Happy new year?

2017 ist gerade ein paar Stunden alt und es hängt mir schon jetzt zum Halse raus. Silvesterparty, wenn ich das schon höre. Wettsaufen bis 0.00 Uhr und dann erweitertes Überlebenstraining unter Böllerbeschuss in klirrender Kälte irgendwo in der Dunkelheit eines Garagenplatzes. Oder die andere Version: Diner for One, Ohnsorg-Theater, nochmal Diner for One, Stössken und ab in die Heia. Und irgendwer…, also irgendwer muss ja auch diese ganzen Sketch- und Witzshows anschauen, die rund ums neue Jahr laufen. Oder Phil Collins, live in concert, auf 3Sat. Ja, oder nicht? Und nicht den Silvesterstadl vergessen, nein nein.

Au ja und immer schön „Prost Neujahr“ und „Guten Rutsch“ und vor allem „happy new year“ trällern, yikes! Da bleibt einem doch der Käseigel im Hals stecken. Zu keinem Moment scheint sich das Volk in einer Quasiwelle von gestelztem Konservatismus so einig zu sein, wie an Silvester. Und am Brandenburger Tor finden sich die Massen ein. Und die Kanzlerin spricht aufbauende und konservative Worte, und Kiwi zählt den Countdown, würg würg. Und dann pusten wir Millionen in die Luft, werfen sprichwörtlich das Geld zum Fenster hinaus auf die Straße, oder sprengen uns damit die Hände und Trommelfelle weg. Ein so intellektuelles Völkchen da draußen.

Also mal ehrlich liebes Volk, hier ist meine Neujahrsansprache: wenn ich mir so anschaue, wie ihr euch an Silvester benehmt, da bin ich mir sicher: das wird hier nichts mehr, da hilft nur noch auswandern! Na dann: happy new year, Miss Sophie!

Bild: Annie Spratt

Morgenlese XXVII

Was immer die Hintergründe des Vorfalls Breitscheidplatz in Berlin auch sind, in diesem Jahr spätestens habe sich die Reaktionen auf derlei Ereignisse eingespielt, auf allen Seiten. Die einen versuchen die Ruhe zu bewahren, die anderen politisches Kapital daraus zu schlagen. In den sozialen Medien bricht derweil ein flamewar zwischen diesen Positionen aus. Aber es gilt nun, nicht in redaktionelle Panik zu verfallen…

Stephan Detjen, Chefkorrespondent des Deutschlandradio, fasst die Reaktionen der Nacht in einem lesens-/hörenswerten Kommentar zusammen:

Andere bis hin zu Donald Trump in den USA waren schneller dabei, ihre politisches Geschäft mit dem Anschlag von Berlin zu betreiben. Auch das folgt einem Muster, das von Tätern und Krisenprofiteuren des Terrorismus Hand in Hand gezeichnet wird. Den einen wie den anderen geht es darum, friedliche und liberale Gesellschaften auseinanderzutreiben. Die einen schlagen den Spaltkeil blutig ins Fleisch der Gesellschaft, die Trumps, LePens und ihre deutschen Nachahmungstäter treiben ihn politisch weiter bis ins Mark.

Beim Tagesspiegel stellt man die berechtigte Frage: Wie gehen wir um mit der Angst:

Es kann noch Minuten dauern bis zur nächsten sicheren Erkenntnis, oder auch Stunden, vielleicht Tage. All das aber ändert nichts an der Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss: Wie gehen wir um mit der Angst?

Die eindeutige Antwort: »mehr Demokratie und mehr Offenheit«.

Im Wirrwarr der Informationen und Gerüchte sticht wie immer und inzwischen leider auch schon routiniert, der Was wir wissen über… Artikel meiner Berliner Kollegen heraus. Das aktuelle Geschehen wird derzeit noch in einem Liveblog verfolgt.

