Der Sprachlosigkeit ein Wort

Leider ist es hier gerade wieder sehr ruhig geworden. Um es frei heraus hin zu schreiben: ich komme gerade mit der politischen Großwetterlage nur sehr schwer klar. Ich habe vor und nach der Wahl meine Meinung zum Thema Trump gesagt, und normalerweise nehme ich kein Blatt vor den Mund, was aber seit Trumps Amtsantritt um mich herum passiert ist, nimmt mir aktuell die Schreiblust, beinahe die Luft zum Atmen, um ehrlich zu sein.

Seit spätestens dieser grausamen Vereidigung wissen wir scheinbar alle, was das Stündlein geschlagen hat und allerorts sieht und liest man Kompensationsversuche in Form von Spott, Hohn, Sarkasmus, Geätze, Wut, Irrsinn. Ich lese natürlich auch gute Texte zum Thema Trump, gegen Trump und ich sehe auch einige mutige und gute Aktionen, aber alles geht irgendwie unter in einer Flut aus Spaß-, Hass- und resignierten Tweets, Karikaturen und Scheindiskussionen, deren Themen und Ausrichtung komplett vom weißen Haus gesetzt und gesteuert ist.

Thorsten Kleinz liegt IMHO ziemlich richtig und erklärt, warum hier seit Wochen nichts mehr zu Trump zu lesen ist: mir passt einfach nicht, wie die Diskussion (haben wir denn eine) läuft und in welche Richtung.

Und ich sehe nicht, wie wir aus dieser Situation raus kommen. Shitstorm scheint mir keine Lösung zu sein. Ich sagte ja schon die Wahrheit allein wird nicht reichen, aber das was jetzt läuft (oder ist es wieder nur das was bei mir ankommt) wird es auch nicht tun.

„Ein schwarzer Tag für die Sozialdemokratie“

Alles an einem Tag und alles über die Presse, die SPD wird auch 2017 wieder per Pressemitteilung regiert:

  • Sigmar Gabriel steht nicht als Kanzlerkandidat zur Verfügung,
  • tritt zudem vom Amt des Parteivorsitzenden zurück.

Bis hierhin gute Nachrichten, etwas spät vielleicht, doch besser eine späte Einsicht, dass die Zeit der langsam vergehenden Groko wie ein Kainsmal an Gabriel klebt, als gar keine Einsicht. Aber gleichzeitig der Paukenschlag:

  • Kanzlerkandidat und Parteivorsitzender soll Martin Schulz Müller Meier Schmidt werden,
  • Gabriel wechselt ins Auswärtige Amt.

Das klingt nicht nur nach Postenschacherei, das ist es auch.

Da kämpft die SPD immer und überall für mehr Gleichberechtigung und fordert neue Beteiligungsformate, aber die Kanzlerkandidatur wird nach Gutsherrenart zwischen zwei alten Männern ausgehandelt.

Schreibt Nico Lumma bei der Huffington Post und weiter:

Als Genosse fühle ich mich maximal verarscht, weil zwei Kumpels sich hier gegenseitig mit Posten versorgen und völlig ins Hintertreffen gerät, warum man eigentlich bei einer Bundestagswahl antreten sollte.

Man bekommt nachgerade das Gefühl, dass Bild, das man von außen gesehen schon lange von der SPD hat ist nun endlich auch bei den Genossen selbst angekommen: ein Haufen alter Männer, die auf dem Rücken der Sozialdemokratie in den Sonnenuntergang des Kapitalismus reiten. Das ist wahrlich ein „schwarzer Tag für die Sozialdemokratie“, vor allem weil letztere von ihrer eigenen Partei immer weniger vertreten wird. Der Tagesspiegel beschreibt die Situation treffend:

Denn darum geht es bei der Bundestagswahl am 24. September: den Fortbestand der SPD als Volkspartei.

Da haben die Herren Gabriel und Schulz der alten Tante aber einen kräftigen Fehlstart verpasst und gezeigt. Die SPD sollte für Demokratie, Fortschrittlichkeit und Jugendlichkeit stehen, zeigt sich aber von einem elitären Altherrenzirkel geführt, rückwärtsgewandt und unglaublich angestaubt. Nochmal der Tagesspiegel:

Trotzdem wäre Gabriel der falsche Kanzlerkandidat gewesen, um eine SPD in Not vor dem Absturz deutlich unter die 20-Marke zu bewahren.

