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Krautreporter, Nachlese

Na, da habt ihr mich jetzt aber mal richtig überrascht, liebe Krautreporter. Oder eher: liebe Netzgemeinde. Anders als ich annahm, ist das Krautreporter-nennenwiresmal-Funding zu seinem Ende nun doch noch richtig hollywoddmäßig durch die Decke gegangen. Respekt, auch für die glanzvolle Inszinierung. Herzlichen Glückwunsch, wie geschrieben, ich gehöre ja auch zu denen, die es möglich gemacht haben, early funder sozusagen.

Wirklich gefallen hat mir in diesem Zusammenhang dieser Tweet, weil das sehe ich genauso:

In diesem Zusammenhang noch ein kleiner Nachtritt, und zwar hinsichtlich des grandios ausgearbeiteten Plans der Krautreporter, wie das Geld ausgegeben werden soll: Was wir mit Ihrem Geld vorhaben. Bei einer Bank, oder einer Finanzierungsrunde wäre man mit einer derartigen Planung wohl gescheitert (siehe dazu die Sechs überllaunigen Bemerkungen zu Krautreportern), aber es ist ja Crowdfunding, nehmen wir die Zahlen also mal Ernst:

Mit einem Etat von 2% von 900.000 EURO, also umgerechnet 18.000 EURO wollen die Krautreporter ihrer IT-Abteilung ausstatten. Man will allerdings 11%, also 99.000 EURO für Software investieren.

Nun kann man natürlich ob der Ungenauigkeit nur schlecht feststellen, wie man sich das vorzustellen hat, für mich sieht’s aber so aus: der Onlinejournalismus ist kaputt und soll nun gerettet werden, von 20 Journalisten und einem halben IT’ler, den Rest macht die Software. Ich kann es auch anders ausdrücken: wer heute eine ernsthafte, konkurrentfähige, begeisternde Website produzieren möchten, auf der Zehntausende mit Lieferungsanspruch täglich mit neuem Content versorgt werden sollen (und diesen vielleicht diskutieren, teilen wollen), einigermaßen Ausfallsicher, dann wird man wahrscheinlich schon ein wenig Geld mehr in die Hand nehmen müssen. Von interaktiven Grafiken, Sondernwünschen für einzelne Artikel, Fehlerbehebung und dem ganzen anderen Kram will ich gar nicht anfangen. Die aktuelle Site der Krautreporter, aufgesetzt auf die alte Krautreporter-Plattform, machte schon mal nicht den Eindruck von übermäßiger Professionalität, jedenfalls nicht gemessen an der Konkurrenz.

Viel Glück möchte man da sagen. Aber, als Mitretter des Onlinejournalismus sage ich: Obacht liebe Kollegen Krautreporter, ihr macht da möglicherweise etwas falsch. Zum Glück steht der Launchtermin aber ja schon: im September oder Oktober geht’s los. Wie gesagt: ich kann die Spannung kaum aushalten.

Update: Bei Ben drüben wird übrigens über Ähnliches diskutiert, nur geht es da weniger um die mutmaßlichen IT-(Gehalts)-Kosten, sondern eher um den Gesamtbau von Site und CMS (also den Software-Etat, 11%, s.o.).

24 Gedanken zu „Krautreporter, Nachlese“

  1. Ich bin ja nicht mehr so ganz drin, wie die Gehaltstrukturen bei euch aussehen, aber mit 18.000 Euro kann man in keinem Unternehmen, dass ich kenne, und das in Deutschland sitzt halben ITler bezahlen. Das ist aber auch okay so.

    Wenn es nach mir ginge, dann würden die Krautreporter weder für ITler noch für Software Geld ausgeben. Alles, was die sich vorgenommen haben, kann man mit einer Standard-Wordpress-Installation auf WordPress.com machen. Alles andere ist mit denken nicht zu rechtfertigen und nur Teil der Illusion, ja der Zwangsstörung, Journalismuss müsse sich irgendwie hicen Shice programmieren lassen. Ich kann das wirklich nicht mehr hören und sehen. Keiner, keiner, keiner braucht mehr als ein Default-Wordpress. Alles darüber hinaus ist Prokrastination und esotetische Selbstverwirklichung-durch-Laien-Typographie-und-Programmierung.

  2. Ich bin auch sehr gespannt und warte mal ab. Ich persönlich werde mich mit dem Vorab-Meckern zurückhalten. Dass anderswo schon wieder alles und jeder auseinandergenommen wird (kein Konzept, arroganter Claim, unausgewogen zusammengesetzte Redaktion, Technikinkompetenz, die aktuellen Diskussionen um die Finanzierung), ist mal wieder typische Netz-Aufgeregtheit…

    Ich habe 60 Euro für ein Jahr interessante Inhalte bezahlt. Wie die das machen, und wer dabei reich wird, ist mir egal. Will ich anderswo auch lieber nicht wissen. Hauptsache, es funktioniert :-).