Irgendwie passt auch George Lakoffs Artikel darüber, wie man nicht mit den Aussagen von Donald Trump umgehen sollte, man kann das eins zu eins auf die AFD und ihre dreckige Propaganda kurz nach dem Ereignis in Berlin anwenden:

This illustrates one of the most important principles of framing a debate: When arguing against the other side, don’t use their language because it evokes their frame and not the frame you seek to establish. Never repeat their charges! Instead, use your own words and values to reframe the conversation.

Morgenlese XVII

Im Freitag macht sich Katharine Viner Gedanken über Die Wahrheit in Zeiten des Internets, was nicht nur eine lustige Referenz an die Liebe in Zeiten der Cholera ist, sondern schon im Titel das Internet (mglw. unbeabsichtigt) abermals in die Ecke der ansteckenden Krankheiten stellt. Insofern ist der Inhalt besser als der Titel ahnen lässt. Zunächst stellen wir fest, dass im Internet leider viel Fehlinformationen verbreitet werden und dann der Frage, wer uns hier noch retten kann. Ach schön war die Zeit:

Für gewöhnlich gibt es zu einem Thema mehrere Wahrheiten, die miteinander in Widerspruch stehen, aber in der Ära der Druckerpresse haben die Wörter auf einer Zeitungsseite die Dinge fixiert – ob sie sich letztlich als wahr herausstellten oder nicht. Der Information kam eine gewisse Autorität zu, zumindest bis der nächste Tag ein Update oder eine Korrektur brachte, und wir alle gingen bis zu einem bestimmten Punkt von denselben Fakten aus.

Das ist heute leider nicht mehr so. Und auch das Internet hat (am Scheideweg) die falsche Abzweigung genommen:

Von Redakteuren ausgesuchte Inhalte wurden in vielen Fällen durch einen Informationsstrom ersetzt, der von Freunden, Kontakten und Familienangehörigen mitbestimmt und von geheimen Algorithmen verarbeitet wird. Die alte Idee eines weit offenen Netzes, in dem Hyperlinks von Seite zu Seite ein nicht-hierarchisches und dezentralisiertes Netzwerk aus Informationen schaffen, wurde weitgehend durch Plattformen ersetzt, die darauf ausgerichtet sind, dass man seine Zeit innerhalb ihrer Mauern verbringt.

Überhaupt wird derzeit über das Schicksal der (Tages-)Zeitungen und Onlinemedien viel diskutiert. In Folge der Behauptung, die Presseverlage hätten statt auf Newswebsites weiter auf Print setzen sollen1, und dem Anwurf, der große Fehler der Verlage war die defensive Strategie, stellt Damon Kiesov fest: Newspapers are failing the product solution stack test. Zusammengekürzt auf den Kernsatz:

Our guide star is often an internal business need, not an external customer need.

Das schöne an dem Text: in ihm ist das Ende der Zeitungen und Onlinemedien noch nicht beschlossene Sache.

Trio (Krawinkel, Behrens, Remmler, Bild: CC BY-SA 3.0 - Privatfoto)
Trio: Krawinkel, Behrens, Remmler (Bild: CC BY-SA 3.0 – Privatfoto)

Zum Schluss noch eine Verbeugung vor dem großen Mann von Großenkneten, also vor Stephan Remmler, dem das FAZ Feuilleton ausdrücklich freundlich zum 70ten gratuliert. Da, da, da, das war eine Revolution für uns seinerzeit, das Rhythmus-Preset „Rock-1“ des Casio VL-1 hat ein Stück weit unser Leben verändert, wir hatten ja nichts damals, so sehr, dass wir sogar später Keine Sterne in Athen aushalten konnten. Also happy börsday Stephan und schöne Grüße von Sabine.


  1. Absichtliche inhaltliche Verkürzung 

Fernsehdrama mit Zuschauerabstimmung

Unter dem Titel Terror, präsentierte die ARD jüngst ein Justizdrama mit Zuschauerabstimmung und gebar das größte öffentlich-rechtlich gebührenfinanzierten Stück TV-Veraschung der letzten Jahre. Es ist zum Haare raufen.

