6. Und nochmal: die Bahn

Aus gegebenen Anlass gleich nochmal das Thema Bahn. Die Bahn kommt zu spät und zwar im Fernverkehr schon ziemlich regelmäßig. Gerade sitze ich wieder in einem ICE, dessen Ankunftszeit in Hamburg von 18.27h auf 19.1025h geändert wurde, und das ist nur eine Prognose, bitte niemanden darauf festnageln. Wegen einer Oberleitungsstörung wird über Uelzen umgeleitet.

Nun, da kann die Bahn jetzt vielleicht erstmal nichts dafür, dass die Oberleitungen beim ersten Anzeichen von Frost herunterfallen oder auch dauernd geklaut werden. Also wahrscheinlich natürlich doch, das marode Schienennetz könnte halt auch mal renoviert werden, aber, das sei an dieser Stelle mal außen vor gelassen. Und trotzdem, was mich wirklich wurmt ist, wie die Bahn mit solchen Verspätungen umgeht. Ich skizziere einmal kurz den Standardablauf:

Taktik Nummer 1: Verschweigen

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, wird der Kunde erst mal gar nicht informiert. Vielleicht erledigt sich das Problem ja auch von selbst, die ganzen Leute am Bahnsteig könnten sich beispielsweise einfach in Luft auflösen, kann ja sein. In solchen Momenten fühlt sich wahrscheinlich auch erstmal keiner zuständig, oder es stehen auch nicht genügend Informationen zur Verfügung. Das beobachtet man auch immer wieder: Bahnmitarbeiter ziehen es vor, nur Durchsagen zu machen, wenn sie wissen, wie es weiter geht. Schulungen werden wohl in diese Richtung gehen. Ist ja auch wahr, man glaubt gar nicht, wie rasant die Selbstmordrate in einem Regionalexpress in die Höhe schnellt, der auf freier Strecke angehalten hat und der Schaffner sagt durch: »entschuldigen Sie, ich weiß nicht warum wir angehalten haben und ich weiß nicht, wann und wie es weitergeht.« Die ganzen suizidalen Pendler will sich natürlich niemand auf die Seele laden. Und so muss der geneigte Bahnfahrer am Bahnsteig verharren, immer wieder auf die Tafel schauend, auf der steht, dass sein Zug vor eine 1/4 Stunde ankommen sollte und es mit sich alleine austragen.

Taktik Nummer 2: das 5-10-15-20-Spiel

Eine andere Taktik, vor allem bei Durchsagen auf Bahnhöfen, ist das von mir so genannte 5-10-15-20-Spiel. Das geht so: eine komplette Durchsage machen mit Zugbezeichnung, Zugnummer, Zielort, Zwischenbahnhöfen… bis hier hat der Zuhörende noch einen Funken Hoffnung (obwohl er meist genau weiß, dass eine von einem echten Menschen aufgesagte Durchsage sowieso schon bedeutet, dass sein Zug Verspätung hat)… ursprünglicher Ankunftszeit, verspätet sich (Achtung Brüller:) in der Ankunft um fünf Minuten. Dann die Durchsage in Bahnenglisch wiederholen. So können zwischen einer und drei Minuten mit einer Durchsage vergehen.

Dann etwas lauter: »Ich wiederhole!«, wieder den ganzen Sermon, mit einer kleinen Änderung: verspätet sich um 10 Minuten. Die Anwesenden reiben sich die Ohren, wieso wiederhole, das ist doch eine neue Durchsage! Also zehn Minuten, hätte er ja auch gleich sagen können, dann hätte man sich noch einen Kaffee holen können. Naja, der Zug kommt ja gleich. Sie Anfänger!

Neue Durchsage, noch etwas lauter, Stimme etwas mehr im Panikmodus… diesmal 15 Minuten Verspätung! So was machen die nicht? Doch natürlich, sowas machen die. Ab der dritten Durchsage allerdings bricht auf so einem durchschnittlichen Bahnsteig die Revolution aus. Zum Glück besteht die Revolution des deutschen Bahnfahrers nur aus lauthals verkündeten sarkastischen Bemerkungen und dem wilden herum tippen auf dem Smartphone.