Nur dass Schulz weder die richtige Alternative ist und nun ob der Inthronisierung die eigene Partei eher nicht hinter sich hat.

Laut Sonntagsfrage steht die SPD bei 21%, man darf gespannt sein, wie weit in den Keller es noch geht, die Bundestagswahl im Herbst könnte zum Projekt 18 werden.

Morgenlese XXVIII

Die Diskussion um den Silvestereinsatz der Kölner Polizei ebbt kaum ab. Inzwischen wird dabei vieles durcheinander gewürfelt, die Rauschfrequenz ist hoch, es wird viel provoziert und allerorts mit Dreck geworfen. Man kann sicherlich nicht alles zu dem Thema lesen, aber diese Artikel halte ich für wichtig:

Christoph Herwartz hat schon früh am 1. Januar beschrieben, wie er die Nacht am Kölner Hauptbahnhof erlebt hat und hat dafür auf Facebook viel bösartige Kommentare auszuhalten gehabt. Seine Beobachtungen allerdings sind eindeutig:

Wer durch die rechte Glastür gehen muss, entscheidet ein Bundespolizist innerhalb von Sekundenbruchteilen, ohne denjenigen vorher beobachtet zu haben. Und allein diese Entscheidung ist ausschlaggebend dafür, wer kontrolliert wird. Denn hinter der rechten Tür wartet die Landespolizei. Die Beamten bilden eine Kette im Halbkreis vor dem Bahnhofsausgang. Die Feiernden reagieren ausnahmslos verwirrt, wenn sie den Bahnhof verlassen und hier landen.

Es entbrennt schnell eine Debatte um den Polizeieinsatz, da die Kölner Polizei nicht nur racial profiling einsetzt, sondern noch dazu zum Lieferanten von rechtem Neusprech einerseits avanciert, gleichzeitig noch kurz vor dem 1.1. das Unwort des Jahres 2017 prägt, als sie den Begriff Nafri twitterte. Wie drastisch dabei gestritten wird und wie weit am Thema vorbei kritisiert Christian Bangel lesenswert:

Ein, nun ja, dünnes Argument wird unterlegt von einem Notstandgebrüll, das keine Experten und Debattenbeiträge hören will, sondern strammstehende Zustimmung im Angesicht des Feindes. Wer die Kölner Polizei nicht unterstützt, der hat den Schuss nicht gehört, der will seine Ideologie über die Unversehrtheit unserer Frauen stellen. Der ist gegen die Kölner Polizei.

Dabei herrscht Einigkeit von der AfD über CSU, CDU bis hinein in Teile der SPD, bei Kommentatoren von DIE ZEIT, der FAZ und SZ bis in die taz hinein: der Einsatz war schon deswegen verhältnismäßig und gerechtfertigt, weil er eben ein Erfolg war. Eine „Kollateral Diskriminierung“ sei hinnehmbar. Da bin ich ehrlich gesagt anderer Meinung. Wie Patrick Gensing, der deutlich klar macht, dass der Zweck eben nicht die Mittel heiligt:

Selbstverständlich: Köln war eine Ausnahmesituation, die sexualisierte Gewalt musste unterbunden werden. Doch genau in solchen Grenzsituationen und Zeiten mit terroristischer Bedrohung muss sehr genau darauf geachtet und darüber diskutiert werden, welche Maßnahmen zulässig sind. Sonst wird das Grundgesetz zur politischen Folklore, auf das man in Sonntagsreden gerne verweist, aber das sich ansonsten als nicht zweckmäßig erwiesen habe.

Apropos racial profiling, offenbar ist es keine Ausnahme, sondern gängige Praxis, wie ein OVG-Entscheidung aus dem April 2016 beweist, die es zumindest Bundespolizisten verbietet:

Das OVG hat entschieden: Bundespolizisten dürfen sich bei anlasslosen Personenkontrollen in Zügen und Bahnhöfen grundsätzlich nicht an der Hautfarbe orientieren – auch dann nicht, wenn sie nur eines von mehreren „tragenden“ Auswahlkriterien sei. Das verstoße gegen das Gleichheitsgebot des Grundgesetzes, befand der Senat und ging mit seinem Urteil bewusst über die bisherige Rechtsprechung hinaus.