Heribert Prantl bringt es in der Süddeutschen auf den Punkt:

Schirach und die ARD haben fälschlicherweise so getan, als gäbe es beim Urteilsspruch nur die Alternative Freispruch oder lebenslang. Schirach und die ARD haben der bloßen Spannung wegen die Zuschauer genarrt, sie haben sie zu einer Entscheidung genötigt, die es in Wahrheit so nicht gibt. Sie haben so getan, als müsse man das Recht verraten, um ihm Genüge zu tun: Sie haben dem Zuschauer verschwiegen, dass das Recht einen Täter schuldig sprechen und ihn trotzdem milde oder gar nicht bestrafen kann.

Überraschung! Rechtssprechung ist noch viel schwieriger als die Entscheidung zwischen schwarz und weiss, ist mehr als uns die amerikanischen Geschworenenfilme (Freispruch vs. elektrischer Stuhl) weissmachen will. Mit diesem Schwarz-Weiss-Denken lässt sich allerdings so ziemlich alles zu Recht erklären. Prantl weiter:

Das ist nicht Rechtserziehung, das ist Erziehung zum Rechtsmissbrauch. Das ist Anleitung zu einem Denken, wonach man das Recht gegen den Terror nur mit Unrecht bekämpfen könne. Mit der Methode Schirach & ARD kann man auch Waterboarding zu einer notwendigen, schuld- und straflosen Terrorbekämpfungs-Handlung machen.

Oder um es mit Thomas Fischer zu sagen, der sich bei ZEIT ONLINE eindrucksvoll am gleichen Thema abarbeitet:

Der Film stellt – im Verhältnis 1 : 1 nach der Vorlage des Theaterstücks – ein schwieriges Rechtsproblem dar. Er behauptet – wie der Autor Schirach –, das geltende Recht unseres Staats habe für dieses Problem keine Lösung. Das aber ist falsch. Und zwar nicht nur ein kleines bisschen, nicht nur im Rahmen dessen, was „Künstler“ gemeinhin als belanglose „Paragrafen-Reiterei“ abtun (solange es nicht um ihre eigenen Gagenverträge geht). Sondern richtig grundfalsch. Im Sinne von: abwegig, fernliegend, irreführend. Das Gegenteil nämlich ist richtig.

Fischer bietet auch juristisch richtige Lösungswege an, die Film und Theaterstück fahrlässig oder wider besseren Wissens oder womöglich mit voller Absicht verschweigen. Der Eindruck der entsteht ist ein falscher: um den Terror zu bekämpfen müsse man sich über das Gesetz hinwegsetzen und danach gibt es keine andere Möglichkeit, als diese Straftat zu legalisieren. Ob dies nun ein Produkt des sich Herablassen auf eine falsch antizipierte Zuschauerdummheit ist…

Sie verwechseln dabei typischerweise verschiedene Bedeutungen des Begriffs „Niveau“: Sachniveau und Sprachniveau. Sie haben keine Lust oder keine Kraft, sich dem Sprachniveau der Experten anzunähern, und wissen sich dabei eins mit den „lieben Zuschauern“, die das im Durchschnitt erst recht nicht können. Anstatt dass die Vermittler nun ihre Pflicht erkennen, das Sachniveau so zu erreichen und zu durchdringen, dass sie es sprachlich vereinfachen können, ohne es sachlich-argumentativ der Lächerlichkeit preiszugeben, gehen sie den gerade umgekehrten Weg und passen ihr eigenes Sachniveau an das gefühlte Sprachniveau ihrer Kundschaft an.