  3. Ben, wirklich bei aller Liebe, auch zu der eurigen neu entdeckten zu WordPress, aber…

    MAN KANN MIT EINER STANDARD-WORDPRESS-VERSION NICHT DEN ONLINEJOURNALISMUS RETTEN!!!

    Niemals, nie, auf gar keinen Fall. Never. You can’t do that. Das ist mit Verlaub alberner Graswurzel-Blödsinn. Und ich glaube auch nicht, dass Du das Deinen Kunden so erzählen würdest. Höchsten dem Giraffchen zum Einschlafen, als Märchen. 😉

  4. @Nico: Wir haben ja auch gar keinen Einblick, was diese Zahlen konkret bedeuten. Kann ja durchaus sein, dass die 100.000 Euro einfach all die nach außen sichtbare Technik beinhaltet und die 18.000 Euro nur für denjenigen eingeplant sind, der dafür sorgt, dass es Strom, Internet und Kaffee im Büro gibt. Und vermutlich ist der Geschäftsplan ja sowieso nicht, dass nach dem Erreichen der 900.000 nie wieder jemand zahlen wird…

    Und ich fände es sogar gut, wenn das Geld wenigstens erst einmal nicht für noch einen Snowfall und animierte Infografiken ausgegeben wird… Klar, die sind hübsch und alles, aber inhaltlich war das wenigstens für mich bisher kein Mehrwert.

    1. Jein. Der nächste Snowfall muss tatsächlich nicht sein. Infografiken wären mir schon wichtiger (hier unterscheiden sich IMHO Print- und Onlinjournalismus in den Möglichkeiten, immer daran denken, es geht ja um die Rettung des letztgenannten).

      Dass dieser Plan dort letztendlich Blödsinn ist, ist mir klar (und das empfinde ich im Nachhhinein als ziemlich undurchsichtig vuldo kritikwürdig). Aber er zeigt eben diese grausilige Tendenz: wir (Journalisten only ®) retten den Onlinejournalismus. Die anderen sind die Drucker. Kosten. Mehr nicht.

  5. Lass mich einige steile Thesen wagen (und vorab sagen: Das ist kein persönlicher Angriff, vielleicht bin ich altmodisch und alles):

    Online-Journalismus ist Journalismus. Der funktioniert schon seit immer mit Texten und Bildern und ist nicht kaputt.

    Das Nacheifern der 90er Jahre Multimedia-CDROM, weil’s halt geht, ist nicht das, was Journalismus im Netz besser macht. Das funktioniert im traditionellen im Sinne der krautreporter „kaputten“ Modell natürlich ganz gut, weil ein Klick, um zu schauen, wie schön bunt der Artikel ist und welche tollen Effekte umgesetzt wurden, natürlich ein Klick ist, der Geld bringt und man teurere Werbung dafür verkaufen kann.

    Und mir fällt es manchmal schwer, den Mehrwert von interaktiven Infografiken zu sehen. Ich finde es toll, wenn die Infografikerin den Zusammenhang in einer statischen Grafik auf einen Blick erklären kann, ohne dass ich als Leser dabei mitarbeiten muss. Oder: Der Mehrwert einer Infografik ist, dass die interessanten Vergleiche und Zusammenhänge schon redaktionell aufbereitet sind und ich sie nicht selbst suchen muss.

    1. Altmodisch, aber ok. Allerdings, dass der Onlinejournalismus kaputt sei, ist ja nun wieder die Masterthese der Krautreporter.

  6. Ich sehe das ja eeetwas anders.

    Online-Journalismus ist schon auch kaputt. Der Reichweitendruck zwinge fast alle Redaktionen dazu, Texte für Google und Facebook zu optimieren. Und das sind dann wirklich schlechtere Texte, als wenn man das nicht machen müsste. Stichwort „Heftig“.

    Ich sehe allerdings auch, dass man für wirklich guten Journalismus keinen einzigen Programmierer braucht. Da hat Ingo recht, Online-Journalismus = Journalismus = Texte + Bilder. Und für ein Großprojekt wie ZON ist jemand der interaktive Infographiken baut ein netter Luxus. Aber Screenshots von Kuchendiagrammen in Excell-Sheets erfüllen mich als Leser zu 99% den exakt gleichen Zweck.

