Codecandies

Das Weblog von Nico Brünjes.

Schreiben mit dem Nexus 7

Natürlich musste ich mich kurz nach der Anschaffung des Nexus auf die Suche nach einer App zum Verfassen von Artikeln und Notizen machen. Frühere kurze Tests mit Androidgeräten waren nie gut verlaufen: (Bildschirm-) Tastaturen unter meiner Würde, langsame Reaktionszeiten, ungewohnte Fehlerkorrektur, ich hatte ein paar Vorurteile, zugegeben. Inzwischen jedoch tippe ich auf dem Nexus schneller als auf dem iPad. Zum einen habe ich ein paar schöne Schreibprogramme getestet, zum anderen tippe ich kaum noch selbst: ich lasse gewissermaßen tippen.

Tippen im Allgemeinen und Besonderen

Natürlich muss man sich an die Tastatur des Nexus erst einmal gewöhnen. Das Tablet ist kleiner, dünner und leichter als das iPad, darum habe ich es ja gekauft, man kann es gut im Porträtmodus in der Hand halten und dabei tippen. Apples Tablet musste ich zum Schreiben immer vor mich ablegen. Auf dem Nexus kann ich sogar im Landscapemodus mit geteilter Tastatur relativ fehlerfrei schreiben, beim großen iPad undenkbar.

Die Standard-Tastatur des Nexus ist allerdings nicht so schön, hier hätte das iPad wieder die Nase vorn, gäbe es unter Android nicht die wundervolle Möglichkeit auch Systemkomponenten wie die Tastatur zu ändern. Und so gibt es einige Programme, die eine ordentliche Tastatur zur Verfügung stellen. Ich habe mir SwiftKey 3 ausgesucht, das neben einigen Tastaturlayouts und -designs, mannigfaltigen Einstellungsmöglichkeiten und zusätzlichen Funktionen für die Tastatur selbst, eine unglaubliche Fehlerkorrektur- und Vorschlagsengine mitbringt, die einen wirklich vom Hocker reißt.

SwiftKey for the rescue

SwiftKey lernt nicht nur während der Eingabe von Text dazu, sondern man kann es individuell an seinen Schreibstil anpassen. Dies geschieht indem man dem Programm zum Beispiel den RSS-Feed seines Blogs zum Lernen gibt. Grandiose Idee muss ich mal sagen. Ebenso kann man dem Programm auch Zugang zu seinen Facebook- oder seinem Gmail-Account geben. Das wäre vielleicht nicht so eine gute Idee. Hat das Programm jedenfalls den Schreibstil des Nutzers gelernt, macht es während des Schreibens, fortan Vorschläge welches Wort wohl gerade bei den eingetippten Buchstabenkombinationen gemeint sein könnten. Über der Tastatur werden immer drei Vorschläge angezeigt, die von Zeichen zu Zeichen immer besser werden. Oft stimmt schon nach ein bis zwei Buchstaben eins der Wörter, typische Wortkombination werden auch direkt vorgeschlagen, bspw. „ein bis zwei“: ich gebe ‚e‘ ein, und es wird direkt ‚ein‘ vorgeschlagen, ich wähle den Vorschlag aus, und es wird direkt ‚bis‘ vorgeschlagen und danach gleich ‚zwei‘. Das klappt so gut, dass es sich mitunter ein wenig spooky anfühlt. Es gibt ja Webseiten, die sich ausschließlich mit fehlerhaften T9-Vorschlägen unter iOS beschäftigen. Was fehlt: Webseiten mit Texten, die allein von SwiftKey verfasst wurden. Ein Ausschnitt aus meiner Statistik: bisher 9.095 gesparte Tastenanschläge, 4.180 korrigierte Tippfehler, 1.336 vervollständigte Wörter.

Schwierige Markierungsarbeiten

Damit bewaffnet ist man natürlich viel schneller als auf dem iPad oder iPhone. Und man macht wenig Fehler, weil man weniger selbst tippt. Das ist allerdings auch nötig, denn es gibt noch ein Problem, das ich unter Androidhabe: Textmarkierung und Navigation innerhalb eines Textes. Eigentlich finde ich die beiden Auswahldreiecke ganz praktisch, täten sie nur einwandfrei funktionieren. Aber in einigen Programmen und vor allem auf Webseiten ist das Markieren und Kopieren von Text schlicht die Hölle. Kann sein, dass ich das Konzept noch nicht komplett umarmt habe, aber im Moment markiere ich permanent zu viel oder zu wenig, oft klappt es gar nicht. Dazu sei gesagt, dass auch auf dem iPad meine Wurstfinger beim Textmarkieren nicht immer hilfreich sind.

