inziwschen gigantomanischen Entwicklungsumgebung kämpfend. Update auf El Capitan? Lieber nicht. War das nicht gerade erst gestern? Als wir die Tür aufstiessen in das gelobte Land der Präprozessoren und task runner und serverseitigem Javascript. Ich weiss ja, das damit viel Scheiss gebaut wird, aber wir kämpfen damit, all diese neuen Waffen so gewinnbringend und geschickt einzusetzen, wie es eben möglich ist, für den User und für uns. Aber es bleiben eben Waffen und da draussen™ wird damit viel Unsinn angestellt, wie im richtigen Leben.

Und dann sind da die Apps. Ist das eigentlich erst drei oder schon vier Jahre her, dass wir alle Apps machen wollten? Vielleicht half mir ein frühes Scheitern, aber um mich herum scheint sich daran noch nichts geändert zu haben. Keiner will mehr Webseiten bauen, sondern es soll appig aussehen, sich appig anfühlen und natürlich genauso funktionieren. Und man kann nicht alle Zähne ziehen, nicht alle Anforderungen zerreden und nicht alle Aufträge wegdiskutieren. Natürlich nicht. Und ich sehe auch nicht die direkte Verbindung zwischen app-a-like und imperformant, wie ich es immer wieder lese. Vielleicht bin ich da zu naiv, aber solange man Webstandards nutzt und möglichst minimalistisch… siehe oben.

Wo ich wirklich wirklich wirklich ein Problem sehe ist, dass zwar alles Aussehen soll wie eine App, sich aber finanzieren soll wie eine Website. Mit Werbung aus dem tiefsten Mittelalter des Netzes, nur noch langsamer und schwerer als jemals zuvor. Inzwischen zwar auch HTML, CSS und Javascript, nur der Minimalismus fehlt. Eine ganze Industrie, die sich konsequent in die falsche Richtung entwickelt hat, seit Anbeginn, weil kaltes Profitmaximieren sinnvollem Codeminimieren sowas von im Wege steht. Während sich die ganze Welt über responsive Webseiten freut, ist DACH fest ausgerichtet auf zwei Formate: mobile und desktop, nichts daziwschen, und letzteres bitte immer hübsch aussen rum und natürlich above the fold. Und sie kommen nicht hinterher… Und tracken, alle wollen tracken. Der Websitebetreiber nutzt zwei bis vier Tracker, der (oder die) Addienstleister bringen ein Handvoll Tracker mit, und jedes Ad, das wahnsinnigerweise von irgendeinem Pentiumrechner, der in irgendeiner Agentur unter dem Schreibtisch steht, ausgeliefert wird, bringt auch noch ein paar Tracker mit. Weil ja keiner mehr Ads sehen will.

Und da kommt nun Apple mit seiner Message: wir machen das werbefinanzierte Web platt, wie wir die Musikindustrie platt gemacht haben, um es danach zu retten, zu unseren Bedingungen versteht sich. Und sie haben Recht, denn Webseiten laden langsam, kosten Akkulaufzeit und verballern das teuer eingekaufte Kontingent an Daten im mobilen Netz. Nur die Bedingungen sind nicht so toll: Apps bauen, walled garden, Fleischfarbenfilter, Abhängigkeit. Und alle kommen mit der gleichen Erpressung: willst Du mitspielen, brauchst Du schnelle Seiten, entweder bei Facebook (für den Traffic sorgt der Algorithmus, oder eben nicht), oder bei Google (für Traffic sorgt die Suche, oder eben nicht). Gebt all euren Content für ein schnelles mobiles, aber eingezäuntes Internet. Man könnte sich direkt selbst in den Fuß schießen, oder die Chance verpassen, bei dem Versuch einen Elch zu erlegen, kann ja sein.

Aber was mich gleichzeitig freut und schmerzt ist dieses: Keiner macht dort irgendetwas, was nicht jeder Websitebetreiber selbst hätte machen können, mit Webstandards und der minimalistischen Anwendung der heiligen Dreifaltigkeit der Webentwicklung: HTML, CSS und Javascript.