    Entscheidend dabei ist aber das, was wir unseren Kunden auch immer erzählen: ERST alles weglassen, was nicht Text+Bilder ist. Dann launchen. Dann schreiben und arbeiten. Dann schauen, was man wirklich, wirklich, wirklich braucht. DANN ERST programmieren lassen.
    Oder anders: Start with a No.

    1. Aber ben_, leidest Du irgendwie an Amnesie, oder so? Hier geht’s ja nicht darum, was Du Deinen Kunden an zenbuddhistischen Wohlfühlsprüchen ans Ohr tackerst, sondern um Onlinejournalismus. Und wenn da nicht einer kommt, der sich damit auskennt, dann… Geht. Das. Schief.

      Und wenn man jemanden beauftragen will, dann kostet das Geld. Und beim Palasthotel gibt’s die schicken Sprüche von Minimalismus und so, ja auch nicht umsonst.

      Außerdem ist Online-Journalismus = Texte + Bilder + Links + Interaktion != Print-Journalismus. 😉

  7. Da bin ich aber mal sowas von Nicos Meinung. Von mir aus können die erstmal recht minimalistisch anfangen. Aber Bezüge zu anderen Texten sollten sie schon klug herstellen können (wie hieß das noch mal: Ach ja! Hypertext!) Ich mag es, wenn sie mir sagen können was mich interessiert (dann muss ich nicht immer zu rivva – schließlich zahle ich ja da und die kennen ihre inhalte wmgl. noch besser als rivva). Mir wurde als zahlender Kunde ja sogar schon versprochen, dass ich mich so fühlen werde als wäre ich drinnen, während alle anderen draußen sind. Ja hey: Da werd ich mich wohl einloggen können müssen. Manche bestimmt gerne mit ihrem google account oder ihrem facebook account oder mal dem einen und mal dem anderen. und das sind alles kunden. und die drohen immer am telefon, dass sie ihr abo kündigen. und überhaupt läuft das ssl zertifikat dann ab und dann sagen die journalisten: ja wie? das läuft ab? wie konnte das passieren! Und wenn ich mich auf Ingos Paperwhite-Kindle einlogge, um den neusten hicen shice krautreport zu lesen, dann möchte ich genau an der stelle weiterlesen an der ich den artikel auf nicos I-Pad verlassen habe. Und wenn das schon fünf Stunden her ist, dann will ich eine kurze Zusammenfassung des Textes bis zu der Stelle, wo ich aufgehört habe zu lesen. Und außerdem will ich für jeden Text auch eine Spritz-Version, falls ich mal keine Zeit hab. DENN SCHLIEßLICH ZAHLE ICH JA DAFÜR!

  8. @Ron: Ach Du hast den. Ich habe meinen Kindle Paperwhite schon ewig gesucht… Her damit! 🙂

  9. @Nico: Ich erzähl das in der Tat unsere Kunden für umsonst. Sowas muss man ja sagen, bevor man den Auftrag bekommt.

    Was Links und Interaktion angeht, guess what, auch das können WordPress, Drupal, Medium, ja sogar Typo3 von alleine. WordPress macht das sogar richtig schön mit dem internen. Aber wem sage ich das?

    @Ron: Ja, neee. Deine Beispeile sind ja entweder Zeugs, das nur zur Reichenweitensteigerung dient (Google + Facebook) oder Alpha-Geek-Nieschen-Scheiß (Kindle) ist. Das ist ja gerade NICHT die Idee bei den Krautreportern. Und obendrein ist vermutlich kein anderes System aus dem Stand und in Vanilla-Version so gut in … ungefähr alles integriert werden, wie WordPress. Oder anders: Jede Technologie, die 2014 noch eine größerer Programmierung an ein CMS dran erfordert ist ja schon zum Scheitern verurteilt.

  10. @ben_: Ja ein bisschen Zynik war dabei, aber nicht nur. Aber auch ein bisschen Wahrheit abseits der reinen Reichweitensteigerung. Content-Management, Frontend, Social-Media, Gimmicks sind Teil eines etablierten Standards, den man vermutlich nicht einfach vollständig ignorieren kann, wenn man erfolgreich sein muss. Die Krautreporter werden sich deshalb zumindest an ihrem Vorbild messen lassen müssen. Sie sind ja keine Stiftung, die ab jetzt vor sich hinexistiert. De Correspondent hat glaube ich kein Standard-Worpress Theme. Und zum Thema Software: Naaaja. Medium – und insbesondere der Editor – hat dich afaik auch beeindruckt. Auch keine Standardsoftware

    @nico: right. In jedem Fall werden wir alle etwas von dem Projekt lernen. Und in einem Jahr können wir dann noch mal ganz schlau daherreden warum es geklappt hat oder gescheitert ist. Ersteres wünschen wir uns ja alle.