Programme zum Schreiben

Schreibprogramme gibt es für das Nexus wie Sand am Meer, der Trend zum distraction-free-writing ist auch hier abgekommen. Schreiben an sich ist ja noch keine echte Herausforderung für ein Programm, ich sag mal, das beherrschen sie schon alle. Es kommt also auf die Form der Darstellung und etwaige Zusatzfunktionen an.
Zum Workflow: Auf dem iPad nutze ich gewöhnlich den iA Writer, oder Drafts, ich schreibe in Markdown, das ich wahlweise nach HTML konvertiere, bevor der Text ins Blog kommt, oder ich nutze das MarkdownOnSave-Plugin und paste direkt ins Blog, je nach Textart und Länge. Letzteres funktioniert auch in Android. Markdown zu HTML konvertieren, dafür habe ich allerdings noch kein Programm gefunden. Direkt HTML-Code zu schreiben funktioniert für mich auf beiden Plattformen nicht.

Write, das Schreibjournal

Write (offiziell: »Write: Tablet Notepad/Journal«) bietet neben dem Schreiben an sich ein kleines Journal an, d.h. auf der Einstiegsseite werden die letzten Texte als Teaser, wie bei einem Weblog eben, dargestellt. Dort kann man die Texte auch sortieren und durchsuchen. Write unterscheidet View- und Editiermodus, der Text wird ordentlich dargestellt und man kann bspw. zwischen unterschiedlichen Fonts und Schriftgrößen wählen. Markdown kann das Programm allerdings nicht umsetzen. Es exportiert zwar HTML auf die SD-Karte, aber wo ist da ohne Markdown der Sinn? Soll ich das etwas selbst tippen? Freundlicherweise kann man seine Texte in einer Dropbox speichern. Write hat einen Nachtmodus, schreibt also auch weiß auf schwarz. Texte aus Write können mit allen bekannten Diensten geshared werden. Write kostet 1,99 Euro.

Update: Nach dem letzten Update gibt es drei wählbare Zeilenabstände und Markdown-HTML-Export!

Writer, inklusive Markdown

Etwas einfacher ist der Ansatz von Writer. Hier kann man nur halb soviel einstellen oder konfigurieren, dafür unterstützt er Markdown dergestalt, dass Überschriften, Listen etc. angezeigt werden. Links werden dabei aber leider nicht hervorgehoben. Die Oberfläche ist um einiges cleaner und minimalistischer als beim Write, in der Übersicht sieht man schlicht alle Textdateien, man kann sie wahlweise alphabetisch oder zeitlich sortieren. Mehr gibt’s nicht. Writer ist kostenlos.

Flick Note für Notizen

Flick Note ist eigentlich mehr ein Notizbuch, das sich bspw. auch mit Simplenote synchronisieren lässt. Auch dieser Client beherrscht ebenfalls Markdown, mit hervorgehobenen Links dazu, aber wieder keinen Export als HTML (obwohl man auch hier nach fast überall sharen kann). Er hat ebenfalls einen weiß auf schwarz Modus, man kann sogar selbst die Farben für Text, Links und Hintergrund festlegen. Es kann zwischen drei Standardschriften und verschiedenen Schriftgrößen gewählt werden. Blöd allerdings: der Zeilenabstand ist in allen Modi viel zu klein, so dass der Text teilweise leider schwieriger als nötig zu lesen ist. In Flick Note kann man zudem auch noch ToDo-Listen führen. Kostenpunkt: 3,78 Euro. Das Icon der App ist zum Weglaufen.

Kein wirklicher Sieger

Alle drei Programme geraten in akute Schwierigkeiten, wenn sie es mit großen Textmengen zu tun bekommen: ein großes XML-Dokument, das ich gerade im Speicher hatte, hat alle Kandidaten zum mehr oder weniger schnell zum Absturz gebracht. Writer braucht schon für Texte wie diesen hier beim Öffnen ein paar Sekunden in denen die Rechtschreibkorrektur läuft. Scrollt man in dieser Zeit das Dokument, springt es sofort wieder zum Ausgangspunkt zurück. Da ist Write genügsamer und blockiert nicht das UI, Flick Note ist beim Öffnen von Dokumenten sogar blitzschnell. Lustig ist irgendwie, dass das Write HTML exportieren kann, während die anderen mit Markdown umgehen können, aber nicht mit HTML. Beides zusammen wäre ja sehr schön gewesen. Writer ist eher etwas für kurze Notizen. Wofür sich aber besser Flick Note eignet, schon wegen der Simplenote-Anbindung. Dämlicherweise kann man auch hier nicht nach HTML konvertieren. Writer hat die angenehmere Oberfläche, bei Write ist die Typografie besser.

Fazit, tl;dr

Schreiben kann man auf dem Nexus 7 ausgesprochen gut, solange man kein Buch verfassen will. Allerdings muss man meiner Meinung nach SwiftKey zukaufen, um auf ordentliche Geschwindigkeit zu kommen. Dann ist man iOS allerdings tatsächlich überlegen, was ja schon mal einigermaßen überraschend ist. Zum Schreiben empfehle ich Write, wegen des Journals und dem typographisch gelungenen Editiermodus. Meinen Workflow muss ich nun leider geringfügig anpassen. Damit kann ich leben. Notizen mache ich mit Flick Note.

Ein Kommentar zu “Schreiben mit dem Nexus 7”

    1. Mit dem App Write hast Du mich neugierig gemacht. Gestatte mir deshalb eine Frage. Ist dieses Tool ins Deutsche übersetzt?