Und auch 2015 wurde schon über das Thema geschrieben, bspw. bei ZEIT ONLINE und der SZ. Zu dieser Zeit hatte die Bundesregierung noch behauptet, es gäbe in Deutschland gar kein racial profiling. So sehr hat sich das Klima seitdem geändert.

Und auch zum anderen Aufregerbegriff gibt es noch etwas zu lesen, nämlich das Nafri zwar zunächst kein rechter, wohl aber ein sehr problematischer Begriff ist, beweist Anatol Stefanowitsch im sprachlog, bei einem sprachwissenschaftlichen Grünen-Seminar für Rainer Wendt. Letzterer ist Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft, und gab der Jungen Freiheit ein Interview, in dem er die Kritik der Grünen am Begriff Nafri relativierte.

Der Begriff ist nicht deshalb problematisch, weil die Kölner Polizei (vermutlich korrekt) erkannt hat, dass bestimmte Gruppen von Menschen aus bestimmten Ländern ihnen besonders oft Probleme bereiten, sondern, weil die sehr breite Kategorie Nafri dazu führt, dass nicht nur etwa alle Tunesier unter einen Generalverdacht für die Taten einer bestimmten Gruppe von Tunesiern gestellt werden, sondern sogar etwa alle Syrer unter einen Generalverdacht für die Taten einer bestimmten Gruppe von Tunesiern gestellt werden (und umgekehrt).

Bild: Parker Byrd auf Unsplash

Happy new year?

2017 ist gerade ein paar Stunden alt und es hängt mir schon jetzt zum Halse raus. Silvesterparty, wenn ich das schon höre. Wettsaufen bis 0.00 Uhr und dann erweitertes Überlebenstraining unter Böllerbeschuss in klirrender Kälte irgendwo in der Dunkelheit eines Garagenplatzes. Oder die andere Version: Diner for One, Ohnsorg-Theater, nochmal Diner for One, Stössken und ab in die Heia. Und irgendwer…, also irgendwer muss ja auch diese ganzen Sketch- und Witzshows anschauen, die rund ums neue Jahr laufen. Oder Phil Collins, live in concert, auf 3Sat. Ja, oder nicht? Und nicht den Silvesterstadl vergessen, nein nein.

Au ja und immer schön „Prost Neujahr“ und „Guten Rutsch“ und vor allem „happy new year“ trällern, yikes! Da bleibt einem doch der Käseigel im Hals stecken. Zu keinem Moment scheint sich das Volk in einer Quasiwelle von gestelztem Konservatismus so einig zu sein, wie an Silvester. Und am Brandenburger Tor finden sich die Massen ein. Und die Kanzlerin spricht aufbauende und konservative Worte, und Kiwi zählt den Countdown, würg würg. Und dann pusten wir Millionen in die Luft, werfen sprichwörtlich das Geld zum Fenster hinaus auf die Straße, oder sprengen uns damit die Hände und Trommelfelle weg. Ein so intellektuelles Völkchen da draußen.

Also mal ehrlich liebes Volk, hier ist meine Neujahrsansprache: wenn ich mir so anschaue, wie ihr euch an Silvester benehmt, da bin ich mir sicher: das wird hier nichts mehr, da hilft nur noch auswandern! Na dann: happy new year, Miss Sophie!

Bild: Annie Spratt

Morgenlese XXVII

Was immer die Hintergründe des Vorfalls Breitscheidplatz in Berlin auch sind, in diesem Jahr spätestens habe sich die Reaktionen auf derlei Ereignisse eingespielt, auf allen Seiten. Die einen versuchen die Ruhe zu bewahren, die anderen politisches Kapital daraus zu schlagen. In den sozialen Medien bricht derweil ein flamewar zwischen diesen Positionen aus. Aber es gilt nun, nicht in redaktionelle Panik zu verfallen…

Stephan Detjen, Chefkorrespondent des Deutschlandradio, fasst die Reaktionen der Nacht in einem lesens-/hörenswerten Kommentar zusammen:

Andere bis hin zu Donald Trump in den USA waren schneller dabei, ihre politisches Geschäft mit dem Anschlag von Berlin zu betreiben. Auch das folgt einem Muster, das von Tätern und Krisenprofiteuren des Terrorismus Hand in Hand gezeichnet wird. Den einen wie den anderen geht es darum, friedliche und liberale Gesellschaften auseinanderzutreiben. Die einen schlagen den Spaltkeil blutig ins Fleisch der Gesellschaft, die Trumps, LePens und ihre deutschen Nachahmungstäter treiben ihn politisch weiter bis ins Mark.

