Ich will nicht Bahnchef sein

Hauptbahnhof Berlin
Hauptbahnhof Berlin
Im Berliner Hauptbahnhof trifft sich Bahnchef Grube mit Kunden. Auf dem Weg dorthin kam er zu spät, mit dem ICE aus Hamburg. (Bild: Some rights reserved by dieter_titz)

Ich nerve die Menschheit ja schon längere Zeit mit meinen Tweets über Bahnverspätungen, die ich so erlebe. Ich fahre beruflich viel Bahn, jeden Tag zur Arbeit und mindestens einmal wöchentlich von Hamburg nach Berlin. Da kommen sicherlich ein paar Mannmonate zusammen, die ich auf Bahnsteigen wartend oder auf freier Strecke haltend zugebracht habe. Im Kollegenkreis ernte ich dafür regelmäßig mitleidige Äußerungen, aber ansonsten habe ich das Gefühl, die Welt nimmt die Sache mit Gleichgültigkeit hin, an der Bahn könne man schließlich nichts ändern, so wie am Wetter.

Gestern hat sich Bahnchef Rüdiger Grube bei einer Veranstaltung in Berlin kritischen Bahnkunden gestellt, ZEIT ONLINE berichtet darüber. Und da ist er wieder, der etwas überhebliche Ton, der einem in Sachen Bahn so oft begegnet:

Grube ist auf Einladung des Deutschen Bahnkunden-Verbandes gekommen, um sich die Nöte der Kundschaft anzuhören. Die allerdings nicht ganz so gewöhnlich ist. Wenn der Satz zutrifft, es g[ä]be in Deutschland 80 Millionen Bundestrainer, dann stimmt auch, dass es ebenso viele Bahnchefs gibt. Rund 35 von ihnen, die meisten Männer jenseits der 50, sitzen an diesem Montagabend im vierten Stock in der Bahnkantine dem Bahnchef gegenüber.

Jaja, 80 Millionen Bundestrainer. All die Menschen die auf den Bahnsteigen auf ihren Zug warten und sich ärgern, alles nur Meckerfritzen und Besserwisser. Sollen die doch die Bahn leiten, würde auch nicht besser funktionieren!

Blödsinn. Die Zusammensetzung der Fragerunde mit Bahnchef Grube spiegelt nur die Zusammensetzung des einladenden Bahnkunden-Verbandes wieder, schon gar nicht die aller Bahnkunden. Mag sein, dass dort ein kleiner Prozentsatz alternder Männer versammelt ist, die Ko-Bahnchef spielen mögen, das beweist am Ende nur die Unsinnigkeit einer derartigen Veranstaltung.

Am gestrigen Montagmorgen ist Bahnchef Grube mit dem ICE von Hamburg nach Berlin gefahren. Da konnte er, zusammen mit einigen hundert seine Ko-Bahnchefs mal so richtig am eigenen Leib erfahren, was es heisst, mit der Bahn zu fahren. Auf ca. 45 Minuten Verspätung brachte es der Zug, wegen wahlweise Verzögerungen im Betriebsablauf oder verspäteter Bereitstellung. Das kann man ja nie so genau wissen, die Ansagen am Bahnhof unterscheiden sich ja meisten von den Informationen, die man auf der Bahn Website extrahieren kann. Ob sich der Bahnchef auch geärgert hat darüber, dass zunächst zehn Minuten Verspätung angekündigt wurde, dann 20, dann 30 und dass es am Ende 45 Minuten waren? Wie fühlt sich der Bahnchef so, wenn rings um ihn herum die Kunden sauer werden? Mit Recht! Ach nein, sind ja alles verkappte Bundestrainer und Besserwisser.

Der Bahnchef fährt logischerweise in der 1. Klasse, aber auch die kommt natürlich nicht früher in Berlin an, schon gar nicht, wenn der Zug aus technischen Gründen (Druchsage der Zugchefin), leider nur 180km/h fahren kann. Und ärgert sich der Bahnchef auch, dass er in Berlin gleichzeitig mit dem vorher abgefahrenen, viel langsameren IC und dem planmäßig eine Stunde später gestarteten ICE aus Hamburg in Berlin anzukommen? Wahrscheinlich. Trotzdem hat ihn das für das Kundengespräch wohl nicht milder gestimmt.

Je länger der zweieinhalbstündige Abend dauert, desto mehr bekommt man den Eindruck: Grube mag zwar ein offenes Ohr haben — Verstand und Herz sind eher geschlossen.

Und das trifft auf den Bahnchef genauso, wie auf alle seine Angestellten zu.

Beispiel gefällig? Gerne. Der Zug ist wie gesagt eine gute Stunde zu spät im Hamburg losgefahren, sicherlich aber 45min. zu spät angekommen. Ein Fahrgast weiter hinten leistet bei der Fahrkartenkontrolle Widerstand: er habe eine Bahncard 100, werde sie aber erst in 45 Minuten vorzeigen, da er solange auf dem Bahnsteig warten musste. Der Kontrolleur zuckt nur mit den Schultern und holt die Zugchefin. Der Fahrgast erklärt wieder, dass er eine Bahncard 100 hat, diese aber wegen der gleichhohen Verspätung erst in 45 Minuten vorzeigen werde. Die Zugchefin sagt, sie würde dann die Polizei holen und kehrt wenigen Minuten später mit einem Bahnpolizisten zurück. Der Mann zeigt aber weiterhin seine Bahncard nicht vor, und muss daraufhin seine Personalien aufschreiben lassen. Ja, so regelt man das in der deutschen Bahn. Absolut regungslos. Nein, borniert. Natürlich kann sich das Bahnpersonal nicht mit Leuten herumschlagen, die sich wegen der dauernden Verspätungen aufregen. D.h. warum eigentlich nicht? Warum findet man bei der Bahn niemanden, der Verantwortung übernimmt? Der Bahnchef selbst tut das natürlich auch nicht.

Mit der gleichen Borniertheit werden weitere Kundenanfragen bearbeitet: Nein, die Formulare für Fahrgastrechte werden erst verteilt, wenn wir wirklich eine Stunde Verspätung haben, zur Not muss man sich das am Bahnhof beim Ausstieg besorgen. Nein, die Steckdosen in diesem Waggon scheinen alle nicht zu funktionieren, weiss man jetzt auch nicht warum, man können sich ja umsetzen, nein, nicht in die 1. Klasse natürlich! Ja, weiter hinten ist noch eine funktionierende Toilette, ja, dass im Klo von Wagen 24 ein Wasserschwall aus der Decke kommt, darüber ist man informiert.

Derweil futtert Bahnchef Grube in Klasse 1 Gummibärchen. Die kriegt man dort immer, wenn der Zug mal zu spät kommt. Also jeden Tag. Übrigens: ich will nicht Bahnchef sein. Oder Bundestrainer. Ich will nur die Leistung bekommen, für die ich bezahlt habe.