Die Big Data Bombe (Sonntagslese XXVI)

Heute empfehle ich nur einen einzigen Artikel und ich sage gleich, er hat das Potential einem den Tag zu versauen.

Die Headline Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt ist ebenso reißerisch, wie deren Unterzeile:

Der Psychologe Michal Kosinski hat eine Methode entwickelt, um Menschen anhand ihres Verhaltens auf Facebook minutiös zu analysieren. Und verhalf so Donald Trump mit zum Sieg.

…und klingt auch ein ganz bisschen nach Reader’s Digest, aber der Artikel hat es leider in sich.

Unklar war auch, ob Big Data eine grosse Gefahr oder ein grosser Gewinn für die Menschheit ist. Seit dem 9. November kennen wir die Antwort. Denn hinter Trumps Onlinewahlkampf und auch hinter der Brexit-Kampagne steckt ein und dieselbe Big-Data-Firma: Cambridge Analytica mit ihrem CEO Alexander Nix.

Um es kurz zu machen: alle Zweifler und Angsthasen hatten Recht, der ganze Kram von der Paybackkarte bis zum Facebook-Like ist dazu geeignet, uns so zu beeinflussen, dass es die Welt erschüttert und es ist schon passiert. Und wie zufällig (ha!) unterstützen die, die die Mittel dazu haben Rechte, Faschisten und Menschenfeinde. Wir sind die Schafe, die sich ihren Schlachter selbst wählen.

Bald kann sein Modell anhand von zehn Facebooks-Likes eine Person besser einschätzen als ein durchschnittlicher Arbeitskollege. 70 Likes reichen, um die Menschenkenntnis eines Freundes zu überbieten, 150 um die der Eltern, mit 300 Likes kann die Maschine das Verhalten einer Person eindeutiger vorhersagen als deren Partner. Und mit noch mehr Likes lässt sich sogar übertreffen, was Menschen von sich selber zu wissen glauben.

Dieses Wissen, umgedreht in eine Art »Menschensuchmaschine«, wurde gezielt eingesetzt, um die Wählermeinung, auf Basis von Kleinstgruppen bis hin zur Einzelperson, zu verändern.

Psychologisches Targeting, wie Cambridge Analytica es verwendete, steigert die Clickraten von Facebook-Anzeigen um über 60Prozent. Die sogenannte Conversion-Rate, also wie stark Leute – nachdem sie die persönlich zugeschnittene Werbung gesehen haben – auch danach handeln, also einen Kauf tätigen oder eben wählen gehen, steigerte sich um unfassbare 1400 Prozent.

Man kann eigentlich nur noch hoffen, dass das jetzt Fake-News sind.

4 Gedanken zu „Die Big Data Bombe (Sonntagslese XXVI)“

  1. Der Artikel wurde ja nun tatsächlich von vielen verschiedenen Leuten in meine Timelines gespült. Aber ich sach’ma: So „schockiert“ hat es mich nun nicht gerade.
    1. Da hat nun mal wer halbwegs konsequent was genutzt, von dem seit Jahren immer alle sagen, dass und wie man es nutzen könnte. Dass das, was möglich ist, auch genutzt wird, wissen wir seit Snowden. Oder wie Du schreibst: „alle Zweifler und Angsthasen hatten Recht“.
    2. Ich glaube, es klingt auch in dem Artikel an: Obama hat vor acht Jahren auch überraschend gewonnen, weil er – heute klingt es geradezu naiv – das Potenzial von Social Media als erster erkannte und nutzte. Ich glaube, Leute aus ‚dem anderen‘ Lager waren damals so „schockiert“ darüber, wie ‚wir‘ heute darüber, dass nun jemand erneut innovative Methoden für sich genutzt hat (ist natürlich für das Heer der Interet- und Socialmediaversteher etwas eigenartig, dass es ausgerechnet der tumbe Trump bzw das Team, dem er vertraute, war).
    3. In Neukölln hängen wahrscheinlich auch andere Plakate als in Winterhude. Hey! Targeting! Nur verfeinert. Apropos Plakate: Ich warte schon wieder auf die Artikel im Bundestagswahlkampf, wenn sich alle über die stupiden Plakate aufregen und sich fragen, welche Vollpfosten, sich davon angesprochen fühlen sollen.

  2. Der Krautreporter-Newsletter hatte den Beitrag heute morgen auch zum Thema. Tenor ist dort: Ja und Nein. Zum einen hatte das Team um Mitt Romney vor vier Jahren wohl auch schon behauptet sowas zu nutzen, was Mitt Romney aber ja nicht viel genutzt hat. Ausserdem empfehlen die Krauts einen Artikel von vox.com, der monokausale Erklärungen für Trumps wahl zurückweisst und daher schlüssiger Weise „Everything mattered“ betittelt ist.

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