Deswegen kann man noch eins drauf setzen und eine weitere Verspätung verkünden. Hier braucht man übrigens nicht mehr den ganzen Text aufzusagen, den Umstehenden reicht inzwischen ein »ICE1509 hat jetzt 20 Minuten Verspätung«. Je nachdem wie viel Zeit man zu überbrücken hat, können die Durchsagen auch mit anderen Zeitwerten gespielt werden. Immer beliebt: 20-50-90-120, auch wegen der Abwechslung. Hier leert sich der Bahnsteig auch schnell, denn nach einem kurzen Blick in die Live-Auskunft, ist man schnell in umliegenden Cafés oder der Bahn Lounge verschwunden. Wenn man nicht gerade auf dem Berliner Hauptbahnhof steht, da sind die Wege einfach zu lang.

Taktik Nummer 3: das Begründungspoker

Natürlich muss den Wartenden die Wartezeit auch irgendwie verkürzt werden, da sieht sich die Bahn durchaus in der Pflicht. Hierzu werden lustige Dinge durchgesagt, die sogenannten Begründungen für endlose Verspätungen und/oder Zugausfälle. Nichts ist dabei so flüchtig wie eine Erklärung, soll heißen, wenn es drei Durchsagen gibt, gibt es in der Regel auch drei unterschiedliche Begründungen. Die häufigsten Begründungen und was sie wirklich bedeuten:

  • »Störung im Betriebsablauf«, diese Begründung bedeutet nichts und alles und im Grunde nur, dass der Durchsagende keinen blassen Schimmer davon hat, was vor sich geht.
  • »Bahnübergangsstörung«, soll es wirklich geben, ist jedoch meiner Erfahrung nach eine ähnliche Ausrede wie die Störung im Betriebsablauf, unüberprüfbar und deswegen inflationär eingesetzt.
  • »Personalmangel«, einer der Lokführer hat verpennt und ist nicht zum Dienst erschienen.
  • »Person(en) im Gleis«, einer der Pendler aus Abschnitt 1 hat aufgegeben und sich hinter den Zug geworfen, dort liegt er nun und weigert sich wieder einzusteigen und hält den ganzen Verkehr auf.
  • »Spielende Kinder«, ein Rudel 14-jähriger Halbstarker wirft Waschbetonplatten von einer Brücke auf die Gleise.
  • »Oberleitungsstörung«, das wertvolle Kupfer wurde mal wieder entwendet. Hierzu verursachen findige Kriminelle einen Kurzschluss um einen ganzen Streckenbereich stromfrei zu machen und rücken mit professionellem Werkzeug der Oberleitung zu Leibe: abschneiden, einrollen, mitnehmen. So in der Art.

Ich habe aber auch schon Verspätungen aus anderen Gründen gehabt, da war schon alles dabei von entflohenen Pferden bis zu einer Kollision an einem Bahnübergang. Ja, es gibt leider genug Gründe, warum sich so ein Zug verspäten kann.

Taktik Nummer 4: der Gleiswechsel

Bei den ganzen Verspätungen bleibt es natürlich nicht aus, dass Züge nicht am vorgesehenen Gleis halten können. Um sich nun inzwischen lauthals meckernder Bahnkunden zu entledigen, wartet man eine günstige Gelegenheit ab, einen Gleiswechsel anzukündigen. Dann bricht unter den Kunden direkt Panik aus, das ist lustig. Und wenn man sieht, das gerade alle mit Kindern, Gepäck und Kegel am neuen Gleis angekommen sind, wechselt man einfach wieder zum Originalgleis zurück! Doch, sowas passiert. Aus Sicherheitsgründen sollten sich aber nach dem zweiten Gleiswechsel keine Bahnangestellten mehr auf dem Zielgleis aufhalten, ihr Leben wäre gefährdet.

Taktik Nummer 5: immer schön grantig

Man weiß nicht warum, aber in den allermeisten Fällen führen die Taktiken eins bis drei nicht zu zufriedenen Bahnkunden, sondern meist zu relativ aufgeregten Meckereien. Hier reagiert der geneigte Bahnmitarbeiter mit kontrollierter Grantigkeit. Was die Deppen Bahnkunden nämlich scheinbar beim besten Willen nicht begreifen wollen ist, dass es ein verdammtes Glück für sie ist, dass sie überhaupt mitgenommen werden! Man hätte sie ja auch in der Kälte stehen lassen können, das undankbare Volk…

… aber diese teilweise recht verbreitete Ansicht ist ja fast schon wieder ein Thema für einen neuen Rant. Happy Nikcolaus.

Bild: Cameron Kirby

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