Beim Tagesspiegel stellt man die berechtigte Frage: Wie gehen wir um mit der Angst:

Es kann noch Minuten dauern bis zur nächsten sicheren Erkenntnis, oder auch Stunden, vielleicht Tage. All das aber ändert nichts an der Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss: Wie gehen wir um mit der Angst?

Die eindeutige Antwort: »mehr Demokratie und mehr Offenheit«.

Im Wirrwarr der Informationen und Gerüchte sticht wie immer und inzwischen leider auch schon routiniert, der Was wir wissen über… Artikel meiner Berliner Kollegen heraus. Das aktuelle Geschehen wird derzeit noch in einem Liveblog verfolgt.

Irgendwie passt auch George Lakoffs Artikel darüber, wie man nicht mit den Aussagen von Donald Trump umgehen sollte, man kann das eins zu eins auf die AFD und ihre dreckige Propaganda kurz nach dem Ereignis in Berlin anwenden:

This illustrates one of the most important principles of framing a debate: When arguing against the other side, don’t use their language because it evokes their frame and not the frame you seek to establish. Never repeat their charges! Instead, use your own words and values to reframe the conversation.

Die Big Data Bombe (Sonntagslese XXVI)

Heute empfehle ich nur einen einzigen Artikel und ich sage gleich, er hat das Potential einem den Tag zu versauen.

Die Headline Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt ist ebenso reißerisch, wie deren Unterzeile:

Der Psychologe Michal Kosinski hat eine Methode entwickelt, um Menschen anhand ihres Verhaltens auf Facebook minutiös zu analysieren. Und verhalf so Donald Trump mit zum Sieg.

…und klingt auch ein ganz bisschen nach Reader’s Digest, aber der Artikel hat es leider in sich.

Unklar war auch, ob Big Data eine grosse Gefahr oder ein grosser Gewinn für die Menschheit ist. Seit dem 9. November kennen wir die Antwort. Denn hinter Trumps Onlinewahlkampf und auch hinter der Brexit-Kampagne steckt ein und dieselbe Big-Data-Firma: Cambridge Analytica mit ihrem CEO Alexander Nix.

Um es kurz zu machen: alle Zweifler und Angsthasen hatten Recht, der ganze Kram von der Paybackkarte bis zum Facebook-Like ist dazu geeignet, uns so zu beeinflussen, dass es die Welt erschüttert und es ist schon passiert. Und wie zufällig (ha!) unterstützen die, die die Mittel dazu haben Rechte, Faschisten und Menschenfeinde. Wir sind die Schafe, die sich ihren Schlachter selbst wählen.

Bald kann sein Modell anhand von zehn Facebooks-Likes eine Person besser einschätzen als ein durchschnittlicher Arbeitskollege. 70 Likes reichen, um die Menschenkenntnis eines Freundes zu überbieten, 150 um die der Eltern, mit 300 Likes kann die Maschine das Verhalten einer Person eindeutiger vorhersagen als deren Partner. Und mit noch mehr Likes lässt sich sogar übertreffen, was Menschen von sich selber zu wissen glauben.

Dieses Wissen, umgedreht in eine Art »Menschensuchmaschine«, wurde gezielt eingesetzt, um die Wählermeinung, auf Basis von Kleinstgruppen bis hin zur Einzelperson, zu verändern.

Psychologisches Targeting, wie Cambridge Analytica es verwendete, steigert die Clickraten von Facebook-Anzeigen um über 60Prozent. Die sogenannte Conversion-Rate, also wie stark Leute – nachdem sie die persönlich zugeschnittene Werbung gesehen haben – auch danach handeln, also einen Kauf tätigen oder eben wählen gehen, steigerte sich um unfassbare 1400 Prozent.

