Der Sprachlosigkeit ein Wort

Leider ist es hier gerade wieder sehr ruhig geworden. Um es frei heraus hin zu schreiben: ich komme gerade mit der politischen Großwetterlage nur sehr schwer klar. Ich habe vor und nach der Wahl meine Meinung zum Thema Trump gesagt, und normalerweise nehme ich kein Blatt vor den Mund, was aber seit Trumps Amtsantritt um mich herum passiert ist, nimmt mir aktuell die Schreiblust, beinahe die Luft zum Atmen, um ehrlich zu sein.

Seit spätestens dieser grausamen Vereidigung wissen wir scheinbar alle, was das Stündlein geschlagen hat und allerorts sieht und liest man Kompensationsversuche in Form von Spott, Hohn, Sarkasmus, Geätze, Wut, Irrsinn. Ich lese natürlich auch gute Texte zum Thema Trump, gegen Trump und ich sehe auch einige mutige und gute Aktionen, aber alles geht irgendwie unter in einer Flut aus Spaß-, Hass- und resignierten Tweets, Karikaturen und Scheindiskussionen, deren Themen und Ausrichtung komplett vom weißen Haus gesetzt und gesteuert ist.

Thorsten Kleinz liegt IMHO ziemlich richtig und erklärt, warum hier seit Wochen nichts mehr zu Trump zu lesen ist: mir passt einfach nicht, wie die Diskussion (haben wir denn eine) läuft und in welche Richtung.

Und ich sehe nicht, wie wir aus dieser Situation raus kommen. Shitstorm scheint mir keine Lösung zu sein. Ich sagte ja schon die Wahrheit allein wird nicht reichen, aber das was jetzt läuft (oder ist es wieder nur das was bei mir ankommt) wird es auch nicht tun.

16. Das stumme Amerika

Die Bosse der führenden Technologiekonzerne der USA haben vorgestern demonstriert, wie die Zukunft des Trumpamerica aussieht und damit ein völlig falsches Zeichen gesetzt. Hatte man während des Wahlkampfs noch den Eindruck, das Silicon Valley würde geschlossen hinter Hillary Clinton, den Demokraten oder auch der Demokratie stehen, hat ihr komplett zahnloses Auftreten am Mittwoch gezeigt: man wollte sich dadurch nur Vorteile für die Zeit nach der Wahl sichern und hat dabei einfach auf den falschen Esel gesetzt. Das hätte man einerseits ahnen können, andererseits bietet es einen tief verstörenden Ausblick auf die Zukunft.

Tim Cook hat keine Eier, das wussten wir ja im Grunde schon vorher, scheint das doch das Motto der aktuellen Produktlinie zu sein. Das gilt allerdings ebenso für Larry Page, Jeff Bezos, Elon Musk, Sheryl Sandberg (Facebook COO), Satya Nadella und vielen weiteren CEOs der Technologiebranche. Sie alle reisten zum Treffen mit dem designierten Präsidenten und machten hübsch Männchen für die Presse, während Donald Trump, der noch im Wahlkampf alle Anwesenden als die Vertreter des Bösen und Agenten Chinas beschimpft hatte, so tat, als herrsche eitel Sonnenschein. Eingeknickt sind sie, einer wieder der andere, vor der Macht die Trump alleine mit seinem Twitter-Account ausübt, mit dem er Aktienpreise sinken lassen kann und Politik macht, ohne auch nur ein Papier zu unterschreiben. Was wir hier gesehen haben, ist ein Blick in die Zukunft: Duckmäuserei, vorauseilender Gehorsam, angstgetriebenes Verhalten.

Eines sei aber angemerkt: Cook, Bezos, Musk und die andere CEOs haben nur Angst, Geld zu verlieren, es geht noch nicht um ihr Leben.

Bild: Ales Krivec

El máximo líder

Fidel Castro ist tot.

Fidel Castro wird 1926 als uneheliches Kind eines Zuckerplantagenbesitzers geboren wird und soll schon im Alter von 13 Jahren die Plantagenarbeiter seines Vaters zum Streik aufgerufen haben. 1953 versucht er zum ersten Mal mit nur 130 Männern eine Kaserne zu stürmen, um den ein Jahr vorher durch einen Putsch an die Macht gekommenen Diktator Batista zu stürzen. Er landet im Zuchthaus, nach einer Amnestie zwei Jahre später geht er ins mexikanische Exil, wo er u.a. Che Guevara kennenlernt. 82 Revolutionäre setzen 1956 nach Kuba über, um in einen über zweijährigem Guerilla-Krieg am 1.1.1959 Diktator Batista schließlich zu vertreiben. Fidel zieht als Máximo Líder in Havanna ein. Von hier wird er mehr als 50 Jahre die Geschicke Kubas leiten, ebenso gehasst wie verehrt, ein Symbol der Auflehnung gegen das kapitalistische System, ebenso wie für das Versagen der großen Revolution dagegen. Ein David, der gegen den Goliath USA widersteht, wofür am Ende aber das Volk zahlen muss. Erst 2008 gibt er die Macht an seinen Bruder Raúl ab, 2011 tritt er als Anführer der Kommunistischen Partei Kubas zurück. Erst nach Castros Ausscheiden tritt ein wenig Entspannung ein, die USA unter Barack Obama lockern das jahrzehntelange Embargo ein wenig, im März 2016 besucht Obama sogar Havanna.

