Die Abschaffung der URL

Cool URIs don’t change“, ein Ausspruch von Tim Berners Lee, der heute das Papier nicht mehr Wert ist, auf dem er natürlich nie gedruckt wurde. Die eindeutige Adresse zu (Hypertext-) Dokumenten im Web ist ein Auslaufmodell. Das liegt einerseits daran, das es im allgegenwärtigen Konzept App kaum ansteuerbare Dokumente gibt, sondern eher Zustände. Viel einschneidender aber sind die Bemühungen der großen walled garden-Betreiber, die versuchen den Nutzer auf ihren Plattformen einzusperren und dabei ist die URL, als ein Stück Selbstbestimmung des Nutzers, sowas von im Weg.

Wer einen bestimmten Post aus der Facebook-App in die Außenwelt (wer kennt sie noch) exportieren möchte, also verlinken, muss nicht nur hinter kleinen Pfeilchen und Winkeln nach der Funktionalität suchen, sondern im äußersten Fall das Posting in Safari öffnen, um Zugriff auf die Adresse zu bekommen. Safari selbst hat natürlich auch beschlossen, keine URLs mehr in der Adresszeile mehr anzuzeigen, was angeblich dem Nutzererlebnis jener Nutzer dient, die mit dem Konzept URI nichts anzufangen wissen. Was ungefähr so ist, als wenn ich zu Hause die Hausnummer abbauen würde, weil Kleinkinder im Kindergartenalter noch keine Zahlen und Buchstaben lesen können. Hier kann man allerdings per Menü endlich die Adresse kopieren.

Ach ja, wo wir gerade unfreiwillig den mobilen Safari geöffnet haben: ich nenne ihn inzwischen gerne den Dead-End-Browser, weil er die navigatorische Sackgasse von Apple News auf dem iPhone bildet. Apple News ist in Deutschland bisher nur als Widget verfügbar, das die Originalseite im Safari öffnet. Dort endet derzeit das Nutzererlebnis. Aber auch das wird sich ändern, in den USA gibt es Apple News längst, ohne diese lästigen URLs überall, die stören ja nur. Zurück zu Facebook: dort heißt die News-Lock-In-Lösung instant articles, die schnelles Laden versprechen, gleichzeitig aber keine URL mehr haben, total überraschend. „In Safari öffnen“ um an die Adresse des Originalartikels zu kommen, findet man unter „Teilen“. Immerhin.

Noch etwas rabiater geht Google vor. Ihre als Rettung der Seitengeschwindigkeit verkaufte Mohrrübe am Stab für die Betreiber von Webseiten, abgekürzt AMP, versteckt zwar nicht die URL an sich, zeigt jedoch nicht die canonical URL eines Artikels, sondern eine eigene mit https://wwww.google.com/amp/ beginnende, danach erst die Originaladresse. AMPs werden derzeit auf Googles Suchseite als Karussell angezeigt und man verlässt diese Seite beim Aufruf nicht (siehe Adresse), stattdessen macht sich Google den Inhalt zu eigen. Es wird sogar noch eine eigene Navi angezeigt.

Das alles entwickelt sich überhaupt nicht in die Richtung, die ich mir vorgestellt habe. John Gruber fragte sich jüngst dazu

Why would I want to cede control over my pages to Google? AMP pages do load fast, but if publishers want their web pages to load fast, they can just engineer them to load fast.

Ja, warum?

Ich schalte meine AMP-Unterstützung und vor allem die Facebook IA bei nächster Gelegenheit wieder ab. Experiment zu Ende. Content gibt es bei mir in Zukunft nur noch gegen URL.

Photo by Volkan Olmez