Man kann eigentlich nur noch hoffen, dass das jetzt Fake-News sind.

El máximo líder

Fidel Castro ist tot.

Fidel Castro wird 1926 als uneheliches Kind eines Zuckerplantagenbesitzers geboren wird und soll schon im Alter von 13 Jahren die Plantagenarbeiter seines Vaters zum Streik aufgerufen haben. 1953 versucht er zum ersten Mal mit nur 130 Männern eine Kaserne zu stürmen, um den ein Jahr vorher durch einen Putsch an die Macht gekommenen Diktator Batista zu stürzen. Er landet im Zuchthaus, nach einer Amnestie zwei Jahre später geht er ins mexikanische Exil, wo er u.a. Che Guevara kennenlernt. 82 Revolutionäre setzen 1956 nach Kuba über, um in einen über zweijährigem Guerilla-Krieg am 1.1.1959 Diktator Batista schließlich zu vertreiben. Fidel zieht als Máximo Líder in Havanna ein. Von hier wird er mehr als 50 Jahre die Geschicke Kubas leiten, ebenso gehasst wie verehrt, ein Symbol der Auflehnung gegen das kapitalistische System, ebenso wie für das Versagen der großen Revolution dagegen. Ein David, der gegen den Goliath USA widersteht, wofür am Ende aber das Volk zahlen muss. Erst 2008 gibt er die Macht an seinen Bruder Raúl ab, 2011 tritt er als Anführer der Kommunistischen Partei Kubas zurück. Erst nach Castros Ausscheiden tritt ein wenig Entspannung ein, die USA unter Barack Obama lockern das jahrzehntelange Embargo ein wenig, im März 2016 besucht Obama sogar Havanna.

Castro und Che, das waren die großen Anführer der kubanischen Revolution, die immer ein großes Symbol der Linke gewesen ist, dass es doch möglich wäre, aufzubegehren gegen das System USA. Verehrung und Verklärung haben natürlich oft die Fehler und Unmenschlichkeiten überdeckt, die ebenfalls Teil der postrevolutionären Geschichte Kubas waren. Che wurde dabei nach seinem Tod in Bolivien zur unantastbaren Ikone stilisiert. Castro musste dafür Zeit seines Lebens gegen diesen Anspruch bestehen, der realexistierende Revolutionär sozusagen, wenn man es sarkastisch ausdrücken möchte. Eine tragische Figur der Weltgeschichte, was mich in diesem Sinne durchaus traurig stimmt.

Medienblase, Echokammer und der Glaube an das Gute

Seitdem ich das Ergebnis der US-Wahlen kenne, frage ich mich, was da im Vorfeld falsch gelaufen ist. Ich war, möglichweise völlig auf dem Holzdampfer, der Ansicht, dass die Welt und die Mehrheiten in den USA sich einig waren in der Ablehnung von Trump. Eben das, was mir die Medien immer wieder vermittelt haben: Trump der Sexist, Trump der Rassist, Trump der Homophobe, den kann man einfach nicht wählen!

How did he pull off such a stunning victory? How did almost no one — not the pundits, not the pollsters, not us in the media — see it coming? [New York Times]

Aber nicht nur ich lag falsch, sondern nahezu alle Medien in den USA und in Deutschland sowieso. Die Demoskopen lagen ebenfalls falsch, gar nicht mal weil sie die Ergebnisse der Swingstates falsch vorhergesehen hätten, oder weil man alle vier Jahre stattfindende Wahlen einfach nicht vorhersagen kann.

Ich habe durchaus Kollegen, die dieses Ergebnis vorhergesagt haben, aber als einer, der im Grunde an das Gute im Menschen glaubt, aber auch gerne mal zündelt, habe ich das für Spaß an der Katastrophe gehalten. Mit solchen Vorhersagen halte ich mich seit 1989 zurück, weil zu viel von meinem damaligen Spaßhorrorszenario eingetreten ist.
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Das Peter-Prinzip

Das sogenannte Peter-Prinzip ist eine These über die Verteilung von Kompetenz in Hierarchien. Aufgestellt wurde sie von Laurence J. Peter im gleichnamigen Buch1. Das Prinzip besagt, dass jedes Mitglied einer ausreichend komplexen Hierarchie so lange befördert wird, bis es das Maß seiner absoluten Unfähigkeit erreicht hat, was in der Regel das persönliche Maximum der Karriere­leiter markiert und weitere Beförderungen ausbleiben lässt. Das kann passieren, weil Leute die einen guten Job machen, befördert werden auf einen Job, zu dem sie nicht so talentiert sind, bspw. vom Lehrer (Umgang mit Kindern) zum Schuldirektor (Organisation und Personalverantwortung). Es wird aber auch befördert um Menschen loszuwerden oder andere zu animieren, sich mehr anzustrengen.