Castro und Che, das waren die großen Anführer der kubanischen Revolution, die immer ein großes Symbol der Linke gewesen ist, dass es doch möglich wäre, aufzubegehren gegen das System USA. Verehrung und Verklärung haben natürlich oft die Fehler und Unmenschlichkeiten überdeckt, die ebenfalls Teil der postrevolutionären Geschichte Kubas waren. Che wurde dabei nach seinem Tod in Bolivien zur unantastbaren Ikone stilisiert. Castro musste dafür Zeit seines Lebens gegen diesen Anspruch bestehen, der realexistierende Revolutionär sozusagen, wenn man es sarkastisch ausdrücken möchte. Eine tragische Figur der Weltgeschichte, was mich in diesem Sinne durchaus traurig stimmt.

Morgenlese XXII

Na, könnt ihr inzwischen wieder gut schlafen? Den ersten trumpindizierten Kater überwunden? Ich schätze, da werden noch viele folgen.

Nun ist viel von der Filterblase die Rede, die angeblich den Sieg Trumps mitverursacht habe und sie ist ja auch, soviel gene ich zu, ein Teilaspekt meines Erklärungsansatzes über die Wahl, scheint mir derzeit aber tatsächlich überbewertet zu werden. Dies sieht man auch bei Carta so, dort enttarnt man gleich den Mythos Filterblase:

Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass politische Entwicklungen wie der Brexit allein den Filteralgorithmen zugeschrieben werden können. Zwar bedienen sich Presse und Blogs gerne der Filter Bubble als mystischem Begriff einer subtilen Machtstruktur im Internet, jedoch entbehren die Annahmen über negative Konsequenzen der Filter Bubble jedweder Empirie. Forschungsergebnisse hinsichtlich des Einflusses von Filteralgorithmen auf den Nachrichtenkonsum deuten eher darauf hin, dass sie das ideologische Spektrum erweitern, als es einzugrenzen

Politikwissenschaft und Soziologie for the win. Eher den persönlichen Erfahrungsschatz bemüht Andreas Wilkens bei heise.de, er verbrachte eine Nacht in der Filterblase, nur nicht in der gleichen über die zur Zeit allerorten fabuliert wird:

Mag ja sein. Ob aber in der gedruckten oder virtuellen Presse oder in Fernsehdiskussionen: Die Befürworter der Filterblasen-Theorie wandten diese immer nur auf die anderen an, die imaginären Trump-Wähler. Die Trumper ließen sich ohne Wenn und Aber blenden, weitere Motive für ihr Wahlkreuz blieben kaum erwähnt. Ja, auch ich war in Diskussionen immer gerne mit dem Einwurf zur Stelle, ohne Facebook wären AfD und Pegida so nicht möglich. Und Trump erst recht nicht.

Ja, in der steckte ich auch, ich war nämlich auch sicher, Clinton würde gewinnen.

Aber was tun?

Es muss aber ja auch weitergehen und, da sind wir uns glaube ich einig, aktiv zu werden, um eine Wiederholung zu vermeiden. Die Wahlerfolge von Marie LePen oder anderer europäische Neofaschisten, oder Erdrutsche wie der Brexit, haben uns ja bislang unbeeindruckt gelassen. Aber es gibt Dinge zu tun: Österreich schickt sich im Dezember an, einen Rechtspopulisten ins Bundespräsidentenamt zu klagen bzw. wählen, und 2017 ist dann Bundestagswahl in Deutschland.

Vielleicht ein neuer linker Populismus, wie ihn René Walter vorschlägt?

Meine Vorschläge dafür sind bekannt: Ein neuer linker Populismus, der anders als rechter Populismus weniger aus „dem Volk nach dem Maul reden“ besteht, sondern in der Vermittlung von komplexen Zusammenhängen durch populäre Medien, ein linkes Boulevard oder Popkultur (und den ich basierend auf einem Schreibfehler hier auf NC als „Popularismus“ bezeichnen würde). Das gepaart mit einer Rückbesinnung auf Ur-Linke Themen wie eben Solidarität, Arbeiterrechte und soziale Gerechtigkeit könnte Rechten wie eben Trump den Boden unter den Füßen wegziehen, sofern es dafür nicht bereits zu spät ist.

