Codecandies

Das Weblog von Nico Brünjes.

Facebook adé

Mein Arbeitskollege am Tisch gegenüber sagt immer: »Facebook ist nunmal dort, wo der Mob abgeht«, da müsste man dabei sein. Und tatsächlich, als heute eine fette Sicherheitslücke enttarnt wurde, da ging es schon ab. Oder gestern, als bei uns im Büro ein Facebook-Wurm von Leuten verteilt wurde, die es eigentlich besser wissen müssten: ja, da war die Freude groß. Ich bin zum Glück seit ein paarMonaten nicht mehr dabei—bei Facebook meine ich—und der Mob fehlt mir so gar nicht.

Ich habe mein Profil derzeit (wohlgemerkt) deaktiviert, bevor man es löschen kann, muss man John Locke Marc Zuckerberg anrufen und um Erlaubnis bitten. Ich hatte vor ein paar Wochen einfach das Gefühl, das nicht mehr unter Kontrolle zu bringen. Ich bin kein Emailausdrucker oder Offliner, aber ich hatte einfach keine Lust mehr Zeit darin zu investieren, meine Profildaten auf Facebook abzusichern. Als ich zum ersten Mal in einem Foto gekennzeichnet wurde, habe ich den Account entnervt, aber auch ein wenig unsicher, ob die Entscheidung richtig ist, dicht gemacht. Vielleicht merkt man mir die Vierzig jetzt auch an, aber das ist und war nie meine Welt. Zumal die Behauptung, alle wären bei Facebook, ja auch nicht stimmt – wenn man Kontakt zu Freunden halten will, dann muss man eh‘ in mind. vier Communities aktiv sein. Und dann fehlt trotzdem immer eine. Wie sich jedoch die Dinge seit der Facebook-Entwicklerkonferenz entwickeln, ist wirklich erstaunlich und zeigt: ich habe mich richtig entschieden.

A lot of companies would be trapped by the conventions and their legacies of what they’ve built, doing a privacy change – doing a privacy change for 350 million users is not the kind of thing that a lot of companies would do. But we viewed that as a really important thing, to always keep a beginner’s mind and what would we do if we were starting the company now and we decided that these would be the social norms now and we just went for it.

Marc Zuckerberg

Während die ganze Welt auf Google schaut, das bei Licht betrachtet nur Informationen sammelt, die sowieso schon im Netz erhältlich sind, hat es sich Facebook zur Aufgabe gemacht, Informationen über Menschen zunächst zu generieren und zugänglich zu machen. Ich selbst habe in Diskussionen schon einhundert Mal gesagt: Jeder ist selbst dafür verantwortlich, welche Information über sich selbst er verrät!, aber im Falle von Facebook scheint dieses Gesetz nicht zu gelten. Denn: Facebook verschleiert konsequent, welche Informationen, wem zugänglich gemacht werden. Oder es flutet den Nutzer mit Einstellungsmöglichkeiten, Popupfenstern und immer wieder geänderten Voreinstellungen, so dass man zwangsweise jeden Überblick verlieren muss. Facebooks Bestreben ist, soviel wie möglich an Informationen aus den Leuten rauszukitzeln und mit dem erlangten Wissen dann Geld zu verdienen.

Die Privatsphäreregeln von Facebook wurden dazu in den letzten Jahren immer wieder immer weiter gelockert. Jeder kann ja mal für sich selbst überprüfen, ob er gerade weiss, welche Informationen er wem bei Facebook zugänglich gemacht hat. Jeder der jetzt sofort sagt: ich mache niemanden Informationen über mich sichtbar, ausser meinen Freunden, da bin ich mir ganz sicher, der möge diese Aussage jetzt direkt mal überprüfen. Und wie lange dauert diese Überprüfung? Ja!, auch alle Facebook-Anwendungen checken. Und wie lange hat es gedauert, diese vermeintlich sicheren Einstellungen hinzubekommen? Wie oft schon wurde man aufgefordert, die getroffenen Regeln neu anzupassen? Und, schätzt doch mal selbst: wieviele von unseren Facebook-Freunden haben sich diese Mühe gegeben?

We share your information with third parties when we believe the sharing is permitted by you, reasonably necessary to offer our services, or when legally required to do so.

Gestern war ich Zeuge, wie gut informierte, mit Programmierkenntnissen ausgestattete und social-media-mäßig mit allen Wassern gewaschene Kollegen, sich von einem Facebook-Wurm dazu verführen liessen Javascriptcode von einer Facebook-Seite in die URL-Zeile zu kopieren und abzuschicken, womit sie natürlich den Wurm an x neue Leute verteilten. Medien- und facebookkompetenz scheinen nicht wirklich in Zusammenhang zu stehen! Dass man seinen Freunden bis heute nachmittag beim Chatten zusehen konnte… wer hätte es gedacht? Oder kann man ahnen, dass eine mit abertausenden Funktionen ausgestattete Website Bugs enthält?

Nun kann man sich schon einmal fragen: sind meine Daten bei einem solchen Unternehmen gut aufgehoben? Ich würde das verneinen, jedenfalls was die Daten angeht, mit denen das Facebooknetzwerk am Laufen gehalten wird. Viel schlimmer ist jedoch, das Facebook die Daten dann auch noch fröhlich weitergibt (ja, richtig: wenn man es zulässt). Und zwar an kleine Klitschen genauso, wie an den Meistbietenden, der sich dann trusted partner nennen darf. Wer da wem vertraut und worin, bleibt ungewiss. Das neue Instant Personalization (umgehende Personalisierung, auf der deutschen Site), womit man seine Daten den Websites von vertrauten Partner seine Daten schon vor dem Einloggen verrät, wurde nach lauten Protesten zumindest in Deutschland und anderen europäischen Ländern als Standardeinstellung wieder deaktiviert. Bis zur nächsten AGB-Änderung: Bitte überprüfen Sie Ihre Privatsphäreeinstellungen.

