18. Die Wahrheit allein wird nicht reichen

Die Washington Post veröffentlicht eine Chrome-Plugin, dass auf den Seiten von Twitter an Tweets von Donald Trump kurze fact-checks zu dem Geschriebenen einblendet. Abgesehen davon, dass das eine witzige Idee ist, wird es jedoch nichts erreichen. Natürlich ist das öffentliche factchecking ein verständlicher Reflex bei einem Präsidenten, von dem bekannt ist, dass er permanent lügt. Nur hat dieser Reflex schon nicht geholfen, Trumps Wahl zu verhindern. Es interessiert sich nämlich niemand unter Trumps Wählern und Anhängern für die Wahrheit. Für sie gibt es auch gar keine Wahrheit, sondern nur Meinung. Und die Wahrheit ist wie die Lüge eine Meinung, der man sein kann, oder die man ablehnt.

Hannah Arendt hat sich in ihrem Buch »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft«, u.a. mit der Funktion von Propaganda auf dem Weg zum totalitären Staat beschäftigt.

[Diese Art der Propaganda] beruht darauf, daß Massen an die Realität der sichtbaren Welt nicht glauben, sich auf eigene, kontrollierbare Erfahrung nie verlassen, ihren fünf Sinnen misstrauen und darum eine Einbildungskraft entwickeln, die durch jegliches in Bewegung gesetzt werden kann, was scheinbar universelle Bedeutung hat und in sich konsequent ist. Massen werden so wenig durch Tatsachen überzeugt, daß selbst erlogene Tatsachen keinen Eindruck auf sie machen.1

Auch die Liberalen der Weimarer Republik haben immer und immer wieder minutiöses factchecking betrieben, heraus gearbeitet, was vielen hätte klar sein müssen, bekanntlich hat es wenig geholfen. Und gleichzeitig konnte man ziemlich genau nachlesen, was die Nazis seinerzeit vor hatten und jeder hatte »Mein Kampf« im Schrank stehen. Nur gerade das wollte niemand glauben.

Was für Trump gilt, gilt für Deutschland im kommenden Jahr allemal. Wie oft haben wir jetzt erklärt, berichtigt, klar gestellt? Wo hat das irgendjemanden jemals interessiert? Wir haben es mit einer weiteren Propagandamaschine zu tun, und ihre Propaganda fällt auf fruchtbaren Boden. Es wird nicht genug sein, die Wahrheit zu benennen.

Bild: Ales Krivec


  1. Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Ausgabe 1986, S.559 

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