Serial

Der Podcast Serial ist ein handfestes Phänomen. Einerseits ein weiterer Höhepunkt des immer bekannter werdenden Konzeptes Podcast, wird dieses Stück reality radio bereits als Renaissance des Radios gefeiert und seine Macherin Sarah Koenig zum Charles Dickens des digitalen Zeitalters (NZZ) ernannt. Und wahrscheinlich stimmt das sogar ein wenig.

Ich persönlich habe mich vom Thema und Umsetzung der Sendung völlig gefangen nehmen lassen. Für das angloamerikanische Justizsystem interessiere ich mich schon seit dem Studium, und der Machart von Serial kann man sich sowieso nur schwer entziehen. In jeder Folge wird ein Stück mehr der höchst realen Geschichte des Mordes an Hae Min Lee und der Verurteilung von Adnan Syed als ihr Mörder vor gut 15 Jahren preisgegeben. In der direkt ins Ohr gehenden Erzählung von Sarah Koenig wird die Recherche dabei selbst zur Geschichte Durch die eingeflochtenen O-Töne aus Interviews, Ausschnitten aus den Verhörprotokollen, Telefongesprächen mit Adnan, der in einem Hochsicherheitsgefängnis im Maryland einsitzt, und Aufzeichnungen aus den beiden Gerichtsverfahren gegen ihn entsteht eine Athmosphäre, bei der sich der Hörer praktisch selbst auf die Spur nach dem wahren Täter begibt, selbst teils zum Detektiv, teils zum Investigativjournalisten wird. Meiner bescheidenen Meinung nach bisher einzigartig und unbedingt nachahmenswert.

Wobei man nicht ausser Acht lassen sollte, dass es hier um reality, Realität handelt. Welche durch die Erzählweise, die gescriptete Aneinanderreigung der Informationen und die stückweise Entfaltung der Tatsachen widerum zu einer Art Fiktion wird. Aber: Hae Min Lee wurde tatsächlich ermordet, Adnan sitzt im Knast, die Familie Lee kann den Podcast ebenso hören, wie die Mutter des möglicherweise unschuldig oder eben doch zu Recht Verurteilten. Man hat beim Hören das Gefühl, dass Koenig entsprechend vorsichtig vorgeht um dem Rechnung zu tragen, ihre Anmerkungen zu Namensänderungen, Stimmveränderungen und Ablehnungen von Interviews sind immer sehr ausführlich, trotzdem kann man nicht wissen, welche Wirkung das alles letztlich unter den Betroffenen entfaltet.

Im Falle von Adnans Unschuld könnte sogar der wirkliche Täter mithören. Hier wird ein wenig gruselig. Ein ähnliches Gefühl stellt sich ein, wenn man die Diskussionszirkel auf reddit besucht, in denen Serial Folge für Folge von Fans seziert, weitergesponnen und natürlich jeder Teil der Handlung und der Protagonisten auf jeder denkbare Weise kommentiert wird. Das ist sicherlich Teil des Phänomens und, so fraglich einige der Beiträge in den Foren auch sind, sicherlich auch ein weiteres Alleinstellungsmerkmal von Serial.

Vor unseren Ohren entfaltet sich hier also das Radio der Zukunft: es hat eine ungeheure inhaltliche Tiefe, die sich nur in der Serie erschließen lässt, lässt sich jedoch als Podcast downloaden und am Stück hören; es ist professionell produziert, in technischer, wie erzählicerischer Hinsicht; es hat einen eigenen Rückkanal zu den Produzenten, und gleichzeitig eine Community von Fans, die an anderer Stelle die Diskussion aufnehmen und weiterführen. Serial erfüllt all diese Punkte über und geht zu Recht in einer zweite Staffel. Aber zunächst fehlt noch die finale Folge der ersten Staffel… ich bin gespannt.

Tatort Oldenburg

Ich schau ja nur alle Jubeljahre mal Tatort, genau genommen nur, wenn eine meiner Heimatstädte (ich habe tatsächlich mehrere, welche zähle ich gleich auf…) eine Rolle darin spielen, also wenn es nach (ich hatte es angedroht:) Bremen, Lübeck oder eben Oldenburg geht. Achja, ein Glück, einen Tatort Delmenhorst (–Aufzählung Ende–) hat sich die ARD ja bisher unerklär glücklicherweise verkniffen. Wie also ein Tatort zu sein hat, welchen Gepflogenheiten das treue Fanfolk beim gemeinsamen Schauen in der Kneipe oder auf Twitter nachgeht, ich habe keine Ahnung davon. Ich will eigentlich nur ein wenig meiner Heimat im Fernsehen sehen, die Sensationslust des Couch Potatoe so gesehen. Insofern habe ich keine Ahnung, ob der Tatort nun gut war, oder mittelmäßig, oder gar schlecht. Ich persönlich fand ihn eher schlecht, allein gemessen an der Intensität, mit der meine Exheimat ins Bild gerückt wurde. Nämlich gar nicht.

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Das olle Tor nach Ostfriesland war den Herren Filmemachern wohl erst mal nicht urban genug. Anders kann man die drei oder vier Außenaufnahmen kaum verstehen: rauchende Schlote und nächtliche Luftaufnahmen die Großstadt suggerieren sollen. Ich habe es nie gewußt, aber in den 10 Jahren in denen ich nur sporadische Besuche dort gemacht habe, scheint jemand die Stadt an der Hunte abgetragen und an der Ruhr wieder aufgebaut zu haben. Mitsamt der Bezirksregierung leider, neoklassizistischer Wahnsinn, die muss natürlich für das große Finale herhalten. Dafür sitzt die Bundespolizei in einem verlassenen Geschäft mitten in Chicago, wo das halbe Haus zusammenbricht, wenn die U-Bahn vorbeidonnert… ach nein, die Szene war aus Blues Brothers geklaut. Zwischendrin aber trotzdem witzeln: »sogar in Oldenburg gibt es Staus«, ja wer hätte das gedacht, als wenn mangelhafte Verkehrsplanung Berlin vorbehalten wäre.

Ich mag ja dieses Unentschlossenheit nicht, obwohl das widerum wäre nun typisch für Oldenburg. Vielleicht haben sich die Tatortmacher von ihren miserablen Locationscouts anstecken lassen. Und mal ehrlich, die meisten Spielorte hätten doch irgendwo sein können, und waren sie natürlich auch. Ist ja auch billiger in Hamburg zu drehen, wenn man das ganze Fimgeraffel da schon rumliegen hat, nicht?! Und den Unterschied merkt ja auch keiner. Ich weiss nur nicht, warum man einen Tatort aus Oldenburg macht, wenn man es dann gar nicht zeigt, die Protagonisten es hassen oder nicht interessiert, kein einziger Oldenburger darin vorkommt und es für die Story kein Stück von Belang ist, wo sie gerade stattfindet?

Jetzt weiss ich auch wieder, warum ich keinen Tatort schaue.