Facebook adé.

17 Kommentare zu “Facebook adé”

    1. Meine Position dazu kennst Du ja und ich freu mich sehr über diesen wirklich großartig geschriebenen Artikel. Und ich erlaube mir mal den guten, guten Chris Lüscher zu zitieren:

      2010 wird als Jahr in die Geschichte eingehen, in dem es nicht mehr tabu war, seinen Facebook-Account zu löschen.

    2. Klasse Artikel! Folgendes Video würde ganz gut dazu passen: httpv://www.youtube.com/watch?v=rgfFoZ8tq5w

      Einfach unheimlich …

    3. Mein Argument als Möchtegern-Ästhet gegen Facebook ist die Hässlichkeit dieser Anwendung. Und damit meine ich nicht das UI oder derart Oberflächliches, sondern das systematische Vernichten der schönen Einzelgänger.

    4. Word. Einen ähnlichen Beitrag wirst Du in wenigen Tagen von mir lesen können. Bis dahin verweise ich auf:
      http://www.sueddeutsche.de/computer/129/510250/text/

    5. Trotzdem: Facebook ist der Ort wo die Leute sind. Und zwar die Leute, die eben nicht den ganzen Tag vor Computern sitzen. Ich halte es so: Ich habe keine Inhalte in FB drin, die ich nicht auch in meinem Blog posten würde. Nur weil die eben eine andere Vorstellung von Sicherheit haben werde ich nicht in den Chor der typisch deutschen Haltung mit einstimmen, dass alles was gegen meinen Willen über meinen Gartenzaun getragen wird, gleich anbrülle.

      Der „Wurm“ vor zwei Tagen war meiner Meinung eher witzig. Ich ziehe (noch) zu viel Gutes aus FB. genau so wie aus StudiVZ, XING, Buzz, Twitter und Co.

    6. > Ich ziehe (noch) zu viel Gutes aus FB.

      Was genau bitte?

    7. Informationen was meine Familie und Freunde gerade tun. Und zwar mit Interaktionen in beide Richtungen. VIele Leute nutzen KEIN E-MAIL und KEINE IM. Das ist eine krasse Erkenntnis aber so ist es nun mal. Die nutzen Facebook. Wenn ich Leute auf der Straße nach Jahren wieder treffe wie letzten zwei Mal hintereinander fragt man nicht mehr nach „Wie ist denn deine Telefonnummer“ oder „Hast Du ne Mail-Adresse“ sondern es heißt: „Bist Du auf Facebook?“ und man added sich direkt per iPhone auf FB. Der KOntakt bleibt denn beim nächsten Mal sieht er, wie ich in Altona ein Eis esse und kommt einfach dazu.

      Real-Life 2.0. Da will ich nach wie vor dran teilhaben.

    8. @Nico
      Ich gehe mal gerade rüber und hole Milch. Wir unterhalten uns ja nun eh hier. =)

    9. @Marc Aber diese Unterhaltung wäre ja offline und ginge am Real-Life 2.0 ein wenig vorbei. Überleg ich mir noch… 😉

    10. Social Networks unterstützen mein RealLife nur und ersetzten absolut nichts.

    11. guter Artikel

    12. @Marc Du driftest aber ab. Es geht ja um Facebook, nicht um Social Networking allgemein. Ich nutze ja durchaus weiter Twitter, Buzz, Xing, Stayfriends meinetwegen… aber Facebook birgt IMHO eben mehr Gefahr, als es Nutzen verschafft.

      Und dass Leute Dich Eis essen sehen in Altona, ist ja auch mehr Twitter zu danken, oder machst Du Updates direkt nach FB?

    13. Klar mache ich Updates direkt auf FB. Mit mehr Resonanz als auf Twitter. Viel mehr.

    14. tja, seltsamerweise ist facebook die plattform um mit leuten in kontakt zu sein die nix mit „computern & so zeug“ zu tun haben. facebook kapiert sogar die oma. und was ist dann die alternative; offline sicher nicht

    15. Hmmm. Das ist ja genau mein Punkt: wenn schon selbst Fachleute auf die Facebook-Fallen wie den gen. Wurm hereinfallen, wie soll sich da die Oma schützen? Und wird sie verstehen, wie man seinen Account richtig absichert? Sicher nicht.

      Aber: die Oma braucht ja auch gar keinen Facebook-Account, wenn wir mal ehrlich sind. Und das andere gern genannte Beispiel: meine Mutter auch nicht. Die werden weiter telefonieren (jedenfalls die Masse). Ich, meine (noch ungeborenen) Kinder, und alle danach haben Bedarf nach solchen sozialen Netzwerken, keine Frage.

      Das sollte aber IMHO nicht Facebook sein.

    16. Noch bin ich bei Facebook aktiv. Aber einen wirklichen Gewinn konnte ich bislang nicht feststellen. Eher Zeitaufwand: Da wollen ständig Leute Freunde von mir werden, von denen ich gar nicht weiß, wer zum Teufel sie überhaupt sind…
      Mein Problem: Komm ich überhaupt als jemand, der Internetmarketing betreibt, um Facebook herum?
      Dein Einwand: Google sucht nur Daten zusammen, während Facebook generiert, ist bedenkenswert. Aber auch nicht ganz stimmig. Denn Google hat auch Zugriff auf Daten, die sonst nicht zu kriegen wären… und kann diese auf neue Arten verbinden.