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Wenn die Nacht am tiefsten

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Hannes Waders „Trotz alledem“ gehört zu meinen Arbeiterliederevergreens (sic!) seit den ersten Jugendzeltlagern mit den Falken. Ich mag das Lied und Hannes Wader noch mehr. Matthias Richels Aufruf an die Genossen den kleinen Parteitag am 20. Juni allerdings offenbart nicht nur die letale Krankheit der SPD, sondern im Grunde der ganze Demokratie. Wer hat uns an diesen Abgrund manövriert, an dem es tausend Kilomter steil bergab geht Richtung 1984 und alles was zwischen uns und dem Beginn des endgültigen Verlusts der Freiheit steht, ist ein Parteikonvent der SPD und vielleicht das Bundesverfassungsgericht? Wie erbärmlich ist das alles?

Der alte Text von „Trotz alledem“ handelt ja davon, dass am Ende die Gerechtigkeit siegen wird. Und so auch Waders Version von 77. Es war ja viele viele Jahre guter Glauben, in linken Kreisen, dass am Ende, quasi unausweichlich, wenn man nur brav seine Arbeiterlieder singt und sich am ersten Mai die Kante gibt, die Revolution auf jeden Fall kommen wird und dann siegt, trotz alledem. Das mag sein, es mag aber auch sein, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt, im hier und jetzt, weiter von diesem Zeitpunkt enfernt sind, als jemals zuvor. Heute singt Wader das anders:

Wenn das System auch fault und stinkt
Weiss doch kein Mensch – trotz alledem
Wann es in sich zusammensinkt
Mächtig und zäh – trotz alledem
Kann es noch eine Weile fortbesteh’n
Doch sollte es zu lang so weiter geh’n
Könnte, was danach kommt, sogar
Noch schlimmer sein – trotz alledem

Ich habe das Netz lange als Möglichkeit gesehen, dem Volk gegenüber der Macht den entscheidenen Vorteil zu geben, weil wir wussten es zu nutzen, uns darin zu artikulieren und dort zu verstecken. Doch wir haben unseren zeitlichen Vorsprung nicht genutzt, haben es versäumt, die Pflöcke einzuschlagen, das dem Netz seine Freiheit garantiert hätte, stattdessen haben wir Katzenbilder verschickt. Nun schlägt die oben kursivte Macht mit aller Gewalt zurück, hat gelernt, wie das Netz funktioniert und nutzt es für seine Zwecke. Wie geht es weiter, trotz alledem?

Es gibt Leute die sagen, das Netz sei eben genauso, würde immer einen Weg zur Freiheit finden, ob Umweg oder Abkürzung ist egal, aber am Ende wird es siegen. Und ich bin bereit, das zu glauben, wenn man den Gedanken mit dem Verve aus „Trotz alledem“ kombiniert, denn: nur im Netz siegen wird nicht reichen. Aber dann kann es vielleicht irgendwie klappen. Trotz #vds und alledem, trotz SPD unf alledem.

Hierzu sei ein anderer meiner Agitprop-Helden zitiert:

Manchmal bin ich kalt und schwer wie ein Sack mit Steinen.
Kann nicht lachen und auch nicht weinen.
Seh keine Sonne, seh keine Sterne,
und das Land, das wir suchen, liegt in weiter Ferne.
Doch ich will diesen Weg zu Ende geh’n,
und ich weiß, wir werden die Sonne seh’n!
Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten.
[Rio Reiser, Ton Steine Scherben]

Dies ist inzwischen der fünfte Artikel meines Benblogging-Projektes.

Ein Gedanke zu „Wenn die Nacht am tiefsten“

  1. Ich wußte latürnich, dass Hannes Wader eine Steilvorlage für Dich ist und war schon freudig gespannt darauf, wie Du das wohl siehst.

    Was den Rückschlag „der Macht“ angeht, hast Du natürlich völlig Recht. Wir haben das ja schon vor Jahre gesagt: Wir werden uns noch zurücksehen nach jenen Zeiten, in denen die CDU keine Ahnung vom Netz hatte. Was ich mich jetzt aber immer öfter frage ist: Warum tun die das? Was treibt die an? Ich meine … entgegen meiner eigenen Unkerei, glaube ich ja nicht, dass die meisten CDU/CSUler faschistische Überzeugungstäter sind. Denken die wirklich, sie täten uns einen Gefallen?

    Mit den Scherben hast Du natürlich auch völlig Recht, die kommen mir in den letzten Monaten auch immer öfter in den Kopf … „sag mir eins, haben die da oben Stroh oder Scheiße in ihrem Kopp.“

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