…oder hier das Bestreben vorliegt, durch das Bundesverfassungsgericht gesprochenes und geltendes Recht auf dem Umwege über die Straße in Frage zu stellen, also sozusagen gleichermaßen eine Lunte zu legen und anzuzünden, vermag ich erstmal nicht zu sagen. Der Verdacht liegt aber nahe, denn auch das merkt Kolumnist Fischer richtig an, spätestens der WDR hätte ja mal jemanden fragen können, der sich damit auskennt. All dieses ganze Getue und Vermeide jedenfalls war von Anfang an dazu angerichtet, hintendran ein bestimmtes Urteil von der so manipulierten Masse der Zuschauer zu erwirken. Die zu mehr als 80% der Meinung waren: was schert mich das BVerfG, Feuer frei für den Antiterrorkampf.

Was das alles mit dem öffentlich rechtlichen Bildungsauftrag zu tun haben soll, man weiss es nicht. Wohl eher nichts.

Spotify und Apple Music bekommen DJ-Mixes

Vor kurzem schrob ich noch, dass Soundclouds großer Vorteil gegenüber bspw. Spotify und Apple Music die gestreamten DJ-Mixes sind, da schicken sich letztere schon an, ebensolche Mixe ins Programm zu nemen.

Beide Dienste sind offenbar Kunden des Dubset Lizensierungsservices geworden, der gemixte Musik scannen und mit der Gracenote-Fingerprintdatenbank abgleichen kann. Dadurch können auch Remixes und vor allem DJ-Longmixes rechtlich einwandfrei gestreamt werden, was Soundcloud ja eher nicht kann. Für einen Remix hat Spotify das bereits realisiert, DJ-Mixe sollen folgen.

Hier tut sich eine recht interessante Dimension für das Mixen und streamen dieser Mixe auf, denn die Label bekommen dann von jeden angehörtem DJ-Mix ihre paar Cent und haben keinen Grund mehr, gegen den Content vorzugehen. Für DJs, Hörer, Label und natürlich auch Dienste ein Win-Win-Situation, man fragt sich, warum man das nicht schon früher gemacht hat.

Natürlich wissen wir nicht, was die GEMA am Ende dazu sagen wird…

Bild: Marcela Laskoski

Augen auf beim Nachrichten-Teilen auf Facebook

Immer mal wieder werden in meiner Facebooktimeline1 seltsame Dinge geteilt, die zu Webseiten von rechten Organisationen, seltsamen Verschwörungstheoretikern oder sonstwie (meist politischen) Esoterikern führen. Und geteilt werden diese Dinge oft von Menschen, von denen ich weiß, dass sie nicht gerade über Nacht zum Reichsbürger, Aluhutträger oder Impfgegner mutiert sind. Mein Eindruck: auf Facebook wird einfach viel zu schnell und ohne Überprüfung der Quelle geteilt. Das nutzt vor allem jenen Kräften, die das soziale Netzwerk gezielt zur Werbung für die eigene zweifelhafte Sache oder auch zur Desinformation nutzen.

Aktuelles Beispiel: GEZ-Urteil Tübingen

In Tübingen hat aktuell ein Richter ein bemerkenswertes Urteil zu den Praktiken der ehemaligen GEZ gesprochen. Man muss dazu sagen: die GEZ an sich gibt es nicht mehr, der Richter ist ein Einzelrichter, es geht vor allem um die Rechtmäßigkeit einer einzelnen Maßnahme und nicht der Gebühr an sich und der Richter weist selbst im Urteil daraufhin, dass selbiges eher nicht der herrschenden Meinung un Rechtsprechung entspricht2, also in der nächsten Instanz gleich wieder einkassiert werden wird. Nachrichten zu diesem Urteil wuden mir gestern gleich mehrmals in Facebook geteilt und zwar in Form eines Artikel des Blogs Die freie Welt. Ich verlinke das hier jetzt mal ausdrücklich nicht.