  11. Ich kann einen Brief mit einem einem Schulfüller schreiben oder einem Luxusgerät, das 10.000 Euro kostet, mit einem 20 cent-Kugelschreiber oder einem Bleistift. Geschrieben sein kann er auf Bhutan-Papier oder oder einfach nur der Rückseite eines Computerausdruckes, der sonst ins Altpapier wandert: Entscheidend bleibt für mich, was in dem Brief drinsteht. Alles andere macht es hübsch oder weniger hübsch, aber es kommt – sorry das ist vielleicht schrecklich old school – auf den Inhalt an. So hatte ich die Krautreporter eigentlich verstanden und bin nun überrascht über die Budgetierung. (Ich hatte und habe sie vorerst nicht unterstützt.) Das erinnert mich aus der Ferne an einen meiner ehemaligen Arbeitsplätze. Als eine neue Abteilung gegründet wurde, gönnten die sich erst einmal eine satte Büroausstattung mit allem möglichen Schnickschnack. Nach zwei Jahren war der Zauber vorbei.

  12. Hi Gregor.

    Das ist doch mal ein schönes Bild, an dem ich nochmal aufzeigen kann was ich meine: und zwar ist der Brief, auf welchem Papier er nun immer auch geschrieben ist, ja noch kein Journalismus im eigentlichen Sinne. Ein toller Text, aber der muss ja nun irgendwie zu den Lesern. Muss man ihn also vervielfältigen. Das kann man mit dem alten S/W-Kopierer machen. Aber dann ist das irgendwie ziemlich Schülerzeitung und wenig Rettung des Onlinejournalismus. Soll ja nicht heissen, dass man alles auf Bütten oder Hochglanz drucken soll, aber einen gewissen Standard wird man erreichen müssen. Vor allem, wenn man das Produkt verkauft hat mit vielen Versprechungen.

    Nun sind derlei Produktionskosten im Print Gang und Gebe, keiner wundert sich darüber. Im Onlinejournalismus wird aber oft (und das unterstelle ich den KR anhand des recht dürftigen und ungenauen Finanzplans) davon ausgegangen, dass hier keine Herstellungskosten da seien, oder nur ganz niedrige. Allerdings braucht es, um einen gewissen Standard zu erreichen, ein wenig mehr, als man so als Privatblogger so aufwenden muss. Punkt 1.

    Punkt 2 ist, dass ich der Ansicht bin, dass im mglw. kaputten Onlinejournalismus, auch auf technischer Ebene Probleme gibt, die zu gelöst gehören: Usability und Accessibility könnte ja mal jemand richtig machen UND guten Journalismus noch oben drauf und Sauce und scharf. Möglicherweise gehört das sogar richtig dazu.

    Dafür braucht es aber Spezialisten. Und die kosten eben Geld.

  13. Hm, so ist das eben. Mache glauben offenbar, der Online-Journalismus ist technisch kaputt, ich glaube, man könnte ihm vom journalistischen Ansatz her verbessern. Ich verspreche mir davon, dass das Projekt Journalisten das Geld und die Zeit gibt, Projekte zu recherchieren, für die sie sich selbst begeistern und daraus tolle Geschichten machen. Anderswo verschwenden viel zu viele Schreiber ihr Talent damit, der Sau, die gerade durchs Dorf getrieben wird, hinterherzurennen oder die dpa-Meldung zum x-ten mal leicht für google umzuschreiben.

    Technisch möchte ich eine lesbare Webseite haben, am liebsten ohne die ganzen vom Text ablenkenden „Standards“ wie tolle Werbeformate, Social-Media-Krams, Paginierung, Auto-Play-Videos, blinkende Videos, „das könnte sie auch interessieren“, „EILMELDUNG!!11!!“ und „Hey, hier ist noch ein Artikel“. Gebt mir einen vollen RSS-Feed. Punkt.

    1. Technisch möchte ich eine lesbare Webseite haben, am liebsten ohne die ganzen vom Text ablenkenden “Standards” wie tolle Werbeformate, Social-Media-Krams, Paginierung, Auto-Play-Videos, blinkende Videos, “das könnte sie auch interessieren”, “EILMELDUNG!!11!!” und “Hey, hier ist noch ein Artikel”.

      Bis hierhin stimme ich vollkommen überein. Aber hey, ich entwickle Webseiten, ich will eine Website. Nicht nur einen RSS-Feed. Den aber auch.

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