Diesem Prinzip kann man in der europäischen Politik gerade bei der Arbeit zusehen. Günther Oettinger (CDU), einst auf die Stelle des Energiekommissars weggelobt, dann zum Digitalkommissar befördert, hat auf letzterer Position nicht nur viel Porzellan zerbrochen, sondern richtet mit seiner Forderung nach einem europäischen Leistungsschutzrecht zur Zeit echten Schaden an. Davon hielt ihn bisher weder das Scheitern des deutschen Leistungsschutzrechts, noch der offene Widerstand viele Onlineredaktionen und ihrer Chefredakteure ab. Um es kurz zu sagen: Argumenten und Fakten steht der Herr Digitalkommissar eher ablehnend gegenüber.

Als sonderlich kompetent hat sich der Kommissar in dieser Position bisher nicht dargestellt. Schon bei seinem Antrittshearing sagte er zu den in den USA von Hackern verbreiteten Nacktfotos von Prominenten: „Wenn jemand so blöd ist und als Promi ein Nacktfoto von sich selbst macht und ins Netz stellt, kann [man] doch nicht von uns erwarten, dass wir ihn schützen.“ Tatsächlich waren die Fotos nicht frei zugänglich, sondern wurden aus nur für den Besitzer zugänglichen passwortgeschützten Cloud-Diensten gestohlen.

Statt Themenkenntnis ist eher Populismus seine Sache. So versucht er auch gerne die Abschaffung der Netzneutralität, ein weiteres seiner Steckenpferde, damit zu begründen, dass bspw. Videoverbindungen zwischen Operationssälen Vorfahrt auf der Datenautobahn bräuchten. Solche extrem seltenen und superspeziellen Ausnahmen haben mit dem eigentlichen Problem und dem Grund warum bestimmte Gruppen die Netzneutralität abschaffen wollen, nicht zu tun, sondern taugen halt nur für Schlagzeilen. Den Widerstand gegen die Aufhebung der Netzneutralität bezeichnete er als taliban-artig.

Ein dicker Ausrutscher nun auch Oettingers jüngster Auftritt beim Europaabend eines Unternehmerverbandes in Hamburg. Nachdem er sich kräftig in Rage geredet hatte, packte er allerhand Stereotype aus, bezeichnete Chinesen als Schlitzaugen und fabulierte von einer Plichthomoehe.

Dieser feine Herr Digitalkommissar also, wird nun wieder befördert und soll nun Haushaltskommissar werden. Mit folgender Qualifikation:

Als ehemaliger Ministerpräsident von Baden-Württemberg verfüge Oettinger über „umfassende politische Erfahrung und ein gutes Netzwerk an Kontakten ins Europäische Parlament, die Mitgliedsstaaten und die Regionen Europas“.

Oder anders formuliert: Das Protokoll sieht Oettinger als Nachfolger vor. Welche Qualifikation hat nun Oettinger also, um die Neuordnung der Finanzen nach dem Ausstieg Großbritanniens aus der EU zu regeln? Der Umstand, dass er Schwabe ist, denen man ja bekanntlich Geiz nachsagt (sic!) kann es ja wohl eher nicht sein.

Nein, hier ist das Peter-Prinzip am Werke. Was verwunderlich ist, denn das eben Geschriebene scheint ja zu belegen, dass er schon am Maximalpunkt seiner Unfähigkeit angelangt ist. Aber ist eine Hierarchie nur hoch genug, wird fleißig weiter befördert, bis alle Stellen mit komplett Unfähigen besetzt sind, sagt Laurence Peter dazu. Und die EU hat wahrlich eine extrem hohe und verzweigte Hierarchie. Und bei Oettinger scheint es im Moment für zwei Stellen zu reichen, denn Digitalkommissar ist er ja auch erstmal noch. Vielleicht wird Herr Oettinger noch weiter die Treppe hochfallen, wir man so schön sagt. Für Deutschland ist das zwar etwas peinlich, aber in Berlin tröstet man sich damit, dass er dann wenigstens dort nichts kaputt machen kann.