Johnny vom Spreeblick kommt nach seinem undifferenzierten Trump-Rant mit hoffnungsvollem Ende zu einem wie ich finde überraschenden Ergebnis:

Nicht zum ersten Mal denke ich daher seit einigen Wochen neben dem ganzen Trotzdemlächeln darüber nach, in eine Partei einzutreten. Mir fällt das enorm schwer. Ich hasse Kompromisse, stundenlange Debatten, langweilige Meetings. Außerdem wird keine der bestehenden Parteien meine Haltung zum Leben auch nur achtzigprozentig widerspiegeln. Jede Partei hat mal Scheiß gebaut, in jeder Partei sind Leute, mit denen ich gar nicht so gerne am Tisch sitzen möchte.

Erstmal keine Pointe. Er schreibt gerade ausdrücklich nicht, welche Partei das sein könnte, klingt mir aber sehr nach dieser Kampagne.

Bild: Parker Byrd

Gerade noch Morgenlese XXI

Diese Ausgabe der Morgenlese steht unter dem Motto… naja, man ahnt es schon.

Adrian Daub sieht mit der Präsidentschaftswahl »Das Ende der Aufklärung« gekommen, und setzt sie damit in den Zusammenhang des Bildes, das die USA bis hierhin abgegeben haben, als Leuchtturm für Modernität von der Unabhängigkeitserklärung bis zu Obamas Amtszeit und dessen Errungenschaften. Ersetzt wird dies durch… nichts.

Diese Wahl ist kein Triumph der Gegenaufklärung, des Klerikalen oder des Wertekonservativen. Trump huldigt keinen Werten, hat mit Religion nichts am Hut. Billiges Entertainment, taumelndes Wir-Gefühl und eine geradezu mephistophelische Lust an der Zerstörung treibt seine Anhänger an. Alles was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht. An Wahrheit hat Trump kein Interesse, die Wahl war für ihn eine Mauschelei, bis er wider Erwarten gewann. Das fällt seinen Fans natürlich auch auf, aber auch sie scheinen in einer postfaktischen Welt zu leben, in der einzig das Gefühl noch zählt: die Wut, das Dazugehören, die Feindschaft.

Womit ein Gedanke sehr treffend beschrieben ist, den ich heute morgen auch schon streifte, die Lust an der Zerstörung, die herumliegende Lunte anzuzünden (und der Überraschung, wenn es knallt, siehe dazu Brexit).

Christian Bangel hingegen beschäftigt sich nicht mit dem Ergebnis selbst, sondern wie es nun weiter geht und fragt: Wer kann Trump jetzt noch stoppen?. Und leider zeichnet er ein düsteres Bild davon, wie die berühmten checks and balances versagen könnten, unter dem Druck des Undemokraten, dem Einfluss der Tea Party, der außenpolitischen Macht, die ein Präsident der USA nun einmal hat.

Trump kann einen Krieg beginnen, erst nach 60 Tagen muss der Kongress über diesen Einsatz befinden. Eine Atombombe lässt sich in weniger als einer Stunde abfeuern. Und selbst die 60-Tage-Regelung ist umstritten. Den US-Einsatz im Kosovokrieg befahl Bill Clinton ohne formale parlamentarische Billigung.

Jetzt sollte man vielleicht wirklich beginnen, Vorräte für schlechte Zeiten einzukaufen.

Vorher vielleicht nochmal die ganze Gewinner-Rede von Donald Trump nachlesen.

Thank you. Thank you very much, everybody. Sorry to keep you waiting. Complicated business. Complicated. Thank you very much.

Die Verschwörungstheoretiker unter uns können ja auch mal auf die Wikipedia-Seite der 9. November schauen, scheinbar traditionell ein Tag für Umbrüche jeglicher Art. Die Wahl Donald Trumps steht allerdings noch nicht drauf.

Medienblase, Echokammer und der Glaube an das Gute

Seitdem ich das Ergebnis der US-Wahlen kenne, frage ich mich, was da im Vorfeld falsch gelaufen ist. Ich war, möglichweise völlig auf dem Holzdampfer, der Ansicht, dass die Welt und die Mehrheiten in den USA sich einig waren in der Ablehnung von Trump. Eben das, was mir die Medien immer wieder vermittelt haben: Trump der Sexist, Trump der Rassist, Trump der Homophobe, den kann man einfach nicht wählen!

How did he pull off such a stunning victory? How did almost no one — not the pundits, not the pollsters, not us in the media — see it coming? [New York Times]

Aber nicht nur ich lag falsch, sondern nahezu alle Medien in den USA und in Deutschland sowieso. Die Demoskopen lagen ebenfalls falsch, gar nicht mal weil sie die Ergebnisse der Swingstates falsch vorhergesehen hätten, oder weil man alle vier Jahre stattfindende Wahlen einfach nicht vorhersagen kann.

Ich habe durchaus Kollegen, die dieses Ergebnis vorhergesagt haben, aber als einer, der im Grunde an das Gute im Menschen glaubt, aber auch gerne mal zündelt, habe ich das für Spaß an der Katastrophe gehalten. Mit solchen Vorhersagen halte ich mich seit 1989 zurück, weil zu viel von meinem damaligen Spaßhorrorszenario eingetreten ist.
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