Jetzt muss man nicht groß googlen, oder Juristerei studiert haben, um stutzig zu werden, wenn eine Quelle die man verlinkt sich selbst Die freie Welt nennt. Oder wenn neben dem Artikel ein Foto von Beatrix von Storch klebt, oder eine Petition gegen die angeblichen Rechtsbrüche von Angela Merkel beworben wird. Klingt alles sehr nach AfD, oder? Und ein Blick ins Impressum zeigt, das Blog wird herausgegeben vom Zivile Koalition eV., vertreten durch Sven von Storch, der vorgenannten AfD-Vorsitzenden Ehemann. Eben sich also noch über den Gerichtsbeschluss gegen die GEZ gefreut, und schon ein paar Freunde in die Arme der AfD getrieben. Absicht?

Nun passt doch mal auf

Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Freunde meist nicht absichtlich Werbung für die AfD verbreiten. Aber wieso teilt man dann Inhalte aus dem Spektrum dieser Partei? Ich nehme an: aus Versehen. Überschrift gelesen, kurz diebisch gefreut, hey die GEZ nervt uns doch alle, und auf Teilen geklickt, raus damit, ist doch lustig.

Nö, find ich gar nicht lustig. Zum Beitragsservice (ehemals GEZ) kann man stehen wie man will, die Konstruktion des Ganzen ist durchaus diskutabel, für mich eher in die Richtung, wie öffentliches-rechtliche Medien finanziert werden, nicht dass sie finanziert werden, aber das ist ja noch lange kein Grund für AfD-Positionen Werbung zu machen. Die hier die Position der ihr befreundeten Reichsbürger-Bewegung mitträgt, und das sind auch die Leute, die gegen den Beitragsservice vor Gericht ziehen.

Auf die Webseiten von diesen Leuten sollte man nicht verlinken und so ihre Sichtbarkeit bei Facebook noch erhöhen. Auch wenn die eigentliche Nachricht erstmal wahr ist, sollte man sich nicht deren Analyse zu eigen machen und sich letztlich als Werber für die AfD missbrauchen lassen.

Ähnliches kommt übrigens immer wieder vor: es gibt Institute, Vereine, Verlage, Stiftungen oder Webseiten die einfach nur Aussehen wie echte Nachrichtenseiten, die meinunsgefärbte oder komplett gefälschte Nachrichten zu allem möglichen Verteilen, vom Klimawandel bis zum Ukrainekrieg. Die Welt ist so schlecht. Also muss man beim Teilen schon mal kurz aufpassen, was man da in die Welt entlässt. Nicht immer wird man schon im Impressum fündig, sondern man muss mal kurz googlen, aber meist findet man schnell heraus, was echt und was Propaganda ist.

Bild: olga.palma unter CC BY-SA


  1. Ich versuche den Facebookalgorithmus zu vermeiden und lasse mir immer die nach Zeit sortierten „neuesten Meldungen“ anzeigen 
  2. »Das Gericht weicht in einzelnen Positionen von der vorherrschenden Meinung und Rechtsprechung ab. Die ist strukturbedingt „konstitutionell uneinheitlich“ (BVerfG vom 03.11.1992 – 1 BvR 1243/88), einem ständigen Entwicklungsprozess unterworfen.« LG Tübingen Beschluß vom 16.9.2016, 5 T 232/16 

Terrorgefahr in der Karpfenstadt?

Da kann ein kleines Städtchen wie die sogenannte Karpfenstadt Reinfeld schon mal in Aufruhr geraten, wenn am frühen Morgen eine großangelegte Razzia in ihrem Flüchtlingsheim läuft. Oder eben auch nicht. Reinfelds Bürgermeister zeigt sich in den Lübecker Nachrichten verstört:

„Natürlich sind wir verschreckt, dass so etwas in unserem Ort passiert“, sagte Heiko Gerstmann (SPD). Bisher sei nur Positives über die Asylbewerber zu berichten gewesen.