Terrorangst, Angstterror

Warum wir unreif mit der Angst umgehen—10 Versuche über die Terrorangst—kommt zwar ein wenig zu pädagogisch daher, trifft aber in einigen Stellen doch ins Schwarze. Hanno Burmester vergleicht bspw. Erziehung und Politik:

Nehmen Sie an, Sie hätten ein Kind. Das Kind hat gehört, dass der Freund eines Freundes eines Kita-Freundes an einer extrem seltenen Krankheit gestorben ist. Das Kind hat nach dem Todesfall miterlebt, wie bestürzt Eltern, Freunde, Familie waren. In der Kita hingen Fotos aus, in denen Menschen das Beileid für die Angehörigen aussprechen und den Wunsch, die Krankheit möge ausgerottet werden.

Seitdem ist das Kind davon besessen: es wird unter Umständen diese Krankheit bekommen und sterben. Es lebt mit der Angst vor dem extrem Unwahrscheinlichen.

So könnte man unsere Terrorangst durchaus verstehen. Diffus, ohne auf Fakten zu beruhen, denn die gibt es ja nunmal nicht. Kindlich dabei, Beziehung herstellend zwischen Ereignissen, die nicht in Beziehung stehen. Sich nach dem Unwahrscheinlichen richtend, statt das Wahrscheinliche als Leitbild zu nehmen.

Was tun Sie als Vater oder Mutter?

Sagen Sie: „Wir nehmen Deine Angst sehr ernst und tun alles, damit Du nicht krank wirst.“ Sie fahren die hygienischen Maßnahmen in der Kita in die Höhe, sie stellen medizinisches Personal bereit, das immer wieder alle Menschen, die in der Kita ein- und ausgehen, auf Viren checkt. Sie verbringen viel Zeit damit, über die Krankheit und die Bedrohung, die von ihr ausgeht, zu sprechen.

Oder sagen Sie: „Das war eine extrem seltene Krankheit. Du musst keine Angst davor haben. Und wir kümmern uns, dass es Dir weiter gut geht.“ Natürlich informieren Sie sich ausführlich über die Krankheit, checken das tatsächliche Risiko und stellen sicher, dass vorbeugend alles gegen die mögliche Erkrankung Ihres Kindes getan wird. Aber Sie erzählen ihm davon nichts.

Was den Umgang mit Terrorismus angeht, hat die Politik sich für Variante eins entschieden.

Übertragen Sie das Beispiel auf den politischen Raum. Sagen unsere Politiker uns: „Es ist sehr, sehr unwahrscheinlich, dass Sie oder Ihre Familie durch einen Anschlag zu Schaden kommen. Und wir tun unser Bestes, dass das so bleibt.“ – und kümmern sich darum, dass alles, alles Sinnvolle getan wird, um Anschläge zu vermeiden?

Richtig erkennt Hanno Burmester auch:

Nun ist klar: Der Staat ist kein Papa, und die Bürger sind keine Kinder.

Trotzdem würde ich das Beispiel durchaus noch weiter stressen wollen. Ich begegne dieser kindlich diffusen Angst ja regelmäßig, wenn es um Terrorgefahr geht. Obwohl es total unwahrscheinlich ist, Opfer zu werden, verhalten sich Menschen so, als lauere hinter jeder Ecke eine Bombe. Das stimmt jedoch nicht. Mich machen bis an die Zähne bewaffnete Polizisten am Bahnhof mehr nervös, als die Gefahr an selber Stelle vielleicht in die Luft gesprengt zu werden, denn der Polizist mit Uzi ist da und die Waffe real.

Diese Angst—und sei sie noch so irrational—ernst zu nehmen, ist einer der großen politischen Fehler unserer Zeit, der den Terrorismus gewinnen lassen wird und uns in einer Spirale immer breiterer Abschaffung von Demokratie im Namen der Sicherheit führen wird.

Bild: Eutah Mizushima