Terrorangst, Angstterror

Warum wir unreif mit der Angst umgehen—10 Versuche über die Terrorangst—kommt zwar ein wenig zu pädagogisch daher, trifft aber in einigen Stellen doch ins Schwarze. Hanno Burmester vergleicht bspw. Erziehung und Politik:

Nehmen Sie an, Sie hätten ein Kind. Das Kind hat gehört, dass der Freund eines Freundes eines Kita-Freundes an einer extrem seltenen Krankheit gestorben ist. Das Kind hat nach dem Todesfall miterlebt, wie bestürzt Eltern, Freunde, Familie waren. In der Kita hingen Fotos aus, in denen Menschen das Beileid für die Angehörigen aussprechen und den Wunsch, die Krankheit möge ausgerottet werden.

Seitdem ist das Kind davon besessen: es wird unter Umständen diese Krankheit bekommen und sterben. Es lebt mit der Angst vor dem extrem Unwahrscheinlichen.

So könnte man unsere Terrorangst durchaus verstehen. Diffus, ohne auf Fakten zu beruhen, denn die gibt es ja nunmal nicht. Kindlich dabei, Beziehung herstellend zwischen Ereignissen, die nicht in Beziehung stehen. Sich nach dem Unwahrscheinlichen richtend, statt das Wahrscheinliche als Leitbild zu nehmen.

Was tun Sie als Vater oder Mutter?

Sagen Sie: „Wir nehmen Deine Angst sehr ernst und tun alles, damit Du nicht krank wirst.“ Sie fahren die hygienischen Maßnahmen in der Kita in die Höhe, sie stellen medizinisches Personal bereit, das immer wieder alle Menschen, die in der Kita ein- und ausgehen, auf Viren checkt. Sie verbringen viel Zeit damit, über die Krankheit und die Bedrohung, die von ihr ausgeht, zu sprechen.

Oder sagen Sie: „Das war eine extrem seltene Krankheit. Du musst keine Angst davor haben. Und wir kümmern uns, dass es Dir weiter gut geht.“ Natürlich informieren Sie sich ausführlich über die Krankheit, checken das tatsächliche Risiko und stellen sicher, dass vorbeugend alles gegen die mögliche Erkrankung Ihres Kindes getan wird. Aber Sie erzählen ihm davon nichts.

Was den Umgang mit Terrorismus angeht, hat die Politik sich für Variante eins entschieden.

Übertragen Sie das Beispiel auf den politischen Raum. Sagen unsere Politiker uns: „Es ist sehr, sehr unwahrscheinlich, dass Sie oder Ihre Familie durch einen Anschlag zu Schaden kommen. Und wir tun unser Bestes, dass das so bleibt.“ – und kümmern sich darum, dass alles, alles Sinnvolle getan wird, um Anschläge zu vermeiden?

Richtig erkennt Hanno Burmester auch:

Nun ist klar: Der Staat ist kein Papa, und die Bürger sind keine Kinder.

Trotzdem würde ich das Beispiel durchaus noch weiter stressen wollen. Ich begegne dieser kindlich diffusen Angst ja regelmäßig, wenn es um Terrorgefahr geht. Obwohl es total unwahrscheinlich ist, Opfer zu werden, verhalten sich Menschen so, als lauere hinter jeder Ecke eine Bombe. Das stimmt jedoch nicht. Mich machen bis an die Zähne bewaffnete Polizisten am Bahnhof mehr nervös, als die Gefahr an selber Stelle vielleicht in die Luft gesprengt zu werden, denn der Polizist mit Uzi ist da und die Waffe real.

Diese Angst—und sei sie noch so irrational—ernst zu nehmen, ist einer der großen politischen Fehler unserer Zeit, der den Terrorismus gewinnen lassen wird und uns in einer Spirale immer breiterer Abschaffung von Demokratie im Namen der Sicherheit führen wird.

Bild: Eutah Mizushima

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