Bisher sei nur Positives zu berichten gewesen. Die Festgenommenen in Ahrensburg und Großhansdorf sollen ebenfalls als Vorzeigeflüchtlinge bekannt gewesen sein. Und nochmal eine Stimme aus der Karpfenstadt:

„Ich kann es kaum glauben“, sagt Albrecht Werner (69) von der Reinfelder „Initiative Asyl“. Er habe Jaser „eigentlich ganz gut“ gekannt. „Wir haben viel miteinander gesprochen, auch über Politik. Für eine Verbindung zum IS gab es nicht den kleinsten Hinweis.“

Schreiben die Lübecker Nachrichten. Natürlich nicht ohne sich zu entblöden, dies unter der Zitatüberschrift „Der Terror ist fast vor der Haustür“ zu tun. Womit man gleichzeitig Panik machen und sich vom eigenen Titel distanzieren kann.

Terrorangst in spätsommerlichen Kleinstadtidyllen

Ein paar Wochen nach den Gewalttaten in Bayern und Baden-Württemberg hat die Terrorangst in spätsommerlichen Kleinstadtidyllen hautnah auch den hohen Norden erreicht.

Lese ich bei ZEIT Hamburg, zumindest Quelle aber auch hier: die Lübecker Nachrichten aka lno[nline]. Wobei mir rätselhaft bleibt, wie man die Festnahmen und Einleitung von Ermittlungsverfahren mit „Gewalttaten in Bayern und Baden-Württemberg“ derart in Beziehung setzen kann. Panikmache mithin, was sich an anderer Stelle noch potenziert. Schreie im Morgengrauen – SH nach Razzien unter Schock! Für die Saarbrücker Zeitung ist gleich der Bundesinnenminister selbst auf Terroristenjagd gegangen: »De Maizière jagt die IS-Schläfer in der Provinz«. Und natürlich: Innenminister Herrmann kritisiert Flüchtlingspolitik. Die politischen Fledderer sind auch schon da.

Verschwörungstheoretiker, ich

Man kommt sich vor wie ein Verschwörungstheoretiker, wenn man an dieser Stelle anmerkt: es ist noch nichts größeres passiert. Es wurden Menschen festgenommen und Ermittlungsverfahren eingeleitet. Wie in 63 anderen Fällen:

Eingeleitete Ermittlungsverfahren bedeuten aber noch keine Verurteilung. Oder dass es Beweise gibt. Und so ist es auch hier: angeblich gingen monatelange Ermittlungen gegen die drei Syrer der Aktion voraus. Man hat aber praktisch nichts in der Hand, was man öffentlich sagen möchte. Die gleiche Schlepperorganisation wie die Paris-Attentäter, wer weiss das schon, haben vielleicht viele Syrer genutzt? Anschlagspläne gab es jedenfalls keine. Es ist ein verdammter Eiertanz zwischen Law-And-Order-Habitus und Panikverhinderung. Teile der Bevölkerung und so.

Und auf welche Hinweise stützt man sich? Wie das BMI selbst schreibt, ist nur an einem von sieben Hinweisen überhaupt etwas dran, dass Verfahren eingeleitet werden. Und statt die ich nehme mal an lückenlos Überwachten durch schnellen Zugriff festzunehmen, ist man lieber mit einer 200-Mann-Armee losgezogen und bspw. in Reinfeld erst mal alle Bewohner festgesetzt:

Alle zehn Bewohner, alles junge Männer aus Syrien und dem Irak, wurden in ihren Zimmern im Schlaf überrascht und offenbar mit Kabelbindern gefesselt.

Mag sein, dass all das Teile der Bevölkerung verunsichert. Mag sein, dass das genau das ist, was man haben will. Wer weiss das schon? Und dann muss man ja wirklich vor allem und jedem Angst haben:

Was ist wahr und was ist nicht wahr, was ist Wirklichkeit und was ist nicht Wirklichkeit? (Michael Sarach, Bürgermeister von Ahrensburg, SPD)

Bild: CC Lizenz